- 2 -ein beliebtes Erholungs- und Tourismusgebiet und bietet vielfältige Möglichkeiten für Wassersport und Freizeitgestaltung (Baden, Segeln, Tauchen, Angeln, Wandern, Radfahren, Golf und Tennis). Prolog (9-11)
Dieser Text beschreibt auf der Grundlage von geologischem Fachwissen die prähistorische Entstehungsgeschichte dieser Region. Man kann ihn als eine Art Genesis der märkischen Seenlandschaft auffassen, aber der Hinweis auf die "christliche Zeitrechnung" (10) ist wohl eher als Chiffre und zeitlicher Bezugspunkt gemeint und nicht als Anspielung auf einen Schöpfungsprozess nach christlicher Anschauung. Die Formkräfte dieser Landschaft sind nicht der Gott des biblischen Schöpfungsberichts oder Gestalten einer vorchristlichen Göttermythologie, sondern gewaltige Naturkräfte, die der Region ihre besondere Gestalt und ihren unverwechselbaren Charakter verleihen. Die Autorin befindet sich auf dem festen Boden seriöser wissenschaftlicher Forschung. Der Prolog hat keine Ähnlichkeit mit einem naiven Weltenenerschaffungsmythos, aber er erweckt doch so etwas wie Staunen und Ehrfurcht vor den gewaltigen Kräften der Natur und den enormen geologischen Zeiträumen, gegen die ein Menschenleben oder eine historische Periode der Menschheitsgeschichte wie ein winziger Augenblick erscheint. Von menschlichen Gestaltungskräften ist in diesem Abschnitt noch nicht die Rede. Die Natur formt sich vielmehr selbst und schafft durch diesen Akt der Schöpfung dem Menschen einen Lebensraum und die Grundlage seiner Existenz, die er durch seiner eigenen Hände Arbeit sichern muss. Eis und Wasser bilden aber nicht nur die Formkräfte der Erdoberfläche, sondern sie kommunizieren auch mit den Sand- und Gesteinsschichten in der Tiefe und dem Himmel in der Höhe. Wasser versickert im Boden und verdunstet in der Luft. Es entsteht ein Kreislauf "zwischen Himmel und Erde" (10), und in der Tiefenstruktur des Bodens, die sich allmählich herausbildet und die sich bis auf den heutigen Zeitpunkt erhalten hat, sammelt es sich und füllt die Rinnen. Die unveränderliche Tiefenstruktur des Bodens - Humus, Gesteinsschicht, grundwasserführende Sandschicht und schließlich blauer Ton - bildet als unterirdische, dem bloßen Auge nicht sichtbare Zwischenschicht das Bindeglied zu dem lange vergangenen geologischen Zeitalter, an dem sich das Wirken der natürlichen Formkräfte auch heute noch nachweisen lässt. Die wiederholt in die Gärtnerkapitel eingefügten Passagen hinsichtlich dieser Bodenstruktur bilden einen Teil des dichten Netzes von Bezügen, Hinweisen und Anspielungen, die mit symbolischer Bedeutung aufgeladen sind und ein wichtiges Merkmal dieses Romans darstellen.
Der Text bedient sich nicht - wie man erwarten könnte - einer sachlich-nüchternen, wissenschaftlich unterkühlten Fachsprache. Es handelt sich vielmehr vor allem um einen poetisch angehauchten Text, in dem durch konkret-anschauliche, bildhafte Metaphern das Eis als die charakteristische Formkraft dieser Zeit in seiner Gestalt und in seinem Wirken gleichsam anthropomorphisiert wird. Es nimmt die Züge eines gigantischen Schöpferwesens an, das "seinen riesigen kalten Körper" (9) voranschiebt und "die Felsbrocken unter sich allmählich rund" schleift (9). Das Gleiche geschieht mit dem Wasser als komplementärer Formkraft, das "unter den schweren riesigen Leib des Eises" (9) gleitet. Eis und Wasser arbeiten, formen, gestalten und ruhen sich aus, sie üben - in überdimensionierten Ausmaßen -
- 3 -Tätigkeiten aus, die ein wesentliches Grundmotiv des Romans bilden, lange bevor der Mensch selbst die Arbeit übernimmt, um seine eigene Existenz zu sichern. Auch ein zweites Grundmotiv klingt in diesem Text deutlich an: das Motiv des Werdens und Vergehens (10) und die Gewissheit, dass nichts von ewiger Dauer, sondern alles in ständigem Wandel begriffen ist. So veränderte die Sahara, einst eine wasserreiche Landschaft voller Leben, in der Neuzeit völlig ihr Aussehen und durchlief einen Prozess, der in nüchterner wissenschaftlicher Fachsprache "als Desertifikation bezeichnet" wird, "zu deutsch Verwüstung" (11).
In den erzählenden Texten nimmt die Autorin wiederholt den Gedanken der "Ewigkeit" auf (vgl. beispielsweise auf Seite 72 das Kapitel "Die Frau des Architekten", die davon träumt, dass ihr Mann "ein Stück Ewigkeit gekauft hat", aber erleben muss, dass diese "Ewigkeit ... ein Loch hat"). Und mit dem Begriff "Verwüstung" (11) schlägt sie bereits den Bogen zum "Epilog", wo das Haus am See abgerissen und dem Erdboden gleich gemacht wird, so dass "die Landschaft für einen kurzen Moment [auch hier schrumpft die Zeit zu einem Punkt] wieder sich selbst gleicht" (189), wie am Beginn des Schöpfungsprozesses, als die Erde in ihrem ursprünglichen Zustand noch wüst und leer war. Die Gärtnertexte
Die Gärtnertexte kann man hinsichtlich ihrer erzähltechnischen Funktion im Gesamtgefüge des Romans aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten:
Mann kann sie als Binnentexte verstehen, die in die handlungstragenden Romankapitel eingelegt worden sind, und als Zwischen- oder Scharnierstücke die Handlungsstränge miteinander verbinden bzw. als ein in die erzählenden Texte hineingeflochtenes und sie umschlingendes symbolisches Band, das dem Gesamtgefüge des Romans inneren Zusammenhalt verleiht. Man kann sie aber auch als Rahmentexte verstehen, die die Handlungsstränge umschließen und einfassen, bzw. als die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen überdauernden Beschreibungen von symbolhafter Zeitlosigkeit, die die Grundidee eines Lebens im Einklang mit der Natur im sich ständig wiederholenden und erneuernden Zyklus der Jahreszeiten veranschaulichen sollen. Die Gärtnertexte verdeutlichen die Notwendigkeit eines geschützten Raumes und eines lebenserhaltenden Nährbodens als Grundlage für den Schaffensprozess seiner Bewohner, in dem sie Entspannung und Erholung finden können. Wenn das Gleichgewicht dieses Lebensraumes durch die Umwälzung der politischen Verhältnisse ins Wanken gerät und die Spuren der Zerstörung sichtbar werden, stellen die Gärtnertexte die gestörte Ordnung wieder her. Die Trümmer werden beseitigt, und das Prinzip des Bewahrens und Erneuerns setzt sich wieder durch.
Der Gärtner ähnelt einer mythologischen Erhalterfigur. Er ist namenlos, nahezu stumm und hält sich abseits der menschlichen Gesellschaft auf. Seine Herkunft ist unbekannt. Er scheint in einer magischen Zwischenwelt zu leben und steckt voller unergründlicher Geheimnisse. Es scheint so, als sei er immer schon dagewesen und würde auch immer dableiben. Er kümmert sich aufopferungsvoll um das Stück Land und die Menschen am See, die ihm anvertraut sind, er denkt und handelt nicht nach seinem persönlichen Nutzen, sondern tut das, wozu er sich berufen fühlt. Er lebt im Rhythmus und im Einklang mit der Natur und beugt Zerstörung und Verderben vor. Er baut, repariert, erneuert und kultiviert, was zu verfallen und zu verwildern droht. Er pflanzt, sät, pflegt, schützt und erntet und ist selbst quasi zu einem Teil der Natur
- 4 -geworden, um die er sich kümmert.
Der Gärtner hat Einblick in die Tiefen des Erdreichs, in dem die Spuren des gewaltigen eiszeitlichen Formprozesses verborgen sind, wie z. B. die wellenförmige Sandschicht, in der "sich die Winde, die damals über das Wasser strichen, verewigt" haben (33). Er kann diese Spuren lesen, denn er stellt das menschliche Pendant eines mächtigen gestaltenden erdgeschichtlichen Formprinzips dar, das den Mikrokosmos der ihn umgebenden Natur formt und gestaltet. Er verkörpert nicht den Fortschritt, sondern das Bewahrende. Wie die Bienen, die er betreut, ist er unermüdlich emsig und fleißig. Er erntet und schleudert den Honig und zieht schließlich selbst ins Schleuderhaus, was seine Nähe zu ihrer Lebensweise symbolisch unterstreicht. Der Gärtner ist weniger ein Individuum, als vielmehr eine symbolhafte, Menschenleben und politische Systeme überdauernde abstrahierte Gestalt. Auffallend ist ferner die geheimnisvollen Beziehung zwischen dem Gärtner und der Dorfgemeinschaft, auf die bereits im ersten Satz des einleitenden Gärtnertextes indirekt hingewiesen wird: "Woher er gekommen ist, weiß im Dorf niemand." Die Bewohner des Dorfes bilden einen durch Aberglauben und Gerüchte am Leben erhaltenen Resonanzkörper, in dem das Geheimnisvolle und Rätselhafte, von dem er umgeben ist, gespiegelt und reflektiert wird. Er ist manchem Bewohner wegen seiner Schweigsamkeit "nicht ganz geheuer". Sie "vermuten Anflüge von Wahnsinn hinter der hohen Stirn" (29). Man munkelt dieses und jenes, es gibt Klatsch und Tratsch hinter der vorgehaltenen Hand. Er lässt niemanden in sein Haus, schirmt sein Innenleben nach außen sorgfältig ab und beflügelt auf diese Weise das Misstrauen und die Legendenbildung. Es ist bezeichnend für die Erzähltechnik der Autorin, dass der Gärtner im wesentlichen durch die Beschreibung seiner Tätigkeiten charakterisiert wird und die Dorfgemeinschaft vor allem dadurch, wie sie bestimmte Merkmale und Besonderheiten im Erscheinungsbild und Verhalten des Gärtners reflektiert und darauf reagiert. Die Bewohner des Dorfes erweisen sich in vielen Passagen des Buches von einer generationenüberdauernden Engstirnigkeit, die in abgeschwächter Form bis zum Ende des Romans erhalten bleibt. Die Autorin zeigt sich sachkundig und versiert in der Planung und Anlage einer Garten- und Parklandschaft. Indem sie einen später auftauchenden Gartenarchitekten als Sprachrohr benutzt, beschreibt sie detailliert die optische Wirkung von Licht und Schatten und den Eindruck, der sich durch den Wechsel von freien Flächen und dichterem Bewuchs und einer veränderten Betrachterperspektive ergibt. Die Beschreibung liest sich teilweise wie eine ins Poetische übertragene Anweisung zur Gartenpflege. Aus der Sicht der Grundsstücksbesitzer und -bewohner, die als Planer und Organisatoren der Landschaftsgestaltung auftreten, ist der Gärtner ein williges Organ der Ausführung, der Praktiker, der weisungsgemäß seine Aufträge erfüllt, indem er die natürlichen Gegebenheiten berücksichtigt. Vor allem der Architekt entwickelt als erster Hausherr ein klar umrissenes planerisches Konzept, in dem das Wirken des Menschen als Kulturträger gegenüber einer rohen, unbehauenen Natur hervorgehoben wird: "Die Wildnis bändigen und sie dann mit der Kultur zusammenstoßen lassen, das ist die Kunst, sagt der Hausherr." (38) In dieser Formulierung steckt der Hinweis auf eine der Grundthematiken des Romans: Ohne den regulierenden Eingriff menschlicher Tätigkeit droht die Natur in einen Zustand ursprünglicher Wildheit zurückzufallen. Darin ist aber auch eine Anspielung auf menschliche Anmaßung und Überheblichkeit enthalten und auf die Neigung des Menschen, sich die Natur untertan zu machen und ihre vermeintliche
Arbeit zitieren:
Hans-Georg Wendland, 2011, Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung, Teil I, München, GRIN Verlag GmbH
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