I. „Das Parfum“ - Ein Meilenstein in der deutschen Filmgeschichte
Was Tom Tykwer 1 und Bernd Eichinger 2 mit der Verfilmung des postmodernen Romans „Das Parfum - die Geschichte eines Mörders“ 3 von Patrick Süskind geschaffen haben, wurde so heftig und kontrovers diskutiert, wie kaum ein anderer Film in der jüngsten deutschen Kinogeschichte. Ob Musik oder Schauspieler, ob Drehbuch oder Regie - alles wurde in Frage gestellt. Dennoch kann man von einem Erfolg sprechen: über 5 Millionen Kinobesucher 4 fühlten sich für die 147 Minuten, die der Film dauerte, wirklich ins Paris der Aufklärung zurückversetzt und erlebten die abenteuerliche Geschichte des größten Parfumeurs aller Zeiten mit all ihrem Schrecken und ihrer Faszination - einer davon war ich selbst.
Filme begeistern mich seit vielen Jahren. Gerade wegen meiner Liebe zur phantastischen Literatur sind es immer wieder Romanverfilmungen, die mich in ihren Bann schlagen. Seit Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Triologie vertrete ich die Auffassung, dass dieses Genre es durchaus schaffen kann, zu begeistern, ohne dabei in Konkurrenz zur eigenen Fantasie zu stehen. Manchmal gelingt es den Filmemachern sogar, die Bilder, die sich im Kopf geformt haben, zu übertreffen. Zu solchen Szenen gehört beispielsweise die Schlacht um Minas Tirith in „Der Herr der Ringe: Die zwei Türme“ 5 . Im „Parfum“ ist es vor allem das aufwendig inszenierte Bacchanal am Hinrichtungsplatz, das einem den Atem verschlägt. Die Herausforderung, die der teuerste deutsche Film aller Zeiten dabei an die Regisseure internationaler Großproduktionen stellt und der Versuch, sich in Bildgewalt mit hochrangigen Hollywood-Epen zu messen, reizen mich besonders, den Film zu analysieren und diese Facharbeit zu schreiben - ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich bereits bei der ersten Lektüre des Buchs im Jahre 2000 davon geträumt habe, es selbst einmal zu verfilmen. Zum Verständnis meiner Facharbeit ist zuerst ein grober Überblick über Grenouilles Geschichte erforderlich, den ich in II.1. geben möchte. Im anschließenden Punkt nehme ich an Hand ausgewählter Szenen eine Analyse des Filmes vor, um später meinen eigenen Beitrag zum Drehbuch passend einfügen zu können. In II.3. werde ich die Szene „Grenouille beim Marquis de la Taillade-Espinasse“, die das eigentliche Thema meiner Facharbeit darstellt, detailliert beleuchten und anschließend, in II.4., eine Charakterisierung der beiden Hauptfiguren vornehmen. Im ersten Punkt des Abschnitts III. führe ich eine kurze Diskussion zur Bedeutung der bearbeiteten Szene innerhalb des Filmes. Im darauf folgenden Punkt erarbeite ich ein rudimentäres Konzept zur Umsetzung der Szene. Der Abschnitt IV. gliedert sich in meinen Erfahrungsbericht und eine kurze Darstellung meiner Meinung zum Gelingen des Films. Der Anhang beinhaltet schließlich, neben der Bibliographie, das Drehbuch und einen Teil des dazugehörigen Storyboards 6 .
1 Regisseur des Films „Das Parfum: Die Geschichte eines Mörders“, Deutschland/Frankreich/Spanien, 2006.
2 Produzent des Films „Das Parfum“.
3 Süskind P.: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders, Zürich, Diogenes Verlag, 1994.
4 Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Parfum_-_Die_Geschichte_eines_Mörders, Zugriff : 10.1.2008
5 „Der Herr der Ringe: Die Zwei Türme“, USA/Neuseeland/Deutschland, 2002.
6 Englisch: (etwa) Ablaufplan. Zeichnungen, die der Visualisierung des Drehbuchs dienen.
II. „Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders“
1. Inhalt und partielle Gegenüberstellung von Buch und Film
Der Roman schildert die Lebensgeschichte des Jean-Baptiste Grenouille im Zeitraum von seiner Geburt 1738 in Paris bis zu seinem Tod 1767 ebendort. Das zentrale Motiv ist dabei die Welt der Gerüche, denn die einzigartige Fähigkeit Grenouilles ist es, jeden beliebigen Geruch aufspüren und wie eine Datei in seinem olfaktorischen Gedächtnis abspeichern zu können. Er kann aus Millionen von Duftkomponenten die herrlichsten Parfums kreieren und aus Kilometern Entfernung noch die sanfteste Duftnote analysieren. Doch ungeachtet oder gerade wegen der Schlechtigkeit, Ablehnung und Grausamkeit, die er seit seiner Geburt erfährt, sehnt er sich danach, geliebt zu werden. Dieser Aspekt der Liebe und Gegenliebe stellt im Buch eines der wesentlichen Elemente dar und bietet überhaupt erst den Anlass, für das Handeln des jungen Parfumeurs.
In Paris wird Grenouille von seiner Mutter gleich nach der Geburt im Dreck liegen gelassen, doch schon sein erster Schrei macht Passanten aufmerksam und bringt ihn so in die Obhut der Behörden, während seine Mutter hingerichtet wird. Der Gestank, der bei der Beschreibung der Stadt und des Marktes ironisch minutiös geschildert wird, soll nicht nur eine Vorstellung der damaligen Verhältnisse geben, sondern bildet gleichzeitig auch den Rahmen für die gesamte Handlung, denn er zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben Grenouilles. So kommt er nach einiger Zeit zu Madame Galliard, die ein heruntergekommenes Kinderheim betreibt. Der kleine, hässliche Grenouille, der wegen seiner Unheimlichkeit immer wieder Opfer aggressiven Verhaltens von Seiten der anderen Kinder wird, macht im Waisenhaus die ersten Erfahrungen mit Gerüchen und beginnt eine Sammlung in seinem Gedächtnis anzulegen. Die Lehrzeit bei seinem nächsten Herren, dem Gerber Grimal, erweist sich als noch härter als die Jahre bei Madame Galliard. Doch schon seit dem Kleinkindalter zeigt sich Grenouille extrem widerstandsfähig. Die Erlaubnis, sich frei in Paris bewegen zu dürfen, eröffnet für Grenouille eine neue Geruchswelt. Gierig saugt er alle guten und schlechten Gerüche ein - bis zu seinem Schlüsselerlebnis: Am Tag einer großen Festlichkeit nimmt er einen Duft wahr, dessen Perfektion ihn dermaßen überwältigt, dass er das dreizehnjährige Mädchen, das ihn verströmt, erwürgt, um ihn bis zum letzten Hauch in sich einzusaugen. Der unwiederbringliche Verlust des Dufts ruft bei Grenouille den Wunsch hervor, der seinem animalischen Dasein endlich einen Sinn geben wird: Er will lernen, Düfte zu konservieren. So schafft er es mit Hilfe seines beeindruckenden Könnens auf dem Gebiet der Düfte, den Parfumeur Baldini dazu zu bringen, ihn als Lehrling aufzunehmen und in den Grundtechniken der Parfumherstellung und -gewinnung zu unterweisen. Doch als der junge Geselle erfährt, dass es unmöglich sei, jeden Duft der Welt als Parfum zu binden, stürzt er in eine tiefe Krise. Erst, als er von der legendären Parfum-Stadt Grasse erfährt, überwindet er diese und macht sich so schnell wie möglich auf, um dorthin zu reisen. Auf dem Weg wird er sich bald der Frische und Reinheit der Landluft bewusst und sich von Dörfern und Menschen fernhaltend kommt er immer weiter ab von seinem ursprünglichen Weg. In einer uralten Höhle findet er fast absolute Geruchsneutralität und trotz extremer Bedingungen lebt er dort glücklich als Herrscher und
Gott eines großartigen Duftreichs, einem Produkt seiner eigenen Traumwelt. Doch nach sieben Jahren auf dem Berg gelangt er plötzlich zu der Erkenntnis, keinen eigenen Geruch zu besitzen, was für den radikal duftorientierten Grenouille die größte Katastrophe seines Lebens bedeutet. In Tykwers Version der Geschichte verlässt er den Berg schon drei Wochen nach seiner Ankunft in Richtung Grasse, während er im Buch zuerst nach Montpellier kommt. Wegen seines furchterregenden Äußeren wird er dem Marquis de la Taillade-Espinasse, einem skurrilen Wissenschaftler der Aufklärung, vorgeführt und findet als wissenschaftliches Objekt Verwendung. Dort stellt er ein Parfum her, das den Duft eines Menschen imitiert und er beschließt, dieses so zu verbessern, dass es die Menschen dazu bringt, ihn aus tiefstem Herzen zu lieben. Heimlich verlässt er Montpellier nach einiger Zeit und reist weiter nach Grasse, dem eigentlichen Ziel seiner Reise, um dort zufällig den Duft eines Mädchens zu entdecken, der dem seines ersten Opfers in Schönheit in nichts nachsteht. Der Name des Mädchens ist Laure - im Film Laura - und sie ist die Tochter des einflussreichsten Bürgers von Grasse, Antoine Richis. Um zu lernen, wie man diesen Duft konserviert, arbeitet Grenouille in einem kleinen Parfumatelier. Nach einigen Tests und dem Entschluss, den Duft des Mädchens in eine Komposition einzubinden, umgeht er das Problem, dass die Jungfrauen, deren Duft er dazu braucht, nicht still halten wollen, indem er sie tötet. Diese Morde lösen in Grasse eine nie dagewesene Panik aus und Laures Vater flieht in die Einsamkeit. Doch präzise begeht Grenouille auch seinen letzten Mord und vollendet damit das ultimative Parfum. Nachdem er gefangen und zum Tode verurteilt den Richtplatz betritt, verwandelt sich die Zuschauermasse allerdings auf Grund des Parfums in einen willenlosen Mob, der in ihm einen Engel von überirdischer Schönheit sieht und ihn freispricht von aller Schuld. Doch statt sich, am Ziel seiner Träume angelangt, zu freuen, steigt der tiefe Hass, den er den Menschen gegenüber immer schon empfunden hat, wieder in ihm auf. Angeekelt wendet er sich von der Menge ab und verlässt so schnell wie möglich Grasse, um nach Paris, dem Ort seiner Geburt, zurückzukehren. Am Treffpunkt der Verbrecher und Ausgestoßenen, schüttet er sich den gesamten Inhalt des Flakons über den Kopf und wird daraufhin in einem kannibalischen Akt verspeist.
2. Filmographische Analyse und Versuch, die Intentionen der Drehbuchautoren nachzuvollziehen
a) Allgemeine Analyse des Films und Charakterisierung des Szenen- und Kostümbildes am Beispiel der Urteilsverkündung in Grasse
„Entweder macht man einen Schnitt und steht dazu, oder man lässt es bleiben.“ 7
Dieses Zitat, das Tykwer als Antwort auf die Frage nach einem „Director’s Cut“ 8 gab, macht deutlich, dass nichts im Film dem Zufall überlassen wurde und jede noch so kleine Szene ihre Funktion und Bedeutung für den Handlungsverlauf, beziehungsweise den cineastischen Eindruck hat. Alle
7 Tykwer in: Pauli H.: Durchbruch mit Taschentuch, in: FOCUS, 04.09.2006, Nr. 36, S. 80-82.
8 Englisch: Schnitt des Regisseurs. Vollständige Version eines Films, der gekürzt werden musste.
Unterschiede zwischen Buch und Film zu behandeln würde auf Grund ihrer Vielzahl und der Länge des Filmes allerdings den Rahmen sprengen. Deshalb wird im Folgenden nur auf repräsentative Szenen eingegangen.
Einer der deutlichsten Veränderungen und zugleich die erste, die dem Kinozuschauer auffällt, ist der Beginn des Filmes, denn es handelt sich um eine Szene, die im Buch erst auf Seite 291 zu finden ist, einem so genannten „Cold Open“ 9 also, das Grenouille bei seiner Verurteilung zeigt - so, wie ihn der Zuschauer auch einen Großteil des Filmes vor Augen hat. Grenouille wird hierbei aus dem Kerker geholt und dem Volk vorgeführt, während man das Urteil des Richters öffentlich verkündet. Dieser cineastische Trick wurde wahrscheinlich dazu verwendet, den Zuschauer direkt in das Handlungsgeschehen hinein zu versetzten und gleich die allererste Einstellung, komponiert von Kameramann Frank Griebe 10 , zeigt in einem raffinierten Licht- und Schattenspiel nur die Nase von Schauspieler Ben Whishaw 11 in Nahaufnahme. Das restliche Gesicht bleibt im Dunkeln. Dieses Bild der sich blähenden Nasenflügel, das in ähnlicher Weise noch häufiger im Film vorkommt, soll bereits verdeutlichen, um was es beim „Parfum“ geht - um Gerüche. Gleichzeitig symbolisiert das Hell-Dunkel Spiel, wie in vielen anderen Bildkompositionen, den Kontrast, der charakteristisch für Grenouilles krankes Genie ist, das beim Publikum abwechselnd Abscheu und Faszination auslöst. Die Dunkelheit des Kerkers, die feuchten Steinwände und der bräunlich-schmutzige Farbeindruck schaffen eine düstere, unheimliche Atmosphäre. Diese zieht sich durch den ganzen Film und war Regisseur Tykwer extrem wichtig. Die für das Szenenbild zuständigen Teammitglieder hatten alle Hände voll zu tun, die Oberflächen, die im Film zu sehen sind, in diesem Sinne zu modellieren. Nicht nur die Kerkermauern, auch Straßen und ganze Teile des Barrio Gótico 12 , das im Film das Paris der Aufklärung darstellt, mussten „entmodernisiert“ und gestaltet werden, um ein, wie Tykwer im Kommentar der DVD meint, „ständiges Gefühl von Feuchtigkeit und auch von Fäule“ 10 hervorzurufen. Der Anspruch auf Authentizität, den der Regisseur erhebt, wird besonders in der Szene von Grenouilles erstem Rundgang durch Paris deutlich. Eine der belebtesten Einkaufsstraßen Barcelonas abzusperren und komplett umzugestalten, hätte mit Studioaufnahmen und Computergenerierung vermieden werden können. Doch die Einbußen, die der Film dann in seinem Realismus und seiner unmittelbaren Intensität hinnehmen hätte müssen, veranlassten Tykwer und Eichinger wahrscheinlich, die Kosten in Kauf zu nehmen.
Überhaupt war es dem Regisseur ein zentrales Anliegen, so wenig wie möglich mit Computer zu animieren und alle Requisiten so realistisch wie möglich aussehen zu lassen, um an keinen Kostüm-oder gar Fantasy-Film zu erinnern. Keinesfalls wollte er auch Düfte in irgendeiner Weise mit digitalen Partikeln oder symbolischen Nebelschwaden, wie sie im Drehbuch teilweise noch vorkommen, visualisieren 10 . Der einzige häufiger angewandte digitale Effekt ist die Farbkorrektur, die in manchen Einstellungen die Wirkung von Braun- oder Grautönen noch besser hervorhebt. Die ganze Anfangsszene ist voller Hektik und Anspannung, denn die Schreie der Massen vor dem Gebäude sind schon seit Beginn des Filmes dumpf hörbar und üben so Einfluss auf Akteure und
9 Englisch: kalte Eröffnung. Szene, die noch vor dem eigentlichen Beginn des Films gezeigt wird.
10 Vgl.: „Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders“. Faszination der Düfte. Limited Edition, 2006, DVD 1,
Audiokommentare zum Film.
11 Ben Wishaw verkörpert die Rolle des Grenouille.
12 Altstadt von Barcelona, Spanien.
Kinozuschauer aus. Ironischer Weise stand zu diesem Zeitpunkt auch das Film-Team unter enormem Druck, denn das aufwendige Make-up des Statisten-Heeres und die Vorbereitung der Umgebung hatten zur Folge, dass täglich nur wenige Stunden gedreht werden konnte. Doch Tykwer bestand darauf, täglich aufs Neue jeden einzelnen Statisten schminken zu lassen und sicherzustellen, dass sich kein moderner Gegenstand in der Umgebung des Sets befand 10 . Entsprechend groß ist auch der Eindruck, den die Massen auf dem Platz bei Grenouilles Ankunft am Balkon auf den Zuschauer ausüben. Nicht nur die bereits erwähnten heruntergekommenen Requisiten, sondern auch das „Schmutz-Make-up“ sind wesentliche Merkmale, die den Eindruck des Filmes charakterisieren. Die wichtigste Rolle jedoch spielen, wie noch an mehreren Stellen im Film, die Komparsen, die ja schließlich Träger der Requisiten und des Make-ups sind. Der immense Aufwand, der betrieben wurde, um die große Zahl von Statisten zu „casten“ 13 und glaubwürdig mit Kostümen und Make-up auszustatten, zeigt, wie wichtig Tykwer der Realismus des Filmes war. Dabei legte er Wert darauf, Menschen zu finden, die auch auf Grund ihres charakteristischen Aussehens in die Zeit der Aufklärung passten. Zu sehen sind Marktfrauen in fleckigen Schürzen, Ruß verschmierte Knechte oder verschwitzte Soldaten mit faulen Zähnen, die schreiend und tobend warten, um Grenouille endlich zu Gesicht zu bekommen.
Dieser wirkt auf den Zuschauer im Kontrast dazu klein, misshandelt und fast schon Mitleid erregend, was von Tykwer zusätzlich durch einen Sturz hervorgehoben wird, der Grenouilles Bewacher dazu veranlasst, nur noch unbarmherziger an den Ketten zu zerren. Dennoch zeigt Grenouille die ganze Zeit über keine Regung und es scheint fast, als würde ihn sein Schicksal wenig kümmernentsprechend lässt er auch bei der Misshandlung durch Grimal oder seiner Untersuchung durch den Marquis keine Anzeichen eines Widerstandes erkennen. Gebückt und gehetzt wie ein wildes Tier steht er in Mitten grimmig dreinschauender Soldaten, während sein grausamer Tod unter öffentlicher Begeisterung proklamiert wird. Die Energie, die dabei in der Masse steckt, ist gleichermaßen beeindruckend wie ergreifend. Eine ähnlich dichte Atmosphäre soll auch im Theater bei Grenouilles Präsentation in Montpellier entstehen.
Nachdem am Ende der Urteilsverkündung die Kamera langsam bis kurz vor Grenouilles Nase gezoomt hat, fährt sie in einer grotesk wirkenden, computeranimierten Fahrt direkt hinein und der Titel des Filmes erscheint in der Schwärze. Kurz zuvor beginnt im Off die Erzählerstimme mit den ersten Zeilen des Romans. Auf den Erzähler greifen die Autoren noch häufiger zurück, um Dinge klarzumachen, die sich mit Bildern nicht oder nur sehr umständlich ausdrücken lassen, wobei zumeist direkt aus dem Roman zitiert wird. Gleichzeitig bildet der Erzähler das Bindeglied zwischen Tykwers Film und Süskinds Vorlage.
Im Buch werden zwar die Worte der Urteilsverkündung erwähnt 14 , die restliche Szene stammt allerdings aus der Feder der Drehbuchautoren. Sie gibt zu Beginn des Films bereits einen sehr deutlichen Eindruck von der Atmosphäre der Zeit und bettet Grenouille darin ein. Tykwer und sein Team schaffen es, wie beschrieben, mit Bildkomposition, Umgebung, digitalen Effekten, Geräuschen, Make-up, Neben- und Hauptdarstellern eine für das Paris des 18. Jahrhunderts repräsentative,
13 Englisch: besetzen. Fachausdruck für die Selektion von Schauspielern nach bestimmten Kriterien.
14 Vgl. Süskind P., Das Parfum, S. 291.
schmutzige und unangenehme Impression zu erzeugen. Auch die Musik spielt an vielen Stellen eine tragende Rolle - besonders bei Geruchseindrücken. In dieser Szene setzt sie allerdings erst beim erscheinen des Titels in der Dunkelheit von Grenouilles Nasenhöhle ein.
b) Verschiedene Abweichungen und Kürzungen
Bei einer Buchverfilmung stellt sich den Drehbuchautoren zu Beginn immer das Problem, wo gekürzt und geändert werden muss oder kann. Die Informationen, die ein Roman liefert, reichen oft für viele Stunden Film. Der Zuschauer darf aber nicht gelangweilt und das Budget nicht überstrapaziert werden, weswegen auch im „Parfum“ zahlreiche Veränderungen und Kürzungen vorgenommen wurden, von denen im Folgenden einige erläutert werden.
Grenouilles Geburt auf dem Fischmarkt, der Tod der Mutter, die Ammen sowie die Szene bei Pater Terrier wurden gekürzt oder weggelassen, da sie die Handlung eher aufhalten. Gerade zu Beginn eines Filmes ist es wichtig, dass er an Fahrt gewinnt und ein gewisses Tempo beibehält, da das Interesse eines Zuschauers sonst schnell verloren geht. Besonders achtete Tykwer darauf, dass der zentrale Moment in Grenouilles Leben, die Begegnung mit dem Mirabellen-Mädchen, vor der 20. Filmminute stattfindet, um eine gewisse Kontinuität im Verlauf des Filmes einhalten zu können 15 . Diese Kontinuität hätte auch gelitten, wenn man die Personen, die Grenouille ja doch nie lange begleiten, zu sehr vertieft hätte. Natürlich kann im Film ein Charakter auch eine gewisse Tiefe erlangen, wenn er nicht lange zu sehen ist, doch das erfordert ein großes schauspielerisches Talent. Das beste Beispiel dafür ist Giuseppe Baldini, meisterlich dargestellt vom zweifachen Oscarpreisträger Dustin Hoffman. Süskind lässt den alternden Parfumeur seitenlange Monologe halten und stellt dem Leser detailliert seine Gedankenwelt dar. Tykwer hingegen setzt darauf, dass allein die schrullige, etwas sonderliche Art, mit der Hofmann Baldini spielt, die Rolle charakterisiert.
Einen filmischen Trick wenden die Drehbuchautoren auch an, um zu visualisieren, wie Parfums aufgebaut sind. So wird von Baldini das System der „Vier Noten“ eingeführt. Die Erklärung, jedes Parfum hätte eine Kopf-, eine Herz- und eine Basisnote und darüber hinaus einen weiteren, tragenden Duft, macht es für den Kinobesucher zum einen ersichtlicher, wie Grenouille vorgeht, zum anderen stellt es die Wichtigkeit des letzten Dufts besonders heraus. Die Drehbuchautoren haben in dieser Szene sehr drauf geachtet, die Sprechweise Baldinis so erscheinen zu lassen, als wäre sie direkt aus dem Roman übernommen, was auch ein Anliegen in meinem eigenen Drehbuch darstellt. Bei Grenouilles Wanderung beginnt der zweite der vier Teile des Buches, welcher anteilsmäßig etwa ein sechstel ausmacht. Im Film werden für diesen zweiten Teil weniger als drei Minuten verwendet. Anfangs geht es um Grenouilles Leben auf dem Berg, wobei Süskind im Buch erwähnt, dass die herkömmliche Sprache nicht annähernd ausreicht, um zu beschreiben, was in Grenouilles Innerem vorgeht. Dementsprechend galt gerade diese Szene als absolut unverfilmbar. Natürlich hätte man mit Hilfe von aufwendigen Computeranimationen eindrucksvolle Bilder kreieren können, um Grenouilles Status als Gott der Düfte wenigstens zu symbolisieren, doch die Autoren haben sich wahrscheinlich
15 Vlg. Audiokommentare zum „Parfum“.
schon beim Schreiben des Drehbuchs dagegen entschieden. Die Gefahr der Lächerlichkeit spielte mit Sicherheit eine Rolle. Der Hauptgrund war aber wohl die Unmöglichkeit, dem Buch an dieser Stelle gerecht zu werden. Ob sie richtig gehandelt oder gerade das Herzstück des Romans übergangen haben, wurde viel diskutiert. Weniger umstritten ist die Kürzung des zweiten Abschnitts des zweiten Teils, mit dem sich meine Facharbeit befasst. Grenouilles Aufenthalt in der Höhle dauert im Film nicht sieben Jahre, sondern nur drei Wochen. Im Buch wird anschließend eine weitere Person, der Marquis de la Taillade-Espinasse, eingeführt, der Grenouille aber nicht direkt beeinflusst sondern eher aufhält. Der Aufenthalt in Montpellier ist nur eine Art Zwischenstation, bei der Grenouille einige Dinge lernt und den Beschluss fasst, ein „Liebes-Parfum“ herzustellen. Die Drehbuchautoren bauen die wesentlichen Inhalte des Abschnitts an anderer Stelle ein und verzichten so auf den Marquis und seine Theorien. In Grasse angekommen fallen dem aufmerksamen Zuschauer neben vielen kleinen neuen Szenen, die unter anderem die Beziehung zwischen Laure und ihrem Vater charakterisieren, besonders zwei Dinge auf. Zum einen verstreicht sehr viel weniger Zeit - während Grenouille im Buch erst zwei Jahre nach der Entdeckung von Laure ihren Duft raubt, beginnt er im Film schon sehr früh, Mädchen zu ermorden. Zum anderen handelt es sich nicht wie im Buch um 26, sondern „lediglich“ um 13, die Prostituierte mit eingerechnet, um 14 Morde. Tykwers spezielles Augenmerk lag allerdings auf der Hinrichtungsplatz-Szene. Mit ungeheurem Aufwand wurde inszeniert, was für Buch und Film gleichermaßen den Höhepunkt der Geschichte darstellt. Abgesehen von einigen Tricks, wie einem dazu erfundenen Taschentuch, das die Massen zum Umfallen bewegt, ist hier Tykwers Version des Bacchanals zu sehen, die, wie im nächsten Punkt behandelt wird, wenig mit Süskinds ursprünglicher Vorstellung gemeinsam hat. Der Schluss des Filmes hingegen hält sich ziemlich exakt an die Romanvorlage beschrieben ist und endet genauso abrupt und drastisch.
c) Grenouilles Psyche am Beispiel der Szene „Erstes Opfer“
Der letzte Punkt, der zum Film erläutert werden soll, ist die Psyche Grenouilles, denn die Drehbuchautoren trafen die Entscheidung, ihn nicht als gewissenloses Monster zu inszenieren, sondern ihm ein gewisses Maß an Menschlichkeit mitzugeben. Einen Hauptdarsteller als ganz und gar böse darzustellen wäre auch ein risikoreiches Unterfangen gewesen, denn wenn der Kinozuschauer keine Verbindung zu ihm aufbauen kann, schlägt sich das leicht in Ablehnung gegenüber dem ganzen Film nieder.
Im Buch ist klar zu erkennen, dass Grenouille das Mirabellen-Mädchen, sein erstes Mordopfer, vorsätzlich tötet, um an ihren Duft zu gelangen. Im Film wird jedoch die ganze Situation auf die Unbeholfenheit Grenouilles zurückgeführt. Auf dem einsamen Hinterhof, wo das Mädchen Mirabellen schneidet, ist es nicht die Absicht, ihr Leben auszulöschen, sondern einzig der Versuch, einen Schrei zu verhindern, der ihn dazu veranlasst, dem Mädchen die Hand vor den Mund zu halten und es so zu ersticken. In Ben Wishaws Miene ist deutlich Grenouilles innere Zerrissenheit zu lesen. Er wollte sie nicht töten, aber er will den Duft. Er entscheidet sich also, sie abzuriechen, bevor ihr Geruch ein für alle Mal verloren geht. Diese entscheidende Szene wird im Laufe der Geschichte noch
mehrmals verwendet - immer in Hinblick auf Grenouilles Inneres. Während Grenouilles Lehrzeit manifestiert sich in einem Traum das Bedürfnis zu lernen, wie ein Duft konserviert werden kann. In Erinnerung an seine Begegnung mit dem Mädchen erfasst Grenouille das Gefühl, das die gesamte Geschichte bestimmt: die Angst vor dem unwiederbringlichen Verlust eines Duftes. Das zweite Mal, als die Szene auftaucht, verwendet sie Tykwer ebenfalls als Alptraum, diesmal während des Bergaufenthalts. Das Mädchen scheint durch ihn hindurch zu schauen und ihn nicht wahrzunehmen, obwohl es direkt vor ihm steht. Deutlich wurde hier von Tykwer Grenouilles Erkenntnis der eigenen „Nichtexistenz“ auf olfaktorischem Gebiet dargestellt, die ihn in die größte Krise seines Lebens stürzt. Dass hierbei das Mädchen eine Rolle spielt, lässt erkennen, dass abgesehen von ihrem Geruch auch sie selbst eine Bedeutung für Grenouille hat, was im Buch nicht der Fall ist. Das letzte Mal ist das Mädchen beim Bacchanal am Hinrichtungsplatz zu sehen. In dem Moment, in dem er erkennt, dass er die Menschen nicht lieben, sondern nur hassen kann, kommen die Erinnerungen an den Moment, in dem er das Mädchen zum ersten mal gerochen hat, wieder auf. Er kreiert in seiner Fantasie einen alternativen Verlauf des Zusammentreffens und spinnt den Traum weiter bis zum angedeuteten Geschlechtsakt, der nicht von Gier und Verlangen getrieben, sondern einzig aus Liebe vollzogen wird. Er ist sich damit, in der Interpretation der Drehbuchautoren, vollkommen bewusst über sein Scheitern und wünscht sich selbst, es wäre anders verlaufen. Nicht der abgrundtiefe Hass auf die Menschen veranlasst ihn dazu, den Tod durch das Schwert des herbeieilenden Vaters seines letzten Opfers zu erhoffen, sondern die unerfüllte und unerfüllbare Sehnsucht. Grenouille verliert in diesem einen Moment alles was er hatte und gewinnt so an Menschlichkeit.
3. Detaillierte Betrachtung des Romanabschnitts „Grenouille beim Marquis de la Taillade-Espinasse“
Nachdem nun ein Überblick über die Handlung und eine Analyse des Films vorliegt, möchte ich im Detail auf die Szene eingehen, die das Kernstück meiner Facharbeit bildet. Dabei bearbeite ich die Geschichte, wie Süskind sie in seinem Roman erzählt.
Der Abschnitt beginnt bei Seite 176, also etwa in der Mitte des Buches. Grenouilles Erkenntnis über die eigene Geruchlosigkeit ist der Grund für das Verlassen des Berges, der sieben Jahre lang seine Zuflucht gewesen ist. Sein Zustand, der von Süskind in anschaulicher Weise beschrieben wird, ist grauenerregend, denn die entbehrungsvolle Zeit auf dem Berg hat ihre Spuren hinterlassen und nachdem einige Bauern bei seinem Anblick schon geflohen sind, schart sich beim Betreten der Stadt Pierrefort, unweit von Montpellier gelegen, eine Schaulustige Menge um ihn. Das allgemeine Interesse bringt ihn nicht nur vor den Bürgermeister und die höchsten Ämter der Stadt, die seine ausgedachte Geschichte, er wäre von Räubern gefangen gehalten worden, anstandslos entgegennehmen, sondern auch vor den städtischen Lehensherrn - den Mann, der sein Leben für die nächsten Wochen bestimmen wird. Sein Name ist Marquis de la Taillade-Espinasse und er ist ein exzentrischer Möchtegern-Wissenschaftler, der genug Geld, Zeit und Einfluss besitzt, um irrwitzige Theorien aufzustellen und diese, teils mit enormen finanziellen Aufwand, zu beweisen. Seine Person wird in
Abschnitt II.4. näher behandelt. Fast zwei Seiten verwendet Süskind dafür, die bisherige Geschichte des Marquis und seine grotesken Projekte zu beschreiben. Das erste wissenschaftliche Produkt des Marquis war eine Abhandlung über Nationalökonomie, in der er die Entlastung der Reichen und Belastung der Armen fordert. Deren Erfolg ist eine Anspielung auf das geringe Verständnis der Oberschicht für die Probleme der unteren Stände des damaligen Frankreichs und beruht mit Sicherheit darauf, dass die Leserschaft solcher Abhandlungen ausschließlich aus wohlhabenden Bürgern und Adeligen bestand. Von der Nationalökonomie wandte sich der Marquis einem weiteren Gebiet zu, auf dem sich zur Zeit der Aufklärung viel getan hat: der Kindererziehung. Der Marquis hat selbst mit großer Wahrscheinlichkeit keine Kinder und auch sonst wenig mit jungen Menschen zu tun, was darauf schließen lässt, dass es sich auch hier um ein Werk aus reinen Mutmaßungen und theoretischen Schlüssen handelt. Das dritte Projekt ist das wohl absurdeste. Im dem Bereich der Agrarbiologie wollte der Marquis die Käseproduktion revolutionieren, indem er Gras mit Stiersamen bespritzen lässt, um so ein Produkt zur Milchgewinnung herzustellen. Der Leser wird anschließend damit überrascht, dass eine wissenschaftliche Akademie den Geschmack des so hergestellten Produkts mit Ziegenkäse vergleicht. Über die näheren Umstände schweigt der Autor und so bleibt es im Ermessen des Lesers, sich auszumalen, ob der Marquis die Produktion manipuliert und das Komitee bestochen hat oder ob es sich bei letzterem um unfähige Pseudowissenschaftler handelt. Die Kosten werden schließlich als Grund für die Einstellung des Projekts angegeben, was die Vermutung nahe legt, dass es vom Marquis bezahlte Leute gibt, die um jeden Preis verbergen wollen, dass der alternde Adelige eigentlich kein Wissenschaftler ist - vielleicht sogar vor dem Marquis selbst. Gegenstand seiner neuesten Abhandlung ist das so genannte Fluidum Letale, ein aus der Erde entweichendes Gas, „welches die Vitalkräfte lähme und über kurz oder lang vollständig zum erliegen bringe“ 16 . Nach Meinung des Marquis ist es also für alle gängigen Krankheiten und Leiden verantwortlich. Grenouille kommt ihm hierbei wie gerufen, denn das abstoßende Erscheinungsbild wird schnell, in Einklang mit der neuen Theorie, durch den Aufenthalt in einer Höhle, also in Erdnähe, erklärt. Somit stellt er das perfekte Demonstrationsobjekt zum wissenschaftlichen Beweis der Behauptungen dar - und wirklich: in der Universität von Montpellier ist die geistige Elite der Umgebung beeindruckt von den fachmännischen Erläuterungen des Lehensherrn. Die Schilderung der einzelnen Narben und Missbildungen, die durch das Fluidum Letale entstanden sein sollen, zeigt, wie naiv die neue Theorie benutzt wird und wie realitätsfern der Marquis argumentiert. Die Anspielung auf die Unwissenheit der damaligen Bevölkerung und der Zwang mancher Menschen, ihre Behauptungen mit allen Mitteln zu beweisen, werden hier erstmals deutlich aufgezeigt. Danach wird Grenouille in einer kostspieligen, fünftägigen Kur im Beisein einiger Ärzte rundum versorgt - die humorvolle und übertrieben detaillierte Beschreibung seines Speiseplans lässt den Leser schmunzeln -und zumindest äußerlich zu einem durchschnittlichen Menschen gemacht. Mittel sind hierbei vor allem Hygienemaßnahmen, Kleidung und Schminke, also rein äußerliche Dinge. Nicht nur der Marquis ist erstaunt und gerührt von seiner eigenen Tat, sondern auch Grenouille ist verblüfft über die Wirkung, die seine Veränderung hat. Dennoch erkennt er, dass er noch mehr bräuchte, um wirklich wie ein Mensch zu wirken - vor allen Dingen einen Geruch. Diesen Geruch will er selbst
16 Aus: Süskind P., Das Parfum, S. 179.
kreieren und so verwendet er einen Trick, der die hinterlistige Intelligenz Grenouilles deutlich zeigt. Er täuscht einen Schwindelanfall vor, der den Marquis, der weniger um Grenouille als um den Fortbestand seiner Theorie besorgt ist, zutiefst schockiert, was auch zeigt, wie viel ihm an seinem Projekt liegt. Nachdem Grenouille schauspielernd als Begründung für seinen Anfall das Parfum aus bodennahem Veilchenwurzeln nennt, scheint dies dem Marquis logisch erklärbar mit seiner eigenen Theorie. Nur deshalb überlässt er Grenouille bereitwillig alle Mittel, um ein Parfum aus „erdfernen Ingredienzen“ 17 herzustellen. Dieser nutzt die Stunde in der fremden Parfumwerkstatt, um einen Versuch durchzuführen. Seine Erkenntnis der eigenen Geruchlosigkeit gepaart mit dem Wissen um die persönliche, unverkennbare Duftnote, die jeder normale Mensch verströmt, bringen ihn zu der Entscheidung, ein Parfum herzustellen, das nicht riecht „wie ein Duft, sondern wie ein Mensch, der Duftet“ 18 um sich so eine geruchliche Identität zu schaffen. Die Mittel sind hierbei extrem ekelerregend. Was er für den menschlichen Part verwendet ist dreckig, verwest oder unappetitlich, was bestens zu seinen Gefühlen gegenüber anderen Menschen passt. Über die verheerend riechende Brühe legt Grenouille dann schließlich noch den Duft eines durchschnittlichen Parfums. In geringer Dosis sind die ekelhaften Ingredienzien nicht mehr direkt erkennbar und nachdem er sich damit besprengt hat und die Werkstatt verlässt, erlebt er den größten Erfolg seiner bisherigen Laufbahn. Zum ersten Mal in seinem ganzen Leben, so wird Grenouille klar, wird er von den anderen Leuten beachtet. Er schlendert durch die Straßen und genießt es voller Stolz, als Mensch wahrgenommen zu werden. Er selbst hat das Gefühl, widerlich zu stinken, doch die Reaktionen seiner Mitmenschen zeigen, dass sie ihn akzeptieren. Doch die Freude ist keine gute Freude, sondern bösartig wie Grenouilles Natur. Als „schwarzer Jubel“ und „böses Triumphgefühl, das ihn zittern machte und berauschte wie ein Anfall von Geilheit“ 19 beschreibt Süskind Grenouilles Gefühle. Er ist nicht dankbar für das Geschenk, endlich zu riechen, für die Akzeptanz, die ihm die Menschen nun entgegenbringen. Er verachtet sie noch immer, vielleicht sogar noch mehr als zuvor, denn ihm ist nun bewusst, wie leicht er sie manipulieren kann. So viel Macht besitzt er plötzlich über die, die ihn sein ganzes Leben lang schlecht behandelt haben und das berauscht ihn. Dennoch: „Er war nicht von Sinnen. So klaren und heiteren Geistes war er, daß er sich fragte, warum überhaupt er es wollte.“ 20 Der Grund, den Grenouille sich selbst für sein Verlangen, die Menschen mit Hilfe von Gerüchen zu beherrschen, gibt, ist so banal wie erschreckend: „(…) weil er durch und durch böse sei.“ 21 Die Präsentation des neuen Grenouille vor wissenschaftlichem Publikum wird ein fulminanter Erfolg und die Menschen sind beeindruckt von der äußeren Veränderung. Massiver ist aber die Wirkung, die sein Parfum auf die Menge hat. Mit den Augen kann er sehen, wann sein imitierter Menschenduft die einzelnen Saalbesucher erreicht und welche Wirkung er auf sie hat. In den folgenden Wochen erlernt Grenouille verschiedene Fähigkeiten. Zum einen gewinnt er Sicherheit im sozialen Umgang, welcher ihm bisher größte Schwierigkeiten bereitet hat. Zum anderen lernt er, perfekt zu lügen. Beides ist von großer Wichtigkeit für seinen Plan und sein Vorankommen auf dem Gebiet der Parfümerie. Des Weiteren lernt er, wie Düfte die Menschen beeinflussen. Zunächst erkennt er die Wirkung, die sein Menschenparfum auf die
17 Aus: Süskind P., Das Parfum, S. 188.
18 Aus: Süskind P., Das Parfum, S. 191.
19 Aus: Süskind P., Das Parfum, S. 197.
20 Aus: Süskind P., Das Parfum, S. 199.
21 Aus: Süskind P., Das Parfum, S. 199.
Saalbesucher hat. Später kreiert er auch andere Gerüche, die ihn zum Beispiel Mitleid erregend, unauffällig oder beschäftigt erscheinen lassen. Er lernt die Dosierungen einzuschätzen und erkennt ihre Nützlichkeit zur Erreichung seiner Ziele.
Als er genug gelernt hat, verlässt er die Stadt heimlich, um nach Grasse zu reisen. Zwei ganze Seiten verwendet Süskind im Folgenden, um die Geschichte des Marquis nach dem Aufbruch Grenouilles bis zum Ende zu erzählen. Um dem vitalen Fluidum so nah wie möglich zu sein, besteigt der Adelige während eines Schneesturmes den höchsten Berg der Umgebung und wird nie wieder gefunden. Aber anstatt logisch den Tod des Marquis zu folgern, zieht seine Anhängerschaft nach mehreren erfolglosen Suchaktionen den Schluss, „er habe sich auf der Spitze des Berges mit dem ewigen Vitalfluidum vermählt (…)“ 22 Die Kritik des Autors, dass manche Menschen lieber weit hergeholten und unlogischen Geschichten glauben schenken, anstatt ihren Verstand zu nutzen, ist hier besonders gut zu fassen. Wie hartnäckig solcher Irrglaube sein kann schildert er auf der letzten Seite des Kapitels und damit des zweiten Romanabschnitts, denn laut Süskind gibt es in der Gegend noch heute Anhänger der fluidalen Theorie, die jenes Denkwürdige Ereignis feiern. Mit dieser und ähnlichen Anspielungen im Buch wird der Leser verunsichert und zum Nachdenken animiert.
Montpellier ist also der Ort, an dem Grenouille nicht nur lernt mit Menschen umzugehen und sie zu belügen, es ist auch gewissermaßen ein Ort der Entscheidung, der seine weitere Vorgehensweise begründet.
4. Kurze Analyse der Hauptcharaktere
a) Grenouille
Grenouille befindet sich zum Zeitpunkt seiner Ankunft in Montpellier in einer schwierigen Lebensphase. Ihm ist am Ende des Bergaufenthalts zum ersten Mal bewusst geworden, dass er keinen Geruch besitzt. Für seine eigenen Maßstäbe existiert Grenouille also nicht. Die Konfrontation mit der Ahnungslosigkeit über seine Identität und die daraus folgende Angst vor der eigenen Identitätslosigkeit bewegt ihn tief. Doch er besiegt seine Angst. Als Resultat trifft er die Entscheidung, dem erfüllten Leben auf dem Berg für immer zu entsagen. Er verlässt die Höhle um sein ursprüngliches Ziel, das Erlernen des Parfumeurhandwerks, weiter zu verfolgen. In Montpellier verhält sich Grenouille, wie schon seit seiner Kindheit, berechnend und zielstrebig. Der Autor verwendet immer wieder die Metapher vom Zeck, der lauert, sich versteckt hält und instinktiv handelt, um zu überleben. Letzteres wird ihm von Geburt an nicht leicht gemacht. Der Vergleich passt auch äußerlich, denn Grenouille geht geduckt, macht oft mehr einen animalischen Eindruck als einen menschlichen. Jegliches Liebesempfinden wurde durch die Abneigung, die ihm seine Mitmenschen seit der Geburt entgegenbringen, abgetötet. Dies lässt Grenouilles kaltblütige Handlungsweise ein wenig besser verstehen. Seine Unfähigkeit selbst zu lieben ist es auch, die ihn letztlich zur Verzweiflung bringt, denn sein ganzes Streben richtet sich ab der Mitte des Buches darauf aus, einen
22 Aus: Süskind P., Das Parfum, S. 200.
Duft zu erschaffen, durch den ihn die Menschen lieben. Die Szene in Montpellier ist eine wichtige Station auf dem Weg dorthin. Alles was er letztlich für seine Umwelt empfindet ist Verachtung, Hass und Ekel. Zu behaupten, Grenouille sei intelligent, wäre übertrieben, doch bezogen auf seine Bereiche, auf die Dinge, von denen er einen direkten Nutzen erhält, könnte er nicht geschickter handeln. Wie schon bei Baldini täuscht er auch hier den Marquis von Anfang an. Sein primäres Ziel ist die Resozialisierung, bei der ihm der Lehnsherr sehr behilflich ist. Als er den Plan fasst, sich einen Menschenduft zu kreieren, zeigt der gespielte Anfall, dass Grenouille grundsätzlich verstanden hat, worum es dem Wissenschaftler geht. Anstatt sich aber weiter damit zu befassen, spielt er die ihm zugewiesene Rolle exakt so lange, wie sie ihm nützt. Die Sicherheit und Routine, die er hierbei beim Reden, besonders beim Lügen erhält, ist für ihn dabei wichtiger als das angenehme Leben, das er führt. Für Grenouille zählt einzig und allein sein eigenes Fortkommen auf dem Gebiet der Gerüche.
b) Marquis de la Taillade-Espinasse
Seit er den Versailler Hof verlassen hat, widmet der Marquis de la Taillade-Espinasse seine Zeit einer Reihe von wissenschaftlichen Projekten. Dabei spielt sein Verlangen nach Fortschritt und wissenschaftlicher Anerkennung, vielleicht sogar über den Tod hinaus, eine große Rolle. Er selbst sieht sich als Wissenschaftler und fühlt sich der Suche nach neuen Erkenntnissen genauso verpflichtet, wie der vermeintlichen Aufklärung der Gesellschaft. Obwohl seine anfänglichen Versuche nicht über einen kleinen Kreis von Anhängern hinausgekommen waren, glaubt der Marquis, mit seiner Fluidal-Theorie den großen Wurf gemacht zu haben. Seine faszinierende Einbildungskraft, sein Einfluss und ein gewisser finanzieller Aufwand tragen dazu bei, dass nicht nur Laien, sondern auch die gelehrte Öffentlichkeit dem Täuschungsmanöver erliegt und niemand erkennt, dass die Veränderung Grenouilles in Wahrheit auf dem neu entwickelten Menschenparfum beruht. Der Marquis kann als satirisches Sinnbild der wissenschaftlichen Irrtümer in der Zeit der Aufklärung gesehen werden. Seine Lächerlichkeit führt dem Leser vor Augen, dass Menschen zur damaligen Zeit noch sehr unwissend und beeinflussbar waren. Hier wird auch die Parallele zu dem Feuerwerk am Beginn des Buches deutlich. Ludwig XV. stimmt mit prächtigen Raketen und Böllern die Pariser Bevölkerung ihm gegenüber positiv, obwohl er „den Höhepunkt seiner Beliebtheit längst überschritten hatte“ 23 . Mit Äußerlichkeiten beeinflussen beide Adeligen also gezielt die Menschen - was auch am Namen des Marquis deutlich wird. Französisch „taille“ bedeutet Schnitt, es handelt sich also um einen Schneider, der das Sprichwort „Kleider machen Leute“ sehr wörtlich nimmt 24 .
23 Aus: Süskind P., Das Parfum, S. 49.
24 Vgl. Kissler A., Leimbach C. S.: Alles über das Parfum. Der Film. Das Buch. Der Autor, München, Wilhelm Heyne Verlag,
2006 2 .
c) Gegenüberstellung
Das Verhältnis zwischen Grenouille und dem Marquis de la Taillade-Espinasse ist gekennzeichnet von dem jeweiligen Egoismus der Charaktere. Der Unterschied zwischen den beiden könnte dennoch nicht größer sein. Während Grenouille zur untersten gesellschaftlichen Schicht gehört und die Rolle eines Außenseiters einnimmt, genießt der Marquis als wohlhabender Adeliger große Reputation. Er nutzt seinen Einfluss, um seine Ziele zu verwirklichen. Grenouille wiederum nutzt den Marquis, um zu erreichen, was er anstrebt. Der Marquis braucht Grenouille zwar, um seine Theorie zu beweisen, sieht ihn aber lediglich als wissenschaftliches Objekt. Das wird besonders signifikant, als Grenouille den Anfall vortäuscht: die einzige Sorge des Marquis gilt dem Überleben Grenouilles bis zum Tage der öffentlichen Präsentation. Der Marquis steht hierbei in einer Reihe mit Madame Galliard, Grimal und Baldini, die allesamt Grenouille für ihre Zwecke ausbeuteten. Grenouille allerdings, zieht, wie auch bei den anderen genannten, seinen persönlichen Vorteil aus der Beziehung. Das Projekt des Marquis ist ihm vollkommen gleichgültig. Er hat die Posse ohnehin längst durchschaut. Das Verhältnis zwischen den beiden ist also rein vorteilsbegründet. Als Grenouille keinen direkten Nutzen mehr zieht, verlässt er den Marquis wieder, ohne sich irgendeiner Verpflichtung bewusst zu sein. Doch auch in der Handlungsweise unterscheidet sich der Marquis sehr von seinem Schützling. Er ist so überzeugt von der wissenschaftlichen Richtigkeit seiner eigenen Theorie, dass er sie absolut setzt. Damit begeht er einen folgenschweren Fehler, der letztlich zu seinem Tod führt. Der Marquis handelt also strikt nach aufgestellten Regeln, während Grenouille, im Kontrast dazu, in seiner animalischen Art keine Vorschriften braucht. Alles was er tut ist instinktiv.
III. Projekt der filmischen Umsetzung der Szene „Grenouille beim Marquis de la Taillade-Espinasse“
1. Notwendigkeit und Bedeutung der bearbeiteten Szene innerhalb des Films
Die Drehbuchautoren haben die Szene „Grenouille beim Marquis de la Taillade-Espinasse“ aller Wahrscheinlichkeit nach schon sehr früh ausgeschlossen, da sie auf den ersten Blick nur ein weiteres Hindernis darstellt, das Grenouille bei seinem Plan nicht viel weiter bringt. Dass die groteske Geschichte des skurrilen Wissenschaftlers und seiner aberwitzigen Theorien, wie bereits erörtert, nur der Rahmen für sehr viel wichtigere Ereignisse war, war den Drehbuchautoren wohl bewusst. Dennoch entschieden sie, sich an anderer Stelle damit auseinander zu setzten, denn zum einen sollte der Film, wie bereits erläutert, nicht zu langatmig werden. Zum anderen musste ein so genannter „Flow“ 25 erhalten bleiben, das heißt der Handlungsverlauf sollte kontinuierlich seinem Höhepunkt näher gebracht werden. Alle Fähigkeiten, die er sich während seines Aufenthalts erwirbt, besitzt er in gewissem Maße auch schon davor oder können mit dem Genie Grenouilles erklärt werden, was
25 Englisch: (Erzähl-)Fluss.
Tykwer und den anderen Drehbuchautoren die Möglichkeit gibt, einfach vorauszusetzen, dass sie sich im Laufe der Zeit entwickelten, ohne dabei größere Anforderungen an den Zuschauer zu stellen. Ähnlich sieht es mit dem hintergründlichen Inhalt des Kapitels aus. Die Entscheidung Grenouilles, den besten Menschenduft aller Zeiten herzustellen und so Macht über sie zu erlangen, hätte sich genauso gut beim Verlassen der Höhle oder bei seiner ersten Begegnung mit Laura herauskristallisieren können. Direkt wird sie im Film nicht angesprochen.
Süskind nimmt sich im Buch sehr viel Zeit, die Ironie des pseudowissenschaftlichen Aufklärertums im 18. Jahrhundert zu schildern. Durch die Kürzung und die Anpassung an den Gesamteindruck der Geschichte geht der größte Teil dieser Ironie in meinem Drehbuch, das eine Gratwanderung zwischen der notwendigen Ernsthaftigkeit und dem süskindschen Humor darstellt, genau wie in Tykwers Film verloren. Dieser meint dazu: „Ich glaube, wenn wir ständig versucht hätten, auch noch alles zu ironisieren, hätte das dem Film die Ernsthaftigkeit genommen, die er braucht, um die Obsessivität des Ganzen aufrechtzuerhalten.“ 26 Den Marquis nur teilweise ironisch darzustellen ist, wie Tykwer sagt, notwendig, um nicht ungewollte Heiterkeit beim Publikum auszulösen und damit die Stimmung des Films zu ruinieren. Doch Kompromisse sind grundsätzlich gefährlich bei künstlerischen Arbeiten. Es gilt die Devise: Entweder ganz oder gar nicht. Dass Tykwers Entscheidung die richtige war, lässt sich vor allem daran erkennen, dass bei all der Kritik, die am Film geübt wurde, kein einziger namhafter Kritiker beanstandete, dass der Marquis de la Taillade-Espinasse seinen Weg in Tykwers Film nicht geschafft hat. Alles, was an hintergründlicher Bedeutung der Szene verloren ging, wurde entweder einfach vorausgesetzt oder an anderer Stelle in die Handlung integriert. Damit gelang es den Autoren, wie noch an einigen anderen Stellen, zu kürzen, ohne der Handlung Abbruch zu tun - ein Kunststück, das ich in meinem Drehbuch versucht habe zu wiederholen.
2. Umstrukturierung der Szene unter Beachtung der von den Drehbuchautoren gesetzten Prioritäten
Genau wie die Autoren des Films versuche ich zwar, Süskinds Roman zu berücksichtigen und mit einzubeziehen, aber dennoch meine eigene, in Auseinandersetzung mit dem Thema entstandene, Interpretation der Geschichte wiederzugeben. Um dabei im Rhythmus des Films zu bleiben ist eine Umstrukturierung und Schwerpunktsetzung notwendig, die ich im Folgenden erläutern möchte. Im Film bleibt Grenouille nicht sieben Jahre auf dem Berg, sondern „nur“ drei Wochen, was auch seine Erscheinung nicht so eklatant beeinflusst, wie von Süskind beschrieben, und ihn eher wie einen Landstreicher aussehen lässt. Die erste Szene, die im Film geändert werden muss, ist also die Szene, in der Grenouille die Höhle verlässt und versucht, seinen eigenen Duft zu finden. Zu überlegen wäre hierbei, ob man ihn gut erkennbar darstellt, wie Tykwer, oder als Wesen in der Dunkelheit, für den Zuschauer nur zu erahnen. Letzteres hätte den Vorteil, dass der Effekt, den Grenouilles abstoßendes Äußeres auf den Zuschauer ausübt, bis zu seiner Untersuchung beim Marquis hinausgezögert und so
26 Tykwer in: Lueken V.: Die Dimension des Extremen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2006, Nr. 214, S. 39.
gesteigert wird. Als Landstreicher sieht er in Tykwers Film auch das erste Mal Laura, deren Duftspur
er nicht wie im Buch bei einem Rundgang durch Grasse, sondern auf der Straße in einer
vorbeifahrenden Kutsche erschnuppert. Die Szene könnte trotz des verlängerten Bergaufenthalts
inhaltlich so erhalten bleiben - mit dem Unterschied, dass Grenouille nach dem Aufenthalt beim
Marquis in seinem Äußeren an seine Mitmenschen angeglichen ist. Ganz im Gegensatz dazu wirkt er
bei seiner Ankunft in der Universitätsstadt Montpellier Furcht erregend. Das im Buch erwähnte Dorf
Pierrefort kann ohne Probleme übergangen werden. Dass er auf dem Weg dorthin Köhler und nicht
Bauern erschreckt, liegt nahe, da er diese im dunklen Wald überraschen kann, anstatt auf offenem
Feld , was die erschreckende Wirkung des „Waldwesens“ glaubwürdiger erscheinen lässt. Des Weiteren
beeinflusst die Menschenmenge, die Grenouille in Süskinds Geschichte bei seiner Ankunft in
Pierrefort umringt, die unheimliche Wirkung seiner Erscheinung, die an dieser Stelle entstehen soll,
eher negativ. Wenn er im Schatten der Nacht umherschleicht, ist es auch eher glaubhaft, dass er die
Nachtwache , die vielleicht gerade aus einer Schenke kommt, erschreckt. Dass ein so unheimliches
Wesen , das sich in dunklen Gassen umher treibt, inhaftiert wird, erscheint ebenfalls logisch. Wird das
Äußere Grenouilles erst bei der Untersuchung durch den Marquis direkt und bei Licht gezeigt, erzeugt
das eine gewisse Spannung beim Zuschauer, die, sofern Grenouille in den Szenen davor nur
undeutlich zu erkennen ist, bei der Verhaftung durch die Wachen ihre Wirkung voll entfalten kann.
Betrachtet man nun die Aspekte, die von Süskind in den Vordergrund gestellt werden, so fällt, wie
bereits analysiert, vor allem die Ironie auf, die Süskind in vielen kleinen, grotesken Situationen
durchscheinen lässt. Im Film muss die ironische Wirkung der ganzen Szene hintergründlich vermittelt
werden , um die Geschichte kontinuierlich voranzubringen. Hauptmedium ist hierbei der Darsteller
des Marquis. Doch auch mit Bildeindrücken lässt sich die Ironie gut vermitteln. Die anfänglichen
Beschreibungen der früheren Projekte des Marquis kosten zu viel Zeit. Stattdessen könnte man sein
pseudowissenschaftliches Interesse mit einer einzigen Einstellung verdeutlichen, die zudem noch
verwendet werden kann, um Grenouille in seinen Wirkungsbereich eindringen zu lassen. Der Marquis
m üsste hierbei tüftelnd an einer Maschine stehen, die aus heutiger Sicht ganz und gar sinnlos ist. Auch
die Instrumente, die er bei der Untersuchung von Grenouilles zerschundenem Köper verwendet,
k önnen eine beunruhigende Wirkung auf den Zuschauer üben, wie zum Beispiel in Tim Burtons
„Sleepy Hollow“ 27 zu sehen ist. Ihn auf einen Seziertisch zu legen, soll zusätzlich ein wenig über die
Absichten des verrückten Wissenschaftlers verunsichern und vielleicht sogar in die Irre führen, um
den Effekt, den das geschminkte und gepflegte Gesicht Grenouilles in der nächsten Einstellung
hervorruft , noch zu verstärken. Der Transport Grenouilles zum Palais des Marquis, der konkrete
Vorgang der Vitalkur sowie die erste Präsentation Grenouilles sind nicht notwendigerweise zu zeigen
und würden nur Flow nehmen. Die Idee, die Theorie des Fluidums, ähnlich wie beim System der
„Vier Noten“, mit filmischen Mitteln zu visualisieren, bestand anfangs, wurde aber verworfen, um den
Zuschauer nicht weiter zu verwirren und vom eigentlichen Thema des Films abzulenken. Viel
wichtiger war mir die extreme äußerliche Veränderung des jungen Parfumeurgesellen, die man auf die
Spitze treiben könnte, indem man ihn beim, im Buch beiläufig erwähnten, Tanzunterricht in
luxuri ösem Ambiente zeigt. Bei seiner Unterredung mit Grenouille spricht eine Güte aus der Haltung
27 „Sleepy Hollow“, USA, 1999.
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des Marquis, die sich erst auf den Zweiten Blick als Sorge um den Erfolg seines Projekts erschließt. Ein Parfum zu erstellen erlaubt er Grenouille nur, weil dieser sich dabei auf die Theorie des Fluidums beruft, was auch die Anfälligkeit für Schmeichelei andeutet, die bestens zur Person des Marquis passt. Den direkten Kontakt überlässt er hier, anders als im Roman, seinem Bediensteten. Die Person des Jaques habe ich vor allem als Bindeglied zwischen Grenouille und dem Marquis eingefügt und um die im ersten Abschnitt meiner Facharbeit analysierte Distanz, die zwischen den beiden herrscht, noch anschaulicher zu machen. Diese veranlasst den Marquis auch dazu, mit Grenouille in der dritten Person zu sprechen.
Die Kontraste zwischen schmutzig und sauber, arm und reich, gelangweilt und begeistert sollen überhaupt ein Charakteristikum des Aufenthalts in Montpellier sein. Zu Anfang wurde erläutert, wie Tykwer es schafft, ein unangenehm schmutziges Bild der sozialen Unterschicht zu erzeugen. Mit dem Palais des Marquis und der feinen Gesellschaft von Montpellier soll der Prunk des Adels demonstriert werden, der im Gegensatz zum Landadel von Grasse oder dem Atelier Pellesiers, von Dreck und Gestank überschattet wird. Viele Adelige benutzten damals lieber intensive Parfums und Schminke, anstatt hygienische Maßnamen zu treffen. Der Schmutz der Oberschicht in Montpellier steht im Kontrast zur absoluten Reinheit Laures, die ja bei ihrer zweiten Begegnung mit Grenouille direkt aus dem Bad kommt und spielt auch auf den Effekt der rein äußerliche Veränderung Grenouilles an. Nebenbei soll gezeigt werden, dass die Menschen, egal welchem Stand sie angehören, gleich empfänglich sind für das Medium des Duftes. Grenouille steht im Buch während des ganzen Vortrags, den der Marquis bei der öffentlichen Präsentation Grenouilles hält, auf einem Podest. Die Tricks und Manipulationen, die der Adelige zusätzlich zur Unterstützung seiner Theorie anwendet, ließen sich aber viel eindringlicher darstellen, indem er Grenouille wie einen Superstar auf dem Broadway präsentiert und dabei alle Mittel ausnützt, die man zur damaligen Zeit für Geld bekam. Die Rede ist von Theatereffekten, also Musik, Pyrotechnik und mechanischen Kurbeln, die Einfluss auf die Gesellschaft von Montpellier üben sollen, auf den Kinobesucher aber lächerlich und unbeholfen wirken. Dass die Szene in einem Theater spielt unterstreicht zusätzlich das Spiel, das der Marquis treibt und vermeidet die lange Sequenz, in der er seinen neuen Duft in der Stadt testet und herausfindet, was bei seiner Präsentation ohnehin deutlich wird.
Die Wirkung, die der Duft auf Menschen zeigt, wird in Tykwers Film für den Zuschauer vor allem mit einer neuen Szene verdeutlicht, in der Grenouilles vorgesetzter Geselle Druot wütend ist, weil dieser die ihm aufgetragene Arbeit noch nicht erledigt hat. Doch als er ihn gerade deswegen bestrafen will, ist im Bild ein Tropfen Duftessenz zu sehen, die an der Hand Grenouilles herunter läuft. Es wird deutlich, dass es dieser Tropfen „Mädchenparfum“ ist, der den eben noch rasenden Druot plötzlich zahm und freundlich werden lässt. Genau wie im Saal von Montpellier, nur sehr viel später, erkennt Grenouille und damit auch der Zuschauer, wie stark der Einfluss ist, den der Duft auf die Menschen ausübt. Wenn also Grenouilles eigentliche erste Erfahrung mit einem Menschenparfum vor der wissenschaftlichen Gesellschaft in Montpellier im Film vorkommen sollte, so würde die eben beschriebene Szene an Bedeutung verlieren und müsste, um eine Wiederholung zu vermeiden, herausgeschnitten werden. Die jubelnde Masse, die den Marquis und seine Theorie preist, gehorcht in Wirklichkeit dem parfümierten Grenouille. Am besten ließe sich das mit einem Trick darstellen, den
Tykwer auch später, bei der Massenszene am Hinrichtungsplatz, anwendet. Mit einem parfumgetränkten Taschentuch wird dem Kinozuschauer verdeutlicht, dass es der Geruch ist, der ein Einfluss auf die Menschen ausübt. Die konkrete Entscheidung, den besten Duft der Welt herzustellen und die Menschen damit zu beherrschen, passt am Ende der Szene im Theater perfekt und bildet den Übergang zu seinem Aufbruch nach Grasse. Dass er sich dabei nicht in einer Kirche befindet, bedeutet, dass der religiöse Aspekt außer Acht gelassen wird, was aber nicht weiter schlimm ist, da auch im restlichen Film Grenouilles Verhältnis zu Gott keine wesentliche Rolle spielt. Seine Zeit in Montpellier nach dem Auftritt, in der er im Buch ja eigentlich erst den Umgang mit Menschen und die Fähigkeit zu lügen erlernt, erscheint nach einem solchen Höhepunkt als eher unangebracht. Auch aus Zeitgründen könnte man, wie in Tykwers Version des Films, diese Fähigkeiten hier voraussetzten und gleich zu Grenouilles Weiterreise übergehen.
Betrachtet man den Tod des Marquis, so muss folgende Abwägung getroffen werden: Zum einen werden im Film wie im Buch, die Tode der Personen, die mit Grenouille zu tun haben, gezeigt. Zum anderen braucht die Geschichte von der Bergwanderung des Marquis zu viel Zeit und da das Fluidum ohnehin nur oberflächlich angesprochen wird, muss verkürzt werden. Den Tod von Madame Galliard schildert Süskind über Jahrzehnte hinweg, während Tykwer zwei Strauchdiebe benutzt, die ihr direkt im Anschluss an den Verkauf Grenouilles die Kehle durchschneiden. Dieses Ende ist mit Sicherheit ähnlich makaber, aber eben viel kürzer. Entsprechend bildet ein tobendes Gewitter den perfekten Übergang zur tobenden Menge im Theater und schwebend auf diesem Erfolg erkennt der Marquis nicht die Gefahr, die seine Theorie birgt. Die Flammen, die seinen Körper nach einem Blitzeinschlag restlos beseitigen, geben zusätzlich die Möglichkeit, seine Apotheose einzubringen. Die Erzählerstimme, die die Drehbuchautoren des öfteren verwenden, schildert auch in meinem Abschnitt mit den Worten Süskinds zwei Mal das Innere Grenouilles, das sich an den gegebenen Stellen nicht klar genug in Bildern ausdrücken lässt. Gleichzeitig leitet er zum Tod des Marquis über und vermittelt dabei noch ein bisschen von der Ironie Süskinds - wenn auch in komprimierter Form. Eine angenehme Erzählstruktur erhält die Szene von Grenouilles Aufbruch, indem durch Schaulustige im Hintergrund noch direkt auf den Flammentod des Marquis Bezug genommen wird. Die erfrischende Stimmung von Reinheit und Neuanfang, die am Morgen nach einem Sturm herrscht, vermitteln zusätzlich das Gefühl, dass der junge Parfumeur nun endlich mit seinem Projekt beginnt und stellen so die Bedeutung der Ankunft im farbenfrohen Grasse zusätzlich heraus. Dem aufmerksamen fällt Zuschauer zwar auf, dass die ganze Szene sehr viel weniger Ironie und Humor beinhaltet, als im Roman. Dies aber zu erzwingen, würde wohl nicht nur in Lächerlichkeit enden, sondern auch dem ganzen Gefühl des Films widersprechen. Seit der ersten Szene versucht Tykwer einen gewissen Eindruck zu vermitteln und den Zuschauer mit dem 18. Jahrhundert in all seiner Hässlichkeit und Abart zu konfrontieren. Die heile Welt des reichen Marquis und sein mysteriöses Ende bieten bereits einen so großen Kontrast, dass der Humor, mit dem Süskind beispielsweise die früheren Projekte des Marquis beschreibt, den Abschnitt eindeutig überladen würde.
3. Konzepterarbeitung zur filmischen Umsetzung
Grenouilles Auftritt im Theater von Montpellier stellt in vielerlei Hinsicht eine Kontrastszene zum Beginn des Films dar. Beide Male wartet eine Menschenmenge auf Grenouille. Beim ersten Mal ist es tobender Pöbel, beim zweiten Mal gelangweilte Adelige. Doch nur mit der Unterstützung seines Parfums schafft Grenouille es, beide für sich zu gewinnen - ohne Duft ist er machtlos. Anhand der zu Anfang analysierten Einflussfaktoren stelle ich nun die Umsetzung meiner Szene dar. Um zeitlich einen einigermaßen nachvollziehbaren Ablauf zu erhalten, sollte zuerst beachtet werden, dass Grenouilles Ankunftszeit in Grasse eine gewisse Rolle spielt, da Lavendel, der dort gerade geerntet wird, nur von Juli bis September blüht. Nimmt man auf Grund der filmischen Kürze der Szene an, dass der Aufenthalt Grenouilles beim Marquis nicht länger als drei Monate gedauert hat, muss Grenouille, um den Ablauf glaubwürdig erscheinen zu lassen, also im späten Frühling oder frühen Sommer zum Marquis gekommen sein. Einen Kontrast zum farbenfrohen Grasse herzustellen wäre sinnvoll und erreichbar durch eine regnerische, bewölkte und neblige Wetterlage. Dies würde auch den erschreckenden Effekt verstärken, den Grenouille anfangs ausübt. Auch durch schattenhaftes Gleiten in das Bild und aus dem Bild wird seine unheimliche Wirkung betont. Tykwer und sein Team haben lange überlegt, die Urteilsverkündung am Tag und das Bacchanal bei Nacht spielen zu lassen und entschieden sich erst im letzten Moment dagegen 28 . Um eine Mitte zwischen diesen beiden Szenen zu finden und gleichzeitig den vom Marquis betriebenen Aufwand noch hervorzuheben, könnte man die Präsentation Grenouilles auf den Abend verlegen und das Theater sowie die Grünanlage davor von hunderten von Fackeln erleuchtet zeigen. Zusätzlich verstärkt das den Eindruck, es handle sich weniger um ein wissenschaftliches Projekt, als vielmehr um ein unterhaltsames Abendprogramm für die feine Gesellschaft.
Das wichtigste Medium, um den ironischen Charakter des Abschnitts zu vermitteln - ohne dabei der allgemeinen Ernsthaftigkeit Abbruch zu tun - ist der Schauspieler, der den Marquis verkörpert. Wie bereits analysiert, trägt Dustin Hofmann mit seiner träumerisch schrulligen Art extrem dazu bei, die Rolle des Baldini zu definieren. Ähnlich soll es bei dem Marquis de la Taillade-Espinasse sein, dessen Charakter wegen der Kürze seines Auftritts ohnehin sehr viel flacher ausfällt, als von Süskind angedacht. Um einen Darsteller zu finden, der die Skurrilität des Rokoko-Wissenschaftlers passend umsetzt, wäre ein aufwändiges Casting zusammen mit einigen Probeaufnahmen oder, wie im Fall Ben Wishaws, pures Glück notwendig, weswegen ich an dieser Stelle nicht zu nahe darauf eingehen möchte. Zuzutrauen wäre diese Aufgabe vielleicht aber Robbie Coltrane, der in der Rolle des Hagrid in der „Harry Potter“ Reihe bekannt wurde. Egal welcher Schauspieler, er sollte in jedem Fall die Überzeugtheit von der eigenen Theorie und den fast kindlichen Tatendrang des Pseudo-Wissenschaftlers mit der ganzen schauspielerischen Haltung verkörpern. Er muss den anwesenden Leuten, nach meiner Interpretation, sowohl im Auditorium als auch bei Grenouilles Präsentation im Theater, so vorkommen, als würde er in seiner eigenen Traumwelt leben, während seine Bediensteten - verkörpert durch den von mir erfundenen Jaques - ständig und ernsthaft damit beschäftigt sind, ihn
28 Vgl. Audiokommentare zum „Parfum“.
nicht daraus aufwachen zu lassen. Grenouille selbst ist während seines Aufenthalts in Montpellier selbstsicher und zielstrebig, ohne sich von der Autorität des Marquis oder dem jubelnden Saal in irgendeiner Weise beeindrucken zu lassen. Seine oberflächliche Unbeholfenheit und Schüchternheit rühren einzig von seiner Intention her, den Marquis gezielt zu beeinflussen oder wie ein Zeck auf den richtigen Moment zu warten. Nach seiner Gefangennahme lässt er die Untersuchung mit sich geschehen, weil er bereits ahnt, Vorteile aus dieser Verbindung zu ziehen. Später, bei seinem ersten Test im Theater lächelt Grenouille kurz. Doch es ist nicht freundlich, sondern mit einem bösen Funkeln in den Augen, voll Gewissheit, den Menschen überlegen zu sein. Grenouille ist zufrieden, denn er hat mit wenigen Mitteln einen Triumph errungen, der ihn vorerst zufrieden stellt und er weiß, er könnte die Menschen dazu bringen, ihn noch viel mehr zu lieben. Es handelt sich um jenes Lächeln, das bei seinem Erfolg auf dem Hinrichtungsplatz fehlt.
Um passende Drehorte zu finden und die Genehmigungen dafür zu erhalten, waren Bernd Eichinger, Tom Tykwer und andere Mitglieder der Film-Crew mehr als ein halbes Jahr lang unterwegs. 29 Natürlich entstand ein Großteil der Aufnahmen am Set in München, doch gerade wegen der schwer zu imitierenden Großflächenarchitektur des 18. Jahrhunderts, verlegte man den Drehort oft nach Barcelona oder andere Städte Spaniens bzw. Frankreichs. Als Drehort für das Palais des Marquis eignet sich eigentlich fast jedes nicht allzu große Rokoko-Schloss, das sich auf dem Land befindet und einigermaßen im Originalzustand erhalten geblieben ist. Ein Beispiel hierfür wäre das Dornburger Rokoko-Schloss. Die Schwierigkeit besteht für die Filmemacher vor allem darin, dass Schlösser meist unter Denkmalschutz stehen und Veränderungen nicht so einfach möglich sind. Privatschlösser sind für die Dreharbeiten oft mit sehr viel weniger Problemen, aber sehr viel mehr Kosten verbunden. Für die Aufnahmen in Montpellier und seinem Theater müsste eine Stadt ähnlich wie Girona, wo die Aufnahmen für Grasse entstanden, gesucht und entsprechend der Zeit des 18. Jahrhunderts umgestaltet werden. In Spanien oder Portugal besteht wohl noch die größte Chance, eine solche Kulisse zu finden.
Ein Punkt der eine Schwierigkeit darstellt, ist das Make-up Grenouilles nach seinem Bergaufenthalt. Dieses in glaubwürdiger Weise für den Film umzusetzen, stellt ein Hindernis dar, das nicht unterschätzt werden sollte, denn seine Abscheulichkeit darf auf keinen Fall lächerlich erscheinen, was eine Herausforderung für die Visagisten darstellt. Das Publikum, der Marquis und auch Grenouille selbst nach seiner Revitalisierung sollten mit ihrer Schminke die Dekadenz der absolutistischen Adelsgesellschaft präsentieren und auf den Zuschauer, ganz im Gegensatz zur Geburtstagsgesellschaft Lauras, eher überladen wirken. Die Statisten müssen in die Förmlichkeiten des damaligen Adels eingewiesen werden und anfänglich ein unverhohlenes Desinteresse an der Wissenschaft zeigen. Dass es sich um einen rein gesellschaftlichen Anlass handelt, der nur auf Grund der Persönlichkeit des Marquis beachtet wird, ist der Hintergrund der Szene. Im Kontrast dazu muss die Massenwirkung beim Auftritt Grenouilles ähnlich intensiv wirken, wie bei der Urteilsverkündung am Anfang. Jedoch nicht zu extrem, um der Wirkung des Bacchanals am Hinrichtungsplatz keinen Abbruch zu tun.
29 Vgl. Audiokommentare zum „Parfum“.
Digitale Effekte sind zwar nicht unbedingt notwendig, doch könnte zumindest die Farbkorrektur die Unheimlichkeit Grenouilles oder die Stimmung im Theater zusätzlich hervorheben. Nur beim Tod des Marquis im Kirchturm muss wohl auf ein Modell mit CG 30 Hintergrund zurückgegriffen werden. Musik spielt eine doppelte Rolle. Zum einen untermalt ein im Film zu sehendes Streichquartett den Vortrag des Marquis in einer Weise, die an ein drittklassiges Stummfilm-Ensemble erinnert. Dieses bricht seine Darbietung aber unvorhergesehen ab, sobald Grenouille die Bühne betritt. In diesem Moment setzt das sehr viel subtilere und angenehmere Philharmonieorchester Tykwers ein, um den Duft, der nach und nach die Zuschauerreihen erfasst, zu visualisieren. Die Kraft, die Grenouilles finales Parfum auszeichnet, sollte dabei schon in Ansätzen spürbar sein, wenn auch lange nicht so intensiv wie auf dem Hinrichtungsplatz.
IV. Diskussion und Erfahrungsbericht
1. Eigene Erfahrungen beim Arbeiten mit Drehbuch und Storyboard
Bei einem Drehbuch, bzw. einem Storyboard handelt es sich ganz allgemein um Kreativarbeiten, was nicht nur bedeutet, dass keine exakten Regeln und Vorschriften zur Form bestehen, sondern auch, dass es keine festgelegten Vorgehensweisen gibt, die man beachten muss. Jeder Autor erarbeitet im Laufe der Zeit seinen eigenen Stil, der sich, je nach Projekt, auch ändern kann. Wie man eine Geschichte aufbaut und zur Verfilmung tauglich darstellt, kann man an einer Filmhochschule lernen. Dass ein Filmstudium aber nicht unbedingt notwendig ist, zeigt Tom Tykwer, der jahrelang als Filmvorführer gearbeitet hatte, bevor er auf die Produktion umstieg.
Grundsätzlich war ich in einer ähnlichen Ausgangslage wie Tykwer, als er begann Filme zu machen. Mein Wissen über Filme und ihre Entstehung ist auf Grund meines jahrelangen Interesses, hunderten von Filmen und dutzenden Dokumentationen bereits relativ groß. Zusammen mit meiner persönlichen Fantasie und Kreativität bedeutet das, dass ich bei einer Idee sehr schnell ein konkretes Bild im Kopf hatte, wie diese in einem Film umzusetzen wäre. Das einzig ernsthafte Problem war, meine Ideen geordnet auf Papier zu bringen.
Ich habe die äußere Form meines Drehbuchs an den im Buch zum Film 31 vorliegenden Abdruck angeglichen. Die Autoren geben dort durch viele Hinweise und Beschreibungen eine recht konkrete Vorstellung, wie der Film aussehen soll. Dementsprechend leicht fiel es mir, den Schreibstil weiterzuführen und zum Notieren meiner eigenen Ideen zu verwenden. Andere Drehbücher kommen damit aus, nur den gesprochenen Text und die Handlungsorte anzugeben. Dies wäre aber beim „Parfum“ bei weitem nicht ausreichend gewesen, da es sich um einen Film handelt, der sehr auf die erzählende Wirkung von Bildern setzt und wenig Dialog enthält. Die Erzählerstimme gab mir als Autor dabei das Gefühl, im Sinne des Buches zu schreiben und mich an Süskinds Vorgaben zu halten. Was mir persönlich beim Schreiben des Drehbuchs am eklatantesten aufgefallen ist, ist die Tatsache,
30 CG: computer generated, Englisch: Mit Computer erstellt.
31 Lueken V.: Das Parfum. Das Buch zum Film, Zürich, Diogenes Verlag, 2006.
dass man sich vor Beginn des Kreativteils extrem genau mit einem Thema befassen muss, um überzeugend schreiben zu können. Der Regisseur und Autor des Kinoerfolgs „The Sixth Sense“ 32 , M. N. Shyamalan, sperrt sich für die Drehbucharbeiten sogar mehrere Wochen in seiner Wohnung ein, um sich in seine Ideen vertiefen zu können und nicht von äußeren Einflüssen abgelenkt zu werden 33 . Die ersten Versionen meiner Analyse von Geschichte und Film waren erheblich länger als die vorliegende, mussten aber aus Gründen der Schwerpunktsetzung gekürzt werden. Dennoch glaube ich, dass es nicht sinnlos war, mich so genau mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben, denn wenn man die Intentionen der Geschichte erst vollkommen verinnerlicht hat und die Bildsprache des Films genau versteht, handelt es sich nur noch um das kreative Potential, das den Ausschlag für die Qualität des Erzeugnisses gibt. Natürlich musste an vielen Stellen nachgebessert und verändert werden, doch im Grunde waren es die Bilder im Kopf, die mein Drehbuch ausmachten.
Eine weitere Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass man mit seiner Arbeit viel besser vorankommt, sobald man seine Gedanken erst einmal zu Papier gebracht hat. Ich dachte lange Zeit, die Szene bereits vollständig im Kopf zu haben, doch kaum hatte ich sie abgetippt, eröffneten sich mir ganz neue Gedankengänge, die dazu führten, dass das Drehbuch bis zur vorliegenden Version noch viele Male verändert wurde. Dass bei einem Dreh aus praxisbedingten Gründen dennoch von den Vorgaben des Drehbuchs und des Konzepts abgewichen werden muss und nach Sichtung des Materials im Schneideraum fast in jedem Fall noch einige Szenen herausfallen bzw. ein Nachdreh stattfindet, ist nicht zu vermeiden.
Der Kürzungsprozess und die Umstrukturierung von Szenen wie dem Tod des Marquis waren immer durch logische Schlussfolgerungen begründbar. Eine Entscheidungshilfe bot oft die Analogie zum restlichen Film, die auch dafür verantwortlich ist, dass der Tod des Adeligen ins Drehbuch aufgenommen wurde. Die Ideen zur Umstrukturierung kamen mir meist spontan.
Ich persönlich fasse nun ein Drehbuch als Gerüst auf, das dem Projekt erst einmal Stabilität verleiht. Der Vergleich ist insofern passend, da ein Drehbuch, so glaube ich, einen Mittelweg finden muss: Es darf weder zu ungenau und locker sein, da sich der Leser sonst kein klares Bild von den Vorstellungen des Autors machen kann, noch darf es zu massiv sein und detailliert jede Einzelheit festlegen, da das kreative Potential der Film-Crew nicht unterschätzt werden sollte. Ein Drehbuch besteht allerdings nur aus Buchstaben. Um diese zur besseren Vorstellung zu visualisieren, verwendet man für viele Filme ein so genanntes Storyboard, mit dem der Regisseur oder Kameramann die konkreten Bilder, die sich in seinem Kopf gebildet haben, zu Papier bringen und so mit seinen Team-Kollegen über konkrete Materialien diskutieren kann. Auch hier gibt es keine einheitliche Form, doch es vereinfacht die Arbeit an einem Film mit Sicherheit ungemein, wenn bereits ungefähr klar ist, was am Ende des Drehs herauskommen soll. In meinem Fall handelt es sich um Skizzen der Anfangsszene, die einen kurzen Eindruck vermitteln sollen, was ich unter einem Storyboard verstehe und wie ein solches aussehen könnte. Jede einzelne im Drehbuch vorkommende Szene zu bebildern, ist eine Aufgabe, die auch das Können vieler Drehbuchautoren und Regisseure übersteigt, weswegen viele von ihnen auf professionelle Künstler zurückgreifen, die zusammen mit
32 „The Sixth Sense”, USA, 1999.
33 „The Sixth Sense”, 2000, DVD 1, Audiokommentare zum Film.
Kameraleuten das Script Schritt für Schritt durchgehen und passende Bildausschnitte und Einstellungen wählen. Um meine eigenen Vorstellungen in Leinwandformat auf Papier zu bringen, habe ich mir Blätter mit leeren Kästchen ausgedruckt. Das größere Viereck hat hierbei das Format 4:3, das kleinere entspricht der Kino-Bildbreite 16:9.
Meine Arbeit unterschied sich von der eines richtigen Drehbuchautors vor allem in der Hinsicht, dass der Film bereits bestand. Ich hatte im Gegensatz zu Tykwer und seinem Team Stilrichtung, Visualisierung und Drehbuch vorgegeben und verwendete das vorliegende Konzept für die Umsetzung der neuen Szene, die ich nach meiner eigenen Interpretation und Vorstellung gestaltete. Zurückblickend empfand ich die Aufgabe, ein Drehbuch für die Szene „Grenouille beim Marquis de la Taillade-Espinasse“ zu schreiben und ein Konzept zu erarbeiten zwar anspruchsvoll, aber interessant, abwechslungsreich und spannend.
2. Beurteilung der Drehbuchadaption des Buches und Diskussion über deren Gelingen
Was Andrew Birkin 34 , Bernd Eichinger, besonders aber Tom Tykwer und sein Team beim „Parfum“ geleistet haben, ist beachtlich. Seit der Veröffentlichung von Patrick Süskinds Roman wurde diskutiert, ob es überhaupt möglich wäre, das Buch, speziell Grenouilles Jahre auf dem Berg und das Bacchanal auf dem Hinrichtungsplatz, zu verfilmen. Genau diese beiden Punkte, die Auslassung der Bergszene und die Inszenierung der Orgie, wurden auch in allen großen Tages- und Wochenzeitungen ausgiebig diskutiert und kritisiert, wobei Tykwers Entscheidungen größtenteils auf Ablehnung stießen. Ich möchte hier nicht auf jeden einzelnen Kritikpunkt eingehen, sondern kurz allgemein meine eigene Meinung dazu formulieren. Die Orgie auf dem Hinrichtungsplatz, die aufwendigste Szene des Filmes, ist den Machern des Parfums in respektabler Weise gelungen - trotz starker Unterschiede zur Romanvorlage.
Diese Unterschiede, bzw. allgemein die Kompromisse, die im Film getroffen wurden, stellen aber auch meinen größten persönlichen Kritikpunkt dar. Die Psyche Grenouilles begründet sich bei Tykwer, wie bereits analysiert, nur auf die Sehnsucht nach Liebe. Das gewissenlose Monster Süskinds wurde im Film relativiert, um den Kinozuschauer nicht zu verschrecken. Es handelt sich also um einen Kompromiss, der, genau wie Grenouilles Aussehen, die Länge des Films und viele weitere kleine Unterschiede, darauf gründet, einen kommerziellen Misserfolg nicht zu provozieren. Der Druck der Investoren spielte dabei mit Sicherheit eine große Rolle, denn wenn der Film tatsächlich ein Kassenflop geworden wäre, so hätte das nicht nur dem Ansehen Tykwers und Eichingers geschadet, sondern womöglich auch viele Anleger vor Großinvestitionen in deutsche Filme abgeschreckt und das aufstrebende deutsche Kino negativ beeinflusst. Die Geschichte Süskinds wurde einigermaßen publikumswirksam verfilmt, allerdings mit einem gewissen künstlerischen Anspruch und ohne dabei dem Roman zu widersprechen. Man hat das Verdiente bekommen: einen Erfolg, aber keinen überragenden.
34 Einer der Drehbuchautoren des Films „Das Parfum“.
In mancherlei Hinsicht ist „Das Parfum“ allerdings sehr innovativ. Die Bernd Eichinger Produktion ist das aufwendigste Projekt, das je mit deutschen Mitteln und von einem deutschen Team produziert wurde und in seiner Bildgewalt, meiner Meinung nach, auch das beeindruckendste. Das Parfum ist einer der wenigen europäischen Filme, die sich ungeachtet ihres Herkunftslandes mit hochrangigen Hollywood-Produktionen messen können. Nur zu oft verkamen vermeintliche Historienverfilmungen zu lächerlichen Kostümstreifen, weil Flair und Realismus vollkommen fehlten und unzureichende Detailgenauigkeit und Recherche die Geschichte unglaubwürdig erscheinen ließen. Beim Parfum setzt Tykwer hingegen nicht auf absolutistische Adelskostüme, sondern auf das schmutzig abartige Flair des 18. Jahrhunderts, was meiner Meinung nach die größte Stärke des Filmes ist. Tykwer hat mit aufwendigem Make-up, Szenenbild und Casting den Eindruck von Intensität erzeugt, der bei Historienfilmen bisher selten in dieser Qualität zu sehen war.
„Das Parfum“ ist und bleibt ein Meilenstein der deutschen Filmgeschichte. Ungeachtet der Kritiken und Besucherzahlen gibt es eine große Zahl Menschen - mich eingeschlossen -, die begeistert waren, von dem, was Tykwer und sein Filmteam geleistet haben.
V. Literaturverzeichnis
PRIMÄRLITERATUR:
Süskind P.: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders, Zürich, Diogenes Verlag, 1994.
SEKUNDÄRLITERATUR:
Althen M.: Ich will doch nur, daß ihr mich liebt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2006, Nr. 214, S. 31. Bernsmeier H.: Lektüreschlüssel. Patrick Süskind. Das Parfum, Stuttgart, Reclam Verlag, 2005. Delseit W., Drost R.: Erläuterungen und Dokumente. Patrick Süskind. Das Parfum, Stuttgart, 2000. Frizen W., Spancken M.: Oldenbourg Interpretationen. Patrick Süskind. Das Parfum, München, Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH, 1998 2 .
Hoch J.: Um Nasenlänge verfehlt, in: Spiegel Online, Zugriff: 12.09.2006, http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,436380,00.html. Jenny U.: Sag niemals nie, in: Der Spiegel, 04.09.2006, Nr. 36. Jenny U.: Geld stinkt nicht, in: Der Spiegel, 25.09.2006, Nr. 39.
Katz S. D.: Die richtige Einstellung. Shot by Shot. Zur Bildsprache des Films, Frankfurt, Zweitausendeins Verlag, 1998 5 .
Kissler A., Leimbach C. S.: Alles über das Parfum. Der Film. Das Buch. Der Autor, München, Wilhelm Heyne Verlag, 2006 2 .
Körte P.: Du spürst kaum einen Hauch, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006, Nr. 36, S. 27.
Lueken V.: Die Dimension des Extremen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2006, Nr. 214, S. 39.
Lueken V.: Das Parfum. Das Buch zum Film, Zürich, Diogenes Verlag, 2006. Pauli H.: Der Raubzug eines Ruchlosen, in: Focus, 4.9.2006, Nr. 36, S. 76-78. Pauli H.: Durchbruch mit Taschentuch, in: Focus, 04.09.2006, Nr. 36, S. 80-82. Pauli H.: Essenz eines Erfolgs, in: Focus, 10.10.2006, Nr. 41, S. 146-152. Schardt F.: Interpretationshilfe Deutsch. Patrick Süskind. Das Parfum, Freising, 2001. Steinmetz R. et al.: Filme sehen lernen - Grundlagen der Filmästhetik, Frankfurt, Zweitausendeins Verlag, 2005 (DVD).
Wikipedia, Artikel: Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders, Zugriff : 10.01.2008 http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Parfum_-_Die_Geschichte_eines_Mörders
Arbeit zitieren:
Tobias Huber, 2008, Das Parfum: Grenouille beim Marquis de la Taillade-Espinasse – Eine im Film nicht verwendete Szene, München, GRIN Verlag GmbH
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