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Inhaltsverzeichnis
Einleitung 6
I Diskursanalyse - Theorie und Methoden 9
1 Diskurs als Gegenstand der Linguistik 9
2 Diskursanalyse - gängige Verfahren 18
2.1 Historische Semantik 19
2.2 Argumentationsanalyse 20
2.3 CDA - Kritische Diskursanalyse 22
3 Linguistische Diskursanalyse - neuere Ansätze 25
3.1 Mediendiskurs als Rollenspiel 25
3.2 DIMEAN 29
4 Zusammenfassung 34
II Erklärte Sicherheiten? Eine Prototypentheorie sozialer
Ordnung (und ihre Grenzen) 36
1 Amoklauf - wissenschaftlicher Diskurs und öffentliche Debatte 36
1.1 Psychologie 37
1.2 Soziologie 42
1.3 Pädagogik 45
1.4 Medien- und Kommunikationswissenschaft 47
1.4.1 Exkurs: soziale Ordnung/Kontrolle 48
1.4.2 C. Beyer: Der Erfurter Amoklauf in der Presse 52
2 Ein normaler Mittwoch in Winnenden - die Korpusanalyse 62
2.1 Wahl und Beschaffenheit des Korpus 62
2.2 Erfurt und Winnenden - Einführung 63
2.3 Fokus der Analyse 72
2.4 Diskursanalytische Ergebnisse 75
2.4.1 Fassungslosigkeit und gekehrte Straßen - Konsens der Betroffenheit 76
2.4.2 Aus der Gesellschaft gefallen - Der Täter 90
2.4.3 Balanceakt - Die Verantwortung 101
2.4.4 offener Diskurs 110
3 Zusammenfassung - Vom erklärenden zum erklärten Diskurs 119
III Schlusswort 124
Anhang 128
Literaturverzeichnis 136
5
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Intratextuelle Ebene nach DIMEAN
Abb. 2: Akteurebene nach DIMEAN
Abb 3: Transtextuelle Ebene nach DIMEAN
Einleitung
[…] unsere Gesellschaft will in dem Kranken, den sie verjagt oder einsperrt, nicht sich selbst erkennen; sobald sie die Krankheit diagnostiziert, schließt sie den Kranken aus. Die Analysen unserer Psychologen und Soziologen, die aus dem Kranken einen von der Norm Abweichenden machen und den Ursprung des Krankhaften im Anomalen suchen, sind […] vor allem eine Projektion kultureller Themen. In Wirklichkeit drückt sich eine Gesellschaft in den Geisteskrankheiten, die ihre Mitglieder aufweisen, positiv aus, gleichviel, welchen Status sie diesen krankhaften Formen verleiht […] (Foucault 1968: 97-98)
Selbst zum Schweigen gebracht, selbst ausgeschlossen, hat der Wahnsinn den Wert einer Sprache, und seine Inhalte empfangen ihren Sinn aus dem, was ihn als Wahnsinn herausstellt und abweist. (Foucault 1968: 121-122)
Am Vormittag des 11. März 2009 betritt Tim Kretschmer gegen 09:30 Uhr seine ehemalige Realschule in Winnenden. Bewaffnet mit einer aus dem väterlichen Waffenschrank gestohlenen Pistole eröffnet er unvermittelt das Feuer auf seine früheren Mitschüler und Lehrer. Neun Menschen werden getötet, neun weitere schwer verletzt. Nach Eintreffen der Polizei kommt es zu einer mehrstündigen Flucht, mehreren Schusswechseln und sechs weiteren Opfern. Die auf absurdgroteske Weise einem schlechten Action-Film entnommen wirkende Szene endet gegen 13:00 Uhr mit dem Suizid des Amokläufers. Sieben Jahre nach Erfurt richtet ein weiterer Jugendlicher ein Blutbad in seiner ehemaligen Schule an. Nur Monate später soll es im Bayrischen Ansbach zu einem ähnlichen Vorfall kommen.
Ereignisse dieser Art evozieren ob ihrer erschreckenden Gewaltsamkeit und scheinbaren Irrationalität ein enormes öffentliches Interesse. Im Zentrum der vor allem in der medialen Berichterstattung stattfindenden Diskussion steht in erster Linie die Frage nach dem Warum einer solchen als extrem und unwirklich wahrgenommenen Tat. Der damit einsetzende Prozess gesellschaftlicher Kommunikation, so die grundlegende Annahme, dient vor allem einem - der Erklärung für jene „Heillose Tat“ [40], die allem Anschein nach einen radikalen Bruch mit jenen Grundfesten sozialer Ordnung darstellt, die unsere Gesellschaft unter dem Stich- wort Normalität subsumiert.
Zunächst „Alles Mitgefühl für die Opfer“ [35]. Aber „Warum?“ [101]. Schon klar: „Nach Amoklauf keine eiligen Schlüsse ziehen“ [129]. Was stimmt mit diesen Kindern nicht? Ist das „[…] normal“ [91]? „Auffallend unauffällig“ [50] sitzen „Junge Männer ohne Erfolg im bürgerlichen Leben“ [60] „Stoned vor dem Schirm“ [3], spielen „[…] gewalttätige Videospiele“ [41] und drehen irgendwann, „Getrieben vom Hass auf alle“ [37], einfach durch. Oder war es doch nur „Die Tat eines Frauenhassers“[73]? Es schlägt jetzt „Die Stunde der Experten“ [139]. Längst hat man erkannt „Niedersachsen ist Schlusslicht bei Schulpsychologen“ [74]. „Rufe nach mehr Schutz für Schulen“ [40] werden wieder laut. Die „Angst vor den Schützen“ [19] wächst. Hier ist von politischem Handlungsbedarf die Rede, dort ist man sicher: „Kein Gesetz hätte diesen Amoklauf verhindern können“ [48]. Einig ist man sich letztlich nur in einem Punkt: „Winnenden: Eine Tat, aus der man nicht klug werden kann“ [86].
In Anlehnung an eine Untersuchung Christoph BEYERs zum Amoklauf in Erfurt von 2004 und ihr zugrunde liegenden Überlegungen Michel FOUCAULTs und Jürgen LINKs besteht die zentrale These dieser Arbeit darin, dass Ereignisse wie der Amoklauf eines Schülers in der Öffentlichkeit stets auf Grundlage eines gesellschaftlichen Bewusstseins von Normalität und Abweichung verhandelt werden. Vor allem BEYERs Arbeit hat dabei wichtige Ansätze dafür geliefert, inwiefern die mediale Berichterstattung zu einer solchen Gewalttat als Teil einer diskursiven Praxis beschrieben werden kann, deren Funktion gerade darin besteht, jene Kate-gorien sozialer Ordnung zu tradieren, zu bestätigen oder gar erst zu definieren, welche den entsprechenden Diskurs letztlich tragen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die mediale Berichterstattung zum Amoklauf in Winnenden unter der von BEYER vorgegebenen Perspektive näher zu beleuchten und somit die Beschreibung von Form und Funktion jenes Diskursmusters fortzuführen. Anderseits soll hinsichtlich der vornehmlich textuellen Präsenz des Gegenstandes in der medialen Öffentlichkeit ein spezifisch sprachwissenschaftliches Interesse im Zentrum der Untersuchung stehen. Unter der Annahme, dass sich der Gegenstand der Arbeit, also das Wissen und Denken um den Amoklauf im Kontext gesellschaftlicher Normalität, vor allem über Sprache realisiert, lautet die zentrale Frage: Wie und mit welchen sprachlichen Mitteln werden der Amoklauf und seine Umstände in der Öffentlichkeit wahrgenommen und dargestellt?
Grundlage der Untersuchung ist ein Korpus von Pressetexten, die über einen Zeitraum von etwa drei Wochen nach dem Ereignis gesammelt wurden. In Hin- sicht auf die theoretischen und methodischen Vorgaben einer solchen Analyse
sollen dabei auch die Möglichkeiten und Grenzen diskurslinguistischer Verfahrensweisen im Allgemeinen sowie hier im Einzelfall diskutiert werden. Im ersten Teil der Arbeit soll zu diesem Zweck der aktuelle Stand der Diskursanalyse im Allgemeinen sowie der Diskurslinguistik im Speziellen thematisiert werden. Anschließend gilt es, den theoretischen Zugang zum Gegenstand und die Fragestellung näher zu beleuchten. Im Zentrum der Arbeit stehen letztlich die Analyse des Korpus sowie deren Ergebnisse.
I Diskursanalyse - Theorie und Methoden
Was verstehen wir eigentlich unter Diskurs, wenn wir ihn unter fachwissenschaftlicher Perspektive in den Blick nehmen? Wie im Folgenden zu zeigen ist, stellt der Diskurs weder einen spezifisch linguistischen Gegenstand dar, noch kann in diesem Zusammenhang von einem allgemein scharf konturiertem Konzept gesprochen werden. Obwohl der Begriff einleitend schon nahezu selbstverständlich gebraucht wurde und dieser vor allem in den letzten Jahren mit steigender Popularität Einzug in diversen wissenschaftlichen Fachbereichen gefunden hat, muss hier zunächst genauer darauf eingegangen werden, welches Verständnis des Gegen-standes sowie der damit verbundenen theoretischen und methodischen Maßgaben vorliegt. Zu Beginn der Arbeit soll aus diesem Grund dargestellt werden, in welcher Form der Begriff des Diskurses aktuell im Bereich der Sprachwissenschaft Anwendung findet. Gleichsam soll dabei auf einige Probleme im Zusammenhang mit diesem Konzept hingewiesen werden. Abschließend gilt es speziell in Hinsicht auf die vorliegende Untersuchung zu klären, welche Aspekte neuerer Dis-kurstheorie und der verschiedenen diskursanalytischen Ansätze sich praktikabel auf die Analyse des vorliegenden Materials anwenden lassen.
1 Diskurs als Gegenstand der Linguistik
Was also ist Diskurs? Und wie lässt sich ein solcher Gegenstand methodisch erfassen? Kaum ein anderes theoretisches Konzept hat in den letzten Jahren eine ähnliche Popularisierung innerhalb sprachwissenschaftlicher Untersuchungen erfahren und wurde hinsichtlich seiner definitorischen und methodischen Klärung dabei so umfangreich diskutiert, wie das des Diskurses und der Diskursanalyse. U.a. sind es vor allem Ingo H. WARNKE und Jürgen SPITZMÜLLER, die in ihren 2007 und 2008 erschienen Werken zur Diskurslinguistik allgemein (WARNKE 2007: Diskurslinguistik nach Foucault) sowie zur methodischen Erschließung des Diskurses in der Sprachwissenschaft (WARNKE/ SPITZMÜLLER 2008: Methoden der Diskurslinguistik) einen anhaltenden Klärungsbedarf bezüglich der aktuellen Verortung des Diskursbegriffes in der
Linguistik reklamieren und gleichsam zu decken versuchen. So konstatiert WARNKE (2007) etwa:
Mit Diskurs ist ein Begriff gegeben, dessen Differenziertheit und damit ver-bundene Unklarheit kaum größer sein könnte. Im wissenschaftlichen und alltagssprachigen Zusammenhang in unterschiedlichem Verständnis gebraucht, im Verlauf der europäischen Sprachgeschichte mit verschiedenen Bedeutungen assoziiert, als Terminus mit differenten Richtungen der Literatur-, Sprach- und Kommunikationswissenschaften verbunden, vermittelt Diskurs alles andere als Klarheit einer wissenschaftlichen Theorie, Konzeption oder Methode. (WARNKE 2007: S. 3)
Wie hier schon anklingt, ist die problematische Unklarheit bei der Verwendung des Diskursbegriffes ein Umstand, der sich nicht allein für den aktuellen Gebrauch des Konzepts in der Linguistik feststellen lässt. Peter SCHÖTTLER (1997) merkt in diesem Zusammenhang schon deutlich radikaler an, der Diskurs sei heute
[…] ein Allerweltsbegriff geworden, den man fast schon wie eine abgenutzte Münze in die Hand nimmt, ohne ihn näher zu betrachten. […] Kein Oberseminar mehr ohne Diskurs. Aber auch kein Feuilleton mehr ohne Diskurs, keine Volkshochschule, keine Talk-Runde, kein Juso-Ortsverein. […] Man muß sich fragen, was diese neue Vokabel im wissenschaftlichen und politischen Alltagsgebrauch zu bedeuten hat. (SCHÖTTLER 1997: S. 142)
Dies hat mehrere Ursachen. Zum einen begründet sich das im Begriff selbst, der ausgehend von seiner ursprünglichen Bedeutung (lat. discursus „Erörterung, Mitteilung“ von lat. discurrere [discursum] „auseinanderlaufen, ausbreiten, mitteilen, erörtern“; vgl. KLUGE 2002: S. 204) über die Zeit hinweg auf unterschiedliche Weise terminologisch vereinnahmt wurde bis hin zum Eingang in die Alltagssprache, wo er nahezu synonym mit dem Begriff der ‚Diskussion‘ im Sinne eines ‚Hin und Her von Gesprächsbeiträgen‘ verwendet wird.
Seit dem 16. Jahrhundert wird der Begriff häufig in der Bedeutung ‚wissenschaftliche Abhandlung‘ verwendet (vgl. WARNKE 2007: S. 3). Die argumentative Struktur einer solchen Textsorte mag der Anknüpfungspunkt für den amerikanischen Distributionalisten Zellig HARRIS (1952) gewesen sein, der den Terminus Diskurs Mitte des 20. Jahrhunderts erstmals für die Sprachwissenschaft fruchtbar macht und damit auf die Konnektivität sprachlicher Elemente oberhalb der Wort- und Satzebene hinweist (vgl. HARRIS 1963: S. 4). In der Folgezeit gewinnt der Text als strukturelle Größe innerhalb der Sprachwissenschaft mehr und mehr an Bedeutung. In Verbindung mit dem von HARRIS hier formulierten
Konzept der connected speech und sicherlich auch über die allgemeinsprachige Konnotation des Diskursbegriffes im Sinne einer ‚Diskussion‘ bzw. der auf einen Gegenstand gerichteten Abfolge sprachlicher Äußerungen wird der Begriff zum Ende des 20. Jahrhunderts dann mehr und mehr als Gegenstandsbezeichnung in
der Konversationsanalyse gebraucht 1 . Unter anderem Konrad EHLICH und Jo-
chen REHBEIN tragen den Diskursbegriff von hier aus in den Bereich der Funktionalen Pragmatik und richten den Blick dabei auf Sprache im Kontext institutioneller Kommunikation (vgl. EHLICH/REHBEIN 1994: S. 316). Obwohl Diskurs hier noch als interpersonelle Kommunikationsstruktur verstanden wird, die zwar nicht zwingend in Form einer face-to-face-Kommunikation vorliegen muss, doch aber als unmittelbare Interaktion zwischen zwei oder mehreren Gesprächspartnern gedacht wird, werden in der Funktionalen Pragmatik bereits mehrere Aspekte betont, die für das später sich etablierende Diskursverständnis von großer Bedeutung sind. Vor allem wird hier die Leistungsfähigkeit der Sprache, Wissen zu tragen, betont und in dieser Bedeutung als wichtiges Organisationsmittel innerhalb komplexer Formen gemeinschaftlichen Handelns hervorgehoben (vgl. ebd.: S. 320-321). Diskurs, so könnte man zusammenfassen, stellt hier eine kommunikative Struktur dar, in der über sprachliches Handeln Wissen verhandelt, d.h. vermittelt und/oder generiert wird, um gewisse gesellschaftliche Zwecke zu prozessieren (vgl. ebd.).
Mit der Abgrenzung vom Text unternimmt die Funktionale Pragmatik den Versuch, den Diskurs als nächst größere sprachliche Struktureinheit zu etablieren, setzt ihn dabei jedoch größtenteils mit den Bezugsgrößen ‚Dialog‘ oder ‚Gespräch‘ gleich, ohne die nähere Spezifik dieser Konversationsformen zu erläutern, welche den Gebrauch des Terminus Diskurs bedürften. Bis hierhin bleibt der Diskurs weiterhin eine kaum klar konturierte Größe innerhalb sprachwissenschaftlicher Theoriebildung.
Ein verbindendes und heute nahezu als verbindlich anzusehendes Moment bezüglich des Diskursbegriffes in der Linguistik ergibt sich erst aus den Erfordernissen jener sprachwissenschaftlichen Arbeiten, deren Ziel es ist, sprachliche Struktureinheiten auf transtextueller Ebene jenseits interpersoneller Kommunikation zu beschreiben. Hier zeichnet sich ein Trend ab, der in anderen geisteswissenschaft-
1 vgl.Text- und Gesprächslinguistik/Discourse and Conversation. Handbücher zur Sprach- und Kommunika- tionswissenschaft. Bd. 16. 1. Halbbd. 2000. 2. Halbbd. 2001.
lichen Fachbereichen wie der Soziologie oder der Philosophie schon seit den achtziger Jahren um sich greift (vgl. WARNKE 2007: S. 6). Es findet eine breite Rezeption der schon Ende der sechziger Jahre entstandenen Diskurstheorie des französischen Philosophen, Soziologen, Psychologen und Historikers Michel FOUCAULT statt. Seine Überlegungen zur Erfassung und Beschreibung kommunikativer Strukturen als begrenzbare und regelhaft gebildete Einheiten innerhalb allgemeiner sozialer Interaktion, werden in den folgenden Jahren zum Standard zahlreicher textorientierter Korpusanalysen. Um zu verdeutlichen, welches neue Erkenntnisinteresse sich mit dem Diskurskonzept FOUCAULTs verbindet und inwiefern sich Diskurs dabei absetzt von anderen kommunikativen Größen, soll kurz auf die zentralen definitorischen Grundbausteine des Diskurses bei FOU-CAULT eingegangen werden.
Einer der wohl meist zitierten Sätze FOCUAULTs aus der „Archäologie des Wissens“ (1969) beschreibt den zentralen Gegenstand seiner Untersuchungen als […] eine Menge von Aussagen […], insoweit sie zur selben diskursiven Formation gehören. Er bildet keine rhetorische oder formale, unbeschränkt wiederholbare Einheit, deren Auftauchen oder Verwendung in der Geschichte man signalisieren (und gegebenenfalls erklären) könnte. Er wird durch eine begrenzte Anzahl von Aussagen konstituiert, für die man eine Menge von Existenzbedingungen definieren kann. (FOUCAULT 1981: S. 170)
In dieser Form definiert FOUCAULT eine Größe innerhalb der sozialen Interaktion/Kommunikation, die, insofern sie sich erfassen und beschreiben lässt, Aufschluss über das System gesellschaftlichen Wissens und Denkens innerhalb einer bestimmten Epoche geben kann. Wie der Titel es bereits andeutet, ist es die Perspektive des Archäologen, aus der FOUCAULT der Form und den Bedingungen von Wissen über einen Gegenstand innerhalb einer sozialen Gemeinschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt nachspürt. Stark simplifiziert könnte man sich den Prozess, in dem FOUCAULT sein Konzept des Diskurses verortet, als einen Kreislauf kommunikativer Verhandlung von Wissen vorstellen. Gegenstände (Ereignisse, Sachverhalte, Objekte etc.) evozieren dabei innerhalb einer sozialen Gemeinschaft, für die sie eine gewisse Relevanz besitzen, Aussagen. Diese Aussagen sind ihrerseits determiniert durch den gegebenen Bestand an gesellschaftli- chem Wissen, so dass der Gegenstand über die Aussagen, dessen Referenzobjekt
er ist, in Bezug zu diesem Wissen gestellt wird, darin verortet wird bzw. gegebenenfalls neues Wissen entsteht.
Kenntnisse, philosophische Ideen und Alltagsansichten einer Gesellschaft, aber auch ihre Institutionen, die Geschäfts- und Polizeipraktiken oder die Sitten und Gebräuche verweisen auf ein implizites Wissen, das dieser Gesellschaft eigen ist. […] aber erst dieses Wissen macht es möglich, dass zu einer bestimmten Zeit eine Theorie, eine Meinung oder eine Praxis aufkommt. (FOUCAULT 2001: S. 645)
Die diskursbildenden Elemente, welche sich jeweils zu voneinander abgrenzbaren Formationen zusammenfassen lassen, benennt FOUCAULT als Aussagen. Unter der Annahme, dass Diskurse nicht lediglich als Korpora beziehungslos nebenei-nander stehender kommunikativer Handlungen beschreibbar sind, sondern ebenfalls als kommunikative Prozesse verstanden werden können, definiert FOU-CAULT die Aussage als
„[…] ein letztes, unzerlegbares Element, das in sich selbst isoliert werden kann und in ein Spiel von Beziehungen mit anderen ihm ähnlichen Elementen eintreten kann.“ (ebd.: S. 116)
Diese erste, noch relativ offene Bestimmung FOUCAULTs, was der Diskurs sei, ließe sich in dieser Form nahezu eins zu eins als Arbeitsdefinition einer linguistisch orientierten Diskursanalyse übersetzen. Tatsächlich ist eine gewisse Affinität zur Sprachwissenschaft in dieser ersten Phase diskurstheoretischer Überlegungen bei FOUCAULT unübersehbar (vgl. RADEISKI 2009: S. 10-11). Setzt man die Aussage im Sinne FOUCAULTs mit einer sprachlichen Handlung gleich, so wäre der Diskurs denkbar als linguistisch beschreibbare Struktur des Sprechens (oder Schreibens) über Gegenstände innerhalb einer Gemeinschaft zu einer bestimmten Zeit. In vergleichbarer Form beschreibt FOUCAULT Diskurse auch als „Praktiken […], die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ (FOUCAULT 1981: S. 74).
Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass eine solche Gleichsetzung von Aussage und Äußerung nur unzureichend erklären kann, worum es in der FOUCAULT’schen Diskurskonzeption geht. So definiert FOUCAULT seine Aussagen bspw. nicht anhand ihrer Struktur, sondern spricht von Existenzbedingungen, welche ihnen zugrunde liegen (vgl. ebd.: S. 126). Man findet Aussagen ohne legitime propositionelle Struktur; man findet Aussagen dort, wo man keinen Satz erkennen kann; man findet mehr Aussagen, als man Sprachakte isolieren kann.“ (ebd.: S. 122)
Es wird deutlich, dass der Diskurs nicht einfach auf verbale Kommunikation reduziert werden kann. WARNKE und SPITZMÜLLER (2008: S. 5) sprechen hier von der Gefahr der Unterspezifiziertheit bei der theoretischen Erfassung von Diskursen und verweisen darauf, „dass der Diskurs anders als die Struktur des Wortes oder des Satzes eine komplexe Morphologie besitzt, die über das Sprachliche weit hinausgeht“ (ebd.). Wenn FOCAULT von Diskursen als Praktiken spricht, so reduziert er dieses Handeln nicht auf ein rein sprachliches. Institutionen, Sitten und Gebräuche u.v.m. als Ausprägungen einer nonverbalen Kommunikation sind ebenso Teil des Diskurses wie der Gebrauch sprachlicher Zeichen oder visueller Kommunikate.
Es bleibt zu fragen, -inwieweit sich der Diskurs unter diesen Maßgaben einem rein linguistischen Zugang überhaupt öffnet. FOUCAULT ist sich der Tatsache durchaus bewusst, dass ein solch komplexer Gegenstand sich auf Grundlage einer einheitlichen Methodik und unter Berücksichtigung nur einer Dimension seiner Existenz nicht direkt erschließen lässt. Aus diesem Grund nimmt er selbst eine maßgebende Einschränkung im Zusammenhang der Diskursanalyse vor. All diese Praktiken, Institutionen und Theorien behandle ich auf der Ebene von Spuren, und das heißt fast immer auch von sprachlichen Spuren.“ (FOUCAULT 2001: S. 645)
Aus linguistischer Perspektive ergibt sich hier ein wesentlicher Anknüpfungspunkt zur theoretischen und methodischen Erschließung des Diskurses. Wenn wir Diskurs als gesellschaftliche Praxis begreifen, einen konstruktiven Prozess der Welterfassung, motiviert durch Wissen und den Willen zu wissen, der nicht ausschließlich über Sprache realisiert wird, sondern vielmehr im Zusammenspiel unterschiedlichster Handlungen besteht, so muss davon ausgegangen werden, dass das, was FOUCAULT Diskurs nennt, auf der Ebene einer Art gesellschaftlicher Tiefenstruktur stattfindet und dem wissenschaftlichen Zugriff nur in Form jener Dokumente entgegen kommt, welche sich an der Oberfläche als Ausdruck dieser Handlungen materialisieren. Schon für FOUCAULT waren sprachlich manifestierte Dokumente zumindest in der ersten Phase seiner diskurstheoretischen Überlegungen die deutlichsten Spuren des Diskurses. Dies mag vor allem daran liegen, dass jenes implizite Wissen einer Gesellschaft, welches sowohl Grundlage als auch Resultat diskursiver Praxis ist und dem FOUCAULTs Interesse galt, dort am einfachsten zu erschließen ist, wo es explizit bzw. wortwörtlich lesbar wird - in
sprachlichen Zeugnissen. Dem Text, auch wenn er nur als einer von vielen verschiedenen Bausteinen des Diskurses gelten kann, wird nach wie vor eine besondere Stellung innerhalb der unterschiedlichen medialen Erscheinungsformen des Wissens bzw. der Kommunikation von Wissen eingeräumt. Betrachtet man […] Texte nicht isoliert und statisch, sondern dynamisch im Kontext von Diskursen, dann erscheinen sie als Ausgangspunkt bzw. Zwischenstation eines Prozesses rekursiver und wechselseitiger gesellschaftlicher Produktion und Rezeption. Dieser Prozess der Wissensdistribution, -trans-formation und -innovation bildet die Grundlage für eine inzwischen weltweit konvergierende textuell basierte Evolution des Wissens. […] Texte machen Wissen sichtbar! (ANTOS 2007: S. 42)
WARNKE und SPITZMÜLLER sprechen in diesem Zusammenhang von der textuellen Positivität (2008: S. 16) des Diskurses und kreisen damit DEN zentralen Angriffspunkt der Diskursanalyse in der Linguistik ein. Gleichsam verweisen sie damit auf ein gewisses Grenzbewusstsein im Zusammenhang mit der linguistischen Diskursanalyse. Auch wenn Diskurse über ihre sprachliche Materialität zu großen Teilen zugänglich gemacht werden können, so muss immer auch bedacht werden, dass die Analyse von Texten jeweils nur ein Beitrag zur Analyse des Diskurses als multimediales und multidimensionales Phänomen sein kann. Dies bedeutet auf der einen Seite, den Gegenstand gemäß den fachspezifischen Erfordernissen zu verengen, ohne dabei jene Elemente zu leugnen oder im Wert zu schmälern, welche außerhalb des Zugriffbereiches der jeweiligen Disziplin liegen (ebd.: S. 9). Auf der anderen Seite soll hierbei auch für gewisse Grenzen des möglichen Erkenntnisgewinns sensibilisiert werden. Gemeint ist damit das gewisse Mehr des Diskurses (ebd.: S. 16), welches noch über die mediale Unschärfe der Diskurspositivität hinaus geht. Schon FOUCAULT fragte nicht allein nach der Beschaffenheit und Lesbarkeit des Diskurses, sondern vor allem nach den Bedingungen, welche das gesellschaftliche Handeln und damit den Diskurs determinieren. Fokussiert auf das gesellschaftliche Wissen kommen daher bald auch die „handelnden Individuen und Gruppen in den Blick“ (WENGELER 2003: S. 80). Mehr und mehr richtet FOUCAULT hierbei den Blick auf die äußeren Bedingungen des Diskurses, d.h. wie und in welcher Form Subjekte und Institutionen auf den Diskurs einwirken und dabei gewisse Machtstrukturen bei der Konstitution gesell- schaftlichen Wissens beschreibbar werden.
Für FOUCAULT bedeutet die Untersuchung von Diskursen immer auch die Untersuchung von Macht. Denn Macht strukturiert Diskurse, sie lässt manche wahrscheinlicher sein als andere, sie legitimiert sich mittels Diskurse. (REISKY 2002 [PDF]: S. 5)
Damit verlässt FOUCAULT die Ebene der Betrachtung, auf der Diskurs als selbstständige strukturelle Größe gesellschaftlicher Kommunikation gedacht wird, dessen Beschreibung sich zunächst der Regelhaftigkeit innerhalb des Diskurses und den Beziehungen zwischen den Aussagen an sich verpflichtete, und begibt sich auf ein nahezu ausnahmslos sozialwissenschaftliches Terrain, wobei nicht mehr die Beschreibung von Wissensbeständen und deren Verhandlung an erster Stelle stehen, sondern vielmehr Strategien und Machtverhältnisse als Form und Bedingung gesellschaftlicher Praxis von Interesse sind, welche ihrerseits die Diskurse bestimmen. (vgl. WENGELER 2003: S. 80 f.) Vor allem vor dem Hintergrund des im FOUCAULT’schen Gesamtwerk sehr zentralen Aspektes der Macht als diskursbestimmende Kategorie hat sich eine breite Diskussion über die generelle Leistungsfähigkeit einer linguistischen Diskursanalyse ergeben. Insbesondere im Zusammenhang mit den Arbeiten der noch zu besprechenden Kritischen Diskursanalyse ist zu fragen, welche Aussagen eine in den meisten Fällen korpusbasierte Textanalyse über die jeweiligen Diskursakteure, deren Handlungsmotivation und Machtverhältnisse etc. machen kann. Hier gilt deutlich zu differenzieren, wo die Grenze zwischen objektiver Soziolinguistik und mehr oder weniger subjektiver Gesellschaftskritik liegen.
Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass keineswegs behauptet werden kann, durch die aktuell sehr populäre Bezugnahme auf FOUCAULT hätte sich eine konsistente und einheitliche Theorie des Diskurses ergeben, der eine irgendwie verbindliche Standarddefinition und darauf aufbauend konkrete methodologische Verfahrensweisen entnommen werden könnten. Vielmehr erlaubt sich FOU-CAULT selbst - entsprechend seinem philosophischen Naturell - eine gewisse Freiheit des Denkens, in dem er sich einer terminologischen Exaktheit ebenso versagt, wie einer unumstößlichen Konsequenz bei der Beschreibung dessen, was er als Diskurs wahrnimmt. „Nicht nur wegen der ‚suggestiven Unbestimmtheit‘ […] Foucaultscher Überlegungen […]“, so merkt Martin WENGELER (2003) mit Verweis auf Karlheinz STIERLE (1979) an
[…], sondern auch aufgrund der Entwicklungen in seinem Werk und unterschiedlicher Forschungs- und Erkenntnisinteressen, die seiner Rezeption zu Grunde liegen, wird der Diskurs-Begriff in verschiedener Weise aufgegriffen und für unterschiedliche Zielsetzungen in Anspruch genommen. (WENGELER 2003: S. 77)
FOUCAULT selbst verweist diesbezüglich auf den prozessualen Charakter seiner Werke, wobei diese nicht als Definitionspapiere oder unterschiedliche Perspektivierungen einer irgendwie präformulierten Theorie verstanden werden können, sondern lediglich Wegemarken der Entwicklung auf dem Weg zu einer Theorie darstellen, bei der die Erfassung des Gegenstandes eben das Ziel und nicht der Ausgangspunkt sei.
Ich schreibe nur, weil ich noch nicht genau weiß, was ich von dem halten soll, was mich so sehr beschäftigt. So daß das Buch ebenso mich verändert wie das, was ich denke. Jedes Buch verändert das, was ich gedacht habe, als ich das vorhergehende Buch abschloß. (FOUCAULT 1996: S. 24)
Es erscheint wichtig darauf zu verweisen, dass es keineswegs das Ziel diskursanalytisch orientierter Arbeiten sein kann, DAS Verständnis von Diskurs zu erarbeiten, welches zukünftig unter Berufung auf FOUCAULT interdisziplinär uneingeschränkt Geltung beanspruchen kann oder DIE korrekte Lesart des FOU-CAULT’schen Gesamtwerkes darzustellen, welche es allen Anschein nach kaum geben kann. Gleichsam wie es für andere Gegenstände wissenschaftlicher Betrachtung - etwa dem Text in der Sprachwissenschaft - gilt, muss auch im Zusammenhang mit dem Diskurs in Anspruch genommen werden können, dass unterschiedliche und divergierende Perspektivierungen eines Konzeptes durchaus legitim sind. So lässt sich in vielen Arbeiten auch beobachten, dass die oft als Mangel deklarierte Unklarheit des Diskursbegriffes, sei es allgemein oder in Hinsicht auf die theoretische Fundierung FOUCAULTs selbst, sich dann als Freiheit erweist, wenn es darum geht, das Konzept auf das jeweilige Erkenntnisinteresse und den entsprechend gewählten methodischen Zugang hin anzupassen. Wenn auch FOUCAULT eine maßgebende Inspirationsquelle für den aktuell gebräuchlichen Diskursbegriff darstellt, so kann ihm keine verbindliche Norm abgelesen werden, der es konsequent Rechnung zu tragen gelte. Bei der folgenden Dar- und Gegenüberstellung verschiedener diskursanalyti- scher Ansätze, wie sie in Folge der Rezeption FOUCAULTs entstanden sind, soll
aus diesem Grund auch nicht das Ziel darin bestehen, lediglich Vor- und Nachteile abzuwägen, vorhandene Ansätze abzuqualifizieren und letztlich ein Modell herauszukristallisieren, welches allgemein angemessen erscheint. Da Theorie und Methode immer am aktuell vorliegenden Untersuchungsgegenstand gemessen werden müssen, soll vielmehr die Frage gestellt werden, in welchem Verständnis und mit welchen methodischen Vorgaben sich das der Arbeit zugrunde liegende Material zielgerichtet erfassen lässt, ohne dabei jedoch in Unterspezifiziertheit oder Übergeneriertheit zu geraten, wie WARNKE und SPITZMÜLLER (2008) die sogenannten Fallen der Diskurslinguistik benennen. Darüber hinaus soll jedoch auch die Differenz zwischen theoretischem und methodologischem Ideal und dem realen Leistungsvermögen einer immer nur begrenzten Korpusanalyse unter fachspezifischer Perspektive im Zusammenhang der Diskurslinguistik in die Betrachtung mit einbezogen werden.
2 Diskursanalyse - gängige Verfahren
In der jüngeren Sprachwissenschaft können mehrere Ansätze linguistischer Diskursanalyse unterschieden werden, die in unterschiedlicher Weise das Diskursverständnis FOUCAULTs aufgreifen. Entsprechend den unterschiedlichen Perspektiven bei der Rezeption und der bereits beschriebenen Offenheit des FOU-CAULT’schen -Diskurskonzeptes kommt den verschiedenen Aspekten der Dis-kurstheorie dabei eine zum Teil weit divergierende Gewichtung zu. Resultierend daraus haben sich nicht nur verschiedene, z.T. konkurrierende Lesarten FOU-CAULTs ergeben, sondern vor allem stark divergierende methodische Ansätze. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen im Folgenden die aus hiesiger Sicht prominentesten Richtungen linguistischer Diskursanalyse kurz vorgestellt werden. In Anlehnung an die Kritik bisheriger Verfahren durch WANRKE und SPITZ-MÜLLER (2008) soll dabei auf bekannte Probleme, Möglichkeiten und Grenzen der aktuellen Diskurslinguistik eingegangen werden. Das Ziel ist dabei die Annäherung an eine möglichst angemessene und gleichsam praktikable Vorgehenswei- se in Zusammenhang mit dem vorliegenden Gegenstand.
2.1 Historische Semantik
Die problematische Geschichte der Diskurslinguistik ließe sich nach WARNKE und SPITZMÜLLER (2008) auf einer Skala darstellen, welche zwischen den Polen der Unterspezifiziertheit und Übergeneralisiertheit verläuft. Unterspezifiziert sei sie anfangs vor allem dort gewesen, wo „sie über ihren Gegenstand weniger in Erfahrung brachte, als dies mit sprachwissenschaftlichen Verfahren möglich und notwendig ist“ (WARNKE/SPITZMÜLLER 2008: S. 4). Hierbei wird in erster Linie auf den diskurslinguistischen Ansatz der Historischen Semantik verwiesen. Ihr vornehmliches Interesse gilt dem historisch und gesellschaftlich bedingten Bedeutungswandel. Folgerichtig erfasst sie den Diskurs im Sinne FOUCAULTs als Gegenstand ihrer Forschung, indem sie ihn als jenen Ort begreift, an dem Sinn konstituiert wird.
Diskursanalyse ist - ob gewollt oder ungewollt - Teil einer Semantik im weitesten Sinn. Ob sie nun analytisch-deskriptiv und explizit semantisch aufgefasst wird, wie in meinem Ansatz […] stets verbleibt die Diskursanalyse im Rahmen einer Semantik, d.h. der Entfaltung von gesellschaftlich konstituiertem, historisch bedingtem und relativem Sinn.“ (BUSSE 2000: S. 46)
Mit dem Ziel der Erarbeitung einer Begriffs- bzw. Bewusstseinsgeschichte im gesamtgesellschaftlichen Kontext sollen sprachliche Äußerungen hier nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Zusammenhang mit anderen Äußerungen als deren epistemischer Kontext (vgl. BUSSE 1987: S. 11). In Übereinstimmung mit den Grundgedanken der FOUCAULT’schen Diskurstheorie und gängigen sprachwissenschaftlichen Konzepten der Textlinguistik wird davon ausgegangen, dass das Wissen einer Gesellschaft in ihren sprachlichen Zeugnissen konserviert wird. Gleichsam soll berücksichtigt werden, dass ein solches Wissen nicht aus sich selbst heraus entsteht, sondern auf bereits bestehendem Wissen basiert. Um den Sinn einer Aussage zu erschließen, sei es daher notwendig, Texte im Geflecht ihrer Beziehungen zu anderen Texten zu betrachten. Insofern behandelt die Historische Semantik Diskurse als eine Menge von Texten, die über einem bestimmten Gegenstand verbunden sind und/oder in einem „gemeinsamen Aussage-, Kommunikations-, Funktions- oder Zweckzusammenhang stehen“ (BUSSE/TEUBERT 1994: S. 14).
In der Konzeption der Historischen Semantik finden sich somit einige zentrale Aspekte FOUCAULT’scher Diskurstheorie wieder. Letztlich fehlt es hierbei jedoch an der notwendigen Konsequenz. Vor allem in Hinsicht auf die stark formelle Bestimmung der Beziehungen, welche Texte aneinander binden und letztlich den Diskurs bilden, wird dem komplexen Phänomen, dem man sich durch Bezug auf FOUCAULT verpflichtet, kaum Rechnung getragen (vgl. RADEISKI 2009: S. 22). Betrachtet man das eigentliche Forschungsinteresse der Historischen Semantik eingehender, so fällt auf, dass es sich hier nicht um -einen diskursanalytischen Ansatz im eigentlichen Sinne handelt, sondern stets auf der Ebene begriffsanalytischer Betrachtungen verblieben wird. So gilt das vornehmliche Interesse eben nicht den diskursbildenden Textbeziehungen und damit dem Diskurs als überge-ordneter kommunikativer Struktur, sondern vielmehr dient das Erkennen von zusammenhängenden Texten der Erfassung von Begriffsbedeutungen in ihrer Entstehung und Transformation. Diskurse jedoch, so WARNKE und SPITZMÜL-LER, „sind weitaus komplexere Gegenstände als etwa begriffsgeschichtliche Quellensammlungen“ (2008: S. 4).
2.2 Argumentationsanalyse
Einen wesentlichen Schritt weiter geht die sogenannte Argumentationsanalyse, welche vor allem mit dem Namen Martin WENGELER verbunden ist. Auch hier wird den Überlegungen das Diskursverständnis FOUCAULTs zugrunde gelegt. Diskurse werden in der Argumentationsanalyse entsprechend als Menge von Aussagen gedacht, deren bindendes Moment ein gewisser Gegenstand ist, zu dem etwas ausgesagt wird. Wie der Name schon andeutet, widmet sich die Argumentationsanalyse dem Diskurs aus rhetorischer Perspektive. Diskurse werden in diesem Zusammenhang konkretisiert als themenbezogene Einheiten von Kommunikationsbeiträgen, die in Form von Textkorpora linguistisch beschreibbar sind und die gewisse Argumentationsstrukturen aufweisen, deren Aufdeckung das zentrale Interesse der Argumentationsanalyse gilt.
Die Analyse von Argumentationen und die Herausarbeitung wiederkehrender Redeweisen und Aussagen gehören also zu den Aufgaben und Möglichkeiten einer diskurs- bzw. mentalitätsgeschichtlich interessierten Sprachgeschichtsschreibung. Für diese Aufgabe ist eine Methode zu begründen und zu entwi- ckeln, mit der solche wiederkehrenden Aussagen und Argumentationen in ei-
nem großen Textkorpus zu einem öffentlichen Themengebiet erfasst, beschrieben und in ihrer zeitlichen und gruppenspezifischen Verteilung analysiert werden können. (WENGELER 2003: S. 175)
Über den mentalitätsgeschichtlichen Ansatz seiner Arbeit formuliert WENGELER ein Forschungsinteresse, welches ganz im Sinne FOUCAULTs nicht in erster Linie der Beschreibung kommunikativer Strukturen gilt, sondern vielmehr deren Determiniertheit durch das bestehende System gesellschaftlichen Wissens. Hierfür bemüht er sich um die Einbindung des aristotelischen Topos-Begriffs, den er für sein Vorhaben wie folgt spezifiziert: Am nächsten kommt dem hier gebrauchten Topos-Begriff daher wohl der neuere Begriff der „kommunikativen Topoi“, die Denkmuster meinen, die bezogen auf ein Thema zum kollektiven Wissensvorrat von Gruppen gehören und aus denen konkrete Argumente kommunikativ „generiert“ und eingesetzt werden können. (ebd.: S. 227)
Deutlich tritt hier die Intention hervor, Diskursanalyse in Form der Aufdeckung intertextueller Beziehungen zu betreiben. Mit der Herausarbeitung gewisser kommunikativer Topoi, welche als die Aussagen determinierenden Denkstrukturen, verankert im kollektiven Wissen einer sozialen Gruppe, identifiziert werden sollen, ist zudem ein äußerst produktiver Ansatz gegeben, die Verbundenheit der diskursbildenden Elemente zu erklären. Relativ deutlich wird mit der Ermittlung zeit- und gruppenspezifischer Denkmuster und Schlussregeln auf die schon bei FOUCAULT formulierten Fragen nach den Akteuren im Diskurs und den Bedingungen, unter denen bestimmte Aussagen zu einer bestimmten Zeit getroffen werden und andere nicht, eingegangen.
Bisherige Beispiele für die Anwendung der Argumentationsanalyse etwa auf den ‚Migrationsdiskurs‘ (vgl. JUNG/WENGELER 1999) weisen jedoch noch eine gewisse Diskrepanz zwischen theoretisch formulierten Erkenntnisinteresse und praktischer Anwendung auf. So wird hier bspw. auf Grundlage der Identifizierung von Begriffskonnotationen und Argumentationsstrukturen ergründet, wie bestimmte soziale Gruppen sich zu einer bestimmten Zeit zum Thema Migration äußern und entsprechend, auf welche gesellschaftlich vorherrschenden Topoi die herauskristallisierten Aussagen zurückgeführt werden können (vgl. ebd.: S. 152). Über die außerdiskursive Prägung dieser hinaus wird jedoch kaum auf den Dis- kurs als eigenständiges Ganzes eingegangen.
Tatsächlich bleibt auch hier das Problem ungelöst, ob und wie sich die Aussagen und Topoi analytisch aufeinander beziehen lassen. Die Analyse des Diskurses erschöpft sich in der Auflistung der aus dem manifesten sprachlichen Material gewonnenen Aussagen, der Diskurs selbst stellt damit die bloße Summe dieser Aussagen dar, kein organisches Ganzes, das seinerseits den Aussagen ihre Bedeutung und Rolle verleiht. (RADEYSKI 2008: S. 25)
Relativierend muss angemerkt werden, dass es keinesfalls der Anspruch der Argumentationsanalyse ist, sich als umfangreiche Diskursanalyse zu präsentieren. Vielmehr dient das Konzept diskursiver Praxis, bei dem im FOUCAULT’schen Sinne das Auftreten oder Nicht-Auftreten von Aussagen durch diskursive Regeln erklärt werden kann, als Grundlage einer Analyse öffentlicher Debatten, in denen die Konstituierung sozialer Wirklichkeit bzw. gesellschaftlichen Wissens im Zusammenhang mit dem jeweils verhandelten Thema ausschnitthaft beschreibbar wird (vgl. WENGELER 2003: S. 94). In diesem Sinne kann die Argumentationsanalyse wohl am ehesten als Beitrag zu einer umfassenden Analyse von Diskursen verstanden werden, denn als Diskursanalyse per se.
2.3 CDA - Kritische Diskursanalyse
Den wohl populärsten und weitverbreitetsten Ansatz aktueller Diskursanalyse stellt die sogenannte Kritische Diskursanalyse - kurz CDA (Critical Discourse Analysis) - dar. Zu den namhaftesten Vertretern dieser Richtung gehören u.a. Teun van DIJK, Siegfried JÄGER, Jürgen LINK und Ruth WODAK. Wie bereits in den vorhergehend angesprochenen Ansätzen dient auch in der CDA das FOU-CAULT’sche Konzept des Diskurses zur näheren Beleuchtung des generellen Zusammenhangs zwischen gesellschaftlicher Kommunikation und dem, was als soziale Wirklichkeit bezeichnet wird. Diskurs wird dabei als stets fortlaufender Prozess sozialer Kommunikation betrachtet, in dem über die Tradierung, Trans-formation und/oder Genese von Wissen gesellschaftliche Wirklichkeit konstruiert wird.
Der gesellschaftliche Diskurs als ganzer, […], ist die Vorgabe dafür, wie die jeweilige gesellschaftliche Wirklichkeit in Auseinandersetzung mit zuvor auf der Grundlage gegebener diskursiver Zusammenhänge erarbeiteter Wirklichkeit insgesamt gestaltet wird. (JÄGER 1996: S. 392)
In diesem Zusammenhang geht die Kritische Diskursanalyse insbesondere auf die schon bei FOUCAULT formulierte Machtwirkung von Diskursen ein. Diese besteht laut JÄGER darin, dass der Diskurs
soziale Verhältnisse nicht passiv repräsentiert, sondern diese als Fluss von sozialen Wissensvorräten durch die Zeit aktiv konstituiert und organisiert. (JÄGER 1999: S. 23)
Die Kritische Diskursanalyse setzt sich damit von anderen Ansätzen ab, indem sie dem Diskurs nicht nur den Status eines Dokuments oder einer Menge von Dokumenten zuschreibt, an denen ein gewisses gesellschaftliches Bewusstsein bzw. bestimmte außerdiskursive Prozesse abgelesen werden können, sondern ihn selbst „als gesellschaftliche und Gesellschaft bewegende Macht“ (ebd.) betrachtet. Wichtig hierbei ist die Unterscheidung zwischen realen Ereignissen und sogenannten diskursiven Ereignissen (vgl. ebd.: S. 132). Ein reales Ereignis wird demnach zu einem diskursiven Ereignis, in dem es gesellschaftlich kommuniziert wird. In vielerlei Hinsicht sind die meisten realen Ereignisse uns oft nur in ihrer diskursiven Form zugänglich - etwa in der Art, wie sie uns über die Medien vermittelt werden. Insofern kann behauptet werden, dass unsere soziale Wirklichkeit in höherem Maße durch diskursive Ereignisse bestimmt ist, als durch das tatsächliche Geschehen. Am Beispiel des Rassismus etwa (vgl. JÄGER 1999) soll der Kritischen Diskursanalyse entsprechend die Aufgabe zukommen, nachzuweisen, dass es sich bei solcherlei Phänomen nicht um natürlich gewordene Verhältnisse handelt, sondern um eine „kollektive Gestaltung von gesellschaftlicher Wirklichkeit“ (ebd.: S. 170).
Vor diesem Hintergrund verorten die Vertreter der Kritischen Diskursanalyse ihre Arbeiten im Feld der Medienwirkungsforschung und damit im Bereich der Kritik gesellschaftlicher Zustände und Phänomene. WARNKE und SPITZMÜL-LER (2008) zufolge, stößt eine linguistische Diskursanalyse hier an die Grenze zur Übergeneralisiertheit, indem sich Erkenntnisinteressen verschiedener Disziplinen (Sozial-, Medien- und Sprachwissenschaft) überschneiden. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, inwieweit ein so gefasster Ansatz zur kritischen Analyse und Bewertung der diskursiven Verhandlung gesellschaftlicher Ereignisse und Verhältnisse die Maßgaben einer objektiven Wissenschaft einlösen kann. Diese mögliche und oft formulierte Kritik ist den Vertretern der Kritischen Diskursana-
lyse nicht fremd und wird in den meisten Fällen selbstreflexiv in die jeweiligen Arbeiten eingebunden. (vgl. etwa JÄGER 1999: S. 229f.) Auch wenn aus sprachwissenschaftlicher Perspektive eine gewisse Zurückhaltung gegenüber einem solch breit angelegten Ansatz zur Analyse von Diskursen durchaus nicht ungerechtfertigt ist, so muss doch auch hier gelten, sich mit den Überlegungen der Kritischen Diskursanalyse auseinanderzusetzen, möchte man dem komplexen Phänomen Diskurs gerecht werden. Das Ziel linguistischer Diskursanalyse, insofern sie sich in der Folge FOUCAULTs versteht und sich nicht explizit einem deskriptiven Interesse an der Form des Gegenstandes verschreibt, wird letztlich immer die Analyse des Zusammenhangs von Sprache, Wissen und Akteuren sein (vgl. WARNKE/SPITZMÜLLER 2008: S. 17). Das Ignorieren bestimmter empirisch nicht direkt erfassbarer Phänomene wie die angesprochenen Machtstrukturen oder der Subjekte würde sich diesbezüglich kontraproduktiv niederschlagen. Vielmehr muss gefragt werden, inwieweit gewisse Schlüsse vom Material auf dessen Determinanten zumindest theoretisch legitimierbar sind.
Die bislang vorgestellten Ansätze aktueller Diskursanalyse stellen lediglich einen Ausschnitt hinsichtlich der Pluralität verschiedenster korpusanalytischer Richtungen dar, welche sich in der theoretischen Fundierung ihres Gegenstands mehr oder weniger auf FOUCAULT berufen. Obwohl diese hier keineswegs erschöpfend thematisiert werden konnten, zeigen sie bereits deutlich, welche Schwierigkeiten das Diskurskonzept FOUCAULTs im Kontext praktischer Anwendung aufweist. So stellt der Diskurs sich sowohl in Hinsicht auf seine komplexe Morphologie als auch bezüglich seiner immateriellen Bedeutungsebenen als kaum erfassbarer Ge-genstand dar, insoweit die Analyse eigentlich immer nur unter der Voraussetzung der Fokussierung auf bestimmte Teilaspekte des Diskurses und bestimmter fachspezifischer Verfahrensweisen geschehen muss. Dies schlägt sich vor allem in einer gewissen Uneinheitlichkeit der Methoden nieder, mit denen der Diskurs in den Blick genommen wird. Das Wie der Untersuchung orientiert sich in den meisten Fällen am jeweiligen Erkenntnisinteresse der Arbeiten. Oft dient hier ein gewähltes Textkorpus als Belegsammlung für gewisse Vorannahmen. Wie bei RADEISKI (2009) ausführlich beschrieben, gerät dabei meist außer Acht, was den Diskurs an sich ausmacht. So spielen beispielsweise die oft betonten intertex- tuellen Bezüge als diskursbildende Bedingung nur eine marginale Rolle, wenn es
darum geht, in einer Menge sprachlicher Zeugnisse die Häufigkeit sowie Art und Weise bestimmter Aussagenmuster nachzuweisen. Dies kann insofern nicht als Mangel oder ungenügend dargestellt werden, da kaum ein Ansatz für sich beansprucht, mehr als ein Beitrag zu einer umfassenden Diskursanalyse zu sein. Soll jedoch der Diskurs nicht nur Mittel zum Zweck sein, sondern an sich beschrieben werden, so bedarf es sowohl einer konsistenten Verfahrensweise, die ihn möglichst auf allen Ebenen seiner materiellen Existenz bzw. Spurenhaftigkeit erfasst, als auch eines theoretisch modifizierten Modells, welches ihn als eigenständige kommunikative Struktur beschreibt und zudem in der Lage ist, das Einbeziehen der zunächst als außerdiskursiv angenommenen Aspekte (Subjekte, Macht etc.) zu legitimieren.
3 Linguistische Diskursanalyse - neuere Ansätze
Zur möglichen Beantwortung der bislang offen gebliebenen Fragen und in Hinsicht auf die eigene theoretische und methodische Fundierung soll abschließend noch auf zwei neuere Konzepte der Diskurslinguistik hingewiesen werden. Zum einen handelt es sich dabei um das von Bettina RADEISKI in ihrer 2009 verfassten Dissertation entworfene Konzept des ‚Diskurses als Rollenspiel‘, welches sich als Versuch versteht, möglichst alle Momente des Diskurses in einem modifizierten Modell zu erfassen, welches die Medien als Transformatoren der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation betrachtet und dabei erlaubt, Mengen medial vermittelter Aussagen plausibel als Diskurse zu beschreiben, ohne gleichsam den Gegenstand maßgeblich zu reduzieren. Zum anderen sei auf das verfahrenspraktische Modell der ‚Diskurslinguistischen Mehr-Ebenen-Analyse‘ von Ingo H. WARNKE und Jürgen SPITZMÜLLER (2008) verwiesen, welches als Vorschlag einer standardisierten linguistischen Diskursanalyse hier berücksichtigt werden soll.
3.1 Mediendiskurs als Rollenspiel
Wie bereits erwähnt, kann es nicht das Ziel einer diskursanalytisch angelegten Arbeit sein, den Diskurs, so wie er von FOUCAULT über mehrere Jahre in nicht immer einheitlicher Form als Konzept entwickelt wurde, in all seinen möglichen
Facetten zu berücksichtigen. Praktikabel und anwendbar kann es vielmehr nur als Ausgangspunkt eines Modells sein, welches das komplexe Konzept mit dem jeweiligen Erkenntnisinteresse verbindet, dabei jedoch den Gegenstand nicht in dem Maße reduziert, dass die grundlegende Idee gänzlich obsolet wird. Als Ziel dieser Arbeit wurde formuliert, zu untersuchen, wie und in welcher Form die Medienberichterstattung zum Amoklauf in Winnenden allgemein und unter Berücksichtigung der Ergebnisse BEYERs zum Amoklauf in Erfurt (2004) als diskursive Formation gesellschaftlichen Handelns unter linguistischer Perspektive beschreibbar ist. Ausgangspunkt ist demnach die recht banal anmutende Feststellung, dass innerhalb der Gesellschaft so etwas wie ein Diskurs stattfindet, dessen Bezugsgröße das Ereignis des Amoklaufs ist. Des Weiteren impliziert die Fragestellung, dass dieser Diskurs in den Medien stattfindet bzw. über das Kommunikationsangebot der Medien erfasst werden kann. Einzuwerfen wäre hier, dass Diskurs bereits als komplexe Form gesellschaftlicher Interaktion beschrieben wurde, dessen Existenz nicht allein verbaler Natur ist und nicht auf nur einen, wenn auch zentralen, Kommunikationsbereich wie etwa die Medien oder gar ein Teilmedium begrenzt werden kann. Es gilt also zu begründen, inwiefern die Analyse bestimmter Medienprodukte Rückschlüsse auf das abstrakte Phänomen Diskurs erlaubt. Dass jene gesellschaftlichen Handlungszusammenhänge, welche den Diskurs bilden, vornehmlich über ihre sprachlich manifestierten Spuren ergründet werden können, wurde hier bereits ausgeführt. Welche Rolle spielen nun aber die Medien bei der Formierung von Diskursen?
Zunächst muss festgestellt werden, dass die modernen Massenmedien eine wichtige Voraussetzung dafür bieten, was wir unter Diskurs verstehen, wenn wir ihm die Funktion zugestehen, dass über ihn kollektives Wissen tradiert, transformiert und generiert wird - über sie werden Aussagen zu einem Gegenstand öffentlich wahrnehmbar. Ein so gefasstes Verständnis von Mediendiskursen würde jedoch ohne weitere Erklärung schon im Ansatz eine radikale Aussage zu deren Machtstruktur implizieren, indem sie einer kleinen Menge von Akteuren das alleinige Monopol hinsichtlich der Steuerung des kollektiven Wissens und Denkens zuschreibt.
In ihrer Arbeit zur medialen Berichterstattung zur Vogelgrippe erarbeitet Betti- na RADEISKI (2009) ein Modell medial vermittelter Diskurse, das eben jenen
Rückschluss entscheidend relativiert, indem sie nachweist, dass eine bloße Trennung zwischen Produzenten und Rezipienten innerhalb der medialen Kommunikation nicht ohne Weiteres behauptet werden kann. Ihr Konzept des Diskurses abstrahiert den diskursiv-kommunikativen Vorgang im Bild des Rollenspiels. So gelingt es ihr nachzuweisen, dass innerhalb der medialen Berichterstattung nicht allein Aussagen zu identifizieren sind, die durch die jeweiligen Meinungen, Einstellungen und Interessen der Produzenten determiniert sind, sondern dass diese auch die Ebene der Rezipienten abdecken. So zeigt sie, dass die von ihr untersuchten Aussagen zum Thema Vogelgrippe sich zu bestimmten Gruppen von Meta-Aussagen zusammenfassen lassen, die ihrerseits in einem Interaktionsverhältnis zueinander stehen. In ihrer Gesamtheit erweisen sich diese medial produzierten Aussagen als mediale Repräsentation aller potentiellen Aussagen zum Gegenstand, in dem der so gefasste Mediendiskurs die verschiedenen gesellschaftlich vorhandenen Positionen in transformierter Form diskursiver Rollen bzw. Charaktere enthält. Auf diese Weise macht RADEISKI deutlich
[…], dass es möglich ist, die Gesamtheit massenmedialer Produktionen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes zu einem bestimmten Themenbereich plausibel als Diskurs zu interpretieren, der als Aufeinander-Einwirken von diskursiven Charakteren bzw. Rollen verstanden werden sollte. […] Es zeigte sich, dass die scheinbar bloß in eine Richtung gehende Flut von Texten die scheinbar bloßen Rezipienten beteiligt, nämlich in der verwandelten Form diskursiver Charaktere, an die die Texte adressiert werden, die innerhalb der jeweiligen diskursiven Rolle darauf antworten, neue Reaktionen hervorrufen usw. (RADEISKI 2009: S. 158)
In diesem Sinne fungieren die Medien nicht lediglich als diskursbestimmende Machtinstitution, sondern vielmehr als eine Art Regularisator der gesellschaftlichen Kommunikation. Dabei sind die Aussagen, welche seitens der Medien getroffen werden, selbst bestimmt durch das allgemeine Wissen, Denken und Fühlen der Gesellschaft. Die verschiedenen potentiellen Positionen aller Akteure finden sich auf diesem Wege als diskursive Rollen wieder, in deren Zusammenspiel jene kommunikative Verhandlung des Gegenstandes stattfindet. Weil die Produktion von Texten, das ‚Machen von Diskursen‘ mit gesellschaftlicher Relevanz bei den Massenmedien monopolisiert ist, weil es tatsächlich die institutionalisierte kommunikative Scheidung zwischen Produzenten und Rezipienten gibt, kommt es durch die ausführlich untersuchten spezifischen kommunikativen Gesetzmäßigkeiten und Prozesse dazu, dass es nicht einfach ein lautes und wirres Reden in der Gesellschaft gibt, sondern dass in transfor- mierter und repräsentierter Weise die gesellschaftlich real vorhandenen Interes-
sen, Meinungen usw. in Form der diskursiven Rollen „mit einander sprechen“, diskursiv interagieren. (ebd.: S. 163)
Das Monopol der Medien, so RADEISKI an gleicher Stelle weiter, besteht damit nicht allein in der Gewichtung verschiedener Positionen durch Selektion, Art und Weise der Darstellung etc., sondern vor allem auch in einer Art Sozialisierung des gesellschaftlichen Sprechens über Gegenstände. (vgl. ebd.) In diesem Verständnis wird auch außerhalb rein medienkritischer Problematisierung plausibel, in welcher Weise unsere soziale Wirklichkeit durch die Reflektion der Realität über die Medien abhängig ist. Wenn wir Diskurs also über seine Funktion der Wissensver-handlung als Grundlage für die kollektive Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit verstehen, so kann bzw. muss seine Heimat die Medien sein. Diese, so ließe sich zusammenfassend sagen, steuern nicht lediglich unseren Zugriff auf die Welt außerhalb unseres eigenen begrenzten Wahrnehmungsfeldes, sondern sind in erster Linie überhaupt Voraussetzung für jenes kollektive Wahrnehmen, Wissen, Denken und Fühlen, durch das Gesellschaft maßgebend bestimmt ist. Zugespitzt lässt sich formulieren: Gesellschaft existiert nur in den Medien, da nur sie den bewussten Verkehr zwischen den Individuen, die Konzepte vonei-nander, gemeinsame Konzepte gegenüber außerhalb der ersten beiden liegenden Gegenstände usw. ermöglichen. Das gesellschaftliche, also über die bloße Ansammlung hinausgehende, an Gesellschaft ist ihr Diskurs. Dessen natürliche Lebensform sind - im Wesentlichen - die Massenmedien, seine natürliche Substanz ist die Sprache. (ebd.)
Das Diskursmodell RADEISKIs legitimiert ein breites Feld von Aussagemöglichkeiten über den Diskurs als ganzheitliches Phänomen, ohne dabei die Grenzen einer sprachwissenschaftlichen Analyse dessen textueller Positivität zu verlassen. Dieses Diskursverständnis soll für die vorliegende Untersuchung als mitbestimmend weiter verfolgt werden - nicht nur als legitimatorische Basis für die eigene Wahl des Materials, sondern v.a., da es in oben geschilderter Weise plausibel macht, inwiefern sogenannte Mediendiskurse nicht lediglich eine besondere Form von Diskursen darstellen, sondern Diskurse im eigentlichen Sinne sind. Der Diskurs, in dem Gesellschaft überhaupt existiert, ist somit wesentlich medialer Diskurs. (ebd.)
3.2 DIMEAN
Einige Probleme, welche WARNKE und SPITZMÜLLER (2008) in ihrer Ausei-nandersetzung mit der jüngeren Diskurslinguistik aufwerfen, wurden hier bereits ausgeführt. Die Kritik ist dabei weniger auf die einzelnen Ansätze an sich bezogen, als eher auf den allgemeinen Umstand, dass viele Arbeiten diskurslinguistischer Provenienz unter Berufung auf FOUCAULT sich innerhalb einer Disziplin verorten, die vor allem methodisch bislang kaum hinreichend fundiert ist. Nachdem sie in Hinsicht auf die zahlreichen, in der jüngeren Vergangenheit entstandenen Arbeiten, die sich mit der Legitimierung des Diskurses als Gegenstand sprachwissenschaftlicher Untersuchungen auseinander gesetzt haben, bezüglich der theoretischen Basis keinen weitergehenden Klärungsbedarf sehen (vgl. ebd.: S. VII), gilt ihr Anliegen nun der Etablierung eines einheitlichen und umfassenden methodischen Modells, welches erlaubt, das komplexe Phänomen Diskurs möglichst erschöpfend einzufangen. Gegebene theoretische Voraussetzungen, bereits vorhandene Ansätze und weiterführende verfahrenspraktische Überlegungen führen dabei zu einer Art Leitfaden, der aus Sicht der Autoren einen ersten Schritt zu einer standardisierten Diskurslinguistik darstellen sowie darüber hinaus sogar als Grundlage einer interdisziplinären Diskursanalyse Geltung finden könnte. Sowohl Historiker als auch Soziologen und Vertreter anderer Fächer fragen sich, wie man eigentlich Sprache im Diskurs de facto in den Blick nehmen sollte. Dazu stellen wir ein Ebenenmodell vor, das zunächst beabsichtigt, die Extension des diskurslinguistischen Gegenstandes zu benennen, um Unterspezifiziertheit und Übergeneriertheit von Analysen auszuschließen. Dabei sind grundlegende Annahmen Foucaults zentral eingearbeitet. Das Modell dient zudem einer Vereinfachung bei der Dimensionsbestimmung, es integriert eine sprach- und wissensbezogene Analyse und beinhaltet die Ebene der Akteure als handlungsbezogenen Aspekt der Diskurspraxis. (ebd.: S. 23)
Das Modell der Diskurslinguistischen Mehr-Ebenen-Analyse (DIMEAN) sieht dabei vier Stufen der empirischen Analyse des Materials vor:
1. Erstlektüre 2. Intratextuelle Ebenenzuordnung 3. Analyse der Diskurshandlungen 4. Transtextuelle Ebenenzuordnung
Nachdem Wahl und Kennzeichnung der jeweiligen Korpusdaten hinreichend begründet wurden, gilt es in einem ersten Schritt, das Material unvoreingenommen zu sichten. Anhand der muttersprachlichen Kompetenz des Rezipienten sollen dabei alle als relevant erachteten Formen als Ausgangspunkt der weiteren Stufen der Analyse ermittelt werden.
Abb. 1: Intratextuelle Ebene nach DIMEAN 2
Die systematische Analyse des Materials beginnt in Schritt zwei mit der intratextuellen Ebenenzuordnung. Hierbei gilt es zunächst die einzelnen Diskurselemente jeweils für sich zu betrachten. Bezogen auf den Text hieße das, diesen ungeachtet seiner Beziehung zu anderen Texten auf Wort- und Propositionsebene sowie eingebettet in übergeordnete Strukturen der Satz- und Textebene zu analysieren. Das Ziel hier sowie allgemein besteht ganz augenscheinlich in der Vermeidung einer Reduzierung der Analyse auf nur einzelne Elemente des Sprachsystems, wie es evtl. der Ausrichtung bestimmter intradisziplinärer Ausrichtungen entspricht. Die
2 WARNKE/SPITZMÜLLER 2008: S. 44.
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Robert Bachmann, 2011, Erklärte Normalität - Diskursivierung abweichenden Verhaltens am Beispiel der Presseberichterstattung zum Amoklauf in Winnenden , München, GRIN Verlag GmbH
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