Danke!
Hiermit möchte ich mich bei allen bedanken, die mich in den letzten Monaten unterstützt, bereichert, aufgebaut und beruhigt, aber auch kritisiert, angestachelt, ausgehalten und hinterfragt haben. Danke!
Mein besonderer Dank geht an Prof. Dr. Wunderer von der Hochschule Landshut für eine hervorragende Betreuung und viele Anregungen. Außerdem an den Verein für psychoanalytische Sozialarbeit in Tübingen für die gute Zusammenarbeit. Vielen Dank!
6
Abstract
Die vorliegende Arbeit stellt ein in Deutschland fast gänzlich unbekanntes psy- choanalytisches Konzept vor, dass als titelt wird. Die Begründerin MAUD MANNONI machte es zu ihrer Aufgabe, strukturelle, individuelle und institutionelle Bedingungen in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oder Auffälligkeiten anzuklagen und durch ihr Konzept einer e- rungen herbeizuführen. Die Psychoanalytikerin zeigte insbesondere auf, dass psychoanalytisch orientierte Therapie auch auf dem Bereich der geistigen Behinderung anwendbar ist. Hierzu schuf die Französin im Jahr 1969 in ihrem Heimatland die Mo-
Psychoanalytiques École (pädagogisches und psychoanalytisches Forschungszentrum) in Bonneuil-sur-Marne.
Diese experimentelle Einrichtung empfängt heute noch Kinder und Jugendliche in Schwierigkeiten und ist auf psychoanalytischen, (post-)strukturalistischen und antipsychiatrischen Theorien aufgebaut.
Die vorliegende Arbeit wird zunächst allgemeine Grundsätze der psychoanalytischen Sozialarbeit erläutern, daraufhin folgt eine Darstellung der psychoanalytischen Theorien, auf welche wird. Zum Vergleich werden
noch zwei andere Einrichtungen vorgestellt, die nach dem Konzept von MAUD MANNONI arbeiten, um einen Vergleich zu deutschen Einrichtungen ziehen zu können.
Für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema, welche Gründe für oder gegen eine Umsetzung in Deutschlands Einrichtungen sprechen, wurde eine empiri- g
zu erhalten. Den gedanklichen Hintergrund in dieser Auseinandersetzung bilden außerdem die strukturellen, personellen und institutionellen Hindernisse die dieser Entwicklung im Wege stehen. Dies hat zum Ziel, die Pädagogik von MAUD MANNONI eindeutiger einzuordnen und ihr eine deutlichere Position in der wissenschaftlichen Debatte zuzuordnen.
8
Inhaltsverzeichnis
1. Die Einleitung S.12
1.1 Das Ziel dieser Arbeit S.13
1.2 Die Vorgehensweise und Gliederung S.13
1.3 Die Quellen S.15
2. Die psychoanalytische Sozialarbeit S.16
2.1 Was bedeutet soziale Arbeit? S.16
2.2 Was bedeutet Psychoanalyse? S.16
2.3 Zur Entstehung von psychoanalytischer Sozialarbeit S.17
2.4 Eine Beschreibung von psychoanalytischer Sozialarbeit S.18
2.5 Wo wird psychoanalytische Sozialarbeit verwendet? S.19
2.6 Der psychoanalytische Sozialarbeiter S.20
2.7 Das Resümee S.21
3. Das psychoanalytische Konzept nach Maud Mannoni S.22
3.1 Wichtige Stationen im Leben von Maud Mannoni S.22
3.2 Die psychoanalytische Bewegung in Frankreich S.25
3.3 Die theoretischen Überlegungen von Maud Mannoni S.25
S.26
3.3.2 Maud Mannoni und Antipädagogik S.28
3.3.3 Das Fort-Da-Spielgliche Symbolisierung S.28
3.3.4 Die Institution Familie S.30
3.3.4.1 Die phantastische Mutter-Kind-Beziehung S.32
3.3.4.2 Die Rolle des Vaters S.33
3.3.5 Das Resümee S.34
S.36
4.1 Die Modelleinrichtung Bonneuil in Frankreich S.36
4.1.1 Das Konzept der Einrichtung S.36
4.1.2 Die Finanzierung S.37
4.1.3 Die Klientel und die Mitarbeiter S.38
4.1.4 Die Pädagogik S.40
4.1.4.1 Der Alltag und die Räumlichkeiten 42
9
4.1.4.2 Der Unterricht und das Arbeitsprojekt S.43
4.1.4.3 Die Workshops S.44
4.1.4.4 Die Psychoanalyse außerhalb der Institution S.45
4.1.4.5 Die Aufnahmefamilien S.45
4.2 Das Resümee S.46
4.3 Die especial e S.48
4.4 Die psychoanalytische Bewegung in Argentinien S.49
4.5 Escuela especial el S.49
4.5.1 Das Konzept der Einrichtung S.49
4.5.2 Die Finanzierung S.50
4.5.3 Die Klientel und die Mitarbeiter S.50
4.5.4 Die Pädagogik S.51
4.5.4.1 Der Alltag und die Räumlichkeiten S.51
4.5.4.2 Die Workshops S.52
4.6 Ein Erfahrungsbericht S.52
4.7 Das Resümee S.54
4.8 Hagenwört in Deutschland S.55
4.9 Der Verein für psychoanalytische Sozialarbeit in Tübingen S.55
4.10 Die Einrichtung Hagenwört S.56
4.10.1 Das Konzept der Einrichtung S.57
4.10.2 Die Klientel und die Mitarbeiter S.58
4.10.3 Die Pädagogik S.59
4.10.3.1 Der Alltag und die Räumlichkeiten S.59
4.10.3.2 Der Unterricht und das Arbeitsprojekt S.60
4.10.3.3 Die Psychoanalyse außerhalb der Institution S.61
4.11 Das Resümee S.62
5. Die empirische Befragung der Mitarbeiter von Hagenwört S.63
5.1 Die Forschungsintention und die Hypothesenbildung S.63
5.2 Die Vorbereitung der empirischen Untersuchung S.64
5.3 Die Durchführung der empirischen Untersuchung S.65
5.4 Die Auswertung 66
10
5.5 Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung S.66
5.5.1 Zur Person der Befragten S.67
5.5.2 Zu den Rahmenbedingungen S.71
5.5.3 S.77
5.6 Die Diskussion S.83
5.7 Das Resümee S.86
6. Die abschließende Diskussion und der Ausblick S.88
7. Das Quellenverzeichnis S.96
7.1 Das Literaturverzeichnis S.96
7.2 Das Internetverzeichnis S.103
7.3 Das Abbildungsverzeichnis S.104
8. Die ehrenwörtliche Erklärung S.105
Anhang I: Der Fragebogen S.106
Anhang II: Die Auswertung der Fragebogen 110
1 Einleitung
Im Artikel 1 des Grundgesetzes (GG) ist folgendes verankert: n- schenist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatli-
chen Gewalt. 1 Artikel 3 spezifiziert, dass diese Würde für alle Menschen gilt, und keiner aufgrund bestimmter Merkmale diskriminiert werden darf: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf we-
gen seiner Behinderung benachteiligt werden. 2
Das höchste Gut, die Würde des Menschen, besteht also heute auch für beeinträchtigte oder behinderte Menschen. Das Problem ist nur, dass unsere Gesellschaft oft keinen Platz für b- geschobenoder zu wenig in das gesellschaftliche Leben integriert werden.
Die Menschenrechte waren aber nicht immer so selbstverständlich und besonders in den Institutionen für Behinderte wurden die Grundrechte der BewohnerInnen oftmals
eingeschränkt. 3 Die Devisen n-
, spielten damals die wichtigste Rolle. 4 Diese teilweise sehr veralteten und unangemessenen (Rahmen-) Bedingungen waren nicht mehr tragbar und wurden somit verändert. Hierbei spielte nicht nur der demografische Wandel eine Rolle, sondern auch das Wirtschaftlichkeitsprinzip der Träger. Um menschenwürdige Bedingungen zu schaffen, ist es notwendig, die strukturellen, individuellen und institutionellen Feststellungen zu verändern. Somit entstanden in Deutschland verschiedene neue Konzepte und Umstrukturierungen, wie zum Beispiel der ganzheitliche, heilpädagogische oder systemische Ansatz. Das Problem der angemessenen Unterbringung von behinderten Menschen verschärft sich aber wieder in der heutigen Wirtschaftskrise, da alle Träger auf Einsparungen angewiesen sind.
1 vgl. http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/gg/gesamt.pdf, (13.02.2011)
2 ebd.
3 vgl. HOPFMÜLLER E./RÖTTGER-LIPPMANN B., 2001
4 vgl. GRITSCH U., 2010
13
1.1 Das Ziel dieser Arbeit
Der vorliegende Text beschäftigt sich mit MAUD MANNONIS Konzept der e. Sie war eine der ersten PsychoanalytikerInnen, die die Methode des psychoanalytischen Verstehens auf die Behandlung von Behinderungen angewandt hat. In dieser Darstellung wird das Konzept von der Französin kritisch untersucht, indem wissenschaftlich erforscht wird, ob dieses in Deutschland umgesetzt werden kann und sollte. Ihre Konzeption wird dem Bereich der psychoanalytischen Sozialarbeit zugeschrieben. Was dies genau bedeutet, wird in den nachfolgenden Punkten erläutert.
Interessant erscheint hier auch, dass andere Länder in der Betreibung von psychoanalytischer Sozialarbeit weiter vorangekommen sind als Deutschland und welche strukturellen, personellen und institutionellen Hindernisse dieser Entwicklung im Wege stehen. Dies hat zum Ziel, die Pädagogik von MAUD MANNONI eindeutiger ein-zuordnen und ihr eine deutlichere Position in der wissenschaftlichen Debatte zuzu-ordnen.
1.2 Die Vorgehensweise und Gliederung
Da in dieser Arbeit die psychoanalytisch orientierte Sozialarbeit als Ausgangspunkt für sämtliche Überlegungen dient, scheint es unerlässlich, diese im Kapitel zwei kurz darzustellen. Um die Theorie zu verdeutlichen, wird zuerst die psychoanalytische Bewegung Frankreichs dargestellt und das Leben von MAUD MANNONI thematisiert. Die verstorbene Psychoanalytikerin war aber nicht nur Theoretikerin, sie zog, im Gegensatz zu anderen Experten, auch praktischen Nutzen aus ihren theoretischen Erkenntnissen. Zu diesem Zweck gründete sie d -segregative Ver- 5 fürKinder und Jugendliche, die kurz genannt wird. Diese sogenannte gesprengte Institution stellt das genaue Gegenteil von einer nach ERVING GEOFFMAN dar, eine Unterbringung ohne die BewohnerInnen 6 zu müssen. Der Unterschied
zwischen totalen und gesprengten Institutionen, die theoretischen Schlussfolge-
5 vgl.MANNONI M., 1976
6 PERNER A., 2000, S.33
dritten Teil dieser Arbeit erläutert und kritisch reflektiert. Da die Autorin mit der Arbeit von MAUD MANNONI zum ersten Mal in einem Praxissemester in der ial e in Argentinien in Berührung gekommen ist, wird die Psychoanalyse in Argentinien, die benannte Einrichtung und die damit verbundenen Erfahrungen im vierten Abschnitt vorgestellt. Dies erklärt auch die Themenfindung dieser Arbeit, denn nach dem achtmonatigen Praktizieren psychoanalytischen Sozialarbeit war das Interesse für dieses Thema geweckt und eine weitere Auseinandersetzung erschien sinnvoll, da aufgrund der sprachlichen, kulturellen und auch zeitlichen Schwierigkeiten, dies in Córdoba (Argentinien) nicht vollständig möglich war.
Im fünften und sechsten Kapitel erfolgt eine Darstellung und wissenschaftliche Untersuchung, der in Deutschland einzigartigen, Hagenwört, hinsichtlich ihrer konzeptionellen Strukturen und Rahmenbedingungen. Dabei soll aber kein negatives Bild des in solchen Einrichtungen arbeitenden Personals gezeichnet, sondern erforscht werden, warum psychoanalytische Sozialarbeit in Deutschland wenig Anklang findet. Der aktuelle Forschungsstand soll aber nicht nur demonstriert werden, sondern wird in dieser Arbeit auch reflektiert und bewertet. Den Abschluss bilden eine Diskussion und Ausblick der theoretisch, empirisch und praktisch gewonnen Ergebnisse.
Die hier vorliegende Arbeit stellt kurz die historischen, politischen und theoretischen Einflüsse der drei benannten Einrichtungen aus Frankreich, Argentinien und Deutschland vor.
Dies sind natürlich nicht die einzigen Länder, in denen das Konzept von MAUD MANNONI umgesetzt wird und soll auch keinen Ländervergleich herbeiführen. Nach Meinung der Autorin ist der angesprochene Aspekt notwendig, weil diese Einflüsse ausschlaggebend für die psychoanalytische Arbeit im jeweiligen Land sind und dem Leser ein besseres Bild vermitteln sollen.
1.3 Die Quellen
Die meisten angestellten Überlegungen basieren auf MAUD MANNONIS eigenen Werken. Aber auch die Veröffentlichungen des Vereins für psychoanalytische Sozialarbeit in Tübingen wurden verwendet. Eine für die Entstehung dieser Arbeit unschätzbare wenn auch nicht zitierbare Quelle stellt außerdem die Praxiserfahrung der Autorin especial Ursprünge sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.
Hingewiesen sei an dieser Stelle, dass behinderte oder beeinträchtigte Kinder und Jugendliche unterschiedlichste Bezeichnungen in der Literatur haben. So wird zum Beispiel von unangepassten, systemgestörten, verrückten, debilen oder anormalen Kindern und Jugendlichen gesprochen. Die Autorin sieht diese Begriffe aber als veraltet und unangemessen an.
In dieser Arbeit wird außerdem nicht auf die einzelnen, spezifischen Störungsbilder und Behinderungen der Klientel eingegangen, da dieses Spektrum von Verhaltensauffälligen bis hin zu psychotischen Störungen reicht. Eins aber haben nach MAUD MANNONI all diese Kinder gemeinsam, nämlich, dass sie in ihrer normalen Umge- bung nicht mehr bleiben können.
2 Die psychoanalytische Sozialarbeit
Im folgenden Abschnitt wir die psychoanalytische Sozialarbeit kurz dargestellt, da Psychoanalyse und Sozialarbeit früher eigentlich zwei unterschiedliche Bezugspunkte waren, die sich entgegenhaltend verhielten. Diese abwehrende Haltung der anderen Profession gegenüber, wurde aber mit der Zeit abgeschwächt, da sich die beiden Wissenschaften sehr gut ergänzen und voneinander profitieren können.
2.1 Was bedeutet soziale Arbeit?
Die soziale Arbeit soll den sozialen Wandel fördern, Lösungen der Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen anbieten und die materielle Lebenssituation einzelner in Not geratener Menschen verbessern. Diese Profession greift da ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten, gestützt von wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Verhalten des Menschen und seiner sozialen Systeme. Die Grundlage der sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit. 7
Hierbei werden Methoden verwendet, die auf planvolle, nachvollziehbare und damit
kontrollierbare Gestaltung von Hilfeprozessen abzielen. 8 Des Weiteren spielt aber auch die Person-, Sach- und Zielorientierung eine Rolle. Je nach kulturellen, religiösen, historischen oder sozialwissenschaftlichen Bedingungen verlagert sich der
Schwerpunkt der professionellen Sozialarbeit. 9
2.2 Was bedeutet Psychoanalyse?
Die Humanwissenschaft wurde Ende des 19. Jahrhunderts von SIEGMUND FREUD begründet und seitdem immer mehr weiterentwickelt. Die Psychoanalyse beschäftigt sich mit dem Hintergründen und Bewegründen des menschlichen Erlebens und Verhaltens. Hierbei wird dieser Wissenschaft oft kritisch unterstellt, dass
7 vgl. www.sozialarbeit.at (12.02.2011); GÜNTER M./BRUNS G., 2010
8 vgl. GALAUSKE M., 1999
9 vgl. STROBEL L., 2006
sie nur zur Aufarbeitung unbewältigter Kindheitserlebnisse dient. Diese untersucht
aber genauso aktuelle Erfahrungen und Auswirkungen im Erwachsenenalter. 10 e- wussterAntriebe, Zusammenhänge und Bedeutungen, das sich aktiver und gestal-
11 DieseWissenschaft hat
eine umfassende Sicht des Menschen und seiner Umwelt. 12 MAUD MANNONI verwendet die Begriffe Psychotherapie und Psychoanalyse in ihrer Literatur alternativ, außerdem macht sie auch keine Abgrenzungen zwischen Psychoanalyse für Kinder oder Erwachsene. Bei Kindern sind aber Informationsgespräche mit den Eltern notwendig und teilweise findet parallel auch eine Behandlung der Eltern statt.
Unter Psychotherapie wird aber nach LISA STROBEL verstanden, wenn die Behinderung eines Klienten von seelischer Natur ist und mit Hilfenahme von psychotherapeutischen Verfahren, d. h. Gesprächen, behandelt wird. Als zusätzliche Maßnahmen werden Methoden der Verhaltenstherapie oder Entspannungsverfahren einge-
setzt. 13
2.3 Zur Entstehung von psychoanalytischer Sozialarbeit
Als Begründer der psychoanalytischen Sozialarbeit wird der Österreicher AUGUST AICHORN mit seinen r 14 Außerdem diente das amerikanische
Konzept des social casework als Vorläufer. Beide Theorien wurden damals durch die gezwungene Emigration wegen des Nationalsozialismus zusammengeführt und
eingesetzt, wo Psychotherapie nicht möglich war, wegen z.B. mangelnder Motivation, 16
10 vgl. http://www.psa-kd.de/index.php?id=31 (13.02.2011)
11 GÜNTER M./BRUNS G., 2010, S. 9
12 vgl. STROBEL L., 2006
13 ebd., S 7
14 vgl. GÜNTER M./BRUNS G., 2010
15 FEDERN E., 1999
16 vgl. http://www.vpsz.ch/index.php?menuid=12, (24.10.2010)
etablierten Psychoanalyse, von der sie nicht selten mit einer argwöhnischen Herablassung betrachtet und behandelt wird. Man kann und ich glaube: man muß (sic!) diese Entwicklung bedauern, aber rückgängig zu machen ist wohl nicht. Das heißt aber, daß (sic!) die psychoanalytische Sozialarbeit sich ihre eigenen Zusammenhänge und Institutionen schaffen muß (sic!), wenn sie sich tradieren und ausweiten 17
Die Untersuchungen in der Geschichte der Psychoanalyse zeigen, dass die Psychoanalyse sich in vier von fünf Kontinenten angesiedelt hat, mit einer hohen Dominanz Europas sowie Nord- und Südamerikas. 18 Die Kombination der beiden Bezugspunkte ist in Deutschland jedoch nur selten gegeben, wohl am stärksten in Tübingen. Obwohl es eine expansionsfähige Marktnische ist, denn man arbeitet dabei mit Klien-ten, die sonst keiner haben will. 19
2.4 Eine Beschreibung von psychoanalytischer Sozialarbeit
Die psychoanalytisch orientierte Sozialarbeit ist eine sehr komplexe Disziplin, die unterschiedlichste Methoden, Konzepte und Theorien in sich vereint. Eins haben sie aber alle gemeinsam: Ausgehend von der Triebtheorie glauben sie alle an die Existenz des Unbewussten und dessen Bedeutung für das menschliche Denken, Fühlen
und Handeln. 20 Auf die Triebtheorie und die einzelnen Begriffe und Konzepte der Psychoanalyse kann in dieser Arbeit aber nicht ausführlich eingegangen werden. Es gibt drei Dimensionen der psychoanalytischen Theorie, die für Sozialarbeit gel-
ten, die hier aber nur kurz erörtert werden: 21 1. Die phänomenale Perspektive:
Diese bezieht sich vor allem auf die sozialarbeiterischen Interaktionen. Dem Klienten sollen seine unbewussten Konflikte bewusst gemacht und behandelt werden. Ein wichtiges Instrument für diese Hilfeleistung ist hierbei die Übertragung. Dies ist eine affektive Einstellung oder Bindung, die aus einer früheren in 17 FEDERN E., 1998, S.21
18 RAUDINESCO E./PLON M., 2004, S. 339
19 vgl. FREULING M., 2001
20 GEORG M./BRUNS G., 2010, S.45
21 vgl. STROBEL L., S. 8f
die spätere Beziehung mitgebracht und reaktiviert wird. Dies geschieht dann ge-
genüber Personen die eigentlich nicht gemeint sind. 22
2. Die kausale Perspektive:
Diese Übertragungen sind wichtig, für die aktuellen Beziehungen und die Be-handlung von individuellen Interaktionsproblemen. Für die helfende Beziehung sind die Gegenübertragungsphänomene von großer Bedeutung. Die eigenen Gefühle und Erinnerungen des psychoanalytischen Sozialarbeiters werden für Problemerklärungen des Klienten genutzt. Dadurch wird Empathie und Akzeptanz vom Klienten eingefordert.
3. Die aktionale Perspektive:
Für psychosoziale Hilfe ist auch Beziehungsarbeit notwendig. Diese findet statt, indem Interaktionserfahrungen der Vergangenheit wiederholt und durchgearbeitet werden. Das heißt, dass der Helfer sich selbst erst gut kennen muss, um unpassende Übertragungen zu vermeiden und Gegenübertragungen zu erkennen. Denn es soll eine stabile Beziehung zum Klienten aufgebaut werden, die frei von Manipulationen ist.
Nach MICHAEL GÜNTER und GEORG BRUNS ist das Ziel der psychoanalytischen Sozialarbeit, das Unbewusste dem Klienten bewusst und sprachlich formulierbar zu machen un. 23 Es wird sich
also ganz bewusst mit den Klienten auseinandergesetzt und versucht, seine und die eigenen unbewussten Aspekte zu verstehen. Danach sollen diese aufgearbeitet und
in entsprechendes Handeln umgesetzt werden. 24
2.5 Wo wird psychoanalytische Sozialarbeit verwendet? Psychoanalytische Sozialarbeit wird eingesetzteren Not oder Hilfebedürftigkeit auch eine ernsthafte seelische oder interaktionelle Störung besteht, also eine Konstellation der Problemdoppeldeutung von äußerer und innerer Not vorliegt, die mit technisch-instrumentellen Hilfestellungen allein nicht
22 FUCHS W., u.a, 1988, S. 802f
23 GÜNTER M./BRUNS G., 2010, S.26
24 STROBEL L., 2006, S.7
überwunden werden kann. 25 Es werden instrumentelle Hilfen mit dem Beziehungsaufbau zum Klienten kombiniert und dies ist in den Alltag eingebettet. Es findet kein formalisiertes Setting statt, wie es bei einer psychoanalytischen Behandlung üblich
ist. 26 Das heißt, dass der Klient sich nicht während des Gesprächs hinlegen muss und sich Gespräche oft einfach aus der Situation heraus ergeben. Nach dem §§ 28-35 Sozialgesetzbuch (SGB VIII) ist psychoanalytische Sozialarbeit [] anwendbar in der Erziehungsberatung, in der sozialen Gruppenarbeit, [] in der sozialen Familienhilfe, [] in der Vollzeitpflege, in der Heimerziehung, in betreuten
Wohnformen und in der intensiven Sozialpädagogischen Einzelbetreu 27 Typische Anwendungsgebiete sind somit: 28 - psychotische und autistische Kinder und Jugendliche - Persönlichkeitsstörungen und Persönlichkeitsentwicklungsstörungen - Dissoziale Entwicklungen
- Arbeit mit schwer entwicklungsgestörten, behinderten und chronisch kranken Kindern
- Psychische Störungen bei Eltern
- Desorganisierte Erwachsene mit psychischen Auffälligkeiten
Diese Erscheinungsbilder werden im ICD 10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems Psychische und Verhaltensstörun- (F00-F99) eingeordnet. 29
2.6 Der psychoanalytische Sozialarbeiter
Selbst bei der implementierten Verbindung von Psychoanalyse und Sozialarbeit liegt der Schwerpunkt auf dem Zweiteren, deswegen wird hier auch von i- tern gesprochen. 30 r-
scheidenzwischen psychoanalytischer Sozialarbeit und Sozialarbeitern, die Psycho-
25 GÜNTERM./BRUNS G., 2010, S.18
26 ebd.
27 vgl. http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/BJNR111630990.html, (12.03.2011)
28 vgl. RAUDINESCO E./PLON M., 2004
29 vgl. http://www.dimdi.de, (25.02.2011)
30 vgl. VEREIN FÜR PSYCHOANALYTISCHE SOZIALARBEIT ROTTENBURG UND TÜBINGEN (Hrsg.), 2005
21
31 Ein psychoanalytisch orientierter Sozialarbeiter benötigt psychoanalytische Selbsterfahrung, psychoanalytische Supervisionen, Wissen über die Theorie der Psychoanalyse und eine Berufserfahrung im sozialen Bereich. Hierbei wird auch eine erhöhte Belastbarkeit vorausgesetzt.
Unter Supervision wird eine spezielle Beratungsform verstanden, die bei Fragen und Problemen unterstützt. Außerdem werden Handlungsmöglichkeiten erarbeitet
und das bisherige Vorgehen reflektiert. 32
Schaffen eines Raumes, in dem über das Erlebte nachgedacht und im Gespräch un-
bewusste Gegebenheiten bewusst gemacht werden. 33
2.7 Das Resümee
Was kurz gesagt psychoanalytische Sozialarbeit bedeutet, hat ERNST FEDERN wie
Soziale und das Individuelle miteinander verbindet und mit dem Wissen der Psychoanalyse die sozialen und psychologischen Probleme der Menschen zu lösen versucht. Das ist eine unerhört schwere Aufgabe, aber eine Aufgabe, die meiner Meinung nach immer nötiger werden wird. 34
Deswegen müssen psychoanalytische Sozialarbeiter besonders ausgebildet und vor allem durch Supervision unterstützt werden. Wie bei jeder Art von sozialer Arbeit ist auch hier die Beziehungsgestaltung zum Klienten die ausschlaggebende Position, wobei die Aspekte des Unbewussten durch Übertragungen und Gegenübertragungen beachtet und erkannt werden müssen. Hierbei wird auch das Lebensumfeld des Klienten berücksichtigt.
Eine wichtige Persönlichkeit der psychoanalytischen Sozialarbeit wird im folgenden Kapitel vorgestellt.
31 FEDERN E., 1998, S.21
32 vgl. STROBEL L., 2006
33 STAIGLE J., 1994, S.141
34 vgl. FEDERN E., 1998; GÜNTER M./VON KITZLING K., 2004
22
3 Das psychoanalytische Konzept nach Maud Mannoni
Kapitel drei umfasst die Biografie von MAUD MANNONI, ihre theoretischen Schluss-
3.1 Wichtige Stationen im Leben von Maud Mannoni
und was ich wollte, ich verstand nicht, was mir passiert war. 37
Erst später bei ihrem Großvater mütterlicherseits in Belgien fand sie die nötige Sicherheit wieder. Das Kind lernte nun Französisch, verlernte das Englische, ihre Muttersprache und vergaß die Hindi-Worte, die ihr ihre geliebte Kinderfrau beigebracht
hatte. 38 Diese Sicherheit währte jedoch nicht lange, da ihre Eltern erneut umzogen nach Amsterdam. Über die Zeit in Amsterdam schreibt MAUD MANNONI: s- terdam war die Einsamkeit groß. Vom sechsten bis zum elften Lebensjahr fehlte mir jemand, mit dem ich hätte sprechen können. Dem Vater gegenüber feindselig eingestellt [...], fühlte ich mich weit entfernt von der Er Um so (sic!) mehr, weil die akademische Sprache, über die ich verfügte, sowie mein Niederländisch, die lebendigen Worte zum Schweigen brachte: Die Suche nach dem Schönen ersetzte das Wahrhaftige. Ich verlernte zu sprechen. Die Worte hatten keinen Sinn
meh 39
35 vgl. ROEDEL J./KAUFHOL R., 1998
36 vgl. LÜCK I., 2002
37 ROEDEL J./KAUFHOL R., 1998, S.122
38 ebd.
39 ebd.
In ihrer Kindheit erkennt man schon deutliche Parallelen zu MANNONIS späterem Konzept von Bonneuil. Sie machte die Erfahrung vieler Umzüge, bei denen sie sich So erlebte sie auch einen Mangel in
ihrer Existenz, wodurch sich ihre Wünsche, Überzeugungen und ihre Sehnsüchte äußern konnten. Sie durchlebte das, was die Kinder von Bonneuil erst erfahren müssen. Auch sie sollen ihren Mangel durch häufige Ortswechsel erleben und dadurch ihre Wünsche konstatieren 40
Ebenfalls wird hier die Wichtigkeit der Sprache sichtbar. Das Mädchen fühlte sich verlassen, al 41 So sieht sie es auch bei den Kindern als zwingend notwendig, zu einer wahren und befreiten Sprache zu kommen, da das Kind erst dadurch eine Persönlichkeit bekommt und ein eigenständiger Mensch
42
Nach ihrer Schulzeit in Belgien studierte MAUD MANNONI Kriminologie und Psychiatrie an den Universitäten von Brüssel und Antwerpen. Während der Kriegsjahre, als die Universitäten ihren Betrieb einstellten, arbeitete sie erstmals mit psychotischen Patienten in einer psychiatrischen Klinik. 43 hie . [...]. Man gab mir
die Erlaubnis, das Krankenhaus mit den Patienten zu verlassen und sie in unbe Gegenden mitzunehmen. Dort, am Rande der Gesellschaft, erlebte ich meine erste Begegnung mit jenen Wesen, die man als anormal, pervers oder verrückt bezeichnet, eine Begegnung, die man im Kontext einer Zeit sehen muss, in der die Außenwelt einer immer gegenwärtigen, offenen oder versteckten Gewalt ausgeliefert war. Sicherheit fand man nur in fragwürdigen Rückzugspositionen. Die Universitätsausbildung kam für mich erst nach der Praxis. Ein Wissen (vom Unbewussten), so könnte man sagen, war schon vorhanden; man hatte mir den Zugang dazu nicht
ver 44 Diese ersten Erfahrungen prägten die Kinderanalytikerin sehr.
Nach ihrem Studium wurde sie Mitglied der Belgischen Psychoanalytischen Gesellschaft und ließ sich von FRANCOISE DOLTO weiter in der Kinderanalyse aus-
40 LÜCKI., 2002, S.4
41 ROEDEL J./KAUFHOL R., 1998, S.122
42 LÜCK I., 2002, S.4
43 vgl. LÜCK I., 2002
44 MANNONI M., 1972, S.60
erlernte einen freudianischen Interventionsstil, in dem sich Revolte und theoretische
radikale Infragestellung der Institutionen möglich ist, psychotischen Menschen bei der Überwindung ihrer Schwierigkeiten zu helfen, woraufhin das Konzept der
gespreng in Bonneuil entsteht. 47 Bei ihrem Lehrer lernte sie auch den älteren Psychoanalytiker OCTAVE MANNONI kennen und heiratete ihn noch im selben Jahr. Er war ein politisch engagierter Linksintellektueller, der den französischen Kolonialismus bekämpfte. 48
Im Jahr 1964 erschien die erste Studie der Psychoanalytikerin: e-
. Ein Jahr zuvor gründete sie mit Hilfe zweier Kollegen die Experimentalschule Bonneuil für psychotische, debile und verhaltensgestörte Kinder. Ihre wohl bekannteste Schrift - Von der Antipsychiatrie zur Antipädagogik wurde sechs Jahre später, unter diesem frei übersetzen Titel, in Deutsch veröffentlicht. Sie schreibt dazu: ä- Leben.Die Kinder von Bonneuil, ihre Eltern und das Team der Betreu 50
Im Jahr 1989 verstarb ihr Mann und MAUD MANNONI dachte immer öfter an Selbstmord, da sie sich einsam fühlte und gesundheitlich angeschlagen war. Jedoch starb die Spezialistin für Kinder- und Jugendlichenanalysen - im Alter von 75 Jahren
eines natürlichen Todes - am 15. März 1998 in Paris an einem Herzstillstand. 51 Die französische Republik wurde MAUD MANNONIS Heimatland, deswegen wird im folgenden Kapitel kurz erläutert, wodurch die Psychoanalyse dort entstand und welche Auswirkungen dies auf die Arbeit der Analytikerin hatte.
45 vgl. LÜCK I., 2002
46 ROEDEL J./KAUFHOL R., 1998, S.124
47 LÜCK I., 2002, S.5
48 vgl. http://www.psychoanalytikerinnen.de/index.html?frankreich_biografien.html (18.12.2010)
49 MANNONI M., 1976
50 vgl. LÜCK I., 2002
51 ebd.
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Jennifer Sykora, 2011, Die "gesprengte Institution" nach Maud Mannoni , München, GRIN Verlag GmbH
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