Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
Zur narrativen Struktur Platoons
1 3
Platoon als short story
1.1 5
1.2 Zum Genreritual der Initiation 9
1.3 Zur Initiation in Platoon 10
2 Literarische Vergleichsmöglichkeiten 18
Platoons
3 21
Darstellung von Männlichkeit und Gewalt in Platoon
4 23
4.1 Formen der Gewalt in Platoon 24
Formen der Männlichkeit in Platoon
4.2 29
Platoon zwischen authentischer Darstellung
5
und allegorischer Fabel 31
6 Fazit 36
Literaturverzeichnis 37
Medienverzeichnis 38
1
Einleitung
1 titelt das Time Magazin kurz nach Erscheinen von Oliver
Stones Platoon im Jahr 1986. Es folgen vier Oscars u.a. für die beste Regie, zahlreiche internationale Auszeichnungen und Einspielergebnisse, die, gemessen am eher minimalistischen Budget des Films, für eine überaus positive Resonanz beim Publikum sprechen. Der Eindruck täuscht nicht. Sowohl Kritik als auch Zuschauer scheinen sich einig: Platoon war neu, Platoon war realistisch und Platoon war wichtig. Für eine ganze Generation Vietnam-Veteranen gilt Platoon als der erste Film, der darstellte, was man im Dschungel erlebt und erlitten hatte, der ein Verständnis für die Menschen und Ereignisse in diesem Krieg zu erzeugen in der Lage war und in diesem Prozess ein positiveres Licht auf die Gruppe der Veteranen warf. Die folgende Arbeit befasst sich mit der Frage, worin diese neue bzw. besondere Qualität Platoons besteht und in wie weit jene kritisch zu hinterfragen ist. Hierzu sollen einige zentrale Handlungs- und Gestaltungsmuster fokussiert und diskutiert werden. Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei die Entwicklung des Protagonisten Chris Taylor, die Bedeutung der zentralen Nebenfiguren Elias und Barnes, sowie die Darstellung von Gewalt und Männlichkeit im Film. In Hinsicht auf die Modellierung der Charaktere, den Verlauf der Handlung und letztlich die Moral des Films hat Platoon zahlreiche Vorbilder, v.a. in der Literatur seit der Aufklärung. Aus diesem Grund sollen für die Analyse des Films auch literaturwissenschaftliche Kategorien fruchtbar gemacht werden. Resultierend gilt es zu klären, in wie weit Platoon eine realistische Darstellung des Vietnamkrieges bzw. überhaupt eine realistische Darstellung ist oder sein kann. Darüber hinaus soll deutlich werden, ob Platoon dem Prädikat eines sog. Antikriegsfilm gerecht wird, und was evtl. dagegen spricht.
1 zitiert nach: Bates, M. 1997. S. 102
2
1 Zur narrativen Struktur des Films
Zunächst gilt es die im Film dargebotene Erzählung auf ein gewisses narratives Muster hin zu untersuchen, welches die Analyse der spezifischen Inhalte und des Erzählstils erleichtert. Hierbei fällt auf, dass der Film im Wesentlichen dem literarischen Erzähltyp der short story nahe kommt. Zerlegt man den Erzählverlauf in verschiedene Handlungsabschnitte, fällt zudem auf, dass auch der Vergleich mit dem klassischen Drama nicht gescheut werden muss. Hierzu im Späteren jedoch mehr. Vor aller Analyse der Narration soll jedoch kurz auf deren Inhalt eingegangen werden.
Protagonist des Films ist Jugendliche Chris Taylor. Entgegen dem Willen seiner Eltern bricht der behütete Mittelständler sein Studium ab und beschließt, sich freiwillig für den Kampfeinsatz in Vietnam zu melden. Wie aus den immer wieder eingestreuten Off-Monologen in Form von Briefen an die Großmutter ersichtlich wird, stellt Taylors Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, einen Ausbruch aus den bestehenden und nicht zufriedenstellenden Verhältnissen seines Daseins dar. Zudem ist sein Einsatz für Taylor eine Art Sinn- bzw. Identitätssuche. Vielleicht habe ich hier mitten im Dreck die Antwort endlich gefunden. Vielleicht kann ich von hier unten wieder ganz von vorn anfangen, meinem Leben eine neue Richtung geben. Womöglich etwas sein, worauf ich ein bisschen stolz sein kann, ohne zu einer Menschenimitation zu werde. Endlich ohne etwas vortäuschen zu müssen. Vielleicht kann ich etwas sehen, was ich noch nicht sehe, etwas lernen, was ich nicht weiß. 2
Mitten im Dreck, durch die extreme Erfahrung der Teilnahme am Krieg und umgeben von Mitgliedern der untersten Schichten der amerikanischen Gesellschaft so wird im späteren Verlauf des Films noch deutlicher erhofft sich Taylor Erfahrungen zu machen, die ihm in seinem gewohnten Umfeld verwehrt bleiben und mit Hilfe derer er seine eigene Identität zu einer gefestigten Existenz formen kann. Von Anfang an wird Taylor mit der Einsicht konfrontiert, dass Vietnam in keiner Weise den Erwartungen entspricht, die der junge Amerikaner sich vom Krieg gemacht hatte. Anstelle ehrenhafter Pflichterfüllung auf dem weiten Schlachtfeld, militärischer Hierarchien und siegreichen Gefechten sieht sich Taylor einer unwirklich beklemmenden Umgebung, chaotischen Verhältnissen zwischen den z.T. völlig verrohten GIs und dem aussichtslosen Kampf gegen einen strategisch überlegenen und nahezu unsichtbaren Feind gegenüber.
2 Stone, O. 1986. Min. 16-17
3
Jemand hat einmal geschrieben: Die Hölle ist Abwesenheit von Vernunft. So kommt mir das hier vor, wie die Hölle. Ich hasse das Ganze schon jetzt und bin erst eine Woche hier. Es war 3
Tag für Tag muss ich darum kämpfen, meine Kraft aber auch meinen Verstand nicht zu verlieren. Auf irgendeine merkwürdige Weise verschwindet mir hier allmählich alles. Ich habe auch kaum noch die Energie zu schreiben und ich weiß auch nicht mehr, was richtig und falsch ist. Die Stimmung der Männer ist gedrückt. Im Zug herrscht Bürgerkrieg. 4
Die Leitfiguren seines selbstgewählten Martyriums sind der rohe und vom Krieg stark gezeichnete Barnes und der noble, fürsorgliche Elias; ihrerseits Unteroffiziere und somit zuständige Führungspersonen für die jungen Frischlinge, wie Taylor es ist. In ihren Verhaltensweisen bilden sie zwei Extreme, an denen Taylor seine eigenen moralischen Maßstäbe zu messen hat. Die Situation eskaliert, als sich die angestauten Ängste und Spannungen bei der Erkundung eines vietnamesischen Dorfes in einem Massaker entladen, bei dem Barnes eine Zivilistin zu Unrecht erschießt. Elias, der diesen Akt der Unmenschlichkeit als Kriegsverbrechen verurteilt, bekundet öffentlich, dass er dies auch zur Anklage bringen wird. Als Barnes und Elias sich während eines späteren Gefechts allein im Dschungel gegenüber stehen, erschießt Barnes auch diesen und entledigt sich auf diesem Wege der Gefahr des drohenden Kriegsgerichts. Die Truppe, die sich unter den Umständen bereits früh in zwei gegensätzliche Lager gespalten hat, steht den Ereignissen z.t. schockiert und fassungslos, z.t. legitimierend gegenüber. Taylor, der sich auf der vermeintlich moralisch richtigen Seite sieht, beschließt entgegen der Tatenlosigkeit seiner Kameraden, sich gegen Barnes zu erheben. Fraglich bleibt zunächst die Umsetzbarkeit des Unternehmens, da Barnes längst eine Aura des Unbesiegbaren bzw. der Unsterblichkeit umgibt. Wie oft wurde Barnes angeschossen? Sieben Mal! Und er ist nicht tot. Fällt euch da gar nichts auf? Hä? Barnes ist nicht dazu bestimmt zu sterben. Das einzige, was Barnes töten kann, ist 5
Den Schlusspunkt bildet letztlich ein finales Gefecht. In einem groß angelegten Angriff auf die nordvietnamesischen Verbände soll das Platoon den vordersten Stoßtrupp bilden. Nicht nur Taylors Kamerad Rhah, der ironischer Weise vom beginnenden Zauber spricht 6 , bemerkt, dass man direkt auf eine Katastrophe zusteuert.
3 ebd. Min. 9-10
4 ebd. Min. 60 5 ebd. Min. 79
6 vgl. ebd. Min. 91
4
Das heftige Gefecht, welches auch Taylor in einen Blutrausch versetzt so entscheidet die Führung kann nur noch durch einen Brandbombenabwurf direkt über den eigenen Köpfen zu Gunsten der Amerikaner entschieden werden. Im Chaos des Feuerhagels trifft Taylor auf den fanatisch kämpfenden Barnes. Zwischen beiden entsteht ein Gerangel, in dem Barnes kurz davor steht, Taylor den Schädel mit einer Schaufel zu zertrümmern, als sich in letzter Sekunde der Feuerteppich wie ein Mantel des Schlafes über das Feld legt. Als Taylor aufwacht, herrscht Ruhe, wo vorher die Schlacht tobte. Er erblickt den schwer verwundeten Barnes und erschießt diesen auf dieselbe Weise, wie er es zuvor mit Elias tat.
Dank seiner zweimaligen Verwundung wird Taylor letztlich mitsamt einiger Kameraden in die Heimat geschickt. In einem letzten Monolog reflektiert er noch einmal die Ereignisse und das gelernte.
Ich denke heute, wenn ich zurückblicke, wir haben nicht gegen den Feind gekämpft, wir haben gegen uns selbst gekämpft. Der Feind war in uns. Der Krieg ist jetzt für mich vorbei aber er wird immer bestimmend sein bis ans Ende meiner Tage. Und ich bin sicher, auch Elias wird immer bestimmend sein, der mit Barnes, wie Rhah sich ausdrückte, um meine Seele kämpfte. In manchen Augenblicken fühle ich mich wie das Kind, das diesen beiden Vätern geboren wurde. Aber mag es sein wie es will. Diejenigen, die davon gekommen sind, haben die Verpflichtung, etwas Neues zu schaffen, anderen das weiterzugeben, was wir wissen und mit all dem, was von unserem Leben übrig geblieben ist, zu versuchen, einen Wert und eine Bedeutung zu finden für dieses Leben. 7
Seine Suche scheint abgeschlossen, die Identität gefunden zu sein.
Platoon als short story 1.1
Wie bereits erwähnt, lassen sich zahlreiche Parallelen zwischen der im Film dargebotenen Erzählung und dem narrativen Typ der short story ziehen. Zur Gattung der short story sollen im Folgenden nur einige wesentliche Eckpunkte beleuchtet werden.
Der Terminus short story entstammt dem angloamerikanischen Literaturbetrieb und kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Ihre Wertigkeit als eigenständige Gattung erhält sie gegen 1885, u.a. durch Brander Matthews, der in seinem Essay The Philosophy of the Short Story erstmals diese Forderung erhebt. 8 Als einer der wichtigsten Wegbereiter gilt Edgar Ellen Poe.
7 ebd. Min. 109-110
8 vgl. Ahrends, G. 2005. S. 3
5
Hier ist auch das dichtungstheoretische Axiom der Einheit zu finden, welches das Wesen der short story maßgeblich bestimmt.
Demnach ist es die Aufgabe der Dichtung, den Leser zu erregen und zu erheben, was aufgrund der physischen Disposition des Rezipienten immer nur vorrübergehend möglich ist und deshalb nur vom Kunstwerk geleistet werden kann, die ohne Unterbrechung gelesen werden 9
Die wichtigsten Merkmale der short story sind also Einheit und Kürze, welche Voraussetzung für eine kontinuierliche Rezeption bzw. Reizung des Rezipienten sind, was der Erzählung eine besondere Dichte verleiht. Dies kann zunächst so möchte man meinen im Allgemeinen für jeden Film reklamiert werden, da kaum ein Film eine solche Länge aufweist, die es für den Rezipienten unmöglich macht, ihn am Stück zu schauen. Viele Filme jedoch so kann ebenfalls argumentiert werden scheinen die besagte Disposition des Rezipienten zu überschätzen oder gar zu ignorieren. So lassen sich v.a. in der Gegenwart zahlreiche Machwerke finden, welche die gängige anderthalb bis zwei Stunden Marke weit überschreiten und bisweilen auch durch einen komplizierten bzw. diffusen Inhalt, viele quer verlaufende Handlungsstränge o.ä. die Grenzen der Aufnahmefähigkeit zu sprengen bestrebt sind. Platoon mit seiner recht überschaubaren, kontinuierlich erzählten Geschichte und einer Spieldauer von ca. zwei Stunden erfüllt hingegen durchaus die Vorraussetzung einer einheitlichen Rezeption.
Brillanz des Stils und die Symmetrie der Form werden zwar für unabdingbar erachtet, rangieren 10 Wichtig ist, was erzählt wird und nicht wie. Die
Theorie tendiert dahin, dass die Entwicklung der short story als Konsequenz der Wirklichkeitserfahrung der Amerikaner zu verstehen ist.
It was the chaos, the unevenness, the diversity of American life that made short stories such a natural artistic expression in the first place. Roving, unsettled, restless, unassimilated, here and gone again a chaos so huge, a life so varied and multitudinous that its meaning could be caught only in fragments, percieved only by will--the-wisp gleams, perserved only in tiny pieces of perfection. It was the first eager, hasty way of snatching little treasures of art from the great abundance of unused, uncomprehended material. Short stories were a way of making America intelligible to itself. 11
9 ebd. S. 7
10 ebd. S. 11
11 Suckow, R. 1927. The Short Story. zitiert nach: Ahrends, G. 2005. S. 44
6
Eine so interpretierte Bedeutung der short story ist v.a. für die Neuzeit von höchster Relevanz. So lässt sich die ungemein komplexe Lebenswirklichkeit der Gegenwart ebenso nicht als Ganzes darstellen. Ganz besonders gilt dies für das chaotische Urereignis des Krieges, der in seiner Intentionalität und in den Ausmaßen seiner Umsetzung, der Größenordnung sowie v.a. seiner Tragweite bzw. Konsequenzen kaum fassbar ist. Hier lässt sich eine Verbindung zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts ziehen. Als nach dem zweiten Weltkrieg die Bomben zu schweigen begannen und man sich Ende der vierziger Jahre inmitten von Trümmern sah, fanden auch deutsche Autoren zu literarischen Erzählmustern, die sich direkt aus der short story ergaben. Im Rahmen der Gruppe 47 war man sich anfangs einig, dass eine Reflektion der Ereignisse und der gegenwärtigen Situation nur fragmentarisch, ohne stilistische Ausschmückung und stets unter der Ägide eines realistischen Blickes möglich sei.
Anfang der Prosa in unserem Land allein die Methode und die Intention des Pioniers angemessen sind. Die Methode der Bestandsaufnahme. Die Intention der Wahrheit. Beides um den Preis der Poesie. Wo der Anfang der Existenz ist, ist auch der Anfang der Literatur. 12
Als Instrument des Ordnens von Erfahrungen, der Reflektion des Chaos, der detaillierten Betrachtung einer komplexen Lebenswirklichkeit erfährt die short story oder Kurzgeschichte demnach eine gesonderte Relevanz in der Nachkriegszeit.
die sich damals auflehnten gegen das menschliche Elend, die aufriefen, anklagten, haben einen Beruf ergriffen, sind berühmt und bekannt geworden, haben sich häuslich niedergelassen und
versucht daher für sich neue Formen zu finden, da die Kurzgeschichte der unmittelbaren Nachkriegszeit eng mit der Thematik dieser Zeit verbunden war und daher in dem Moment ausgedient hatte, als diese verschwand. 13
Auch Platoon kann als Instrument der Bestandsaufnahme betrachtet werden. Stone richtet seinen Blick direkt auf den jungen amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg. Den Anstoß gab auch hier eine direkte Wirklichkeitserfahrung. Stone, der selbst in Vietnam gedient hatte, bestätigte, dass Figuren sowie Ereignisse im Film z.t. direkt auf den eigenen Erfahrungen basieren. Zur Darstellung Charlie Sheens bspw. äußerte sich Stone wie folgt:
12 Weyrauch, W. 1949. S. 217
13 Kilchenmann, R. J. Die Kurzgeschichte Formen und Entwicklung. in: Wolfgang Salzmann 1982. S. 108
7
Arbeit zitieren:
Robert Bachmann, 2008, Back to Dreck. Neue Qualitäten und altbekannte Muster in Oliver Stones "Platoon", München, GRIN Verlag GmbH
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