Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Geschlechts- und Ehebeziehungen sowie die Rolle der Ehefrau im Mittelalter 3
3. Die Geschlechts- und Ehebeziehung von Melusine sowie ihre Rolle als Ehefrau 5
4. Zusammenfassung 11
Literaturverzeichnis
2
1. Einleitung
„Melusine, mythische Ahnfrau, Dämonin, Fee, Mahrte, Meerfrau, Schlangenmensch.“ 1 So lautet Melusines Beschreibung im Lexikon der Gestalten des Mittelalters. Egal welches Werk zum Nachschlagen dient: Melusines mittelalterliche Darstellung wird in unzähligen Werken immer nur auf das übernatürliche weibliche Wesen begrenzt. Selten ist etwas von ihrer menschlichen Seite zu lesen. Melusine hat nämlich ebenfalls die weiblichen (menschlichen) Rollen der Ehefrau und Mutter inne. Im Folgenden werde ich mich auf die Rolle der Ehefrau beschränken.
Menschen werden mit der Übernahme einer sozialen Rolle zu Mitgliedern des Netzwerkes sozialer Beziehungen und so in die Gesellschaft integriert. 2 Verhaltenserwartungen werden damit an den Inhaber einer sozialen Position herangetragen. 3
Interessant ist nun in Bezug zum Werk Melusine von Thüring von Ringoltingen zu erfahren, wie die Hauptfigur Melusine mit der Rolle der Ehefrau umgeht, auch wie es überhaupt zur Rollenübernahme kommt: Also welchen Part nimmt Melusine in ihrer Ehe ein? Wie ist das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern? Wird Melusine durch die Rollenübernahme in die Gesellschaft integriert und erfüllt damit die Erwartungen an sie? Dazu ist es wichtig herauszufinden, wie es sich in der damaligen Zeit mit Ehe- und Geschlechterbeziehungen zugetragen hat und welchen Teil die Frau in einer Ehe übernahm. In der folgenden Arbeit möchte ich mich mit diesen Fragestellungen beschäftigen, um die Ehe von Melusine und Reymund mit einer typischen Ehe des Mittelalters vergleichen zu können, wobei das weibliche Geschlecht, also die Frau im Mittelpunkt stehen wird. Darum werde ich als erstes einen knappen Abriss über das Geschlechterverhältnis sowie die Ehe im Mittelalter geben. Die benutzte Literatur befasst sich hauptsächlich mit dem allgemeinen Thema „Frauen im Mittelalter“. Dann werde ich mithilfe einschlägiger Forschungsliteratur meinen Schwerpunkt das Geschlechter- und Eheverhältnis von Reymund und Melusine näher beleuchten. Dabei kommt es mir vor allem auf Melusine und ihre Rolle beziehungsweise ihren Part in der Ehe an. In einer zusammenfassenden Betrachtung möchte ich die oben genannten Fragen mithilfe der Punkte im Hauptteil beantworten und einen Vergleich der Mittelalter- und der Romanehe ziehen.
2. Geschlechts- und Ehebeziehungen sowie die Rolle der Ehefrau im Mittelalter
Eine Heirat diente meist der dynastischen Politik der einzelnen adligen Familien, wobei Zuneigung der zukünftigen Gatten wohl selten Berücksichtigung fand. 4
1 Kellner 2007, S. 302.
2 Vgl. Steinkämper 2007, S. 90.
3 Vgl. ebd., S. 89.
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Die kirchlichen Autoritäten sahen in der Frau „das schwächere Geschlecht“, „die sündige Eva“. 5 Mit Berufung auf den Apostel Paulus wurde die Unterordnung der Frauen begründet und gebilligt, was den zeitgenössischen, gesellschaftlichen Normen entsprach sowie eine Rollenzuweisung bewirkte, welche jedoch kaum im Sinne einer geschlechtlichen Minderheit gemeint war. 6 Mann wie Frau sei nach christlicher Lehre von Gott geschaffen und von Christus erlöst, sodass Gleichheit und Personenwürde der Frau durchaus anerkannt waren. 7 Auch das Recht mit seinen Schutzbestimmungen dokumentierte eine Achtung und Wertschätzung der Frauen, vor allem der gebärfähigen. 8 Trotzdem hatten Frauen gegenüber ihren Ehemännern eine sozial untergeordnete Stellung, sodass sie als Untergebene des Mannes gesehen wurden und Keuschheit sowie Schweigsamkeit vielfach wiederholte Forderungen an tugendhafte Frauen waren. 9 Der Mann stellte den Vormund (bei unverheirateten Frauen der Vater, bei verheirateten der Ehemann) der Frau dar, 10 währenddessen die Frau Genossin ihres Mannes sein sollte. 11 Diese Muntgewalt umfasste das Verfügungs- und Nutzungsrecht über das Vermögen der Frau, das Recht, sie zu verheiraten, sie in Notfällen zu verkaufen sowie die Strafgewalt über die Frau. 12 Auch noch im Spätmittelalter existierte der sog. muntwalt. 13
Außerdem war unbedingter Gehorsam Teil des Eheideals, sodass „[…] die Liebe der Ehefrau zu ihrem Mann mit der Treue eines Hundes […]“ verglichen wurde. 14 Es sollte jedoch bedacht werden, dass eine gesellschaftliche Rolle nicht aus theoretischen Überlegungen heraus entstehen kann, sondern eher von unausweichlichen Tatsachen, dem Geben und Nehmen des täglichen Lebens, abhängt. 15 Der Mann konnte nicht ohne die Frau auskommen (er war auf sie im Haus angewiesen, sie besorgte bei seiner Abwesenheit seine Geschäfte), sodass vielmehr eine raue und direkte Gleichberechtigung herrschte. 16 Wird also die soziale Realität betrachtet, waren Frauen sicherlich aus manchen Bereichen ausgeschlossen, aber in ihrer jeweiligen Rolle (beispielsweise die der Ehefrau) anerkannt und in die Gesellschaft integriert. 17
4 Vgl. Steinkämper 2007, S. 108.
5 Vgl. Ennen 1985, S. 44.
6 Vgl. Goetz 1997, S. 22.
7 Vgl. Ennen 1985, S. 44.
8 Vgl. ebd.
9 Vgl. Goetz 1997, S. 22.
10 Vgl. Ketsch 1984, S.147.
11 Vgl. Ennen 1985, S. 137.
12 Vgl. Ketsch 1984, S. 147.
13 Vgl. Steinkämper 2007, S. 88.
14 Vgl. Power 1984, S. 18f. (Auslassung: T.P).
15 Vgl. ebd., S. 39f.
16 Vgl. ebd., S. 40.
17 Vgl. Goetz 1997, S. 25.
4
3. Die Geschlechts- und Ehebeziehung von Melusine sowie ihre Rolle als Ehefrau
Die Heirat von Melusine und Reymund findet nicht aus reiner Zuneigung füreinander statt, sondern ist vielmehr Mittel zum Zweck.
Melusine besitzt keinen mundwalt. Sie übernimmt selber diese Rolle und die Ehe entsteht durch eine Art Verhandlung (welche jedoch Melusine führt, S.25, V.17-S.27, V.22) und ist wie ein Vertrag an Bedingungen gebunden, welche wiederum beide Ehepartner voneinander abhängig machen.
Zum einen besitzt Melusine bereits seit der ersten Begegnung eine Überlegenheit gegenüber Reymund, weil sie weiß, dass er seinen Onkel im Wald versehentlich erdolcht hat (Re:mund ich weiß dein n=tt vnd klag gancz vnd das vngefell. 18 ). So ist Reymund durch Melusines Mitwisserschaft in Abhängigkeit von ihr geraten. 19 Außerdem verspricht sie ihm Nachkommen und Reichtum ([…] [D]u solt gelückhafftiger m(chtiger vnd reicher werden dann ke:ner deiner freünd oder vordren 6e wurden. 20 ) und kann ihn so in die Gesellschaft nach dem Tod des Onkels reintegrieren. Doch auch Melusine ist von Reymund abhängig, um den Fluch, der von ihrer Mutter über sie gelegt wurde, zu besiegen und als gute Christin zu sterben. „Sie braucht den Mann, um ganz Mensch zu werden“ 21 , doch sie „[…] bedarf des Mannes nicht als des Ernährers der Familie“, denn „[s]ie selber übernimmt in dieser Ehe diesen traditionell männlichen Part.“ 22
Das Verhältnis zwischen den beiden entspricht keineswegs dem der patriarchalischen Gesellschaft, sondern viel eher einer anderen Ordnung, welche möglicherweise der des Matriarchats gleichkommt. 23 So ist in der Melusine des Thüring von Ringoltingen die Geschlechterhierarchie dem mittelalterlichen normativ-rechtlichen Geschlechterverhältnis diametral gegengesetzt. 24 Das bedeutet, dass nicht der Mann die Frau dominiert, sondern die Frau den Mann. Dies wird bereits bei der ersten Begegnung der beiden am Durstbrunnen offensichtlich. Das forsche Vorgehen von Melusine zeigt eindeutig, dass sie die überlegenere Rolle einnimmt. Sie kritisiert Reymund, weil er seine Standespflichten vergisst und sie nicht grüßt: Jch hab nie kein edelmann so vnzüchtig gesehen das er für frawen bild hin ritt oder gieng vnd nichtz mit inen redte noch inen kein ere erbutte. 25 Reymund zeigt daraufhin noch immer keine Reaktion […] biß s: in be: dem z(m gefieng / vnd zG jm sprach Sicherlich du
18 Thüring von Ringoltingen, Melusine, S. 23, V. 29- S. 24, V. 3.
19 Vgl. Lundt 1991a, S. 153.
20 Thüring von Ringoltingen, Melusine, S. 24, V. 6-8 (Auslassung und Anpassung: T.P.).
21 Lundt 1991a, S. 157.
22 Ebd., S. 158 (Auslassung und Anpassung: T.P.).
23 Vgl. Classen 1994, S. 237.
24 Vgl. Steinkämper 2007, S. 88.
25 Thüring von Ringoltingen, Melusine, S. 22, V. 9-11.
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Arbeit zitieren:
Tina Pulver, 2010, Die Melusine des Thüring von Ringoltingen im Kontext von weiblicher Existenz in Geschlechts- und Ehebeziehungen des Mittelalters, München, GRIN Verlag GmbH
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