Suizid in modernen Gesellschaften Suizid im Alter Anne Deremetz
GLIEDERUNG
1 Einleitung. 3
2 Alter als eine besondere Lebensphase. 5
3 Suizid im Alter. 9
3.1 Merkmale des Alterssuizids. 10
3.2 Motive nach Diekstra. 11
3.3 Das präsuizidale Syndrom nach E. Ringel. 13
3.4 Der „Bilanzsuizid“ 16
4 Alterssuizid und Gesellschaftlicher Wandel
4.1 Das Altersbild in der Leistungsgesellschaft. 18
4.2 Theorien und Aussichten. 19
5 Zusammenfassung. 20
6 Hinweis auf Eigenständigkeit. 21
7 Literaturverzeichnis. 21
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Suizid in modernen Gesellschaften Suizid im Alter Anne Deremetz
1. Einleitung
Wenn ein Mensch Hand an sich legt, so ist das stets ein tragisches Ereignis. Dennoch ziehen sich ambivalente Gefühle durch die Gesellschaft, wenn ein Mensch Suizid begeht - diese nämlich u.a. auch abhängig vom Alter des Suizidenten. Bei einem Menschen, der voll in seiner Blüte steht, spüren wir eher Unverständnis, anders aber bei Menschen an ihrem Lebensabend. Es scheint so, als „wird der Tod alter Menschen offensichtlich eher akzeptiert, auch der Tod in Gestalt des Selbstmordes, als bei jüngeren Menschen.“ 1 Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Betrachten wir hierzu andere Kulturen, so fällt auf, dass auch hier Alterssuizide anzutreffen sind. Christina Rachor fand hierzu interessante Belege über die Selbstmordkultur einiger Nativenstämme im Nordwesten Kanadas, wobei bei einem „Eskimostamm“ die Suizidrate 575 pro 100.000 Einwohner betrug. „Harte Umweltbedingungen, geringe ökologische und ökonomische Ressourcen sind Grund dafür, dass Alte und Kranke, die zur Versorgung der Gruppe nichts mehr leisten können, von anderen und von sich selbst als nutzlos erlebt werden.“ 2 Auch bei den Yoits der St. Lorenz- Inseln in Kanada und den Chukchee Nordostsibiriens findet sich eine solch ritualisierte Suizidform alter Menschen. 3 Vergleicht man dieses Phänomen mit den Industriestaaten Westeuropas, insbesondere den Umgang mit den alten Menschen, so befindet man sich indirekt in einer Euthanasiedebatte, die insbesondere in Deutschland tief sitzende Erinnerungen in sich trägt. Jedoch, ohne dieses Problem zu ignorieren oder gar herunter spielen zu wollen, sollten wir uns die Frage stellen, warum es gesellschaftlich tolerierter erscheint, wenn sich ein alter Mensch das Leben nimmt? Oft wird folgendes Argument angebracht: „Die Zukunftsperspektive alter Menschen ist eine andere als die Jüngerer. Alte Menschen haben viel Zeit gehabt und vergleichsweise wenig Zeit vor sich, junge haben viel Zeit vor sich, aber erst wenig gehabt.“ 4 Doch dies allein kann noch nicht der ausschlaggebende Grund für einen derartigen Anstieg der Suizidrate ab dem 60. Lebensjahr sein. Einleuchtender scheint mir hier, dass „die Gesellschaft [zeigt] im allgemeinen wenig Interesse für alte Menschen [zeigt], erst dann, wenn sie durch ihr Verhalten die Nicht- Alten beunruhigen.“ 5
1 Munnichs, Joep, Selbsttötung im Alter, eine geplante Wahl?, in: Friedrich/ Schmitz-Scherzer, Suizid im Alter, Steinkopff Verlag, Darmstadt, 1992, S. 25.
2 Rachor,Christina, Suizid, Alter und Melancholie, in: Die neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte, Jhrg. 36, Heft 1, 1989, S. 1116.
3 Vgl. Ebda., S. 1116.
4 Schmitz-Scherzer, R., Suizid im Alter- Eine Einführung in die Thematik aus gerontologischer Sicht, in: Friedrich/ Schmitz-Scherzer, Suizid im Alter, Steinkopff Verlag, Darmstadt, 1992, S. 5.
5 Munnichs, Joep, Selbsttötung im Alter, eine geplante Wahl?, in: Friedrich/ Schmitz-Scherzer, Suizid im Alter, Steinkopff Verlag, Darmstadt, 1992, S. 25.
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Suizid in modernen Gesellschaften Suizid im Alter Anne Deremetz
Eine Überlegung hierzu ist, dass sich der Alterssuizid explizit von den Suiziden in anderen Lebensphasen unterscheiden lässt, durch andere Konflikte motiviert ist und eine philosophische Diskussion über das Recht auf Leben und Sterben aber auch über den Umgang einer Gesellschaft mit ihren Schwächsten nach sich zieht. Wir sehen uns mit dem Problem der Technologisierung des Gesundheitssektors, der Verlängerung des Lebens aber dadurch auch des Sterbens konfrontiert: „Die Betroffenen haben nicht gelernt, so alt zu werden und die mittlere und junge Generation hat nicht gelernt, mit so alten Menschen in so hoher Zahl umzugehen.“ 6 Mit zunehmender Ausdifferenzierung der Gesellschaft wissen wir nicht mehr so wirklich, was wir mit so vielen Hochbetagten machen sollen, geschweige denn, was mit uns im Alter mal geschehen soll.
In meiner Seminararbeit werde ich zuerst auf das Alter als eine Lebensphase «per se» eingehen und Merkmale und Konflikte herausarbeiten, die spezifisch für den Alterssuizid stehen. Danach werde ich verschiedene Erklärungsansätze zum Alterssuizid geben und sie in einem weiteren Schritt mit dem gesellschaftlichen Bild und deren Wahrnehmung über alte Menschen gegenüberstellen. In weiterführenden Gedanken sollen Aussichten und Prognosen über den zukünftigen Umgang mit alten Menschen und den Alterssuizid gegeben und durch ein persönliches Statement abgerundet werden. Der Umgang einer Gesellschaft mit ihren „Alten“ und mit dem Phänomen des Alterssuizid verrät viel über die gesellschaftlichen Strukturen an sich, und hier liegt das heutige Problem, denn „eine radikale Markt-, Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft sieht sich mit einer wachsenden Zahl von Hochaltrigen konfrontiert, die -legt man die Kriterien dieser Geldgesellschaft zugrunde - hinderlich und systemwidrig sind. Die Hochaltrigen, die Pflegebedürftigen repräsentieren alles, was diese Gesellschaft nicht sein will.“ 7
6 Pohlmeier, Hermann, Suizidraten im Alter und ihre Interpretation, in: Friedrich/ Schmitz-Scherzer, Suizid im Alter, Steinkopff Verlag, Darmstadt, 1992, S. 58.
7 Groenemeyer,Reimer, Von der Lebensplanung zur Sterbeplanung, in: Gehring/Rölli/Sabarowski (Hrsg.), Ambivalenzen des Todes, WBG, Darmstadt, 2007, S. 57.
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2. Alter als eine besondere Lebensphase
Nach Hillmann bedeutet Alter ein „Lebensabschnitt, dem nach soziokulturellen Wertvorstellungen und sozialen Organisationsstrukturen einer Gesellschaft bestimmte Rollen und Verhaltensweisen zugeordnet werden.“ 8 Man unterscheidet hierbei u.a zwischen biologischen, soziologischen und psychologischen Aspekten des Alterns. Nach einer älteren Definition von Handler(1960) ist biologisches Altern die „Herabminderung eines reifen Organismus, die aus zeitabhängigen, im wesentlichen irreversiblen Veränderungen, die allen Angehörigen dieser Art eigentümlich sind, resultiert, derart, dass im Laufe der Zeit die Organismen der Art zunehmend weniger in der Lage sind, mit den negativen Einflussgrößen aus der Umgebung fertig zu werden, wobei die Wahrscheinlichkeit des Todes zunimmt.“ 9 Auf deutsch bedeutet dies ein allmählicher körperlicher Zerfallsprozess, der durch Multimorbidität und Reduktion der Sinneswahrnehmung gekennzeichnet ist und an dessen Ende der Tod steht. Die Anfälligkeit für Gebrechen und Krankheiten sowie das Risiko schwerer körperlicher Leiden, begleitet von eventuell sich chronifizierenden Schmerzzuständen, nimmt im Alter deutlich zu:
„Das zu akzeptieren ist schwierig, zumal in einer Gesellschaft, in der der Einzelne immer mehr auf sich gestellt ist und permanent signalisieren muss: Ich kann das ganz allein. Das funktioniert im Alter eben nicht mehr.“ 10
Zu den körperlichen Aspekten gesellen sich die psychologischen Aspekte, die nach Birren wie folgt definiert sind:
Zum psychologischen Altersprozess zählen sowohl Beeinträchtigungen der sensorischen Funktionen, der Wahrnehmungsprozesse, der psychomotorischen Fertigkeiten und der Lern-und Problemlösungsfertigkeiten, als auch Veränderungen von Verhaltensmustern, Emotionen und Persönlichkeitsstruktur. 11
Menschen müssen sich in dieser Phase also nicht nur mit körperlichen Beeinträchtigungen auseinandersetzen, sondern auch mit der Reduktion der Anpassungsfähigkeit an die Umwelt. Es klingt einleuchtend, dass ein Mensch, der womöglich ein Leben lang Alltagsstrukturen und Lebensgewohnheiten eingeübt hat, diese nicht mehr so einfach umlernen kann, und wenn er dennoch durch neue Umweltsituationen dazu gezwungen wird, ein sehr atypisches Verhalten an den Tag legt. Am deutlichsten lässt sich dies beim Umzug in ein Pflegeheim beobachten oder,
8 Hillmann, Karl-Heinz, Wörterbuch zur Soziologie, Kröner Verlag, Stuttgart, 2007, S. 20.
9 Christie, Christel, Suizid im Alter, Kleine Verlag, 1989, S.23.
10 Andreas Kruse, zitiert in: Geisler,Anika, Deutschland- Suizid im Alter, in:Stern, Jhrg. 2008, Bd. 61, Heft 29, S. 49.
11 Christie, Christel, Suizid im Alter, Kleine Verlag, 1989, S. 24.
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wenn alte Menschen für einen gewissen Zeitraum ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen und mit Desorientierung und Verwirrung, bisweilen auch mit aggressivem Verhalten reagieren. Durch die Reduktion der Sinneswahrnehmung scheint dem alten Menschen ein Zugang zu seiner Umwelt immer schwerer zu fallen. Die Wahrnehmung des alten Menschen scheint sich nicht mehr nach außen, vielmehr nach innen zu wenden. Folge davon kann leicht die soziale Isolation sein:
„Der Alternde wird auf sich selbst zurückgeworfen und zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst gedrängt. Eine situative, d.h. von außen aufgedrängte Reduktion zwischenmenschlicher Beziehungen sowie die stark reduzierte Fähigkeit des alten Menschen, neue Bindungen zu knüpfen, führen in zunehmende Isolation hinein.“ 12
Die soziologischen Aspekte des Alterns sind meist durch den Verlust von sozialen Rollen gekennzeichnet, der bis hin zum «sozialen Tod» 13 reichen kann und meist mit der Pensionierung beginnt. „Vielfach über Jahrzehnte hinweg ausgeübte gesellschaftlich anerkannte soziale Rollen, wie z.B. Mutter-/Vaterrolle, die Partnerrolle oder die Berufsrolle, müssen im Alter aufgegeben werden, ohne dass sie durch gleichwertige Rollen ersetzt werden könnten.“ 14 Die Kinder haben längst eine eigene Familie und sind auch eventuell weg gezogen, der Partner ist womöglich schon nicht mehr da, die soziale Position oder der soziale Status hört mit der Pensionierung auf. Rollen und Funktionen, die man meist über die Identifikation mit dem Berufsleben inne hatte, werden mit dem Eintritt in das Rentenalter mit abgegeben. Die Aufgabe für den alten Menschen besteht nun darin, sich neue Rollen, Funktionen und Aufgaben in der Gesellschaft zu suchen, oder bestenfalls, seinen in frühen Jahren erlernten Freizeitbeschäftigungen nachzugehen, denn „es gilt inzwischen als gesichert, dass im Alter die in den früheren Jahren eingeübten Gewohnheiten zumeist beibehalten und nur selten neue Aktivitäten erlernt werden. Der alte Mensch fühlt sich von daher zu einem Überfluss an Freizeit verdammt als durch ihn beglückt.“ 15 Am härtesten trifft dieser «Pensionierungsbankrott» 16 bisweilen noch die Männer in der heutigen Generation der über 65- Jährigen. Es bleibt abzuwarten, ob sich mit steigender Zahl der Frauen im Berufsleben auch bei ihnen das Phänomen des „sozialen Todes“ manifestiert. Schlechte Gesundheit, Polymorbidität sowie physische und psychische Defizite erschüttern das
12 Eser, Albin, Suizid und Euthanasie, Enke Verlag, Stuttgart, 1976, S. 91.
13 Begriffsprägung von Guillemard, in: Christie, Christel, Suizid im Alter, Kleine Verlag, 1989, S. 27.
14 Christie, Christel, Suizid im Alter, Kleine Verlag, 1989, S. 27
15 Ebda., S. 27.
16 Begriffsprägung von Tartler in: Christie, Christel, Suizid im Alter, Kleine Verlag, 1989, S. 27.
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Arbeit zitieren:
Anne Deremetz, 2011, Suizid im Alter, München, GRIN Verlag GmbH
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