Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Filmanalyse
2.1. Inhalt des Films 3
2.2. Symbolik 5
2.3. Narrativ-dramaturgische Struktur 9
3. Bewältigung der Vergangenheit?
3.1 Gesellschaftliche und filmische ´Bewältigung´ 10
3.2 Menschlichkeit (in) „In jenen Tagen“ 12
4. Rezeption des Films
4.1 Käutners Anliegen 14
4.2 Zeitgenössische und retrospektive Kritiken 15
5. Fazit 16
6. Anhang 18
Literaturverzeichnis 19
1
1. Einleitung
Helmut Käutner und Ernst Schnabel drehten 1946/47 in der britischen Besatzungszone den Film „In jenen Tagen - Geschichte eines Autos“. 1 Sie drehten in einer Zeit der Armut und Niedergeschlagenheit, einer Zeit, in der Trümmer und Knappheit an allem zum Alltag gehörten. Jene Tage, die zwölf Jahre des nationalsozialistischen Regimes, hatte das deutsche Volk erlebt, erduldet und ertragen, sich an dessen Schrecken allerdings auch zum größten Teil aktiv beteiligt. Es war ein Wagnis, den Menschen diese Zeit schon so früh, zwei Jahre nach ihrem bitteren Ende, vor Augen führen zu wollen. Ein Wagnis, dass meines Erachtens gelungen ist. Ob es auch damals glückte - die Meinungen gingen und gehen auseinander.
Ich möchte in meiner Hausarbeit der Frage nachgehen, was Käutner mit seinem Film aussagen wollte, und untersuchen, wie er das Bild des Nationalsozialismus zeichnet und welche künstlerischen Mittel er dazu verwendet. Ich möchte zunächst unter Punkt zwei eine Zusammenfassung des Films geben, um anschließend in zwei Unterpunkten eine Filmanalyse durchzuführen.
Die filmische Thematisierung eines historischen Abschnittes ist problematisch, insbesondere wenn es sich dabei um ein so schwieriges und grausames Kapitel wie den Nationalsozialismus handelt. Die Frage, inwieweit Geschichte fiktionalisiert werden kann und darf, wurde und wird kontrovers diskutiert. 2 Hierbei steht die Auffassung, eine filmische Umsetzung verharmlose und verfälsche die tatsächlichen Ereignisse, der Ansicht gegenüber, die fiktive „Geschichte“ sei gerade deshalb so wichtig, weil durch sie ein historisches Bewusstsein auch emotional vermittelt werden kann. In Bezug auf den Nationalsozialismus steht die Frage nach der Schuld und der Verantwortung in allen Verfilmungen mehr oder weniger im Hintergrund. Ich möchte daher Käutners Verarbeitung des Schuld- und Opferdiskurses in dem Film „In jenen Tagen“ untersuchen und der Frage nachgehen, ob der Film und seine Art der Darstellung eine Hilfe bei der ´Aufarbeitung´ der Vergangenheit geboten haben könnte. Nach einer allgemeinen Darstellung der gesellschaftlichen sowie filmischen ´Bewältigung´ der
1 Die Briten galten im Vergleich zu den Amerikanern als großzügig bei der Zensur. In einem Grundsatzpapier von 1947
wurde formuliert:
Der Neuaufbau der deutschen Filmindustrie ist aus psychologischen Gründen besonders wichtig. [...] Ohne eine eigene
Ausdrucksweise und die Kraft, die neuen Ideale, die jetzt so schmerzlich erlernt werden, für sich zu artikulieren, kann
eine Erneuerung des Landes nicht stattfinden. [...] Soll Deutschland wieder ein produktives Land werden, muss den
deutschen Arbeitern Hoffnung und Zuversicht vermittelt werden. Nur Filme aus heimischer Produktion können das
bewirken. [Quelle: Stettner, Film und Geschichte, 2008]
2 Vgl. Reichel, Peter. Erfundene Erinnerung. Fischer: Frankfurt 2007.
2
nationalsozialistischen Vergangenheit in der Nachkriegszeit möchte ich diese Betrachtung unter 3.2 vornehmen.
Während ich mich mit dem Film beschäftigt habe, bin ich auf unterschiedliche Rezensionen gestoßen, die mich schließlich fragen ließen: Wie wurde der Film aufgenommen? Waren die Menschen so früh für eine Konfrontation mit der Vergangenheit bereit? Gab ihnen der Film Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft? Und falls dem so war: War es Käutners Anliegen, Trost und Hoffnung zu geben? Diesen Fragen gehe ich unter Punkt vier nach.
Abschließend möchte ich meine Resultate zusammenfassen und kurz meine persönliche Meinung zu dem Film und meinen Ergebnissen darlegen.
2. Filmanalyse 2.1 Inhalt des Films
„Geschichten eines Autos“ - dieser zunächst befremdlich anmutende Untertitel des Films gibt bereits einen Hinweis auf das Filmmotiv, um das sich die Handlung des Films dreht. Das Auto nämlich, ein vom Leben gezeichneter Opel Kadett, ist es, das (mit der Stimme Käutners) von seinem Leben und seinen wechselnden Besitzern erzählt. Auslöser für diese resümierende Betrachtung eines rasanten Lebensweges sind die zwei Männer Willi und Karl. Ihr Gespräch bildet die Rahmenhandlung des Films. Während sie in der Eingansszene inmitten einer Trümmerlandschaft dabei sind, das Auto auszuschlachten, stellt der niedergeschlagene Karl fest, es gebe keine Menschen mehr, nicht in dieser Zeit und erst recht nicht in „all den verfluchten Jahren“. Darauf stellt Willi die den Film dominierende Frage: „Was sind eigentlich Menschen?“ Hier schaltet sich das Auto - von den beiden Männern nicht gehört - in das Gespräch ein. In sieben Episoden will es eine Antwort auf die Frage geben. Eine Antwort, die deutlich machen soll, dass es trotz der Schande des Nationalsozialismus, trotz der Unbegreiflichkeit menschlichen Hasses, Menschen gab, die anders waren und es sich daher beweisen lässt, dass es auch „in jenen Tagen“ Menschlichkeit und Moral gegeben hat.
Das Auto kam auf die Welt, kurz bevor die politische Katastrophe ihren Anfang nahm: am 29. Januar 1933, einen Tag vor Hitlers ´Machtergreifung´.
Die erste Episode spielt an eben diesem geschichtsträchtigen Tag. Die junge Frau Sybille bekommt von Peter das Auto zugeschickt, mit der Bitte, ihn in Berlin zu besuchen. Zunächst möchte sie das Angebot auf Grund ihrer Liebe zu Steffen nicht annehmen. Nach einer Auseinandersetzung mit Steffen, der sie bittet, mit ihm ins Ausland zu gehen,
3
entscheidet sie sich zunächst für Peter und fährt nach Berlin. Dort erkennt sie, inmitten eines Fackelzuges anlässlich der Machtübernahme, dass sie auf Grund ihrer Liebe zu Steffen umkehren muss, um mit ihm zu emigrieren. Peter reagiert nicht eifersüchtig oder zornig, sondern verständnisvoll trotz seiner Trauer. Das zuvor in die Scheibe eingeritzte Datum seines „glücklichsten Tages“ bleibt als ein Zeichen der Erinnerung. In der zweiten Episode erfährt das Mädchen Angela von der Affäre ihrer Mutter mit Wolfgang Grunelius, einem Komponisten und Freund der Familie. Sie möchte ihrem Vater dies bei einem gemeinsamen Ausflug verraten. Als sie aber erfährt, dass Grunelius seiner Musik nicht mehr nachgehen kann, weil sie als „entartet“ disqualifiziert ist, nimmt sie Rücksicht und schweigt.
Die dritte Sequenz handelt von der jüdischen Frau Sally und ihrem nicht-jüdischen Ehemann Wilhelm. Sie führen gemeinsam ein Bilderrahmengeschäft. Sally möchte die Scheidung, weil sie weiß, welche Folgen ein weiteres Zusammenleben für ihren Mann und das Geschäft haben werden. Wilhelm aber steht zu seiner Frau. Für ihn stellt die Scheidung eine ganz und gar inakzeptable Lösung dar. Glücklich fahren Sally und Wilhelm zu ihrem Geschäft zurück. Als sie in der ´Progromnacht´ nach Hause kommen und die zerstörten jüdischen Geschäfte um sich herum erkennen, beschließen sie, ihrem Leben gemeinsam ein Ende zu setzen, und begehen Selbstmord.
Die Ehefrau Dorothea erfährt in der vierten Episode von ihrer Schwester Ruth, dass diese mit Dorotheas Mann Jochen ein Verhältnis hat und gemeinsam mit ihm im Widerstand kämpft. Auf der Suche nach ihrem plötzlich verschwundenen Mann teilt der Bekannte Dr. Ansbach Dorothea mit, dass Jochen auf der Flucht erschossen wurde. Dorothea ruft daraufhin Ruth an, um ihr zur Flucht zu verhelfen. Trotz ihrer Enttäuschung über den Betrug nimmt sie für die Freiheit ihrer Schwester ihre eigene Verhaftung in Kauf, auch wenn sie sich selbst nicht schuldig gemacht hat.
Die fünfte Episode spielt an der Ostfront. Das Auto wird dort für die Wehrmacht eingesetzt und ist entsprechend in Tarnfarbe gestrichen. 3 Es erzählt von einem deutschen Offizier und dessen Fahrer August Hinze. August soll den Offizier zu seiner Bataillon bringen. Da er um die Gefahren weiß, möchte August die Fahrt nicht in der Nacht antreten. Der junge Offizier aber tut dies als ängstliches Gerede ab. Während der nächtlichen Fahrt führen August und der Offizier ein Gespräch über den Krieg, wobei die Erfahrung Augusts der Unerfahrenheit des Offiziers gegenüber steht. Unterwegs wird
3 Siehe Anhang: Bild 1
4
August von Partisanen erschossen. Noch mit seinen letzten Worten versucht er, den Offizier zu retten.
Die vorletzte Episode spielt in dem schon völlig zerbombten Berlin. Die junge, aufopferungsvolle Frau Erna versucht ihre ehemalige Dienstherrin, Baronin von Thorn, vor der Gefangenschaft zu retten. Erna weiß, dass Frau von Thorns Sohn ein Hitler-Attentäter war. Unterwegs werden sie kontrolliert, wobei der Polizist den Namen „Thorn“ auf seiner Liste entdeckt und beide Frauen auf das Revier bringen will. Erna glaubt, Frau von Thorn wüsste von nichts, diese wiederum meint, Erna sei von alldem unwissend. So bringen sie sich gegenseitig aus selbstloser Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft noch weiter in Gefahr.
Die letzte Episode mutet biblisch an: Marie und Josef treffen einander in einem Stall, in dem das Auto unbenutzt steht. Marie ist mit ihrer kleinen Tochter Mariele auf dem Weg zu der Stiefmutter von Marieles gefallenem Vater. Josef und Marie verlieben sich ineinander. Am nächsten Tag fährt Josef Marie und Mariele entgegen seiner Dienstanweisung nach Hamburg. Auf dem Rückweg wird er festgenommen, aber Dank eines gnädigen Postens nicht erschossen.
Die Rahmenhandlung des Films schließt nach dieser letzten Episode, indem Karl auf die anfangs gestellte Frage antwortet, dass es zum Menschsein doch „verdammt viel Gelegenheit [gibt]“, vor allem nach ´jenen Tagen´.
2.2 Symbolik
Filmanalyse kann die in der sprachlichen Erfassung liegende Bewusstwerdung des
Filmerlebnisses […] als ein positives Moment auffassen, indem sie das sinnlich
Überwältigende, Nicht-Rationale in seinen Strukturen begreifbar und in seiner filmischen[…]
Konstruiertheit durchschaubar zu machen versucht. 4
Ich möchte in den folgenden zwei Punkten versuchen, die filmische ´Bewusstwerdung´, die Knut Hieckethier in seinem Buch über Film- und Fernsehanalyse beschreibt, durch eine Analyse der Symbolik und der dramaturgischen Struktur in Käutners Film zu erarbeiten. Der Film „In jenen Tagen“ ist voller symbolischer, metaphorischer Vergleiche, dramaturgischer Kunst und Kameraführung. Im Rahmen dieser Hausarbeit kann ich es nicht leisten, eine ausführliche Analyse aller filmischen Besonderheiten zu geben. Ich habe daher versucht, mich auf die meines Erachtens wichtigsten Szenen und Besonderheiten zu beschränken.
4 Hieckthier, Knut. Film- und Fernsehanalyse. 4.Aufl. Metzler: Stuttgart 2007. S.26
5
Arbeit zitieren:
Lena H., 2008, "In jenen Tagen" - Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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