Universität Rostock
Institut für Germanistik
- Einführung in die literaturwissenschaftliche Interpretation -
Werkinterpretation zum Thema Lyrik:
Rainer Maria Rilke „Der Panther“
1999
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Das Gedicht „Der Panther“ von Erich Maria Rilke entstand Ende 19021 in Paris, wo Rilke an der Wegscheide seines Denkens und Dichtens stand. In dieser Zeit klagt er über die neuen und nicht beherrschbaren Wirklichkeitseindrücke. Kennzeichnend für die Epoche des Impressionismus (/Symbolismus) ist nicht nur der hier vorliegende kurze Dichtungstyp sondern auch die Ablehnung der zeitgenössischen Wirklichkeit, das vorliegende Gedicht verschönt nicht die Gefangenschaft des Tieres. Es vermittelt einen sinnlich-subjektiven Eindruck, die Gefühle des Panthers werden aus der Sicht des Beobachters vorm Käfig dargestellt. Das beobachtende Ich, das völlig in den Hintergrund getreten ist, gibt den Augenblick des umhergehenden Panthers wider, die momentane Stimmung und den flüchtigen Reiz in Strophe drei. So findet man hier eine impressionistische Momentaufnahme und zugleich auch einen Ausdruck symbolistischer Wortkunst.
Wie der Titel bereits vermuten läßt, wird, und dem Charakter der Dinggedichte entsprechend, ein Objekt, hier der Panther thematisiert. Er geht zwar rastlos auf und ab, wirkt aber in seinem engen Käfig, hinter Gittern des Lebens müde. Die geringe Energie, die ihm in der Gefangenschaft geblieben ist und die manchmal noch einmal aufflammt, stirbt doch sofort wieder ab. Rilke beschreibt in einer präsentischen, stimmungsgeladenen Bildfolge den Handlungsträger Panther, seinen lustlosen Blick, wobei eine Steigerung in die Trostlosigkeit spürbar wird. Anlaß zum Ausdruck ist die Beobachtung des Panthers im Jardin des Plantes, doch läßt sich auch eine innere Veranlassung erkennen. Das Gedicht vermittelt ein Gefühl bedrückender Gegenwart. Dem Ich wird deutlich, daß sich etwas in bestimmter Weise verhält und dies erfüllt das Ich mit Wehmut, es möchte die Einstellung des Panthers mitteilen, analog zur eigenen Gefühlswelt.
Die Aussprache wandelt sich zwar nicht zur Ansprache, aber die Betrachtung des Panthers führt zu mitteilbaren Erkenntnissen, die indirekt an den Leser gerichtet werden; indirekt, da der Leser selbst nicht angesprochen wird. Der Sprecher des Gedichtes bleibt verborgen, Hinweise auf ein lyrisches Ich, wie Personalpronomen oder Interjektionen sind nicht vorhanden. Diese sogenannte „Er-Lyrik“ ist kennzeichnend für ein beschreibendes, erzählendes Gedicht. Der Panther wird losgelöst vom Ich, in seinem Sosein beschrieben.- Ein Streben nach reiner Gegenständlichkeit.
[...]
1 Laut Hähnel, Klaus Dieter in :Rainer Maria Rilke.2.Auflage 1986, Berlin/Weimar. S.50.
Quote paper:
Anna Kiesbauer, 1999, Werkinterpretation zum Thema Lyrik: Rainer Maria Rilke - Der Panther, Munich, GRIN Publishing GmbH
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