Ü Abweichendes Verhalten Milieus und Lebensstile Anne Deremetz
Gliederung
1) Einleitung. 3
2) Ein westdeutscher Sonderweg 5
3) Schichten- und Klassenmodelle. 6
4) Lebensstile und Milieustudien. 9
5) Kritik an Milieus und Lebensstilen. 11
6) Zusammenfassung. 14
7) Schlussbetrachtung. 15
8) Erklärung zur Eigenständigkeit. 15
9) Literaturverzeichnis
9.1. Literatur. 16
9.2. Internetquellen (zuletzt aktualisiert am 18.03.2011) 16
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Ü Abweichendes Verhalten Milieus und Lebensstile Anne Deremetz
1. Einleitung
Die Meldungen von sich vergrößernden Einkommensunterschieden sind in deutschen Nachrichtenmagazinen zwar nicht übermäßig vertreten, sie reißen aber auch nicht ab, denn das Thema «soziale Ungleichheit» bleibt ein brisantes und nicht nur deutsches Phänomen. Noch 2008 berichtet «der Spiegel» darüber, dass laut der damals aktuell erschienenen OECD-Studie zufolge die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter aufreiße. 1 Dies berichtete auch zwei Jahre später und etwas detaillierter «Focus Online», demnach die Mittelschicht dahinschmelze und in Ober- und Unterschicht auf zu gehen drohe. 2 Man könnte annehmen, dass soziale Ungleichheit irgendwie einfach zum Menschsein dazugehöre. Man könnte Günter Endruweit in seinem Buch „Milieu und Lebensstilgruppe- Nachfolger des Schichtenkonzepts?“ folgend Recht geben, wenn er behauptet „Sie [die Sozialwissenschaftler] haben deshalb die soziale Entwicklung als eine Reihenfolge von Typen der sozialen Ungleichheit beschrieben, deren bisher letzter, „weltweit anerkannter“ die Schichtengesellschaft war.“ 3 Man könnte aber auch dagegen argumentieren und erwähnen, dass es doch heutzutage mehr Menschen in Deutschland viel besser als zuvor geht. So beobachten wir durchaus, dass das „Mehr an Geld, Bildung, Mobilität und Freizeit, die Sicherheiten des modernen Wohlfahrtsstaates [...] die Tragfähigkeit traditioneller Klassen und Schichtmodelle erschüttert“ 4 Schicht- und Klassenmodelle stellen hierüber eine eigene Perspektive auf die Gesellschaft dar, aber es gibt auch Modelle, die der Annahme sind, „dass wir es in der Bundesrepublik seit geraumer Zeit mit einer ganz anderen Art von sozialer Ungleichheit und einer anderen Art von Gesellschaft zu tun“ 5 hätten. Folgt man den neuen Konzepten der Milieus und Lebensstile, so ist deren Einteilung der Gesellschaft eine deutlich vielschichtigere und feinere als die der klassischen Schichten- oder Klassenmodelle, wobei das „subjektive“ Lebensstilkonzept hier den überwiegend objektiven Klassen- und Schichtenkonzepten gegenübersteht. 6 Und obwohl eine Zusammenarbeit beider Konzepte eine Bereicherung und Methodenpluralismus durchaus wünschenswert wäre, breitet sich seit über einem Jahrzehnt
1 http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,585396,00.html
2 http://www.focus.de/politik/deutschland/haushalt-studie-einkommens-unterschiede-wachsen-deutlich_aid_519548.html
3 Endruweit, Günter, Milieu und Lebensstilgruppe- Nachfolger des Schichtenkonzepts?, Hampp, 2000, S. 3.
4 Meyer, Thomas, Das Konzept der Lebensstile in der Sozialstrukturforschung- eine kritische Bilanz, in: Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 255.
5 Ebd.,S. 255.
6 Vgl. Hradil, Stefan: Eine Alternative? Einige Anmerkungen zu Thomas Meyers Aufsatz „Das Konzept der Lebensstile in der Sozialforschung“, in:Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 277.
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die Vorstellung aus, „die moderne Wohlfahrtsgesellschaft verabschiede sich von Klassen und Schichten.“ 7 Folgend entsteht aus einem möglichen Methodenpluralismus ein altbewährter Methodenstreit: Freilich war und ist die aufkommende Debatte um Kritik am Klassen- und Schichtenmodell einerseits wichtig zu deren Reformierung, andererseits besteht hierbei auch das Risiko, wichtige fortbestehende Ungleichheitsstrukturen „zu unterschätzen oder gar zu übersehen und damit ideologisch zu verschleiern“ 8 Und hier kommen wir schon zu einen der zentralen Kritikpunkte u.a Rainer Geißlers an den Milieu- und Lebensstilkonzepten: Nach ihm sei „aus der kritischen Analyse ungleicher Lebenschancen [ist] eine unverbindliche Analyse vielfältiger Lebensstile geworden.“ 9 Befürworter des Milieu- und Lebensstilkonzepts wenden dagegen ein, die „Lebensstilsoziologie hat eine zunehmend lebensfern agierende Sozialstrukturanalyse wieder an die Fragen der alltäglichen Lebensgestaltung herangeführt.“ 10
In meiner Seminararbeit möchte ich hinsichtlich der Diskussion um beide Modellkomplexe einen Vergleich von Schicht- und Klassenmodellen einerseits zu Milieu- und Lebensstilmodellen andererseits angehen, der hier im Folgenden erörtert werden soll. Dabei werde ich auf die positiven sowie negativen Aspekte der Schicht- und Klassenmodelle eingehen und sie darauffolgend den positiven und negativen Aspekten der Milieu- und Lebensstilmodellen gegenüberstellen. In einem Resumée soll dann eine zusammenfassende Schlussbetrachtung zustande kommen, die mit einem persönlichen Statement untermalt werden soll.
7 Geißler, Rainer: Kein Abschied von Klasse und Schicht, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. - Band 48 (1996), Heft 2, S. 319.
8 Ebd., S. 319.
9 Ebd., S. 323.
10 Meyer, Thomas, Das Konzept der Lebensstile in der Sozialstrukturforschung- eine kritische Bilanz, in: Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 257.
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2. Ein «westdeutscher Sonderweg»
Zuallererst muss erwähnt werden, dass die oben genannte Kritik an Klassen- und Schichtmodellen und die sich daraus ergebende Debatte als deutsches Spezifikum auftritt, und nirgends im internationalen Bereich sonst zu beobachten ist. 11 Wir können aber - so denke ichdavon ausgehen, dass sich die gesellschaftlichen Strukturen in der Bundesrepublik Deutschland nicht radikal anders entwickelt haben, als in deren Nachbarländer, die in den letzten sechzig Jahren im Ungefähren einen ähnlichen Entwicklungsprozess durchgemacht haben wie Deutschland, ferner damals noch Westdeutschland. Nehmen wir diese Debatte aber als Denkanstoß und betrachten ihn als «westdeutschen Sonderweg» 12 , so lässt sich feststellen, dass diese Diskussion zwischen beiden Modellkomplexen definitiv im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Wachstumsphasen steht. Demnach blühen laut Stefan Hradil in allen Prosperitätsphasen, also Modernisierungsschüben, in der ökonomische Verteilungskämpfe gemindert sind, soziologische Differenzierungskonzepte auf, was der Milieu- und Lebensstilforschung zugute kommt. Dies entsprach in etwa den 70er und 80er Jahren in Deutschland 13 In den 1990ern kam es dann zu einer Stagnationsphase der Prosperität. Äußere Lebensbedingungen, also das Vorhandensein - nicht das Verwenden - materieller Ressourcen wurde wieder wichtiger, was Verteilungskämpfe freilich verstärkte. Die Wahrnehmung zunehmender sozialer Ungleichheiten gaben den Klassen- und Schichtkonzepten somit wieder Auftrieb. 14 Was nun aber die genauen Unterschiede zwischen den Begriffen ist, und warum sich beide Modellkomplexe überhaupt gegenüberstehen, soll nun im Folgendem erörtert werden.
11 Vgl. Geißler,Rainer,Kein Abschied von Klasse und Schicht, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Band 48 (1996), Heft 4, S. 324.
12 Meyer, Thomas, Das Konzept der Lebensstile in der Sozialstrukturforschung- eine kritische Bilanz, in: Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 260.
13 Vgl. Hradil, Stefan: Eine Alternative? Einige Anmerkungen zu Thomas Meyers Aufsatz „Das Konzept der Lebensstile in der Sozialforschung“, in:Soziale Welt, Band 52 (2001), Heft 3, S. 280.
14 Vgl. Ebd., S. 280.
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Anne Deremetz, 2011, Milieus und Lebensstile, München, GRIN Verlag GmbH
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