Inhalt
1. Einleitung 5
2. Das Speenhamland-System von 1795 6
3. Auseinanderlaufende Meinungen zur Speenhamland-Geschichte 7
4. Die Rekonstruktion des Speenhamland-Systems 9
4.1. Die Brotskala 9
4.2. Die Kosten der Armenunterstützung unter dem Alten Armenrecht 11
4.2.1. Langzeitdatenreihe, Armenunterstützungsausgaben und Weizenpreise,
1771-1850 12
4.2.2. Beispiel Ardleigh, Jan. 1794 - Dez. 1801: Ausgaben der Armenpfleger
(Gesamtausgaben und ausgewählte Einzelposten) im Vergleich zum Weizen-
preis in Essex (jeweils in gleitenden 5-Monats-Durchschnitten) 13
4.3. Die ländlichen Arbeiter und ihre Arbeitsproduktivität 14
4.4. Die Löhne 15
4.5. Das Haushaltseinkommen 16
5. Abschließende Gedanken zum Speenhamland-System 17
6. Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) in der Gegenwart 19
Literaturverzeichnis 22
Internetquellen 23
Filmquellen 23
Abbildungsverzeichnis 25
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS:
GE = Grundeinkommen
BGE = bedingungsloses Grundeinkommen NES = negative Einkommenssteuer
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1. Einleitung
„…Wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen.“ 1 Dieses Zitat des Apostel Paulus warnte vor Müßiggang und prägte die europäische Sozialgeschichte. Die Vorstellung, dass Handarbeit und Armut zusammenfielen ist ein alteuropäisches Denkmuster, das sich bis in die frühe Neuzeit hielt. Es herrschte das allgemeine Verständnis, dass Handarbeit das Los der Armen und Unfreien sei. Die Kirche befand Arbeit aber als etwas durchaus Positives und es war jedem körperlich Leistungsfähigen zuzumuten, für den eigenen Lebensunterhalt durch Arbeit zu sorgen.
Das Speenhamland-System von 1795 ist eines der wenigen eingeführten Einkommensgarantien. In einer Zeit großen Elends wurde es von den Friedensrichtern von Berkshire in Speenhamland/England eingeführt.
Das zentrale Thema der Hausarbeit bewegt sich um die Fragestellung, ob das Speenhamland-System den Pauperismus selbst erzeugte, oder es sich um eine durchaus frühmoderne Sozialpolitik handelte. Die Grundlage für die neuen Über- legungenzu einem „bedingungslosen Grundeinkommen“, im folgenden BGE ge- nannt,ist das Bewusstsein der weltweit zurückgehenden Lebenssicherungsmöglichkeiten durch reine Erwerbsarbeit. Durch die vielfach gestiegene Produktivität übersteigen unsere Kapazitäten unseren Eigenbedarf bei weitem. 2 Das Problem der Arbeitslosigkeit ist damals wie heute gewissermaßen gleich, die sozialpoliti- schenDebatten ähneln sich ebenfalls verblüffend und das „Recht auf Lebensunterhalt“ löste bereits in der Vergangenheit wie in der Gegenwart Kontroversen aus. Natürlich muss man beachten, dass die Ausgangslage, vor allem bezüglich der Produktivität sich heute anders darstellt, als vor rund 200 Jahren.
In den folgenden Kapiteln soll ein Querschnitt die Strukturen des Speenhamland-Systems aufzeigen. Ebenso werden die auseinandergehenden Meinungen zur Speenhamland-Geschichte umrissen. Aufgrund der Kürze dieser Arbeit können die dargebrachten Ausführungen jedoch keine Vollständigkeit wiedergeben, dies würde den Rahmen der Arbeit schlichtweg sprengen.
1 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher 3, 10
2 vgl. GÖTZ, Werner, http://www.unternimm-die-zukunft.de/index.php?id=54 [Stand: 15.12.2010]
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Die Rekonstruktion der Speenhamland-Geschichte ist ein weiterer wichtiger Punkt, der die Brotskala, die Kosten der Armenunterstützung, die Auswirkungen auf die Arbeitsproduktivität, sowie die Veränderungen der Löhne und des Haushaltseinkommens behandeln wird. Sie wird die Frage beantworten, warum das Speenhamland-System so wichtig für die ländlichen Armen war.
Eine Langzeitdatenreihe, die die Armenunterstützungsausgaben und Weizenpreise von 1771 bis 1850 in England darstellt, soll analysiert werden. Ebenso wird eine Grafik der Gemeinde Ardleigh von 1794 bis 1801 ausgewertet werden, die uns das Speenhamland-System begreiflich machen soll.
Als Abschluss zum Thema Speenhamland soll die Ausgangsfrage der Hausarbeit beantwortet werden, ob das Speenhamland-System selbst die Massenarmut auslöste, oder es sich um eine frühmoderne Form der Sozialpolitik handelte.
Zu guter Letzt folgt noch ein Blick in die Gegenwart mit einem kurzen Umriss des BGEs.
2. Das Speenhamland-System von 1795
Die Organisation der Arbeit beruhte in England auf dem Alten Armenrecht, das 1597/1601 von Königin Elisabeth I. eingeführt wurde. 3 Die einzelnen Gemeinden waren für ihre Armen zuständig und um wirtschaftlich bessergestellte Kommunen vor einem Zulauf von professionellen „Paupern“ 4 zu schützen, wurde 1662 das „Niederlassungs- und Ausweisungsgesetz“ erlassen. 5 Im Jahre 1782 gab es eine weitere Modifikation des Alten Armenrechts, der „Gilbert’s Act“ wurde abgesegnet. 6 Körperlich Leistungsfähige (able-bodied) mussten nun nicht mehr in das Arbeitshaus gehen, um eine Unterstützung zu erhalten. 7
In einer Zeit, in der großes Elend herrschte, fanden sich am 6. Mai 1795 die Friedensrichter von Berkshire in Speenhamland zusammen. 8 Es wurde ein „Zuschuss-
3 vgl.POLANYI, Karl, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt am Main 1978, S. 124f.
4 Unter dem Begriff „Pauper“ (lat. „arm“) versteht man hier die Armen Englands.
5 vgl. POLANYI, The Great Transformation (wie Anm. 3), S. 125
6 vgl. The Victorian Web, http://www.victorianweb.org/history/poorlaw/speen.html [Stand: 14.12.2010]
7 vgl. ebd.
8 vgl. POLANYI, The Great Transformation (wie Anm. 3), S. 114
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system“ ausgehandelt, das zusätzlich zu den Löhnen bezahlt werden sollte. 9 Als Bemessungsgrundlage diente ein vorab festgelegtes Mindesteinkommen, das die Haushaltsgröße berücksichtigte und überdies an den Getreidepreis gekoppelt war. 10 War das Familieneinkommen geringer als das minimale Einkommensniveau, so wurde die Differenz als Beihilfe (allowance) von der Gemeinde ausbezahlt. 11
Die Brotskala war ein Zuschusssystem, das als Notmaßnahme gedacht war. Eine große Bedeutung hatte sie vor allem in der Zeit der Napoleonischen Kriege, als die Subsistenzkrise in den ländlichen Gegenden Englands besonders schwer einsetzte und drastische Auswirkungen hatte. 12
Bei der Analyse des Speenhamland-Systems muss beachtet werden, dass die Gemeinden auf selbstständiger Basis agierten. In England und Wales gab es um 1800 circa 15.000 selbstständige Kommunen. 13 Ein allgemeingültiges Armenrecht gab es nicht, sondern 15.000 verschiedene Vorgehensweisen, wie das Alte Armenrecht gehandhabt wurde. Dies fällt unter den Namen „Kirchturmpolitik“ oder „pa- rochalism“. 14
3. Auseinandergehende Meinungen zur Speenhamland-Geschichte Es gibt eine große Anzahl kontroverser Standpunkte zur Speenhamland-Geschichte.
Zeitzeugen des Speenhamland-Systems, wie Malthus, Ricardo und die Royal Commissioners 15 , vertraten eine scharfen Standpunkt gegenüber dem Alten Armenrecht und gegen das Speenhamland-System. Die Brotskala wurde ihrer Meinung nach zu häufig benützt und untergrub den Mangel, der wichtig für den Markt
9 vgl. ebd.
10 vgl. SOKOLL, Thomas, „Alte Armut“ Unterstützungspraxis und Formen lebenszyklischer Ar- mutunter dem Alten Armenrecht. In: Bernd Weisbrod (Hrsg.), „Victorian Values“, Bochum 1988, S. 21
11 vgl. ebd.
12 vgl. ebd., S. 23
13 vgl. BLAUG, Mark, The Poor Law Report Reexamined, In: Journal of Economic History 24, o.O. 1964, S. 244
14 vgl. SOKOLL, „Alte Armut“ (wie Anm. 9), S. 16
15 Die Royal Commissioners schrieben den Royal Commissioner Report von 1834, der den Grund- stein für die Verabschiedung des Neuen Armenrechts von 1834 bedeutete.
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war, um sich selbst zu regulieren. 16 Durch das Speenhamland-System wurden vor allem die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten zu einer frühen Heirat und zu vielen Geburten ermuntert 17 , obwohl sie sich gar keine Kinder leisten konnten. Malthus veröffentlichte 1798 in „An Essay on the Principle of Population“ seine Theorie über das Bevölkerungsprinzip. Laut Malthus hat die Bevölkerung die Neigung, sich dauernd über das Maß der vorhandenen Nahrungsmittel hinaus zu vermehren. 18 Dadurch würden die Lebensmittelpreise unabwendbar nach oben getrieben. Die Arbeitsproduktivität sank angeblich, da sich eine neue, arbeitsfaule Bevölkerungsschicht entwickelte, die durch die Armenunterstützung vor Hunger geschützt war. 19 Dadurch, dass die Arbeitsproduktivität sank, wurden auch nur noch sehr geringe Löhne bezahlt. Die Folge davon war eine immense Pauperisierung 20 der Bevölkerung.
Marx und Engels sahen den Grund der Verarmung in der umfassenden Benützung der Brotskala. Dadurch kam es ihrer Meinung nach zu einseitigen Lohnreduktionen durch die Arbeitgeber. 21 Die Farmer verlagerten die Lohnkosten ihrer Arbeiter auf die Gemeinden um ihre Ausgaben zu senken. Die Folge war, dass die Arbeitsproduktivität sank und niedrigere Löhne bezahlt wurden. 22 Ähnlich sahen dies nachfolgende Wissenschaftler wie Hammond und Hammond, Webbs und Webbs, sowie Thompson. 23
Polanyi’s Analyse vom Speenhamland-System war zwar ein klarer Fortschritt, dennoch ließ er sich von den historischen Ressourcen fehlleiten. 24 Laut Polanyi lag der Grund der Pauperisierung der ländlichen Bevölkerung darin, dass der umfassende Gebrauch der Brotskala, sowie die ungerechten Antikoalitionsgesetze von 1799 und 1800 Lohnreduktionen erleichterten. Die Farmer und andere Arbeitgeber verlagerten die Kosten auf die Gemeinde und das in einer Zeit, in der
16 vgl. BLOCK, Fred; SOMERS, Margaret, In the shadow of Speenhamland: Social Policy and the Old Poor Law, In: Politics & Society, Vol. 31, o.O. 2003, S. 10
17 vgl. SOKOLL, Thomas, Soziale Ordnung durch Ungleichheit. Eine Einführung in die Geschichte Alteuropas, KE 2, Zwischen Notdurft und Elend: Armenbriefe als Zeugnisse zur sozialen Lage und Lebenshaltung der labouring poor in England, 1780-1840, Hagen 2008, S. 6
18 vgl. ABEL, Wilhelm, Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland, 2. Auflage, Göttingen 1977, S. 61
19 vgl. BLOCK; SOMERS, In the shadow of Speenhamland (wie Anm. 16), S. 5
20 Es entstand eine katastrophale Massenarmut.
21 vgl. BLOCK; SOMERS, In the shadow of Speenhamland (wie Anm. 16), S. 10
22 vgl. ebd.
23 vgl. ebd.
24 vgl. ebd.
Arbeit zitieren:
Marina Ehrngruber, 2011, Das Speenhamland-System - Selbsterzeugter Pauperismus oder moderne Sozialpolitik?, München, GRIN Verlag GmbH
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