Um einen - zunächst quantitativen - Eindruck zu erhalten, sind die Ergebnisse in einer Tabelle (Tab. I) festgehalten, die sich am Ende dieser Einleitung befindet (siehe Seite 3). Diese erfasst lediglich die Versangaben, die dazugehörigen Textstellen sind im Anhang zusammengestellt 7 (Tab. II).
Insgesamt ließen sich über 40 Erzählerstellen im Gregorius herausarbeiten. Der Prolog und der Epilog werden - der Vollständigkeit halber sind sie in der Tabelle II mit aufgeführt - in der folgenden Analyse ausgespart, da diese Textstellen hinreichend 8 in der Forschung diskutiert worden sind. Ich möchte mich in meiner Arbeit eher den kurzen, bis jetzt wenig beachteten Passagen zuwenden, da sie wertvolle Hilfestellung liefern. Denn gerade die unscheinbaren Textstellen sind im Hinblick auf die narrative Funktion besonders wichtig, wenn zum Beispiel eine Rezipientenlenkung erreicht werden soll. Im Hauptteil (2) dieser Arbeit werde ich auf Grundlage der Tabelle I die verschiedenen Formen der Erzählerstellen analysieren. Zuvor werden unter 2.1 die Voraussetzungen geklärt, die nötig sind, um die Erzählerstellen zu identifizieren. Die Kategorien der Erzählerstellen (2.2) werden dann getrennt analysiert und auf ihre narrative Funktion hin untersucht. Die Analysen der Textstellen weisen, der besseren Orientierung wegen, die gleiche Struktur auf. Dem eigentlichen Text ist jeweils eine Tabelle vorangestellt, die die zu behandelnden Textpassagen und die dazugehörigen Versangaben enthält. Im Text wird eine Definition der Kategorie der Analyse der einzelnen Textstellen vorangestellt. Abschließend wird mit Blick auf die Frage nach der narrativen Funktion die Formkategorie überprüft. In der abschließenden Betrachtung (3) werden die Ergebnisse gebündelt und miteinander verglichen.
7 Bei der Beschäftigung mit den Tabellen ist aufgrund der Versangaben zu beachten, dass ich in meiner Analyse die zweisprachige Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags benutze, die größtenteils auf der Handschrift A beruht.
8 Vgl.: Cormeau, Christoph: Hartmanns von Aue "Armer Heinrich" und "Gregorius". Studien zur Interpretation mit dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns. München 1966, 41ff. Cormeau widmet dem Prolog in seiner Arbeit ein ganzes Kapitel.
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2. Analyse der narrativen Funktion des Erzählers im Gregorius
2.1. Identifikation der Erzählerstellen
Bereits Arndt ist sich der Probleme bewusst, welche eine Analyse der Erzählerstellen mit sich bringt. Zum einen fehlt ein „allgemein anerkanntes Ordnungssystem“ im Umgang mit Erzählerstellen in mittelhochdeutscher Literatur, zum anderen verunsichert die „stark von-einander abweichende Materialerhebung“ 9 . Da die Erzählerstellen des Gregorius explizit nur bei Arndt untersucht werden, war das Problem unterschiedlicher „Materialerhebung“ für meine Arbeit weniger gewichtig. Allerdings ist das fehlende Ordnungssystem natürlich sowohl bei der Beschäftigung mit dem Gregorius, als auch generell eine Hürde, die es, so man sie nicht abbauen kann, zu handhaben gilt. Aus diesem Grund habe ich die Kategorien der Erzählerstellen so gewählt, dass sie sich - falls die Einteilung im Hinblick auf meine Analyse sinnvoll und konsequent beibehalten erschien - bereits vorhandene Ordnungssysteme zu Nutze machen. Schon diese Einschränkung zeigt, dass die Einordnungen der Erzählerstellen nicht immer als geeignet erachtet werden konnten. Dies liegt vor allem daran, dass - wie Arndt richtig bemerkt - die Kategorien verschiedener Autoren nicht oder nur teilweise miteinander vergleichbar sind. Zudem ist auch innerhalb der einzelnen Arbeiten 10 nicht immer ersichtlich, wie eine bestimmte Einordnung begründet oder Kategorien definiert sind. Selbst bei Arndt, der dieses Defizit in seiner Einleitung thematisiert, finden sich Argumentationslücken und kommentarlose Zuordnungen, die einer Analyse nicht standhalten. Ich werde deshalb bei jeder Kategorie versuchen, eine Definition voranzustellen und wo nötig erklären, warum die gewählte Zuordnung von der in der Forschungsliteratur abweicht.
Dazu ist es jedoch vorab wichtig, den “Erzähler“ zu definieren. Der “Erzähler“ ist ein „personifizierender Ausdruck für das Aussagesubjekt einer Erzählrede, das […] von dem rea- lenAutor zu unterscheiden ist“ 11 . Das bedeutet, dass die Textstellen, die ich als “Erzählerstellen“ benannt habe, grundsätzlich eine Gemeinsamkeit aufweisen: Die “Erzählerfigur“ muss sich in diesen Textstellen zu erkennen geben. In welcher Form dies geschieht, wird Teil dieser Arbeit sein.
9 Arndt, Paul H.: Der Erzähler bei Hartmann von Aue. Formen und Funktionen seines Hervortretens und seine Äußerungen. Göppingen 1980, 9.
10 Dieses Defizit findet sich sowohl bei den Arbeiten von Kramer und Pörksen, als auch bei Arndts Analyse.
11 Martínez, Matías, Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 3. Aufl. München 2002, 187/188.
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Zu beachten ist, dass sich kein allgemeines, auf alle Erzählerstellen passendes Charakteristikum finden lässt, das dem Anspruch der Objektivität durchgehend genügt. Deshalb ist es wichtig, für jede Form des “Erzählerauftretens“ kategoriebestimmende Merkmale zu ermitteln.
Eine Arbeit dieses geringen Umfangs kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Erzählerstellen erheben. Die behandelten Erzählerstellen wurden aufgrund ihres häufigen Auftretens im Primärtext ausgewählt und sind in die folgenden Kategorien eingeordnet, die jedoch für die Behandlung des Gregorius teilweise abgewandelt wurden: Vorausdeutungen 12 (2.2.1.), Beglaubigungen 13 (2.2.2.), Wendungen zum Publikum 14 (2.2.3.) und Wertungen 15 (2.2.4.).
Diese Kategorien untersuche ich folgend auf ihre narrative Funktion und erhalte dadurch Antworten auf die folgenden Fragen: Lassen sich die narrativen Funktionen anhand der Formkategorien klassifizieren oder steht jede Erzählerstelle isoliert und beinhaltet eine ihr eigene narrative Funktion? Lässt sich - eventuell ein nicht mit den gewählten Kategorien identisches - Schema feststellen, anhand dessen sich der Erzähler im Gregorius äußert? Die Beantwortung der Fragen hilft nicht nur bei der narrativen Funktion der Erzählerstellen als solche, sondern ist zum Beispiel auch bei der Beschäftigung mit Fiktionalität in mittelhochdeutschen Texten von Bedeutung 16 .
12 In unterschiedlicher Weise bei: Arndt, Pörksen und Kramer; bei Genette „Prolepse“ genannt, ich verwende deshalb die Begriffe Prolepse und Vorausdeutung synonym.
13 Im Unterschied zu den Einteilungen Arndts, Pörksens und Kramers
14 Angelehnt an Kramer, der als einziger mit dieser Einteilung arbeitet
15 Unter verschiedenen Definitionen verwendet bei Arndt, Pörksen und Kramer
16 Hier sei als ein Beispiel angeführt: Haug, Walter: Die Wahrheit der Fiktion. Studien zur weltlichen und geistlichen Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Tübingen 2003.
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2.2. Kategorien der Erzählerstellen
2.2.1. Vorausdeutungen im Gregorius
Kennzeichen der Vorausdeutungen ist, dass sie sich mit Inhalten befassen, die im Handlungsverlauf der Geschichte erst später stattfinden. Es kommt daher in der Abfolge der Ereignisse an diesen Stellen zu einem Bruch. Diese Anachronie wird von Scheffel und Martínez als „Umstellung der chronologischen Ordnung einer Ereignisfolge“ 17 definiert. Die Vorausdeutung lässt sich jedoch noch genauer definieren: Im Unterschied nämlich zur Ankündigung handelt es sich hierbei um Eingriffe des Erzählers, auf die der behandelte Inhalt nicht nahtlos folgt 18 . Im Gregorius Hartmanns von Aue konnte ich fünf Vorausdeutungen isolieren. Allerdings erschließt sich keine Mindestanzahl an Versen, an Hand derer man die Ankündigungen von den Vorausdeutungen trennen könnte. Die Prolepsen 19 im Gregorius beziehen sich auf Ereignisse, die 66 - 348 Verse später wieder aufgegriffen werden.
Wichtiger als die Versanzahl ist demzufolge bei der Unterscheidung von Ankündigung und Vorausdeutung der semantische Wert und somit die Chronologie des Erzählten. Zudem ist bemerkenswert, dass alle Vorausdeutungen erstens im Präteritum stehen und zweitens nie Personalpronomina der ersten Person Singular Teil von Vorausdeutungen sind 20 . Die von Arndt als „typische Zeitadverbien“ der Vorausdeutung betitelten Adverbien „sît, unz, noch, nie(mer) mê“ 21 lassen sich in meiner Untersuchung lediglich in zwei von fünf Stellen finden und sind somit lediglich als syntaktisches Indiz, nicht aber als Charakteristikum der Vorausdeutungen geeignet.
17 Martínez, Matías, Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 3. Aufl. München 2002, 33.
18 Im Gregorius findet sich eine solche Ankündigung beispielsweise in Vers 2298ff.
19 Der Begriff „Prolepse“ wird bedeutungsgeleich zu dem Begriff „Vorausdeutung“ verwendet.
20 Darin sehe ich mit Arndt konform Charakteristika der Vorausdeutungen.
21 Arndt, Paul H.: Der Erzähler bei Hartmann von Aue. Formen und Funktionen seines Hervortretens und seine Äußerungen. Göppingen 1980, 63.
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Auffallend ist zudem, dass sich eines der Zeitadverbien („unz“ Vers 3941) in den beiden letzten Vorausdeutungen befindet, die generell eine gesonderte Stellung innerhalb der Vorausdeutungen einnehmen, worauf ich später eingehen werde. Ein weiteres Indiz für eine Vorausdeutung ist die Verwendung von „daz“ 22 (drei von fünf Stellen). Isoliert betrachtet kann weder Arndts Kriterium „Zeitadverb“, noch das Kriterium „daz“ als ausreichendes Indiz für eine Vorausdeutung angesehen werden. Vergleicht man jedoch die Vorausdeutungen im Gregorius, so fällt auf, dass entweder ein Zeitadverb oder aber ein Demonstrativpronomen in Form von „daz“ die Erzählerstelle einleitet 23 . Es zeigt sich somit, dass es zusammengefasst bei allen Vorausdeutungen im Gregorius eine Art Signalwort gibt, mit dessen Hilfe sich Vorausdeutungen erkennen lassen.
Die Prolepse „si engesâhen ein ander niemer mê“ (V. 656) steht an der ersten wichtigen Gelenkstelle des Werkes. Gregorius Eltern müssen sich, nachdem sie Rat von einem „harte wîsen man“ (V. 491) eingeholt haben, voneinander trennen, um der Schmach des Inzestes zu entgehen. Beide Geschwister leiden sehr unter der bevorstehenden Trennung, was durch die Herz-Tausch-Metapher deutlich gemacht wird („sîn herze volgete ir von dan, daz ir bestuont bî dem man.“ V. 653/654). Die implizite Hoffnung des Lesers, dass sich die Liebenden wiedersehen, wird durch die anschließende Vorausdeutung zerstreut. Der Erzähler nimmt den Handlungsverlauf vorweg. Dies geschieht mit Hilfe der im Mittelhochdeutschen typischen pleonastischen Verwendung der Negation, die hier aus dem proklitischen Negationspartikel en- und dem dazugehörigen Negationsadverb niemer mê besteht. Durch die Prolepse wird das “Was“ der Ereignisse vorweggenommen, wodurch die Spannung auf das “Wie“ gelenkt wird 24 . Damit wird auch die narrative Funktion dieser Erzählerstelle deutlich. Das Interesse des Lesers wird geweckt und die Spannung gehalten. Der Leser weiß, was passieren wird, nicht aber wie oder warum sich der Verlauf so entwickelt. Erst in Vers 830, wo es heißt: „der tôt kam im von seneder nôt“, wird dem Leser das “Wie“ eröffnet. Der Spannungsbogen ist somit über 173 Verse aufrecht erhalten und der Leser erfährt dann, warum Gregorius Vater stirbt: Er geht an Liebesschmerz 25 zu Grunde.
22 Vgl.: Arndt. 1980, 65.
23 Ich bin mir darüber bewusst, dass die wenigen Vorausdeutungen im Gregorius nicht ausreichen, um eine allgemeingültige Aussage zu treffen, weshalb es gelte, diese Wechselwirkung an anderen Werken zu überprüfen.
24 Vgl.: Arndt 1980, 63.
25 Vgl.: senende, senede, sende in: BMZ Band 3, 250.
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Die zweite Vorausdeutung im Gregorius (daz ergie mit riuwen V. 2256) beginnt mit dem Demonstrationspronomen „daz“. Dieses bezieht sich auf die Ereignisse, die dem Leser vorher vermittelt wurden. Gregorius befreit seine Mutter aus der Not eines Minnekrieges, nachdem er das Kloster als junger Mann verlassen hat. Die „lantherren“ (V. 2188) über- zeugendie Königin zum Schutz ihres Herrschaftsbezirks zu heiraten, um nicht wieder in eine Notlage zu geraten. Die Wahl des Ehegattens wird ihr überlassen. An der Stelle, an der sich die Mutter für Gregorius entscheidet, findet sich eine weitere Erzählerstelle („dâ ergie des tiuvels wille an.“ V. 2246), die die Entscheidung bereits dem Bösen zuspricht. Gleichzeitig wird Gregorius´ Mutter in eine Passivrolle gesetzt, da es sich nicht um ihren Willen, sondern um den des Teufels handelt. Auch die anschließende positive Beschrei- bungder Ehe („ez enwart nie wünne merre dan diu vrouwe und der herre mit ein ander hâten, wan si wâren berâten mit liebe in grôzen triuwen“ VV. 2251-2255) kann dieses Negativum nicht aufwiegen. Der Leser, der weiß, dass Gregorius seine Mutter heiratet, wird durch die Prolepse „daz ergie mit riuwen“ in der Vermutung bestärkt, dass diese Partnerschaft von vorne herein auf das Ende gerichtet ist. Erst in Vers 2604 kommt es zu der Auflösung, auf die der Leser gewartet hat („ich bin iuwer muoter und iuwer wîp“). Die Liebespartner erkennen sich als Verwandte und werden sich des Inzestes bewusst 26 . Der Umfang dieser Prolepse ist mit 348 Versen deutlich größer als im ersten Beispiel. Die Reichweite 27 der Vorausdeutung lässt sich aufgrund der fehlenden Zeitangaben im Text nicht festmachen, was jedoch nichts an der narrativen Funktion der Erzählerstelle ändert. Auch hier wird - genau wie im ersten Beispiel - ein Spannungsbogen erzeugt und aufrechterhalten. Erwähnenswert ist, dass zwar die narrative Funktion der beiden Prolepsen identisch ist, nicht jedoch ihre Stellung im Handlungsablauf. Pörksen erläutert, dass man Vo- rausdeutungen„bevorzugt am Schluß von Erzählerabschnitten“ findet 28 . Dies trifft zwar auf die erste Prolepse, nicht jedoch auf die zweite zu. Nach der Vorausdeutung auf das Ende der Beziehung und damit auch der Herrschaft über das Land, wird wieder von Gregorius´ Leben als Herrscher und Ehemann erzählt. Demzufolge liegt hier kein Ende eines Abschnittes vor.
26 Ich spreche hier absichtlich nicht von „Schuld“, da damit eine Wertung verbunden wäre.
27 Vgl.: Definition „Reichweite“ und „Umfang“: Martínez, Matías, Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 3. Aufl. München 2002, 35.
28 Pörksen, Uwe: Der Erzähler im mittelhochdeutschen Epos. Formen seines Hervortretens bei Lamprecht, Konrad, Hartmann, in Wolframs Willehalm und in den 'Spielmannsepen'. Berlin 1971, 21.
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Cornelia Johnen, 2009, Analyse der narrativen Funktion des Erzählers in Hartmanns von Aue "Gregorius", München, GRIN Verlag GmbH
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