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INHALT
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2.1. MACHTKÄMPFE UND RELIGIÖSE VERUNSICHERUNG - DAS FRÜHE CINQUECENTO 5
2.2. HÖFLING UND DOMINIKANER - DER WERDEGANG VON MATTEO BANDELLO 7
DER WIDMUNGSBRIEF ALS RAHME-N DIE STRUKTUR DER 129(//( 8
3.1.
DER STIL, „KEINEN STIL ZU HABEN“ - DIE STILVIELFALT DER 129(//( 11
3.2.
DIE UNBERECHENBARKEIT FORTUNAS - DIE ROLLE DES SCHICKSALS IN DEN 129(//( 15
3.3.
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1. Einleitung 3
(,1/(,781*
Matteo Bandello gelang mit seiner Novellensammlung, deren vier Teile unter den Titeln /DDSULPDODDVHFRQGDODDWHU]DDundODDTXDUWDDSDUWHGHHOHHQRYHOOHHin den Jahren 1554 bis 1573 erschienen, eine grundlegende Umgestaltung novellistischen Erzählens seiner Zeit. Heute wird er als bedeutendster Novellendichter des Cinquecento angesehen. 1 Besonders erwähnenswert ist sein unmittelbarer Erfolg im Ausland, namentlich Frankreich, Spanien und England. Die Stoffe, die durch Übersetzungen ins Französische und dann ins Englische weite Verbreitung fanden, sollen unter anderem William Shakespeare zu einigen seiner berühmten Bühnenstücke - das bekannteste ist wohl die tragische Geschichte des Liebespaares zu Verona, Romeo und Giulietta, - inspiriert haben. 2
Doch mehr als alles andere wurde in der kritischen Literatur die Struktur, die Thematik und der Stil der 1RYHOOH in seiner deutlichen Loslösung vom großen mittelalterlichen Ideal der Novellendichtung, Giovanni Boccaccio, hervorgehoben. Dies ist um so bedeutender, als Boccaccio noch 1525 von Pietro Bembo in 3URVHHGHOODDYROJDUOLQJXDD als das Vorbild für die italienische Prosa deklariert wurde. Der 'HFDPHURQ Boccaccios galt zur Zeit Bandellos seit zwei Jahrhunderten als nachahmenswertes Vorbild für die Novellendichtung, und zahlreiche Novellensammlung zeugen von Versuchen, den 'HFDPHURQ zu imitieren. 3
Bandello gelingt es, 4 sich in vielfacher Weise von der von Bembo formulierten „Doktrin“ zu lösen. 5 Er entwirft für seine Novellensammlung nicht nur ein neuartiges Strukturprinzip - die Rahmenhandlung entfällt zugunsten von Widmungsbriefen -, auch in Sprache und Stil unterscheidet sich der Lombarde Bandello deutlich von dem Florentiner Boccaccio. Dies ist sowohl im Kontext der 4XHVWLRQHHGHOODDOLQJXD, als auch in literaturwissenschaftlicher Hinsicht interessant, denn Bandellos eigenwillige
1 Vgl. z.B. MAIER, Bruno: 1RYHOOHH,WDOLDQHGHO&LQTXHFHQWR. Milano 1962, S. XXV; oder auch La letteratura italiana. Storia e testi. Vol. 4, II. Il Cinquecento. Roma, Bari: Laterza 1973, S. 145; und Italienische Literaturgeschichte. Stuttgart, Weimar: Metzler 1994, S. 170
2 Vgl. RIPOSIO, Donatella:“Il Bandello e la sua fortuna inglese: dalle novelle kkout of Bandellww al palcoscenico scespiriano”,in: ROZZO, Ugo: Matteo Bandello. Novelliere europeo. Atti al convegno internazionale di studi 7-9 novembre 1980, Tortona 1982, S. 559-582
3 So z.B. Giovanni Sercambi und Ser Giovanni Fiorentino.
4 Vor Bandello verzichtet bereits Franco Sacchetti in seinen fragmentarischen 7UHFHQWRQRYHOOH (1392-97) auf eine Rahmenhandlung, und Masuccio Salernitano organisiert seinen 1RYHOOLQR(1476) mit Hilfe von Widmungen - und wird damit zu einem direkten Vorläufer Bandellos.
5 Zur Problematik der Novellentheorie und ihren Auswirkungen auf die Dichtung des Cinquecento vgl. PABST, Walter: 1RYHOOHQWKHRULHXQG1RYHOOHQGLFKWXQJ=XU*HVFKLFKWHLKUHU$QWLQRPLHLQGHQ URPDQLVFKHQ/LWHUDWXUHQ Heidelberg 2 1976
1. Einleitung 4
Novellensammlung scheint sich in ihrer thematischen und stilistischen Vielfalt dem Versuch einer ordnenden Beschreibung entziehen zu wollen. 6
Einem weiteren Aspekt wird in der Bandello-Forschung besondere Beachtung geschenkt. Bandello betont - wie kaum ein anderer Dichter seiner Zeit - die Authentizität seiner Novellen und die wahrheitsgetreue Widergabe der ihm zugetragenen Begebenheiten. 7 Es ist bemerkenswert, dass man in der Forschung lange davon ausging, dass es sich bei den jeder Novelle vorangestellten Widmungsbriefen um biographische und historische Dokumente handele, und die Novellen - mit einigen wenigen Ausnahmen - authentisch und tatsächlich von den von Bandello genannten Erzählern berichtet worden waren. 8 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts widerlegte Letterio DI FRANCIA diese Annahme und zeigte nicht nur, dass so gut wie alle Novellen auf literarische Vorbilder zurückzuführen sind, sondern dass darüber hinaus Bandello die in den Widmungsbriefen genannten Erzähler unmöglich alle getroffen haben konnte. 9 Damit wurde eine langanhaltende Kontroverse eingeleitet, in der die Kritiker DI FRANCIAs die gegen Bandello erhobenen Vorwürfe zu widerlegen suchten. 10 Bis heute ist aber nicht geklärt, inwieweit besonders die Widmungsbriefe authentische Informationen enthalten. 11 Der Anspruch Bandellos, wahre Begebenheiten aufzuzeichnen, einerseits, und der Eindruck beim Leser, dass es sich tatsächlich um solche handele, andererseits, bleibt jedoch davon unberührt. Der Anschein, Bandello berichte von realen Ereignissen, ist unverkennbar. Und so schreibt Francesco FLORA bereits 1934:
[...] Bandello è scrittore originale, e d’originale stile, il quale, conforme al particolar modo di guardare e narrar le cose, alle particolari invenzioni ed agli affetti che gli accendono l’estro, potrebbe esser considerato verista. 12
Zwar ist der Begriff „verista“ bezüglich Bandellos sehr fraglich, dennoch ist durchaus der Hang, „Realität“ darzustellen, in den Novelle vorhanden. Die Forschung jüngeren Datums beschäftigt sich aufgrund dessen verstärkt mit diesem „Realismus“ Bandellos. Dies geschieht nicht mehr vorrangig im Kontext der alten Kontroverse - Plagiat oder historische Fakten-, sondern verstärkt im Sinne einer stärker die Eigenständigkeit des
6 So spricht z.B. Francesco FLORA - allerdings wohlwollend ironisch - von dem „caos del Bandello“. Vgl. BANDELLO, Matteo: 7XWWHOHHRSHUH. Hrsg. in zwei Bänden v. Francesco FLORA [mit Einleitung u. Kurzbiographie]. Mailand 3 1952, S. XXXIX. Auch PATRIZI betont „il carattere occasionale e disorganico della racolta“; vgl. PATRIZI, Giorgio: “La novella e la narrativa“,in: Letteratura italiana. Le opere. Vol. II. Dal Cinquecento al Settecento. Torino: Einaudi 1993, (S. 517-540), S. 518
7 Eine Parallele ist hierbei zu den &HQW1RXYHOOHVQRXYHOOHV (1486) zu sehen.
8 Viel zitiert ist BURKHARDT, der Bandello als historische Quelle für das Cinquecento nutzt.
9 DI FRANCIA, Letterio: “Alla scoperta del vero Bandello”,in: Giornale Storico della Letteratura Italiana. 78. 1921. S. 291-324; 80. 1922. S. 1-94; 81. 1923. S. 1-17
10 Zu einer ausführlichen Beschreibung der Kontroverse der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts vgl. GRIFFITH, Thomas G.: %DQGHOOR¶V)LFWLRQ$Q([DPLQDWLRQRIWKH1RYHOOH. Oxford 1955, S. 1ff
11 Vgl. GODI, Carlo: %DQGHOOR 1DUUDWRULHGHGLFDWDULLGHOODSULPDSDUWHGHOOH1RYHOOH. Roma: Bulzoni 1996. Der jüngste Versuch, durch detaillierte historische Kleinstarbeit, die Erzähler und
Widmungsadressaten der 1RYHOOH greifbar zu machen.
12 FLORA, S. XL
2. Matteo Bandello im Italien des frühen Cinquecento 5
Werkes betonenden Analyse des Textes. Ulrich SCHULZ-BUSCHHAUS formuliert in einem Artikel diese neue Vorgehensweise wie folgt:
Wir fragen […] nicht nach dem (gewiß unterschiedlichen) Grad von Historizität, durch den sich die Novellen jeweils auszeichnen, sondern nach den narrativen Mitteln, die Bandello bewußt und oft wohl auch unbewußt einsetzt, um den Eindruck solcher Historizität zu erzeugen. 13
Auf diesem Ansatz basiert demnach auch die vorliegende Arbeit. Es soll einerseits gezeigt werden, was die Besonderheit der 1RYHOOHbesonders auch vor dem Hintergrund der Dichtungstheorie des Cinquecento ausmacht, inwiefern sie sich von dem großen Vorbild des 'HFDPHURQ abhebt, was das eigentlich Neue der 1RYHOOH ist. Dabei sollen zunächst sowohl die Struktur des Werkes, als auch die von Bandello verwendete Sprache und sein Stil, sowie die Themen der Novellen beschrieben werden. Zunächst soll jedoch die Welt des Cinquecento, so wie sie sich Matteo Bandello offenbart, mit ihren großen politischen und religiösen Ereignissen, dargestellt werden. Es soll deutlich werden, dass Bandello und damit auch sein Werk in Zusammenhang mit den Umwälzungen des Jahrhunderts stehen.
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Bandello, der 1561 starb, war Zeuge der großen politischen, militärischen und religiösen Umwälzungen des frühen 16. Jahrhunderts und beschreibt die historischen Ereignisse seiner Zeit, die ihn zutiefst bewegten, in dem Widmungsbrief an Domenico Cavazza (III, 62).
S’è veduto a’ nostri dí, ne le cose pertinenti al culto divino e dei santi e circa la fede
catolica, TXDQWH VqWWH GRSR FKH 0DUWLQRR /XWHUR KDD FRQWUDD OD FKLHVDD DO]DWH OH FRUQD VRQRR QDVFLXWH [...] Ne le cose poi mondane ha questa nostra etá veduto LL WXUFKLL DYHU SLJOLDWR WXWWDD ODD 6RULDD H GLVIDWWRR LO VROGDQRR FRQQVHWWDDGHL PDPDOXFFKL YLQWRR %HOJUDGR GHEHOODWRR 5RGL VRJJLRJDWDD ODD SL~~ SDUWH GH O¶2QJDULDD HG DYHU DVVHGLDWDD 9LHQQDD G¶$XVWULD e fatto in quelle contrade di grandissimi danni, aspettandosi ogni dí peggio, con vituperio indicibile di tutta cristianitá, che oggimai è stata ridotta in un cantone de l’Europa, mercé de le discordie che tra i prencipi cristiani si fanno ognora maggiori. [...]
7UDDJOL$QJLRLQLHG$UDJRQHVLTXDQWLLIDWWLLG¶DUPHQHOUHJQRRGL1DSROLLIDWWLVLLVRQR, di modo che bene spesso Napoli in poco tempo ha tre e quattro signori cambiati? 0LODQRR RUDDGDJOLL6IRU]HVFKLLHGGRUDDGD¶IUDQFHVLLHGRUDDGD¶VSDJQXROLLV¶KDDYHGXWRRFRPDQGDUH [...] $EELDPRRYHGXWRRLOOJUDQQSDVWRUUGLL5RPDGLLWHGHVFKLLHGLLVSDJQXROLLSULJLRQHDYHUUOD OLEHUWii FRPSUDWDD GDD &DUORR LPSHUDGRUH H 5RPD FUXGHOLVVLPDPHQWH HVVHUH VWDWDD VDFFKHJJLDWD, spogliate le chiese, violate le monache, e tutte quelle crudeltá essercitate che si possano imaginare, di modo che i gotti altre volte furono piú pietosi. [..]
/¶LPSHUDGRUHHLOUHGL)UDQFLDDRUDDVRQRLQJXHUUD HGRUDDLQQWUHJXDHSXUHDFFRUGLRR
13 SCHULZ-BUSCHHAUS, Ulrich: “Bandellos Realismus”, in: Romanistisches Jahrbuch. 37. 1986. (S. 107- 126), S. 109
2. Matteo Bandello im Italien des frühen Cinquecento 6
QRQQVLLYHGH. [...] ,OUHG¶,QJKLOWHUUD [...] da le proprie passioni e disordinati appetiti vinto, V¶qDDODD&KLHVDDULEHOODWRRHIDWWRVLFDSRRGLLQXRYDDHUHVLD [...]. ((FHUWRRQRLLSRVVLDPRRGLUH FKHSRFKLVVLPHHWiiKDQQRRYHGXWRRFRVttVXELWHPXWD]LRQLLFRPHQRLLYHJJLDPRRWXWWRRLOOGtQp VRRDFKHILQHOHFRVH GHEELDQRRWHUPLQDUHSHUFKpPLLSDUHFKHDQGLDPRRGLLPDOOLQQSHJJLR HFKHWUD¶FULVWLDQLVLDSL~GLVFRUGLDFKHPDL (II, S. 567ff; Hervorh. von mir) 14
Zunächst spielt Bandello auf die Reformation 1517 durch Martin Luther und deren Folgen an. 15 Durch sie kam es zu einer Welle von Neubildungen religiöser Gruppierungen und Kirchen. („quante sètte, dopo che Martino Lutero ha contra la chiesa alzate le corna, sono nasciute“) So entstanden in den folgenden Jahren nicht nur die Lutheraner, die sich im Deutschen Reich, Preußen, im Baltikum und in Skandinavien verbreiteten, Calvinisten (Schweiz, Schottland, Niederlande und Frankreich) und Anglikaner (England und Nordirland), sondern auch „radikalere“ Sekten wie die Täufer (Deutschland, Niederlande) oder die Mennoniten (Niederlande, Schweiz, Nordwest Deutschland). Doch das christliche Abendland sah sich im 16. Jahrhundert einer größeren Gefahr als der von innen ausgesetzt. Nachdem die Osmanen bereits 1453 bereits Konstantinopel erobert hatten, setzten sie die Welle der Eroberungen während des gesamten 16. Jahrhunderts fort. Sie besiegten 1514 die Safawiden im Westen Irans, 1516/17 die Mameluken in Syrien und Ägypten („i turchi aver pigliato tutta la Soria e disfatto il soldano con setta dei mamalucchi“), und sie erlangten u.a. mit der Eroberung Rhodos’ 16 („debellato Rodi“, 1522) die Kontrolle zunächst über den östlichen, dann auch den westlichen Mittelmeerraum. Süleiman II. führte seine Truppen nach Europa. 1521 erobert er (das damalige ungarische) Belgrad, 1526 fast ganz Ungarn („vinto Belgrado, [...] soggiogata la piú parte de l’Ongaria“) und 1529 belagerten seine Truppen Wien („assediata Vienna d’Austria“). In Italien selbst wurde um das Königreich Neapel gestritten. („Tra gli Angioini ed Aragonesi quanti fatti d’arme nel regno di Napoli fatti si sono“)Die spanische Dynastie der Aragon unterstellt Neapel und Sizilien 1504 der spanischen Krone, doch die Dynastie der Anjou kämpfte weiter um die Vorherrschaft in Neapel. Mailand, von den Sforza regiert, wurde zum Schauplatz der Streitigkeiten Frankreichs und Spaniens. Bereits 1499 unterwarf König Ludwig XII. von Frankreich erstmals das Herzogtum der Sforza in Mailand. Doch die Herrschaft der Franzosen (ab 1515 unter Franz I.) und Habsburger (Karl V.) wechselte in der Folgezeit ständig. („Milano ora dagli Sforzeschi ed ora da’ francesi ed ora da’ spagnuoli s’ha veduto comandare.“ und „L’imperadore e il re di Francia ora sono in guerra ed ora in tregua, e pure accordio non si vede.“) Karl V. konnte durch das Aussterben der Mailänder Sforza-Dynastie 1535
14 Zitiert wird stets nach der Ausgabe von FLORA.
15 Ergänzung der geschichtlichen Daten mithilfe von Propyläen Weltgeschichte. Eine Universalgeschichte. Hrsg. MANN, Golo u. NITSCHKE, August; Bd. 7 (Von der Reformation zur Revolution); Berlin; Frankfurt a.M.: 1964
16 Auf der Insel Rhodos war der Johanniterorden ansässig, dessen Aufgabe es war, das östliche Mittelmeer vor Übergriffen der Muslime zu schützen. Daher war der Fall Rhodos’ für das christliche Abendland neben der strategisch-militärischen Einbuße zusätzlich symbolisch eine bittere Niederlage.
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MA Melanie Berg, 2001, Matteo Bandellos Novellensammlung, München, GRIN Verlag GmbH
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