INHALT
1 THOMAS VON AQUIN UND WIRTSCHAFTSETHIK IM MITTELALTER 3
1.1 THOMAS VON AQUIN 3
1.1.1 SEINE UMWELT - ARISTOKRATIE UND BETTELORDEN 3
1.1.2 DIE GEISTIGE UMWELT - BIBEL UND ARISTOTELES 4
1.1.3 PHILOSOPH UND THEOLOGE - DEFINITION DES BEGRIFFES „WELT“ 5
1.1.4 THEOLOGISCHE ZUWENDUNG ZUR NATÜRLICHEN WIRKLICHKEIT 7
1.1.5 DER MENSCH ALS VERNUNFTBEGABT HANDELNDES WESEN 8
1.2 DAS MITTELALTER - RELIGION UND WIRTSCHAFTSETHIK IM WANDEL 9
1.2.1 AUGUSTINUS - „CIVITAS DEI“ UND DIE ABKEHR VON DER WELT 9
1.2.2 MÖNCHTUM - „VITA ACTIVA“ UND „VITA CONTEMPLATIVA“ 10
1.2.3 ENTWICKLUNG AB DEM 14. JAHRHUNDERT - RÜCKBESINNUNG AUF DIE ANTIKE 11
1.2.4 THOMISMUS UND WIRTSCHAFTSETHIK 11
1.2.5 GIBT ES EINE „LEX NATURALIS“? - BEEINFLUSSUNG UND WANDEL DER
13
THOMISTISCHEN WIRTSCHAFTSETHIK
1.2.6 SPANISCHE NATURRECHTSLEHRE DES 16. UND 17. JAHRHUNDERTS 14
2 KATHOLISCHE SOZIALETHIK IM 19. UND 20. JAHRHUNDERT 15
2.1 ANFÄNGE DER KATHOLISCHEN BEWEGUNG 15
2.1.1 ADAM MÜLLER 16
2.1.2 WILHELM EMMANUEL VON KETTELER 16
2.2 ENTWICKLUNG DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHRE 19
2.2.1 ABGRENZUNG ZU SOZIALISMUS UND LIBERALISMUS 19
2.2.2 HEINRICH PESCH - WEG ZWISCHEN „CHRISTLICHEM KONSERVATISMUS“
20
UND „CHRISTLICHEM SOZIALISMUS“
2.2.3 KRITISCHE BEURTEILUNG DER NEUSCHOLASTISCHEN WENDE 21
2.3 KATHOLISCHE SOZIALLEHRE IM 20. JAHRHUNDERT 22
2.3.1 SOZIALLEHRE UND MARKTWIRTSCHAFT 22
2.3.2 SOZIALLEHRE IM WANDEL - DAS ZWEITE VATIKANISCHE KONZIL 23
2.3.3 KRITIK AN DER SOZIALLEHRE 23
3 LITERATURLISTE 25
2
1 THOMAS VON AQUIN UND WIRTSCHAFTSETHIK IM MITTELALTER
1.1 THOMAS VON AQUIN
Am 18. Juli 1323, etwa 50 Jahre nach seinem Tod, wird Thomas von Aquin heilig gesprochen. Die Zeugen des Kanonisationsprozesses aber nennen weder aufsehenerregenden Taten, noch berichten sie von Wundern. Sie heben lediglich hervor: Thomas ist ein Mensch von beispielhafter Demut gewesen, den Frieden und die Zurückgezogenheit liebend und zeitlebens dem Ideal der Armut treu. 1 Thomas selbst hat es zu Lebzeiten so formuliert:
„…perfectio vitae magis constitat in interiori iustitia quam in exteriori abstinenzia.“
(„Die Vollkommenheit des Lebens liegt viel mehr im inneren Richtigsein als in äußeren Akten der Askese.“) 2
Schon kurz nach seinem Tode hatte man Thomas den Titel doctor communis, allgemeiner Lehrer, beigelegt - wie man dies übrigens bei fast allen Lehrern des Mittelalters tat. 3 Aber Thomas soll nicht nur für die Theologie des 13. Jahrhunderts bedeutend bleiben, sondern im Gegenteil die Theologie der Katholischen Kirche nachhaltig bis heute prägen und bestimmen. So wird er 1567 zum Kirchenlehrer erklärt, 1918 wird er in den Codex Iuris Canonici aufgenommen, mit der Auflage an die Priester der Katholischen Kirche, gemäß der Theologie und Philosophie des Thomas ausgebildet zu werden, und Papst Pius XII bestätigt in der Enzyklika Humani Generis von 1950, dass die Philosophie des Thomas den sichersten Weg zur römischkatholischen Lehre darstellt. 4 Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass das, was Thomas theologisch und philosophisch geleistet hat, nicht nur auf das Leben des Spätmittelalters einen weitreichenden Einfluss genommen hatte, sondern bis in das 20. Jahrhundert nachwirkte.
1.1.1 SEINE UMWELT - ARISTOKRATIE UND BETTELORDEN
Als etwa 19jähriger tritt Thomas in den Dominikanerorden ein, der noch nicht dreißig Jahre zuvor von dem zu diesem Zeitpunkt bereits heilig gesprochenen Dominikus gegründet wurde. Es ist der zweite von der Kirche anerkannte Bettelorden, dessen
1 Vgl. Pieper, Joseph: Hinführung zu Thomas von Aquin. 2. durchges. Aufl.; München 1963; S.33
2 Thomas von Aquin: Contra impugnantes Dei cultum et religionem I, I, 1, Übersetzung in Anlehnung an Pieper, S.33
3 Vgl. Pieper, S. 34
4 Vgl. Papst Pius XII: Enzyklika Humani generis vom 12. August 1950, in: Heinrich Denzinger: Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen. Verb., erw. ins Dt. übertr. und hrsg. von Peter Hünermann. 37. Auflage; Freiburg i. B., Basel, Rom, Wien 1991; S. 1096f [3894]
3
Mitglieder auf persönlichen und gemeinschaftlichen Besitz verzichten. 1208 hatte schon Franz von Assisi einen Betteloden, den der Minderen Brüder - besser bekannt als Franziskanerorden - gegründet. Im Zentrum ihrer missionarischen Aktivitäten standen die Predigt und die Bekämpfung der Häresie. So wurden die Dominikaner mit der Inquisition betraut, die anfangs noch der Wahrheitsfindung und der Rückführung zum Evangelium nach festgelegten Regeln diente, dann aber schnell zum blutigen Machtinstrument der Kirche und schließlich auch des römischen Kaisers werden sollte. Die Dominikaner widmeten sich darüber hinaus im besonderen Maße dem Bibelstudium und anderen geistigen Wissenschaften und wenden sich damit den Universitäten des Abendlandes zu. 5
Die Mutter will Thomas davon abhalten, dem Orden beizutreten. Doch sie hat keinen Erfolg. In hochadeligen Kreisen in dem Ort Aquino bei Neapel aufgewachsen - seine Familie ist verwandt mit dem römischen Kaiser Friedrich II - dürstet es den jungen Thomas nach einem anderen Leben. Damit steht er nicht alleine. Ohne hier näher darauf eingehen zu können, soll kurz erwähnt werden, dass die Bettelorden „Anti-Bewegungen“ waren. Die Gesellschaft drohte mehr und mehr zu verweltlichen und es gab ein breites Verlangen, das Evangelium neu zu entdecken, 6 eine „evangelische“d.h. auf das Evangelium gegründete - Vollkommenheit anzustreben. 7
Thomas, der schon in Neapel an der ersten, erst kurz zuvor von Friedrich II gegründeten, Staatsuniversität des Abendlandes studiert hatte, zieht nach Paris und trifft dort seinen Lehrer, den deutschen Albertus Magnus, auch Mitglied des Dominikanerordens, dem er nach Köln folgt. 8 Nachdem er wieder nach Paris zurückgekehrt ist, nimmt er mit 27 Jahren seine Lehrtätigkeit zunächst an der Ordensschule der Dominikaner auf und wird vier Jahre später Professor für Theologie an der Universität zu Paris - der späteren Sorbonne. 9
1.1.2 DIE GEISTIGE UMWELT - BIBEL UND ARISTOTELES
Um die Theologie und Philosophie des Thomas von Aquin einordnen zu können, muss man sich über die geistigen Strömungen, durch die er geprägt wurde, im klaren sein. Eine dieser Strömungen wurde schon erwähnt: die Bettelordenbewegung. Diese war gerade erst entstanden und hatte daher noch eine ungeheure Dynamik. 10 Es war eine Bewegung, die ein „zurück zum Evangelium“ forderte - und das in allen Konsequenzen. 11 Die Dominikaner waren dafür bekannt, die Bibel genauestens zu kennen, denn die Regel der Inquisition, mit der sie unter anderem beauftragt waren, lautete: Wer seinen Standpunkt nicht mehr aus der Bibel belegen kann, gilt als besiegt. 12 Die Dominikaner wenden sich daher nicht nur dem Bibelstudium und der Theologie,
5 Vgl. Pieper, S. 45
6 Vgl. Pieper, S. 40
7 Zum Begriff „evangelisch“, vgl. Pieper, S.48
8 In diese Kölner Lehrzeit fällt auch die Grundsteinlegung des Kölner Domes.
9 Biografische Hinweise aus Pieper, S. 26 und „Thomas von Aquin“ in: Microsoft® Encarta® 98 Enzyklopädie. © 1993-1997 Microsoft Corporation, o.A. des Autors
10 Vgl. Pieper, S. 24
11 Vgl. Pieper, S. 47f
12 Vgl. Pieper, S. 49
4
sondern auch den anderen Wissenschaften zu, eine prinzipielle Ablehnung von Kultur und Wissenschaft - wie z.B. bei den Franziskanern - kennt der Orden nicht. 13
Einer zweiten - vielleicht noch herausfordernderen Strömung des 13. Jahrhundertsbegegnet Thomas in Neapel. Dort, an der ersten weltlichen Hochschule des Abendlandes, die zwei Jahrzehnte zuvor von Friedrich II gegründet worden war, begegnet Thomas den Schriften des Aristoteles. War die Logik des Aristoteles schon lange im Abendland bekannt, so wusste man kaum etwas über seine naturwissenschaftlichen Schriften und seine Ethik, die sogenannte Nikomachische Ethik. 14 Der Andalusier Ibn Rušd (Averroes), der in der islamischen Welt bekannteste mittelalterliche Naturwissenschaftler, Philosoph und Theologe hatte etwa ein halbes Jahrhundert vor Thomas Aristoteles kommentiert und eben diese Kommentare wurdenzusammen mit der aus dem Arabischen übertragenen Übersetzung des Aristoteles - mit wachsendem Interesse an den Universitäten des Abendlandes gelesen. 15 Damit trat etwas völlig Neues in die mittelalterlich-abendländische Geisteswelt: Die Betrachtung der Welt als eine naturwissenschaftliche Erscheinung. Dies stand im Gegensatz zu der bis dahin rein theologischen Weltsicht, in der die materielle Welt als eine Symbolwelt galt, hinter der das wahre Geistige verborgen sei. 16 Es ist daher verständlich, dass die Kirche, wo es ihr Machteinfluss erlaubte, das Aristotelesstudium verbot, da sie eine völlige Verweltlichung der Gesellschaft fürchten musste, 17 wie dies in averroeistischen Strömungen der Fall war. 18
Thomas von Aquin nun, den die Schriften des Aristoteles schon früh beeindruckt hatten, und dessen Lehrer Albertus Magnus nicht nur ein hervorragender Kenner des Aristoteles war sondern darüber hinaus ein großes Interesse an den Naturwissenschaften hatte, sieht sich vor die große Frage gestellt, die schon andere Denker vor ihm zu lösen versucht hatten. 19 Bibel oder Aristoteles, oder sollen beide nebeneinander existieren können? Thomas wählt keine dieser Möglichkeiten und versucht stattdessen das, was man zu jener Zeit für scheinbar unmöglich hält. Er wählt Bibel und Aristoteles, nicht indem er sie nebeneinander stellt, sondern indem er sie miteinander verbindet. 20
1.1.3 PHILOSOPH UND THEOLOGE - DEFINITION DES BEGRIFFES „WELT“
Vielleicht ist es zu einfach zu sagen, Thomas war Philosoph, weil er die Wahrheit unabhängig von kirchlichen Dogmen sah, und er war Theologe, weil er sicher war, dass die Gesetze der natürlichen Welt mit der Wahrheit, die in der Bibel zu finden sei, zu begründen seien. Thomas Anliegen war vorrangig ein theologisches. 21 Es ist eher zutreffend, dass er die natürliche Welt nicht länger als Gegensatz zur Schöpfung Gottes sah. So versuchte er, die „Einheit von theologischer und philosophischer
13 Vgl. Pieper, S. 45 14 Vgl. Pieper, S. 60f
15 Vgl. Pieper, S. 14
16 Vgl. Pieper, S. 71f
17 Vgl. Pieper, S. 61ff
18 Pieper nennt z.B. Siger von Brabant, der einen radikalen Averroismus vertrat. Vgl. Pieper, S. 176
19 Pieper nennt Boethius und Anselm von Canterbury. Vgl. Pieper, S. 166
20 Vgl. Pieper, S. 50
21 Vgl. Kluxen, Wolfgang: Philosophische Ethik bei Thomas von Aquin. 2. erw. Aufl.; Hamburg 1980; S. 1
5
Weltbetrachtung“ 22 zu formulieren. Aristoteles stand sinnbildlich für die natürliche Wirklichkeit im Ganzen, die Bibel dagegen für den Bereich des Übernatürlichen. 23 Er akzeptiert die beiden völlig verschiedenen Positionen, ohne sie jedoch abzumildern. 24 Da den Zwiespalt, den die beiden Auffassungen von Wirklichkeit mit sich brachten, überwunden werden musste, definierte Thomas zunächst den Begriff Welt, wie er in der Bibel benutzt wird. Der Begriff habe, so glaubt er, drei verschiedene Bedeutungen: 25
•
•
Dabei seien die beiden ersten Definitionen positiv und nur die dritte negativ zu bewerten. Alles Geschaffene ist damit gut. 26 Dies ist der erste Schritt, mit dem sich Thomas energisch gegen eine weltverachtende Theologie wendet. (Darauf wird weiter unten noch einmal eingegangen.) Thomas klammert die natürliche Wirklichkeit also weder aus noch schätzt er sie geringer ein, sondern wendet sich ihr theologisch zu. Dabei versteht er unter „natürlicher Wirklichkeit“ auch explizit den Menschen selbst und damit seine Sinnlichkeit. 27 Obwohl Thomas philosophische und theologische Weltsicht verbindet, macht er den Unterschied von Philosophie und Theologie umso deutlicher. Dies ist für das 13. Jahrhundert neu: „Die Entstehung der christlichen Theologie als eine von der Philosophie getrennten Wissenschaft.“ 28 Demnach kann jeder Mensch, auch wenn er keine Offenbarung erhalten hat (also Heide ist), Erkenntnis erlangen. Aber die Philosophie hat ihre Grenzen und kann Erkenntnis nicht vollenden. Der Glaube ist somit die letzte Erfüllung der Erkenntnis und steht damit über der philosophischen Weltbetrachtung. 29 Doch trotzdem ist der Glaube nicht ohne die philosophische Betrachtung der natürlichen Welt - der Welt eben, die Gott erschaffen hat, und damit gut ist - zu denken.
Wir können also festhalten, (1) dass sich Thomas von Aquin, bewusst von einer weltverachtenden Theologie abwendet. Er tut dies, indem er sich radikal auf die Offenbarung beruft, und die Welt als Gottes Schöpfung an den Anfang seiner Überlegungen stellt. Damit kann er (2) als Theologe erstmals die Philosophie - in seinem Fall die Philosophie des Aristoteles - als eigenständige Wissenschaft ernst nehmen. Er stellt aber nicht nur beide nebeneinander, sondern (3) nimmt die Philosophie in den Dienst der Theologie und umgekehrt.
22 Pieper, S. 93
23 Vgl. Pieper, S. 165
24 Vgl. Pieper, S. 168
25 Zu den Begriffen und ihrer Bedeutung: vgl. Pieper, S. 169f und Thomas von Aquin: Super Evangelium S. Ioannis. I, 1-5
26 Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles III, 69; Übersetzung in Allgaier, Karl (Hrsg. u. Übers.): Thomas von Aquin. Summe gegen die Heiden. Dritter Band, 1. Teil. Texte zur Forschung, Bd. 17; Darmstadt 1990; S. 291f
27 Vgl. Pieper, S.170f
28 Aertsen, Jan A.: Thomas von Aquin. Alle Menschen verlangen von Natur nach Wissen. in: Theo Kobusch (Hrsg.): Philosophen des Mittelalters. Darmstadt 2000; S. 199
29 Vgl. Aertsen, S. 200
6
1.1.4 THEOLOGISCHE ZUWENDUNG ZUR NATÜRLICHEN WIRKLICHKEIT
Die Analyse des biblischen Begriffes Welt und die Annahme, dass eine von Gott geschaffene Wirklichkeit gut sei, ist die Basis, auf der Thomas von Aquin weiterdenkt. Hat Gott also die Welt gut erschaffen, so hat er den Menschen auch mit seiner Vernunft ausgestattet. Die Vernunft macht den Menschen zu einem selbstständigen Wesen. „Alle Eigenständigkeit, Eigenwertigkeit und Eigenwirksamkeit der Welt konzentriert sich gewissermaßen im Menschen, in der Autonomie der Vernunft. 30 Und so ist seine Argumentation: Gerade weil der Mensch selbstständig ist, kann er nicht getrennt vom Schöpfer gedacht werden. Denn erst durch den Schöpfungsakt kann es überhaupt selbstständige Wesen und Dinge geben. 31 In der Summa contra Gentiles schreibt Thomas:
„Deus autem est summum bonum … Igitur eius est optime facere omnia. Melius autem est quod bonum alicui collatum sit mutorum commune …Sic igitur Deus rebus creatis suam bonitatem communicavit ut una res, quod accepit, possit in aliam transfundere. Detrahere ergo actiones proprias rebus, est divinae bonitati derogare.“
(„Gott aber ist das höchste Gute…. Also ist es an ihm, alles auf die beste Weise zu tun. Es ist aber besser, dass das Gute, das einem mitgeteilt worden ist, vielen gemeinsam ist, …Gott hat also den geschaffenen Dingen seine Gutheit so mitgeteilt, daß ein Ding, das sie empfangen hat, sie auf ein anderes übertragen kann. Den Dingen also eigene Tätigkeit absprechen heißt, die göttliche Gutheit herabzusetzen.“) 32
Diese selbstständigen Wesen und Dinge der Welt, sind gut, allein dadurch, dass sie geschaffen sind. Dieser Gedanke, der für Thomas den Nukleus seiner Betrachtungen bildet, ist verbunden mit dem Seinsbegriff seines Entwurfes. 33 Das Wesen eines Dinges könne, so argumentiert Thomas, beschrieben werden - wenn auch nie vollständig. Seine Existenz aber könne nicht definiert werden. Es gehöre also nicht zum Wesen eines Dinges, dass es existiert. Darum sei es nicht wichtig, etwas Geschaffenes über seine Existenz zu definieren. Nur in einem einzigen Fall ist dies nicht so: in der Natur Gottes. Gott sei, so Thomas, derjenige, der von sich selbst behauptet: „Ich bin“. 34 Und damit besteht Gottes Wesen gerade in seiner Existenz. 35
Wenn Gottes Wesen also seine Existenz - sein Sein - ist, und dieses Sein darin besteht, dass es das Gute an sich ist, so besitzt Gott alle Gutheit allein durch seine Existenz. Für die geschaffenen Dinge ist jedoch ihr Wesen und ihr Sein nicht dasselbe. Darum ist es für die geschaffenen Dinge unerlässlich, dass sie werden, d.h. nicht „hinter dem zurück bleib[en], was [ihnen] zu verwirklichen möglich oder auch aufgegeben ist...“ 36 Dem
30 Heinzmann, Richard: Philosophie des Mittelalters. Grundkurs Philosophie, Bd. 7; Stuttgart, Berlin, Köln 1992; S 204
31 Vgl. Pieper, S. 180
32 Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles III, 69, Übersetzung in: Allgaier, S.291f
33 Vgl. den folgenden Abschnitt mit Pieper, S. 188
34 2. Mose 3, 13
35 Vgl. Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles I, 22, Übersetzung in Albert, Karl/Engelhardt, Paulus (Hrsg. u. Übers.): Thomas von Aquin. Summe gegen die Heiden. Erster Band. Texte zur Forschung, Bd. 15; Darmstadt 1974; S. 93ff
36 Kluxen, S. 173
7
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