Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung. 3
2.) Die Rolle der Frau in Algerien bis 1956. 4
3.) Über die Darstellung der algerischen Frau in der Literatur und Kunst bis 1956. 6
4.) Die Darstellung der europäischen Frau in Nedjma. 9
4.1 Allgemeines. 10
4.2 Suzy. 10
4.3 Madame Clément. 12
4.4 Mademoiselle Dubac. 12
4.5 Nedjmas Mutter. 14
5.) Die Darstellung der algerischen Frau in Nedjma. 14
5.1 Allgemeines. 14
5.2 Die Dienerin von Monsieur Ricard. 16
5.3 Zohra. 16
5.4 Weitere Figuren und ihre Konstruktion. 17
6.) Prostituierte. 18
7.) Nedjma. 19
8.) Constantine und Bône. 22
9.) Fazit. 23
10.) Literaturverzeichnis. 24
11.) Anhang. 26
2
1. Einleitung
„Le féminin reste souvent perçu comme une puissance asymétrique, irrationnelle, rusée, incontrôlable“ 1 . In diesem Zusammenhang wird mit le féminin nicht auf die Frau per se angespielt, sondern auf die "écriture féminine", die unter anderem durch den Migrationshintergrund von (algerischen) Frauen nach der politischen Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962 zusätzlich an Bedeutung gewann. Doch noch vor dem Aufkommen dieser feministischen Literaturtheorie ab den 1970er-Jahren in Frankreich und dem algerischen Unabhängigkeitskrieg liegt das historische Ereignis der Kolonialisierung Algeriens durch Frankreich. Eng verknüpft damit stellt sich nun die Frage, welche Rolle die Frau zu jener Zeit nicht nur in der real-objektiven Welt einnahm, sondern auch im Bereich der Literatur, sei es als Schriftstellerin oder als literarisches Konstrukt in einem Roman beispielsweise.
Kateb Yacines revolutionärer Roman Nedjma von 1956, ursprünglich ein Gedicht, gilt bei nicht wenigen Lesern als der Klassiker schlechthin in der jüngsten Geschichte der algerischen Literatur in französischer Sprache. Revolutionär war er in vielerlei Hinsicht: So stellt sowohl die komplexe zyklische Romanstruktur mit den mehreren, ineinander verwobenen und gleichzeitig laufenden Erzählsträngen, die sich einer Chronologie widersetzenden Zeitsprünge innerhalb des Textes und „die glänzende aber auch verschlüsselte Sprache als auch der Gebrauch von Symbolen und Traumbildern“ 2 für die damalige maghrebinische Literatur ein Novum dar, eine neue Art des literarischen Verarbeitens der Zeit vor dem algerischen Befreiungskrieg.
Ziel dieser Seminararbeit ist es, die inszenierte Weiblichkeit als literarisches Konstrukt in Nedjma zu untersuchen. Dabei ist festzuhalten, dass „der Roman […] zwischen stärker realistischen und symbolisch-metaphorischen Passagen [oszilliert] und […] dadurch Geschichte und Mythos neuartige Dimensionen [bei]legt“ 3 . Sprich: Die Vergangenheit wird aus der Sicht der einzelnen Figuren (in diesem Fall sind es die vier männliche Protagonisten
1 Quignolot-Eysel, Caroline: „De la migration à la migrance, ou de l' intérêt de la psychanalyse pour les écritures féminines issues des immigrations“, in: Arnaud, Jacqueline (Hg.): Nouvelles approches des textes littéraires maghrébins ou migrants, Paris 1999, S. 44.
2 Ahmed-Ouamar, Belkacem: Koloniale Eroberung und kulturelle Identität. Zur Geschichte der französischsprachigen Kultur Algeriens, Frankfurt am Main/ Bern/ New York/ Paris: Lang 1989 (= Europäische Hochschulschriften 13), S. 91.
3 Heiler, Susanne: Der maghrebinische Roman. Eine Einführung, Tübingen: Narr 2005, S. 44.
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Rachid, Lakhdar, Mustapha und Mourad und eine neutrale Erzählinstanz) erlebt, gedeutet, verarbeitet, aus dem Gedächtnis hervorgeholt und erzählt und so kann sie dementsprechend nicht auf eine faktische Wirklichkeit detailgetreu übertragen werden, auch wenn in Nedjma so fundamentale Ereignisse wie das Massaker von Sétif vom 8. Mai 1945 im Einklang mit den Geschichtsbüchern steht, zumindest, was die geschichtlichen Rahmendaten anbelangt.
Zunächst gebe ich einen groben Überblick über die allgemeine Situation der Frauen in Algerien bzw. über das Frauenbild während und vor der Entstehungszeit des Werkes, unter dem Aspekt der Kolonialisierung und ihren Auswirkungen, dies vor allem auch, um sich in einem für den Europäer in mancher Hinsicht befremdlich wirkenden Kulturkreis vertraut zu machen. Den Weg für die eigentliche Analyse ebnet im Anschluss der Versuch, das "Wie" der Thematisierung und Inszenierung von Weiblichkeit algerischer Frauen in der Geschichte darzustellen, von den traditionellen Volkserzählungen bis hin zu Kateb Yacine. Hierbei werde ich nicht allein auf die Literatur, sondern auch auf eine weitere Gattung der Kunst, der Malerei, zurückgreifen.
Im Analyseteil als Kern dieser Arbeit geht es zum einen um die vergleichende Gegenüberstellung von der europäischen bzw. französischen Frau und der muslimischen Frau: Wie werden diese zwei Frauengruppen mit jeweils unterschiedlichem kulturellen Hintergrund (de)konstruiert, inwiefern werden sie den zeitgenössischen Frauenbildern gerecht und auf welche Frauenkonzepte bzw. -rollen wird im Roman zurückgegriffen? Zum anderen werden die zentrale und symbolträchtige Figur des Romans, Nedjma, und die Städte Constantine (die von allen als „L' Écrasante“ (N 162), die Zermalmerin, bezeichnet wird) und Bône, Gegenstände meiner Untersuchung sein, da sie alle auch auf der bildlichen Ebene angesiedelt sind.
Zu guter Letzt werden die neu gewonnenen Erkenntnisse in einem Fazit zusammengefasst.
2. Die Rolle der Frau in Algerien bis 1956
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass das islamische Gesetz, die Scharia (arabisch: šari'a), bis zu der Kolonialisierung durch die Franzosen im Jahr 1830 in Algerien die wichtigste Rechtsgrundlage darstellte. Bereits im elften Jahrhundert verfasst, wurde die Scharia seitdem kaum mehr modifiziert und neuen gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst. Dies galt
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ebenso für die Rechte und Pflichten der Frauen. 1 „Verantwortlich für die inferiore Stellung der arabisch-muslimischen Frau ist [...] ein Konglomerat aus patriarchalischen und islamischen Elementen“. 2
Unter der Kolonialherrschaft kam es zu wenigen wesentlichen Veränderungen zugunsten der Stellung der Frau, trotz einiger Versuche: Zum Beispiel wurde in den Jahren 1886 und 1887 für Jungen und Mädchen gleichermaßen die allgemeine Schulpflicht eingeführt und 1930 das Mindestheiratsalter für Mädchen auf 15 Jahre festgesetzt.
Zu signifikanten gesellschaftlichen Umwälzungen führten die Neuerungen jedoch nicht, da unter anderem der Einfluss der französischen Herrschaft nicht bis zu den ländlichen Gebieten hinausreichte und lediglich in den Städten (und dort vorwiegend in der Oberschicht) für eine teilweise Verbesserung der Stellung der Frau gesorgt wurde. 3
Im Folgenden werde ich in knapper Form die grundlegendsten ehelichen Pflichten und Rechte der algerischen Frauen zu jener Zeit zusammenfassen. 4
„Die Ehe erfüllt den Zweck, in legalem Rahmen sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen, Kinder zu zeugen und deren Abstammung sicherzustellen“. 5 Dieser Satz zeigt bereits einleuchtend die ehelichen Pflichten der Frau auf.
Nach traditionellem islamischem Recht existierte kein Mindestalter für beide Ehepartner, welches Voraussetzung für das Schließen eines Ehevertrags war (abgesehen von dem Erreichen der Geschlechtsreife). War die Tochter noch Jungfrau (wie die große Mehrheit), so konnte sie ihr Vater ohne ihre Einwilligung und ihr Wissen verheiraten. War sie sowohl volljährig (und somit 19 Jahre), als auch ehemündig, so blieb sie dennoch lebenslänglich einem ehelichen Vormund unterstellt, durch den allein sie befugt war, eine Ehe zu schließen. Ein weiteres Indiz für die Unterdrückung und Austauschbarkeit der Frau war der Brauch der Mitgift, der von einigen Seiten als Kaufakt betrachtet wurde und der die Frau dementsprechend zu einer Art Ware degradierte. 6 Der Bräutigam zahlte der Familie der Braut die Mitgift und erwarb sich „das Recht auf die Genitalien seiner Frau“. 7 Bekräftigt wird die "Kaufakt-These" dadurch, dass gerne ältere und betuchtere Männer als Ehekandidaten
1 Vgl. Gref, Marion: Frauen in Algerien, Köln: Pahl-Rugenstein 1989 (=Hochschulschriften 267), S. 12 f..
2 Vgl. Gref, S. 81.
3 Vgl. Kuske, Silvia: Reislamisierung und Familienrecht in Algerien. Der Einfluss des malikitischen Rechts auf den „Code Algérien de la Famille“, Berlin: Klaus Schwarz 1996 (= Islamkundliche Untersuchungen 205), S. 21 f..
4 Sofern nicht anders angegeben, stammen die folgenden Passagen - inhaltlich zusammengefasst - aus Kuske: S. 51-106.
5 Kuske, S. 51.
6 Kuske, S. 64.
7 Kuske, S. 64.
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auserkoren wurden. Auch die Polygynie (Mehrehe) war seit jeher eine fest verankerte Tradition in der algerischen Gesellschaft - wenn auch nicht stark verbreitet - und durch die Niederschrift in der Scharia legitimiert. Dabei war es dem Mann erlaubt, bis zu vier Frauen gleichzeitig als Gemahlinnen zu nehmen.
Was die Auflösung der Ehe anbelangte, so stand es dem Mann frei, ohne Angabe von Gründen und ohne richterliche Einmischung seine Frau jederzeit zu verstoßen. Scheidungen vor dem Richter zu vollziehen war auch für Frauen im Bereich des Möglichen, doch nur unter äußerst präzise definierten Bedingungen. 1
Festzuhalten ist, dass die Frau in erster Linie dem Mann Gehorsam erweisen und ihren Pflichten als Mutter, Haushälterin und Geliebte nachkommen musste.
Was die Bildung anging, so hinkten die Mädchen zahlenmäßig ihren männlichen Artgenossen stark hinterher. 1928 besuchten insgesamt 55 476 Kinder die Grundschule, davon allein fünfzehn Prozent Mädchen, die größtenteils französischer Herkunft waren. Neun Jahre später verringerte sich der prozentuale Anteil der Mädchen auf drei Prozent. Analphabetismus betraf prinzipiell beide Geschlechter in gleichem Ausmaß, doch auch in diesem Fall waren die Männer mit einer Quote von einundneunzig Prozent den Frauen (achtundneunzig Prozent) leicht überlegen . 2
Auf anderweitige Rechte, wie zum Beispiel politische, soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, da dies den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde.
3. Über die Darstellung der algerischen Frau in der Literatur
und Kunst bis 1956
Über die Darstellung der algerischen Frau in der Literatur des Maghreb liegen bis 1956 nicht viele Anhaltspunkte vor. Die traditionellen Volkserzählungen auf Arabisch, die häufig realistische mit phantastischen Elementen kombinieren, geben allerdings ein wenig Aufschluss über ein überliefertes Bild der Frau. Claude H. Breteau und Micheline Galley untersuchten dreizehn Erzählungen aus der selben Gegend Algeriens auf gemeinsame Merkmale hin und kamen zu folgendem Ergebnis:
1 Weitere Ausführungen zu diesem Thema würden den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen.
2 Vgl. Heiler, S. 18.
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„51,3% der Texte […] beziehen sich im wesentlichen auf Heiratsprobleme. Dabei wird die Kusine von Mutterseite als die ideale Gemahlin (sie ist gehorsam, treu, verschwiegen usw.) im Gegensatz zu der fremden Frau, die feindlich, egoistisch, untreu ist, dargestellt. Die meisten Texte sind jedoch in dieser Hinsicht zweideutig: viele Helden suchen ihre Frau außerhalb der Familienangehörigen bzw. der sozialen Gruppe. Auch Frauen können sich gegen den Willen ihrer Eltern für einen 'Fremden', bzw. 'Reisenden' entscheiden. Dies geschieht aber in Erzählungen mit märchenhafter Atmosphäre. In den realistischen Erzählungen, die den modernen Novellen entsprechen, wird die Endogamie 1 bevorzugt. Als Kompromiß zwischen der Frau aus dem eigenen Familienkreis und der fremden Frau wird in einigen Erzählungen die 'verfremdete Frau' aus der eigenen Gruppe eingeführt: die Frau lehnt zunächst die Vollziehung der Ehe ab und bleibt stumm. Darauf geht der enttäuschte Ehemann auf die Reise und begegnet einer Frau, die ihn durch ihre Schönheit und ihre Gespräche verführt. Ohne zu merken, daß es sich eigentlich um seine eigene Frau handelt, verliebt er sich in diese 'fremde Frau' und bekommt Kinder von ihr.“ 2
Das weit verbreitete und oft behandelte Thema der unerfüllten Liebe steht somit nicht so sehr im Vordergrund wie das Thema der Heirat. Ebenso spielen in diesen Geschichten extreme Gegensätze eine wichtige Rolle. Der Mann hat die Wahl zwischen zwei Frauen, der guten und der bösen. Die als Mittelweg bezeichnete fremde Frau ist eine Verführerin, die ihren (zukünftigen) Mann täuscht und ihn blind gegenüber der Wahrheit werden lässt. Der Mann begibt sich in die Rolle eines nichtsahnenden Opfers, das sich durch Schönheit und Wortkunst blenden lässt. Weiterhin heißt es:
„Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist noch auffallender bei den Alten: der alte Mann ist weise und erteilt dem Helden gute Ratschläge, die alte Frau (Ssettut) dagegen ist mit bösen Kräften verbunden und stiftet nur Unheil. […] Die Schwäche der Männer den Frauen gegenüber kann übrigens zu zahlreichen Konflikten führen […].“ 3
Somit wird die Frau nicht selten mit äußerst negativen Attributen versehen und gilt im schlimmsten Fall als die Inkarnation des Bösen und Ursache allen Übels, dies vor allem, wenn die Frau nicht in der Lage ist, Kinder zu gebären. Dringt man noch weiter in die Vergangenheit vor, so berichten kabylische Mythen von Ameisen, die die Frau in das kulturelle Leben auf der Erde einführen: „Diese 'erste Mutter der Welt' hatte Freude daran, Unheil auf der Erde anzurichten. […] Sie war die erste und größte Zauberin. Nach ihr aber wurden alle alten Kabylfrauen Zauberinnen und sind es bis heute'“. 4
1 Mit Endogamie ist eine Heiratsregelung gemeint, die besagt, dass die beteiligten Ehepartner der gleichen (sozialen) Gruppe angehören müssen.
2 Ahmed-Ouamar, S. 180 f..
3 Ahmed-Ouamar, S. 181.
4 Ahmed-Ouamar, S. 184 f..
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Arbeit zitieren:
Eugenia Steinbach, 2011, Inszenierte Weiblichkeit in Kateb Yacines Roman "Nedjma", München, GRIN Verlag GmbH
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