Kurzfassung
In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, welches Wissen aus der Neurobiologie für die Arbeit von Kommunikationstrainern und -trainerinnen relevant ist. Es zeigt sich, dass bereits sehr viele wissenschaftliche Disziplinen und Fachrichtungen mit dem Thema Gehirnforschung in Verbindung stehen. Für die praktische Tätigkeit in Kommunikationstrainings stellt sich dieses Wissen um die Funktion und Arbeitsweise des Gehirns als Basis für die Begleitung von Menschen in ihrer Entwicklung dar. Das Wissen über neurobiologische Grundlagen ermöglicht das Verständnis dafür, wie Lernen im Gehirn über die fünf Wahrnehmungskanäle funktioniert. Der Aufbau des Gehirns wird anhand des ‚Zwiebelmodells‘ von Gerald Hüther (2009) erläutert und die Struktur der einzelnen Gehirnareale mit deren Funktionen erörtert. Es werden jene Gehirnareale systematisch dargestellt, die in der Arbeit im Kommunikationstraining einerseits als Hintergrundwissen zur Erklärung von Vorgängen und andererseits zur Unterstützung des leichteren Lernens eingesetzt werden können. Konkrete Themen aus der täglichen Praxis von Kommunikationstrainern und -trainerinnen werden im Praxisteil erläutert und neurobiologisch erklärt. Es werden Hinweise und Anregungen gegeben, wie ‚gehirngerechtes‘ Lehren, Lernen und Erfahren auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit in Seminaren umgesetzt werden kann. Kernaussagen und Anregungen fassen am Schluss diese Arbeit zusammen.
Schlüsselwörter: Neurobiologie, Hirnforschung, gehirngerechtes Lernen, gehirngerechte Kommunikationstrainings.
Abstract
This work will investigate which knowledge from the field of neurobiology is relevant for the work of communication trainers.
It is evident that many scientific disciplines and subjects are already connected to the subject of brain research. For the practical work in communication training this knowledge of the function and workings of the brain represents a basis for the mentoring of people in their development.
The knowledge of neurobiological fundamentals facilitates the understanding of how learning functions in the brain through the five channels of perception. The structure of the brain will be explained using the “onion model” of Gerald Hüther (2009) and the structure of the individual brain areas and their functions will be discussed. Each area of the brain will be systematically illustrated, which could be applied in work in communication training, on the one hand as background knowledge for the ex-
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planation of processes and on the other hand to support easier learning. In the praxis part of this paper, concrete themes from communication trainers’ daily practice will be clarified and explained on the basis of neurobiology. Hints and suggestions will be given of how “brain-appropriate” teaching, learning and experiencing can also be utilised with regard to sustainability in seminars. The work concludes with core findings and suggestions.
Key words: neurobiology, brain research, brain-appropriate learning, brain-appropriate communication training.
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Inhaltverzeichnis
1. Einleitung 1
1.1 Interdisziplinäre Ansatzpunkte 4
1.2 Definition von Neurobiologie 5
1.3 Stellenwert des Themas in der interpersonellen Kommunikation 8
1.4 Forschungsinteresse und Forschungsziel 9
1.5 Forschungsfragen 10
1.6 Die Methode der Metaanalyse 10
2. Neurobiologische Grundlagen 12
2.1 Gehirninterne Verbindungen und Informationskanäle 12
2.1.1 Neuronen und synaptische Verbindungen 13
2.1.2 Das Gehirn beschäftigt sich überwiegend mit sich selbst 14
2.1.3 Die Entstehung von Synapsenverbindungen 15
2.1.4 Neuronale Netzwerke und Repräsentanzen 16
2.2 Funktion und Wirkungsweise einzelner Gehirnareale 16
2.2.1 Zwiebelschicht A: Das Betriebssystem (Reptiliengehirn) 18
2.2.1.1 Hirnstamm - das Alarmzentrum 19
2.2.1.2 Kleinhirn - der Motor 19
2.2.1.3 Mittelhirn - die Steuerung 20
2.2.2 Zwiebelschicht B: Das Bewertungssystem 20
2.2.2.1 Thalamus - das Tor zum Bewusstsein 21
2.2.2.2 Das limbische System - das zentrale Bewertungssystem 22
2.2.2.3 Botenstoffe und neuromodulatorische Systeme - die Belohnungsstoffe 23
2.2.2.4 Der Mandelkern (Amygdala) - der Stressindikator 24
2.2.2.5 Das mesolimbische System - das emotionale Erfahrungsgedächtnis 26
2.2.3 Zwiebelschicht C: Das Speichersystem 26
2.2.3.1 Hippocampus - der Bibliothekar / der Prozessor 27
2.2.3.2 Cortex - die Bibliothek / die Festplatte 28
2.2.4 Zwiebelschicht :D Das Kontrollzentrum 30
3. Erkenntnisse der Gehirnforschung und ihre Verwertbarkeit 32
3.1 Die Veränderbarkeit des Gehirns 33
3.1.1 Die Neuroplastizität des Gehirns 33
3.1.2 Die linke und rechte Gehirnhälfte als klassisches Modell 34
3.1.3 Junge und reifere Gehirne 37
III
3.1.4 Frau und Mann: neurobiologische Unterschiede 39
3.2 Zwiebelschicht A: Praxiswissen Betriebssystem 45
3.2.1 Archaische Notfallprogramme 45
3.2.2 Die Betriebsleistung des Gehirns sicherstellen 46
3.2.3 Die untrennbare Einheit von Körper und Gehirn/Geist/Psyche 46
3.2.4 Bewegung fördert Lernen 47
3.3 Zwiebelschicht B: Praxiswissen Bewertungssystem 48
3.3.1 Einstieg in das Seminar und volle Aufmerksamkeit 48
3.3.2 Begeisterung und Belohnung 50
3.3.3 Das Gehirn ist ein Sozialorgan 52
3.3.4 Infotainment: Lernen mit Spaß und Schokolade 53
3.3.5 Die Seminarumgebung 56
3.3.6 Gerüche wirken unbewusst 56
3.3.7 Das unbewusste Potential unseres Gehirns 57
3.3.8 Stress und Komfortzone 58
3.3.9 Selbstvertrauen, Erfolgserlebnisse 62
3.4 Zwiebelschicht C: Praxiswissen Speichersystem 63
3.4.1 Neuigkeit und Bedeutsamkeit 63
3.4.2 Wissen muss jedes Gehirn selber schaffen 64
3.4.3 Abspeichern in unterschiedlichen Gehirnregionen 65
3.4.4 Lernen durch Wiederholen 66
3.4.5 Von Beispielen zu Regeln 68
3.4.6 Vom Bekanntem zum Unbekannten. 69
3.4.7 Wir hören, was wir hören können 70
3.4.8 Verarbeitung im Schlaf 72
3.4.9 Die Erwartungsabfrage 74
3.4.10Übertragung und Projektion - neurowissenschaftlich betrachtet 74
3.5 Zwiebelschicht :D Praxiswissen Kontrollzentrum 75
3.5.1 Die bewusste Handlungsplanung 75
3.5.2 Die Kontrolle des Reptiliengehirns 76
3.5.3 Entwicklung von Metakompetenzen 77
3.6 Lernen am Modell 78
3.6.1 Das Vorbild wirkt 78
3.6.2 Die Spiegelneuronen erzeugen Resonanz 79
3.6.3 Empathie, Einfühlungsvermögen und Wertschätzung 81
IV
4. Zusammenfassung und weitere Forschungsideen 83
4.1 Fazit, Verwertbarkeit und Ausblick 83
4.2 Die Erkenntnisse der Gehirnforschung kritisch betrachtet. 84
4.3 Top 7: Kernaussagen und Anregungen 85
4.3.1 Das Gehirn ist veränderbar 85
4.3.2 Jedes Gehirn muss selber lernen 85
4.3.3 Vorbildlernen und Spiegelneuronen 85
4.3.4 Zwiebelschicht A: Das Betriebssystem 86
4.3.5 Zwiebelschicht B: Das Bewertungssystem 86
4.3.6 Zwiebelschicht C: Das Speichersystem 86
4.3.7 Zwiebelschicht :D Das Kontrollzentrum 87
5. Abbildungsverzeichnis 88
6. Literaturverzeichnis 88
7. Anhang: Auswahl von Forschungsbereichen und Wissenschaftern 94
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1. Einleitung
Kommunikationstrainer und -trainerinnen haben als Experten und Expertinnen mit ihrer Expertise für interpersonelle Kommunikation ein breites Betätigungsfeld: sie sprechen, reden, diskutieren, coachen, moderieren, mediieren, entwickeln, denken und reflektieren, beraten, fördern und fordern und leiten und begleiten Personen und Unternehmen. In unterschiedlichen Veranstaltungsformen kommunizieren sie in Seminaren, Workshops, Vorträgen oder Besprechungen und Meetings. Sie planen und bereiten vor, fühlen und denken sich in Personen, Prozesse, Abläufe und Organisationen hinein. In Veranstaltungen sind Trainer und Trainerinnen die überwiegende Zeit mit interpersoneller Kommunikation beschäftigt. Sie geben fachliche Inputs, erläutern Themen näher, zeigen andere Sichtweisen auf, sie irritieren mit ungewohnten Gedanken und Ideen und versuchen bei den Teilnehmenden Lernprozesse und Entwicklungen in Gang zu setzen. Kommunikationstrainern und -trainerinnen steht ein nahezu unüberblickbares Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen und Fachrichtungen zur Verfügung. Die intensive Aus-einandersetzung mit der einschlägigen Literatur zeigt, dass Kommunikationstrainings ein interdisziplinäres Thema sind. Die Interdisziplinarität der Neurobiologie lässt Trainer und Trainerinnen mit ihren verschiedensten individuellen Arbeitsstilen an die Erkenntnisse der Gehirnforschung anknüpfen.
In den letzten Jahren hat die Gehirnforschung zunehmend populärwissenschaftliche Dimensionen angenommen. Im Austausch mit Kollegen und Kolleginnen sowie Teilnehmern und Teilnehmerinnen werden daher Erkenntnisse aus der Gehirnforschung häufiger thematisiert. Interpersonelle Kommunikation bedeutet immer kommunikative und persönliche Arbeit von Mensch zu Mensch, von Gehirn zu Gehirn. Diese Beobachtung zeigt, dass Wissen über die Funktionalität des Gehirns bezogen auf die gehirngerechte Durchführung von Seminaren für Kommunikationstrainer und -trainerinnen von grundlegender Bedeutung ist. Daraus ergeben sich Fragen nach Grundstrukturen, Grundmustern oder vielleicht sogar Gesetzmäßigkeiten in der Arbeitsweise des Gehirns. Die praktische Umsetzbarkeit in den Seminarveranstaltungen kann so durch sogenannte ‚harte Fakten‘ oder anschauliche Inhalte maßgeblich untermauert werden. Um bestmögliche Erfolge zu sichern, wird neurobiologisches Wissen idealerweise in die Vorbereitung, Konzeption und Durchführung eines Kommunikationstrainings mit einbezogen. Somit gehören Erkenntnisse der Gehirnforschung und des neurobiologischen Wissens einerseits zum Basiswissen erfahrener Kommunikationstrainer und -trainerinnen und andererseits in die Curricula von Trainingsausbildungen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema in Form von wissenschaftlicher Literatur von Recherchen zeigen, dass das Thema Neurobiologie mit sehr vielen anderen wissen-
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schaftlichen Disziplinen in Verbindung steht. Ein Überblick über die Interdisziplinarität findet sich im Kapitel 1.2.1. Die vorliegende Arbeit versucht den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand aufzuzeigen und bietet in einer verständlichen und praxisnahen Sprache Anregungen für die tägliche Anwendung im Seminaralltag. Als medizinischer Laie hat mir die Einarbeitung in die Neurowissenschaften und die Neurobiologie durchaus mehr Kopfzerbrechen gemacht als geplant. Im ‚Selbstversuch‘ war das Entstehen von neuronalen Netzwerken in meinem Gehirn spürbar. Insgesamt habe ich in der Rückschau den Eindruck, als wäre diese ganze Arbeit, diese intensive Ausei-nandersetzung eine einzige Übung zur Bildung meiner neuen neuronalen Netzwerkstrukturen gewesen. Viele zuerst noch nicht erkennbaren Strukturen, Zusammenhänge und Erkenntnisse waren plötzlich fast schon banal und einleuchtend - und manchmal auch wieder nur ein Zwischenschritt zum endgültigen Ergebnis.
Drei Dinge waren dazu notwendig: Zeit, Geduld und die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. ‚Gut Ding braucht Weile‘ - dieser Satz hat seine neurobiologische Bestätigung erfahren. Auch wenn mich diese Erkenntnis bisweilen frustriert hat. Die Fortschritte der Gehirnforschung im letzten Jahrzehnt wurden vor allem durch die Entwicklung bildgebender Verfahren möglich und stellen diesbezüglich an sich schon eine der herausragenden Leistungen im Bereich der Hirnforschung dar (vgl. Spitzer 2009b: 40). Mit der Möglichkeit der Darstellung und Sichtbarmachung mittels bildgebender Verfahren kann die Wissenschaft einerseits Bilder von der Struktur des Gehirns erzeugen.
Andererseits können auch die physiologischen und biochemischen Aktivitäten abgebildet werden. Damit kann man Aussagen über die Funktion des Gehirnareals machen indem aufgezeigt wird, in welchem Gehirnteil welche Aktivität vorhanden ist. Verglichen wird dabei die Tätigkeit des Gehirns im Ruhezustand und während einer bestimmten geistigen Leistung. Dadurch können aktivierte Strukturen im Gehirn dargestellt werden und Informationen darüber gesammelt werden, wo genau eine bestimmte Leistung im Gehirn stattfindet (vgl. Spitzer 2009b: 40). Diese Technik bildet die Basis dafür, naturwissenschaftlich begründeten Aussagen über die Funktionsweise des Gehirns machen zu können. Zu den bekanntesten Methoden gehört die Positronenemissionstomographie (PET), bei dem radioaktiv markierte Substanzen (Isotopen) in den Körper eingebracht werden. Bei ihrem radioaktiven Zerfall werden Positionen (positiv geladene Elementarteilchen) freigesetzt. Der Nachteil dieser Methode ist ein hoher technischer Aufwand und damit ein hoher Preis dieser Methode. Die Magnetresonanztomografie (FMRT) wurde gegen Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre entwickelt. Am Computer kann sichtbargemacht werden, welche Areale des Gehirns im Hinblick auf Sauerstoffreichtum des durchflie-
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ßenden Blutes aktiver reagieren. Die FMRT hat den Vorteil einer hohen räumlichen Auflösung und gibt die Möglichkeit der Darstellung einer exakten Lokalisation anatomischer Strukturen. Bei der Kernspin-Tomographie (NMR, ‚Nuclear Magnetic Resonance‘)wird mit starken Magnetfeldern gearbeitet, der Computer berechnet aufgrund dieser Radiowellen entsprechende Schnittbilder (vgl. Roth 2009a: 135). Auch wenn die Erkenntnisse in den letzten Jahren sehr spektakulär und entsprechend publiziert wurden, ist Gehirnforschung keine Erfindung unserer Zeit. Schon um 1870 etwa beschäftigte sich der italienische Arzt Camillo Golgi mit Gehirnforschung. Er färbte dazu die Hirnhäute und experimentierte mit Silbersalzen. Für ihre Leistungen bekamen Golgi und der Spanier Santiago Ramo`n y Cajal gemeinsam im Jahre 1902 den Nobelpreis für die Neuronentheorie des Gehirns. Auch die Ärzte Sigmund Freud und Sigmund Exner erdachten und zeichneten schon im Jahre 1895 aus Neuronen bestehende ‚Netzwerke‘ (vgl. Spitzer 2000: 3). Die WHO erklärte die letzte Dekade vor der Jahrtausendwende zum Jahr des Gehirns (vgl. Bear 2009: 24). Im Jahre 2001 erhielt Eric Kandel den Nobelpreis dafür, dass er herausfand, wie Wissen entsteht und wie Wissen in unserem Gehirn verarbeitet wird.
Die OECD hat im Jahre 2005 (vgl. Spitzer 2009a: 397f.) ein Projekt zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Lernforschern und Gehirnforschern ins Leben gerufen. Die neurobiologische Grundlagenforschung findet zunehmend Anwendung in alltäglichen Bereichen.
In der Ausgabe der Salzburger Nachrichten vom 19. Februar 2011 wird über den Fonds zur wissenschaftlichen Forschungsförderung (FwF) berichtet, mit dem Nachwuchswissenschaftler an der Universität Salzburg mit rund 1,25 Millionen Euro gefördert werden. Es gibt Stipendien für Doktorandinnen und Doktoranden im Bereich der neurokognitiven Wissenschaften. In diesem Kolleg mit dem Namen ‚Imaging of the Mind‘ soll die geistige Tätigkeit des Gehirns und mentale Funktionen untersucht werden. Nach einer Internetrecherche über das Fachmagazin ‚Geist und Gehirn‘ gelangt man zur erstaunlichen Erkenntnis, dass nahezu an allen Universitäten Deutschlands ein Universitätsstudium rund um das interdisziplinäre Thema ‚Hirnforschung‘ angeboten wird. Zwei Beispiele mögen dies erläutern: an der Ruhr-Universität Bochum wird ein Studiengang Psychologie mit Schwerpunkt Kognitive Neurowissenschaften angeboten. In diesem Ba-chelorstudium geht es vor allem um die Themen Kognition und Gehirn, Neuropsychologie sowie Biopsychologie (vgl. OQ 1).
An der Eberhard-Karls-Universität Tübingen wird ebenfalls ein ähnlicher Studiengang für Neuro- und Verhaltenswissenschaften angeboten. In diesem Masterstudium geht es schwerpunktmäßig um die Themen systemische und kognitive Neurowissenschaft, theo-
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retische Neurowissenschaft und Neuroinformatik, Psychophysik, Neurophysiologie und bildgebende Verfahren (vgl. OQ 2).
Mit Erstaunen ist festzustellen: Wir sind im Zeitalter von ‚Neuro‘ angekommen! Neurobiologische Aspekte und die Anwendung für die Praxis stellen sich als breiter und interdisziplinär beforschter Bereich dar. Viele Disziplinen liefern dazu Anknüpfungspunkte und Beiträge für neue Erkenntnisse. Gehirnforschung hat in vielen Bereichen des Lebens Eingang gefunden. Zahlreiche Autoren und Autorinnen sowie Wissenschaftler Wissenschaftlerinnen aus der Gehirnforschung haben in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse und Publikationen hervorgebracht und der allgemeinen Anwendung zur Verfügung gestellt.
1.1 Interdisziplinäre Ansatzpunkte
Die Verwendung unterschiedlicher Suchmaschinen im Internet macht deutlich, dass das Feld der ‚Neurobiologie‘ ein fast unüberschaubar verzweigtes Netz von unterschiedlichen Themen und Disziplinen darstellt. Die Präsenz der Gehirnforschung zeigt sich beinahe täglich: in Tages- und Wochenzeitungen, in wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Magazinen. Während der Recherche ergaben sich immer wieder neue Anknüpfungspunkte, immer weiter zogen sich die Kreise. Die notwendige Themenselektion war zugleich Herausforderung und Hilfestellung.
Im Folgenden ist eine alphabetische Auswahl jener Forschungsbereiche und Forschungsthemen aufgeführt, bei denen die Erkenntnisse der Gehirnforschung Eingang gefunden haben und interessante Verknüpfungen zwischen der Neurobiologie, der Kommunikationswissenschaften, der Psychologie und der Didaktik aufscheinen lassen.
Bildungsforschung, Bio-Logik, Biopsychologie, Didaktik und Methodik, Elementarpädagogik, Emotionen und emotionale Verhaltenssteuerung, Entwicklungsneurobiologie, Entwicklungspädiatrie, Entwicklungspsychologie, Emotionsforschung, Erziehungswissenschaften, Evolutionsbiologie, Gedächtnis- und Lernforschung, Gehirn-forschung und Pädagogik, Gesundheitspsychologie, Instruktionspädagogik undpsychologie, Interpersonelle Kommunikation, Kommunikationswissenschaften, Kognitions- und Emotionspsychologie, Kognitionswissenschaften, Kognitive Gehirnforschung, Kognitive Psychologie, Kognitive Entwicklungsneurobiologie, Lehr- und Lern-forschung, Lernpsychologie, Lernwissenschaften, Modell der Informationsverarbeitung, Molekularbiologie, Motivation, Neurobiologie und Verhaltensbiologie, Neurobiologische Grundlagen der Empathie, Neurobiologische und Neurodidaktische Konzep-
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te zur Lehr- und Lerngestaltung, Lehr-, Unterrichts- und Schulentwicklung, Neurokognition des Lesens, Neurokognitive Forschung, Neurokognitive Grundlagen der Interaktion zwischen Sprache und Emotion, Neurokognitive Methoden, Neurokognitive Psychologie, Neuro-Logik, Neuromarketing, Neuronale Mechanismen von Lernprozessen in früher Kindheit, Neuropädagogik, Neurophilosophie, Neurophysiologie, Neuropsychologie, Neurowissenschaft, Ontogenese: Individualentwicklung des Gehirns, Pathologische Auswirkungen von Stress und Trauma auf die Gehirnentwicklung, Pädagogik, Persönlichkeitsentwicklung, Psycho-Edukation, Philosophie, Physiologische Psychologie, Psychologie, Psychologische Lernforschung, Psychosynergetik, Verhaltensphysiologie, Verhaltenssteuerung, Verhaltenswissenschaften, Wahrnehmung und Erkenntnistheorie.
1.2 Definition von Neurobiologie
In der freien Enzyklopädie Wikipedia findet sich als Überbegriff zum Begriff der ‚Neurobiologie‘ der Begriff ‚Neurowissenschaften‘. Die Neurowissenschaften unterteilen sich danach in vier unterschiedliche Disziplinen:
• Neurobiologie
• Neurophysiologie
• kognitive Neurowissenschaft
• klinisch-medizinische Fächer
Im Begriff ‚Neurobiologie‘ sind nach der Wortzusammensetzung die beiden Forschungsbereiche von Medizin (‚Neuro‘) und Biologie zusammengefasst. In der Enzyklopädie Wikipedia findet sich eine weitere Definition: „Die Neurobiologie beschäftigt sich im Wesentlichen mit den molekularen und zellbiologischen Grundlagen der Neurowissenschaften“ (vgl. OQ 3).
Bemerkenswert ist, dass im grundlegenden Lehrbuch ‚Neurowissenschaft‘ von Bear (2009) der Begriff ‚Neurobiologie‘ im Index nicht zu finden ist (vgl. Bear 2009: 969). Da es sich um eine Übersetzung aus dem Amerikanischen handelt, könnte es möglicherweise in Europa und Amerika wiederum unterschiedliche Begriffsdefinitionen geben. Als klinisch-medizinische Spezialisten beschäftigen sich die Berufszweige des Neurologen, Psychiaters, Neurochirurgen und des Neuropathologen mit dem Gehirn des Menschen. Bear gibt einen Überblick von experimentellen Neurowissenschaftlern:
• Entwicklungsneurowissenschaftler untersuchen die Entwicklung und Reifung des Gehirns.
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• Der Neuroanatom untersucht die Struktur des Nervensystems, der Neurochemiker dessen Chemie.
• Der Neuroethologe untersucht die neuronalen Grundlagen von artspezifischem Verhalten bei Tieren und der Physiopsychologe (Biopsychologe, Psychobiologe) die biologischen Grundlagen des Verhaltens.
• Der Psychophysiker misst die Leistung der Sinneswahrnehmung (vgl. Bear 2009: 17).
Für das 3. Kapitel (Verwertbarkeit) konnten für folgende Wissenschaftsbereiche Verbindungen mit neurobiologischem Wissen recherchiert werden: Didaktik und Methodik, Emotionen und emotionale Verhaltenssteuerung, Gedächtnis- und Lernforschung, Ge-hirnforschung und Pädagogik, Interpersonelle Kommunikation, Kommunikationswissenschaften, Kognitionswissenschaften, Kognitive Gehirnforschung (Neurowissenschaft), Kognitive Psychologie, Lernpsychologie, Neurobiologie und Verhaltensbiologie, Neurokognitive Psychologie, Neuropädagogik, Neurowissenschaft, Pädagogik, Psychologie, Verhaltenswissenschaften.
Im allgemeinen Sprachgebrauch oder in der populärwissenschaftlichen Literatur ist eher von den Erkenntnissen der ‚Hirnforschung‘ und weniger von der ‚Gehirnforschung‘ zu lesen. In diesem Zusammenhang werden hauptsächlich Untersuchungsergebnisse dargestellt, die mit dem Aufbau und den Leistungen des Gehirns befasst sind. In den Recherchen war feststellbar, dass ‚Neurobiologie‘ und ‚Hirnforschung‘ in vielen Bereichen ähnlich verwendet wird.
Eine enge Kooperation zwischen den Erkenntnissen der Neurobiologie und der Didaktik gibt es durch die neurowissenschaftliche Disziplin der ‚Neurodidaktik‘. Friedrich (1995) definiert Neurodidaktik folgendermaßen:
Der Begriff Neurodidaktik umschreibt die Aufgabe, dem Zusammenhang zwischen den neurologischen Bedingungen des Menschen und seiner Lernfähigkeit nachzugehen, um daraus Erkenntnisse für die Didaktik zu gewinnen. Die Umsetzung der Erkenntnisse in pädagogisches Planen und Handeln soll dabei vom Ziel geleitet werden, die Würde des Menschen zu bewahren und zu mehren (Friedrich 1995: 11).
Der Begriff Neurodidaktik setzt sich zusammen aus neuro-, [griech. Neũron = Nerv] und Didaktik [griech. Didaktikós], der Lehre vom Lehren (vgl. OQ 4). Im praktischen Anwendungsteil dieser Arbeit (3. Abschnitt: Verwertbarkeit) sind einige Erkenntnisse und Anregungen mit neurodidaktischem Ansatz kombiniert. Im Kapitel 3
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(Erkenntnisse und Verwertbarkeit) werden ausgewählte Verbindungen zur Neurodidaktik hergestellt. Allein das Thema ‚Neurodidaktik‘ wäre eine interessante wissenschaftliche Abhandlung. Deshalb kann im Rahmen dieser aus Gründen der Themenselektion keine explizite Vertiefung in diesem Thema erfolgen.
Herrmann sieht zwischen den Disziplinen Neurowissenschaften, Kognitionspsychologie, Pädagogik sowie der Bio- und Sozialpsychologie durchaus breite Überschneidungsfelder. Er detailliert die Sichtweisen der einzelnen Disziplinen wie folgt:
Das lernende Gehirn ist aus Sicht der Neurowissenschaften ein Objekt, an dem vor allem Zellstoffwechselprozesse studiert werden können und nachvollzogen werden kann, wie das Gehirn aus ‚Informationen‘ ‚Biologie‘ macht. Dies ist vor allem durch die Veränderungen der Synapsen und neuronalen Netzwerke nachweisbar (Hermann 2009a 9f.).
Im Grundlagenwerk über Neurowissenschaften von Bear werden die Begriffe ‚Neurowissenschaft‘ und ‚Hirnforschung‘ synonym verwendet (vgl. Bear 2009: 14). Folgende Unterteilung wird vorgenommen:
• Die Molekulare Neurowissenschaft beschäftigt sich mit Molekülen und Nervenbahnen, Neuronen und Botenstoffen.
• Die Zelluläre Neurowissenschaft beschäftigt sich mit den verschiedenen Typen von Neuronen und deren Funktion sowie das Zusammenwirken von Molekülen.
• Arbeitsschwerpunkte der systemischen Neurowissenschaft betreffen die komplexen Schaltkreise von Neuronengruppen und untersuchen die Verarbeitung von In-formationen über die Sinneskanäle.
• Die verhaltensorientierte Neurowissenschaft beschäftigt sich mit unterschiedlichen Formen des Gedächtnisses, geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen oder der Frage, woher Träume kommen.
• Die kognitive Neurowissenschaft erforscht die Aktivität des Gehirns, die geistige Vorstellungskraft und die Sprache (vgl. Bear 2009: 14f.).
Die kognitionspsychologische Disziplin sieht das lernende Gehirn als ‚Agentur‘ von und für höhere kognitive Prozesse, die sich für die Anleitung von Denk- und Verstehensprozessen nutzen lässt. Analog dazu verstehen sich die neuronalen Repräsentationen (siehe Kapitel 2.1.4) als Pendant dazu (vgl. Hermann 2009a: 9).
Das lernende Gehirn aus der Sichtweise der Bio- und Sozialpsychologie stellt die angstfreien, ermutigenden und Erfolgszuversicht signalisierenden Beziehungen als wesentli-
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che Grundlage in den Vordergrund. Erst dadurch ist es dem Gehirn möglich, optimale Lern- und Gedächtnisleistungen zu vollbringen (vgl. Hermann 2009a: 10). Aus der Sichtweise der Pädagogen und Pädagoginnen sollen diese selbst Experten dafür sein, dem lernenden Gehirn jede Unterstützungen und Hilfestellungen zu ermöglichen, um die jeweiligen neuronalen Strukturen durch optimale Interventionen begünstigen (vgl. Herrmann 2009a: 10).
‚Neurobiologisches Wissen für Kommunikationstrainings‘ muss sich in diesem fast unüberschaubar verzweigten Netz von unterschiedlichen Disziplinen damit notwendigerweise auf eine Auswahl an einzelnen Themen reduzieren.
Im nächsten Kapitel wird deutlich, wie viele Überschneidungsfelder sich mit den Themenbereichen der interpersonellen Kommunikation ergeben. Spitzer (2009b: 24) formuliert es so: „daher wird ein Lehrer, der weiß, wie das Gehirn funktioniert, besser lehren können“.
1.3 Stellenwert des Themas in der interpersonellen Kommunikati-
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Der Ausschreibungstext zu dem dieser Arbeit zugrundeliegenden ‚Universitätslehrgang für interpersonelle Kommunikation‘ lässt viele neurobiologische Anknüpfungspunkte erkennen:
Die Qualität von Kommunikation ist heute zum Erfolgsfaktor geworden. Menschen in Unternehmen und Organisationen sind gefordert, Orientierung zu geben, Klarheit und Verbindlichkeit zu schaffen. Kommunikative Kompetenz wird somit zu einer Grundlage für ökonomischen Erfolg. Im privaten Bereich ist gute Kommunikation das, was Menschen brauchen, wenn sich Familien- und Beziehungsstrukturen wandeln. [….]
Im Mittelpunkt steht das kommunikative Handeln und Verhalten auf der Basis von wissenschaftlichen Theorien, Modellen und Konzepten. Die Aneignung von adäquaten Methoden und Instrumenten zur Umsetzung von Kommunikationszielen ist dabei zentral. Die so erworbenen Fähigkeiten können z.B. bei der Leitung von Gruppen, in Seminaren und Trainings im Bereich der interpersonellen Kommunikation angewendet werden (vgl. OQ 5).
Die Kommunikation zwischen Menschen - von Gehirn zu Gehirn - stellt einen wesentlichen Schwerpunkt in der Arbeit von Kommunikationstrainern und -trainerinnen dar. Die
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Reflexion des kommunikativen Handelns und Verhaltens und die daraus folgende Kommunikation ist auch Ergebnis vieler neuronaler Prozesse.
Für Kommunikationsexperten und -expertinnen bieten sich vielfältige Gelegenheiten, Wissen, Themen, Inhalte, Anregungen, Erkenntnisse zu vermitteln und pädagogisch und didaktisch richtig an den Mann und an die Frau zu bringen. Anregungen, Meinungen, Erfahrungen sowie Tipps und Tricks, wie sich Menschen in kommunikativen Situationen besser ausdrücken können, werden für folgende Situationen eingeübt: Konfliktsituationen, Mitarbeiter- und Mitarbeiterinnengespräche, persönliches Coaching, Small-Talk, Verhandeln, Beraten, Erarbeiten von Lösungen etc.
Verschiedene Arbeitsweisen ermöglichen Teilnehmenden nicht nur sich in unterschiedliche Situationen hineinzuversetzen, sondern diese auch zu erleben, erspüren und erfahren. Mit Rollenspielen, Videoeinsatz, simulierten Praxissituationen und verschiedenen Arbeitsformen in der ganzen Gruppe, in Kleingruppen oder in Einzelarbeit werden Perspektivenwechsel sichtbar. Besprechen, zuhören, verhandeln, motivieren, analysieren, diskutieren, versuchen zu verstehen und Verständnis zu entwickeln, mitteilen, erfahren und erspüren: intuitiv setzen erfahrene Trainer und Trainerinnen individuell bei Menschen in verschiedenen Situationen unterschiedliche Interventionen. Jeder Trainer und jede Trainerin hat ihren eigenen Stil entwickelt.
Ziel eines Kommunikationstrainings ist die (nachhaltige) Veränderung im zukünftigen Verhalten. So ist nach Trainings, Coachings oder Beratungen häufig ein hohes Erinnerungsvermögen zu emotional assoziierten Erfahrungen feststellbar. Oftmals jedoch ist eine geringe Nachhaltigkeit bezüglich der Umsetzung der Inhalte, Theorien und Handlungsanleitungen in die Praxis feststellbar. Durch individuelle Zielformulierungen, Wiederholungen, Peergruppentreffen, Follow-up-Tage, Email-Coachings etc. soll möglichst viel in die tägliche Praxis transferiert werden.
1.4 Forschungsinteresse und Forschungsziel
Die vorliegende Arbeit setzt sich als Ziel, die Ergebnisse der Neurobiologie für die Anwendung in Kommunikationstrainings herauszuarbeiten, zu systematisieren und zu katalogisieren. Es sollen hilfreiches Wissen, Erklärungsmodelle und neurobiologische Hintergründe dargestellt werden, die in der Praxis für Kommunikationstrainer und -trainerinnen als wissenschaftliche Erklärung angewendet und als wissenschaftliches Hintergrundwissen dienen können. Zu vielen Themen der interpersonellen Kommunikation stellen sich die Erkenntnisse der Gehirnforschung als gemeinsamer Nenner, als Vertiefungsmaterie und als Erklärungsmodell dar.
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1.5 Forschungsfragen
Mit dieser Forschungsarbeit wird aufgezeigt, dass neurobiologisches Wissen in Kommunikationstrainings sowohl für Trainer und Trainerin als auch für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen von der Vorbereitung bis zur Durchführung vorteilhaft eingesetzt werden kann.
Aus der Themenstellung ergeben sich folgende Forschungsfragen:
• Was können Trainer und Trainerinnen in der Vorbereitung und Konzeption berücksichtigen, damit eine höhere Aufmerksamkeit auf die vermittelten Inhalte erzielt wird?
• Was können Trainer und Trainerinnen in ihrem persönlichen Auftreten beachten, um Vorbildwirkung zu erzielen?
• Was können Trainer und Trainerinnen in ihrem persönlichen Verhalten berücksichtigen, um die Lernbereitschaft von Teilnehmern und Teilnehmerinnen zu fördern und positiv zu verstärken?
• Gibt es gehirngerecht vermittelnde Methoden, mit denen Wissen leichter aufgenommen werden kann?
• Gibt es gehirngerecht vermittelnde Methoden, mit denen Wissen längerfristiger abgespeichert werden kann?
• Ist Gehirnforschung ein interdisziplinäres Thema?
• Welche neurodidaktischen Erkenntnisse aus der Neurobiologie fördern und unterstützen eine nachhaltigere Verhaltensveränderung?
• Begünstigt gehirngerechtes Lehren und Lernen die vertiefende Entwicklung von Metakompetenzen?
1.6 Die Methode der Metaanalyse
„Die Inhaltsanalyse ist eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen“ (Früh 1989: 23). Die traditionelle Inhaltsanalyse betrachtet eine Vielzahl von Botschaften des gleichen Typs, und die Ergebnisse unterliegen einer systematischen Analyse, die zum Ziel hat etwaige Tendenzen zur Forschungsfrage herauszufiltern, um verallgemeinernde Aussagen treffen zu können.
Dieses qualitative Verfahren hat die Aufgabe, Gegenstände möglichst komplex zu erfassen und zu beschreiben (vgl. Mayring 2007: 16ff.). Angestrebt werden die Darstellung, Systematisierung und der Überblick über den aktuellen Stand der Neurobiologie. Laut Bortz und Döring befindet sich die Methode der Metaanalyse in einem Entwicklungspro-
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zess (vgl. Bortz & Döring 2005: 628). Im Gegensatz zur Primäranalyse werden neue (Roh-)Daten unter einer neuen Fragestellung analysiert und „die Ergebnisse (z.B.) Korrelationskoeffizienten) mehrerer Untersuchungen zum selben Thema zusammengefaßt.“ (vgl. Bortz & Döring 2005: 374). Für die vorliegende Forschungsarbeit eignet sich die Methode der Literaturstudie deshalb, weil sie ermöglicht, über den aktuellen For-schungsstand des zu analysierenden Themas ein Gesamtbild zu verschaffen.
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2. Neurobiologische Grundlagen
Im folgenden Kapitel werden zum grundlegenden Verständnis jene Areale des Gehirns und dessen Funktion dargestellt, die das neurobiologische Grundlagenwissen darstellen. Die Arbeit als Kommunikationstrainer und -trainerin hat zu einem überwiegenden Teil mit der Vermittlung von Wissen, Inhalten und Erfahrungen zu tun. Ziel eines Seminars ist meist, dass die vermittelten Inhalte von den Teilnehmenden auch ‚gelernt‘ werden. Dieses Lehren und Lernen hat immer mit den Gehirnen der Beteiligten zu tun. „Das Lernen zu verstehen heißt, das Gehirn zu verstehen“ (Spitzer 2009b: 23). Wenn wir wissen, welche Gehirnregion wofür zuständig ist, wie sie arbeitet und welche Grundaufgabe sie hat, dann können wir im darauffolgenden Kapitel der Frage nachgehen, welche Auswirkungen dieses Darstellungen für die Beantwortung der Forschungsfragen haben könnte.
2.1 Gehirninterne Verbindungen und Informationskanäle
Um Wissen und Erfahrungen zu vermitteln, stehen in einem Kommunikationstraining grundsätzlich fünf Übermittlungswege zur Verfügung: 1. der visuelle, 2. der auditorische, 3. der somatosensorische, 4. der gustatorische und
5. der olfaktorische Kanal (vgl. Roth 2009a: 29ff.).
Seminarteilnehmern und -teilnehmerinnen kann mit Worten, Gestik und Mimik und mit verschiedenen Formen der Visualisierung die Informationen überbracht werden. Über den körperlichen Kanal kann etwas begriffen, ertastet, gefühlt oder erlebt werden. Über den gustatorischen Kanal kann etwas für die Geschmacksnerven im Mundraum und für die Zunge angeboten werden. Die Nutzung des olfaktorischen Kanals regt die Nase und die Riechnerven an.
Die einzelnen Übermittlungskanäle, wie Informationen in Gehirne gelangen können, sollen noch etwas genauer erläutert werden. Spitzer (2009a: 53) gibt die Anzahl der Nervenfasern, die über die Wahrnehmungskanäle als Informationen in das Gehirn gehen, mit insgesamt etwa 2,5 Millionen an. Der wichtigste Inputgeber für das Gehirn ist laut Spitzer (2000: 134) das Sehsystem: über die Augen ziehen jeweils etwa eine Million Nervenfasern zum Gehirn. Über die beiden Ohren ziehen etwa je 30.000 Nervenfasern in das Gehirn (vgl. Spitzer 2008: 67). Die verbleibenden etwa 0,5 Millionen Nervenfasern verlaufen über den Tastsinn (Haut), Mund und Nase.
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Nach Spitzer (2009a: 53) ziehen vom Gehirn zu den Muskeln und Drüsen etwa 1,5 Millionen Nervenfasern über das Zentralnervensystem in den Körper, um dort entsprechendes Verhalten zu bewirken. Insgesamt können demnach Informationen vom und zum Gehirn über die Kanäle von etwa 4 Millionen Nervenfasern ausgetauscht werden.
2.1.1 Neuronen und synaptische Verbindungen
Das menschliche Gehirn besteht aus Nervenzellen, den so genannten Neuronen und den Faserverbindungen zwischen den Neuronen, den Synapsen. Im Gehirn befinden sich insgesamt mehr als 100 Milliarden Gehirnzellen. Der Cortex besteht etwa aus 20 Milliarden Neuronen. Das Kleinhirn hat kleinere Neuronen aber dafür viel mehr: etwa 100 Milliarden Zellen (vgl. Spitzer 2009a: 51).
Die Anzahl der Neuronen bei der Geburt eines Menschen ist etwa gleich wie im Erwachsenenalter. Von der Geburt bis zur Pubertät besteht die Entwicklung des Gehirns vor allem in der ‚Verdrahtung‘ der Neuronen (vgl. Spitzer 2009a: 52). Die Zunahme der Dicke der Fasern - der neuronalen Netze - lässt das Gehirn bis zum Erwachsenwerden um 50 Prozent wachsen. Im Detail geht es auch um bessere Isolierung (Myelinisierung) der Nervenfasern. Damit entsteht eine schnellere Erregungsleitung (Spitzer 2009a: 240). Je dicker diese Myelinscheide ist, desto schneller breitet sich die Erregung über sie aus (vgl. Roth 2009a: 64).
Die detailliertere Beschreibung des Gehirnaufbaues lässt sich nach Spitzer (2009a: 41 ff.) und Roth (2009a: 16ff.) wie folgt darstellen: Das Gehirn besteht aus Neuronen. Das sind spezialisierte Zellen, die für die Reizaufnahme sowie die Weitergabe und Verarbeitung von Nervenimpulsen (Erregungen) zuständig sind. Die Nervenzellen des Gehirns werden Neuronen genannt. Im Unterschied zu anderen Zellen sind Neuronen auf die Aufnahme und rasche Weiterleitung von Informationen spezialisiert. Die Verbindungen zwischen den Kontaktstellen der Neuronen werden Synapsen genannt und machen den größten Teil des Gehirns aus. An ihnen findet die Erregungsübertragung von einer Zelle auf die andere statt. Ist die synaptische Verbindung (Verbindung zwischen den Neuronen) stark, dann wird auch das nachfolgende Neuron stark erregt, wenn diese Verbindung schwach ist, dann geschieht auch am folgenden Neuron wenig (vgl. Spitzer 2009a: 43).
Für Neuronen gibt es nur entweder eine Aktivierung oder Hemmung der Impulse (ein Feuern oder Nichtfeuern) (vgl. Spitzer 2009a: 54). Für die Anwendungspraxis im Kapitel 3.2. bedeutet dies: entweder werden die Neuronen zum Wachsen angeregt oder nicht. Ein bisschen Wachsen gibt es nicht. Die zweite praxisrelevante Information erhalten wir mit folgender Aussage: derselbe Impuls kann bei unterschiedlichen Synapsen je nach
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Verbindungsstärke unterschiedlich wirken (vgl. Spitzer 2009a: 43). Damit ist erklärbar, warum ein und dieselbe kommunikative Aussage (Impuls) bei unterschiedlichen Menschen verschiedene Wirkung haben kann.
Abb.1: Neuronale Netzwerke. (Quelle: Akademie für neurowissenschaftliches Bildungsmanagement - AFNB: 2010).
2.1.2 Das Gehirn beschäftigt sich überwiegend mit sich selbst
Bemerkenswert ist jene Anzahl von Verbindungen, die Neuronen im Gehirn untereinander eingehen können. Jedes Neuron steht mit bis zu 10.000 anderen Neuronen in Verbindung: „Die Zahl der internen Verbindungen des Gehirns (10 14 ) ist 10 Millionen mal so groß wie die Zahl der Eingänge und Ausgänge zusammen […], die Zellen in unserem Gehirn sind somit vor allem untereinander verbunden und nur eine Verbindung von 10 Millionen geht in das Gehirn hinein oder aus ihm hinaus“ (Spitzer 2009a: 52). Noch drastischer drückt es Spitzer (2000: 135) mit folgenden Worten aus: „99,9% aller kortikalen Neuronen erhalten ihren Input von anderen kortikalen Neuronen und liefern ihren Output an andere kortikale Neuronen“. Die Gehirnaktivität ist folglich nur in ganz geringem Ausmaß mit der Verarbeitung der Eindrücke über unsere fünf Sinneskanäle beschäftigt und viel mehr mit der gehirninternen Verarbeitung von Signalen. Durch diese neurobiologische Besonderheit erklärt sich für Roth auch das Entstehen von Bewusstsein (vgl. Roth 2009a: 28). Im Zuge der Themenselektion kann auf das Thema ‚Bewusstsein’ hier nicht näher eingegangen werden.
„Überspitzt ausgedrückt: Unser Gehirn beschäftigt sich fast ausschließlich mit sich selbst“ (Spitzer 2000: 135). Dies könnte bedeuten, dass das Gehirn eine große Menge an Informationen in Form von Wahrnehmen, Lernen und Denken autonom bewältigt. Sobald Informationen in unser Gehirn gelangt sind, werden diese selbstständig vor allem unbewusst weiter be- und verarbeitet.
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2.1.3 Die Entstehung von Synapsenverbindungen
Die Aktivität der Neuronen insbesondere im Hinblick auf deren Wachstum wurde im Hippocampus besonders intensiv erforscht (vgl. Spitzer 2009a: 27f.). Im Jahre 1998 wurde die Neubildung von Nervenzellen im Gehirn des Menschen nachgewiesen. Bei Londoner Taxifahrern konnte man einen leicht vergrößerten Hippocampus im Vergleich zum Durchschnittsmenschen feststellen. Im Kapitel 2.2.3.1 wird zum Hippocampus eingehend erläutert, wofür dieser zuständig ist: für die Speicherung von Einzelheiten und für das örtliche Sich-Zurechtfinden. Dieses Gehirnareal benötigen die Londoner Taxifahrer offensichtlich verstärkt: es ist bei ihnen vergrößert. „Es könnte aber auch sein, dass der Hippocampus bei Londoner Taxifahrern ganz besonders beansprucht wird und daher wächst (etwa so, wie Muskeln wachsen, wenn man viel trainiert)“ (Spitzer 2009a: 31). Die Aussage von Spitzer entspricht auch der herrschenden Auffassung zur Neuroplastizität des Gehirns (näheres im Kapitel 3.1.1.).
Im Hippocampus konnte noch eine weitere Entdeckung gemacht werden: das lernende Gehirn muss sich mindestens 10 Minuten mit etwas Neuem beschäftigen, damit neue Repräsentationen im Gehirn entstehen können. Im Zeitraum von der 1. bis zur 10. Minute sind im lernenden Gehirn noch keine Anzeichen für das Entstehen neuronaler Bahnen erkennbar (Spitzer 2009a: 27).
Folglich sind Lerneinheiten unter 10 Minuten wenig wirkungsvoll. Das gibt uns den Hinweis für die Praxis, dass bei nur ganz kurzen Lerneinheiten von wenigen Minuten vom Gehirn eine Synapsenbildung gar nicht möglich ist. Eine Vorstellung, wie schnell Nervenzellen im Körper wachsen können, erläutert Spitzer, der das Wachstum einer Nervenzelle in der Hand mit einem Millimeter pro Tag beziffert. (vgl. Spitzer 2009b: 30). In dieselbe Richtung geht eine Untersuchung von Valentin Nägerl (2007) vom Max-Planck-Institut. Innerhalb von wenigen Minuten beginnen gezielt stimulierte Neuronen bereits, neue Fortsätze zu bilden. Für das Lernen und Erfahren bedeutet dies, dass sich schon nach sehr kurzer Zeit bei entsprechender Stimulierung erste Ansätze neuronaler Bahnen bilden und ein Umbau des Gehirns eingeleitet wird. Andererseits weist Nägerl darauf hin, dass
innerhalb der ersten acht Stunden noch über keinen dieser neu entstandenen Zellkontakte Informationen ausgetauscht werden. Erst in den darauf folgenden Stunden entscheidet sich, ob eine Verbindung bestehen bleibt oder sich zurückbildet. Die Kontakte, die auch nach 24 Stunden noch vorhanden sind, besitzen voll funktionsfähige Synapsen zur Informationsübertragung und haben eine gute Chance, auch nach mehreren Tagen noch zu existieren (Nägerl 2007).
Wie lange das Gehirn lernen muss, damit es Tätigkeiten mit Perfektion ausführen kann, verdeutlichen folgende Untersuchungen: wirklich gute Musiker haben bis zum 20. Lebensjahr mindestens 10.000 Stunden mit dem Instrument zugebracht, und Fließbandar-
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Arbeit zitieren:
Dr. Hannes Horngacher, 2011, Neurobiologisches Wissen für Kommunikationstrainings, München, GRIN Verlag GmbH
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