Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis III
Abbildungsverzeichnis IV
1. Einleitung 1
1.1. Hinführung zum Thema / Fragestellung 1
1.2. Eingrenzung des untersuchten Gebietes 2
1.3. Struktur und Quellenlage 3
2. Architektur der Macht - Macht der Architektur 5
2.1. Was ist Architektur? 6
2.2. Architektur und Macht. 8
2.3. Die soziologische Dimension: Architektur als Zeichen 11
2.4. Architektur und Politik 15
2.4.1. Politische Architektur 15
2.4.2. Architektur als Instrument der staatlichen Selbstdarstellung 17
2.4.3. Architektur in nicht-demokratischen Staaten 19
2.5. Critical Geopolitics: die Konstruktion strategischer Raumbilder 23
3. Imaginations of China: Wie sieht sich China, wie möchte es gesehen werden? 26
3.1. Die Suche nach Moderne und einer nationalen Identität. 26
3.2. Staatliche Selbstdarstellung innerhalb Chinas 28
3.3. China für die Welt: public diplomacy im Reich der Mitte 32
3.4. Die Olympischen Spiele in Peking 2008: one world, different dreams? 36
4. Moderne Symbolarchitektur in Peking 41
4.1. Olympia-Architektur: Das „Vogelnest“ und der „Wasserwürfel“ 43
4.1.1. Olympische Bauvorhaben: „New Beijing, Great Olympics“ 43
4.1.2. Strategisches Raumbild: „One World, One Dream 45
4.1.3. Die Gebäude und ihre Wirkung 48
4.1.4. Kritik an den Gebäuden 61
4.2. Medien-Architektur: China Central Television Headquarters 63
4.2.1. Strategisches Raumbild: „Chinas Fenster zur Welt“ 64
4.2.2. Das Gebäude und seine Wirkung. 69
4.2.3. Kritik am Gebäude 74
4.3. Kulturarchitektur: „The Egg“ - das National Center of the Performing Arts. 77
4.3.1. Strategisches Raumbild: „Peking als moderne Weltstadt“ 78
4.3.2. Das Gebäude und seine Wirkung. 83
4.3.3. Kritik am Gebäude 88
I
5. Wenn westliche Architektur auf China trifft: Besonderheiten und Probleme 93
5.1. Debatte um die Vergabe der Bauprojekte in Peking an ausländische Architekten 93
5.2. Probleme der Architekten bei der Arbeit in China 97
5.3. Was westliche Architekten an ihrer Arbeit in China fasziniert 99
5.4. Einfluss von Symbolik und Metaphorik auf die Architektur in China. 100
5.5. Architektur und Moral: Darf man für China bauen? 102
6. Schlussbetrachtung 105
7. Literaturverzeichnis 108
II
Abkürzungsverzeichnis
BIAD Beijing Institute of Architectural Design BOG Beijing Olympic Games BSAM Beijing State-owned Assets Management Co. Ltd. CAG China Architecture Design and Research Group CCDI China Construction Design International CCTV China Central Television CITIC China International Trust and Investment Corp. CSCEC China State Construction and Engineering Company ETFE Ethylen-Tetrafluorethylen HDM Herzog & de Meuron KPC Kommunistische Partei Chinas KPF Kohn Pedersen Fox NCPA National Center of the Performing Arts OMA Office for Metropolitan Architecture TVCC Television Cultural Center
III
1. Einleitung
1.1. Hinführung zum Thema / Fragestellung
Das Kapitol in Washington, der St.-Peters-Dom in Rom, das Schloss Versailles und der neue Turm des chinesischen Staatsfernsehens CCTV in Peking haben etwas gemeinsam: Sie sind Bauwerke der Macht und erheben den Anspruch Monumente zu sein 1 . Zwar repräsentieren sie unterschiedliche politische Systeme und weisen keinerlei äußerliche Ähnlichkeiten auf - doch verkörpern sie alle einen Machtanspruch. Dessen architektonische Erscheinungsform hat sich über die Jahre geändert, denn „die Büroburgen der postindustriellen Informationsgesellschaft sind die Erben der Parlamentsbauten, Schlösser und Kirchen“ 2 . Diese modernen Monumente aus verspiegeltem Glas und Stahl sind nun zu einem Ausdruck der Globalisierung geworden. Doch auch die „klassische“ Architektur der politischen Macht wird nach wie vor gebaut - bevorzugt in nichtdemokratischen Ländern, entworfen von dem who’s who der internationalen Architektenszene - so auch in Peking, der Hauptstadt der Volksrepublik China.
2008 war das Jahr, in dem China in besonderem Maße die internationalen Schlagzeilen und die mediale Berichterstattung beherrschte - die Olympischen Sommerspiele in Peking wurden eingerahmt von erhitzen Debatten über Moral, Menschenrechte und Chinas neue Rolle in der Welt. Der chinesischen Hauptstadt Peking wurde naturgemäß besonders viel Aufmerksamkeit zuteil. Neben dem sportlichen Ereignis und der politischen Situation in China standen vor allem die rasante Veränderung des Stadtbildes sowie einige besonders spektakuläre Neubauten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Diese Bauten sind im Vorfeld der Olympischen Spiele entstanden und es wird ihnen inner- und außerhalb Chinas bereits Symbolcharakter zugeschrieben. Sie wurden größtenteils von westlichen Architekten geplant und gebaut. Diese Tatsache hat in Deutschland und anderen westlichen Ländern eine Debatte über Architektur und Moral ausgelöst. Doch auch in China hat man empfindlich darauf reagiert, dass ausgerechnet Ausländer die neuen Nationalsymbole entwerfen sollten und die Debatte über jene Neubauten wurde auch zu einer politischen Streitfrage. Keines dieser Bauwerke hat primär eine politische Funktion: Es handelt sich um
1 Vgl. MATZIG, Gerhard: Des Teufels Architekt. In: Süddeutsche Zeitung, 01.07.2008, verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/kultur/323/447058/text/, abgerufen am 09.01.2009
2 Ebd.
1
Sportstätten, eine Oper sowie den Sitz des staatlichen Fernsehsenders. Und doch sind Architektur und Politik in China auf besondere Weise verknüpft: Da das Land von einem autoritären Regime regiert wird und die Politik, auch nach einer zunehmenden Öffnung des Landes, weiterhin die meisten Bereiche der Gesellschaft bestimmt und dominiert, liegt in China ein Sonderfall vor - ohne Politik gibt es dort keine Architektur, private Bauten sind bisher ein Ausnahmefall. Diese besondere politische Situation unterscheidet China bei einer Analyse von Architekturbauten ganz klar von westlichen Demokratien.
Doch noch ein weiterer Unterschied macht diese Analyse besonders spannend: Die chinesische Kultur erscheint dem westlichen Betrachter oftmals fremd und andersartig und so mag ihm auch die chinesische Interpretation von Architektur zuweilen erscheinen. Es werden dort zum Teil ganz andere Kriterien herangezogen als in westlichen Kulturkreisen üblich, was eine besondere Herausforderung für westliche Architekten darstellt. Die Kenntnis verschiedener Aspekte chinesischer Kultur und Gesellschaft ist daher besonders wichtig, um moderne Symbolarchitektur in China als eine Art Botschaft deuten zu können.
Um die Beziehung von Architektur und Macht im besonderen Fall Peking darstellen und analysieren zu können, wird diese Arbeit auf verschiedene Disziplinen wie Politik, Stadtgeographie, Soziologie, Kulturwissenschaft und auch Kunstgeschichte zurückgreifen. Es sollen so die einzelnen Symbolbauten auf ihre Bedeutung und Funktion untersucht werden. Das Gebäude und die dazu gehörenden Bilder, Informationen und Medienberichte werden dabei als ein strategisches Raumbild aufgefasst, das es zu dekonstruieren gilt.
1.2. Eingrenzung des untersuchten Gebietes
Untersucht werden sollen die angesprochenen vier Bauwerke in Peking. Auch das neue, architektonisch interessante Terminal des Pekinger Flughafens, gebaut von Sir Norman Foster, würde sich für die Untersuchung anbieten - es findet, aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit, jedoch eine Einschränkung auf die vier erwähnten, besonders prominenten Bauwerke statt.
Die Eingrenzung auf die chinesische Hauptstadt hat mehrere Gründe: Zum einen hat Peking im Jahr 2008 durch die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele im Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit gestanden und den Bauwerken, die rund um die Spiele
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entstanden sind, wurde ebenso ein großes Maß an internationaler Beachtung zuteil. Sie sind damit besonders geeignete Imageträger und Symbole für das „neue China“ und ihre dahingehende Rolle soll untersucht werden. Zum anderen ist Peking das politische und kulturelle Zentrum Chinas und die Rolle symbolträchtiger Architektur in diesem Umfeld ist von besonderer Bedeutung für die Politik und das internationale Bild Chinas. Darüber hinaus machen die erhitzten Debatten, die sich in Peking rund um die „neuen Wahrzeichen“ entwickelt haben, die Untersuchung der dortigen Situation wesentlich interessanter als eine Analyse moderner Symbolarchitektur in Shanghai, der großen Rivalin Pekings. Auch dort wird sehr viel gebaut und teilweise muten die Bauten deutlich futuristischer und wagemutiger an als jene in Peking. Doch hat Shanghai sich schon immer moderner und aufgeschlossener gezeigt als das traditioneller geprägte Peking und moderne Architektur löst dort wesentlich weniger Kontroversen aus als in der Hauptstadt. Als kulturelles Zentrum des Landes verfügt Peking über die größte Intellektuellenszene Chinas und die zukünftigen politischen und gesellschaftlichen Richtlinien der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) kommen ebenso aus Peking. Symbolträchtige Architektur in einem solchen Spannungsfeld eignet sich daher besonders gut dazu, nicht nur die künstlerischen Aspekte der Bauten zu analysieren, sondern auch die Ambitionen und Unsicherheiten des „neuen Chinas“ zu identifizieren.
1.3. Struktur und Quellenlage
Diese Arbeit ist in vier größere Abschnitte gegliedert: Zuerst soll ein theoretischer Rahmen vorgestellt werden, der vor allem auf die wechselseitige Beziehung von Architektur und Macht eingeht und verschiedene Formen vorstellt, welche diese Beziehung annehmen kann. Für ein besseres Verständnis der Interpretation von Architektur soll außerdem auf ihre Semiotik eingegangen werden. Als Werkzeug für die spätere Gebäudeanalyse soll zudem das Konzept der strategischen Raumbilder vorgestellt werden.
Danach soll untersucht werden, wie China sich selbst sieht, welche Bilder des Landes erzeugt werden und welchen Zweck erfüllen sollen. Entscheidend für diese Analyse staatlicher Selbstdarstellung sind auch die Olympischen Spiele 2008 in Peking, auf die später explizit eingegangen werden soll. Um die interkulturelle Begegnung zwischen ausländischen Architekten und dem chinesischen Staat zu beleuchten, wird dann in einem
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Abschnitt auf Besonderheiten in dieser Begegnung eingegangen. Im letzten Abschnitt erfolgt dann die ausführliche Analyse der vier Symbolbauten in Peking. Hier soll zuerst das strategische Raumbild herausgearbeitet werden, um darzulegen, was mit dem Bauwerk kommuniziert werden soll. Dann erfolgt eine Analyse des Bauwerkes selbst, in der gezeigt werden soll, ob und wie das beschriebene strategische Raumbild im Bauwerk verwirklicht wurde und auch auf eventuelle Kritik des Gebäudes soll eingegangen werden.
Im theoretischen Teil soll hauptsächlich auf die Erkenntnisse von Kim Dovey (im Hinblick auf das Verhältnis von Raum und Macht), Walter Gottschall (für politische Architektur und staatliche Selbstdarstellung), Jan Melissen (in den Überlegungen zu public diplomacy) und Gearóid Ó Tuathail (zu strategischen Raumbildern) zurückgegriffen werden. Konkret auf China bezogen hatten vor allem die Forschungsergebnisse von Ren Xuefei (zu Nationalismus und Symbolarchitektur), Anne-Marie Broudehoux (zu staatlicher Selbstdarstellung und nationaler Identität) und Jeroen de Kloet (zur Förderung des Nationalstaates durch die Olympischen Spiele) Einfluss auf diese Arbeit.
Zum besseren Verständnis der Problematik fand ein einmonatiger Aufenthalt in Peking statt. Die untersuchten Gebäude wurden, soweit möglich, besucht und fotografiert. Es wurden auch Bemühungen unternommen, Gespräche mit den beteiligten Architekturbüros zu führen - keines der Büros war dazu jedoch bereit. Vor allem im Olympia-Jahr 2008 wurden die Bauwerke in den Medien aber ausführlich diskutiert und es liegen einige Interviews mit den Architekten aus der Presse vor, die sich mit der Urheber-Motivation beschäftigen und werkimmanente Betrachtungen vornehmen. Wegen der Aktualität des Themas und der sich schnell verändernden Situation in China wurde versucht auf möglichst aktuelle Literatur sowie Presseberichte zurückzugreifen.
4
2. Architektur der Macht - Macht der Architektur
„Bauen ist ein Spiegel der Ambitionen, der Unsicherheiten und Motivationen der Erbauer und deshalb auch glaubwürdig ein Spiegel von Macht, Machtstrategien, Machtverfestigung und der Auswirkung auf jene, die sie ausüben.“ 3
Deyan Sudjic
Architektur kann Macht verkörpern - Herrscher mit ausgeprägtem Machtanspruch ließen sich schon immer große Paläste und monumentale Gebäude bauen. Auch Adolf Hitler beauftragte seinen Architekten Albert Speer damit, die neue Reichskanzlei so zu planen, dass jedem Besucher, spätestens nach dem Gang durch den langen Flur, Hitlers umfassender Machtanspruch klar wurde 4 . Andersherum kann aber auch Architektur selbst Macht auf den Betrachter oder Nutzer ausüben: der erwähnte lange Flur in der Reichskanzlei ließ in den Besuchern ein Gefühl der Winzigkeit und Unbedeutendheit entstehen und sie am Ende des Flures etwas Größeres, Machtvolleres erwarten.
Der Zusammenhang von Architektur und Macht ist kein neues Phänomen - diesen Zusammenhang kann man feststellen, seit überhaupt gebaut wird. Und doch sind sich die Betrachter und Nutzer von Gebäuden nicht unbedingt dieses Zusammenhangs bewusst -Architektur ist ein sehr subtiles Mittel der Erlangung, Zurschaustellung und Manifestation von Macht. In den meisten Fällen wird Architektur nicht bewusst wahrgenommen; meist fallen uns nur besonders negative architektonische Werke auf. Und doch beeinflusst Architektur unser Leben und übt somit Macht darauf aus: Wände begrenzen unseren Bewegungsraum, strukturieren unser Umfeld, werfen Schatten und spiegeln das Licht. Architektur gibt unserem Leben gewissermaßen einen Rahmen 5 . Von Gerkan schreibt dazu: „Keine andere kulturelle Leistung der Menschheit betrifft den einzelnen so
3
SUDJIC, Deyan: Der Architekturkomplex: Momente der Macht. Düsseldorf: Artemis & Winkler, 2006, S.355
4 Vgl. ebd., S.24
5 Vgl. DOVEY, Kim: Framing places: Mediating power in built form. 2. Aufl. London: Routledge, 2008, S.1
5
ganzheitlich wie Architektur.“ 6 Jeder ist ihr direkt ausgeliefert, da sie den unmittelbar gegenwärtigen Lebensraum bestimmt.
Auch Macht ist nicht leicht zu charakterisieren, obwohl und vor allem weil sie so allgegenwärtig ist. Dementsprechend vielfältig sind daher auch die Definitionen, die zum Großteil aus den Disziplinen der Politikwissenschaft und der Philosophie stammen. Seltener wird Macht im Hinblick auf Raum und Architektur definiert. Hiermit beschäftigt sich Kim Dovey ausführlich, daher wird bei der Definition vor allem auf seine Arbeit zurückgegriffen.
Um dem Ziel dieser Arbeit näherzukommen - den Zusammenhang zwischen Architektur und Macht herauszuarbeiten und verschiedene Gebäudebeispiele dahingehend zu „lesen“ - ist es sinnvoll sich zuallererst den beiden Begriffen Architektur und Macht zu nähern und diese so zu definieren, wie sie im folgenden Kontext verstanden werden.
2.1. Was ist Architektur?
Die Fülle an Definitionen des Begriffs „Architektur“ ist immens und variiert nicht zuletzt je nach Kontext, auf den die Definition zutreffen soll.
Hans Koepf schreibt über die Architektur: „Architektur ist die Kunstform des Bauens, die Baukunst. (…) Architektur beginnt dort, wo der Bauwille über Notwendigkeit und über Nützlichkeitserwägungen hinausgeht. Die absoluten Höhepunkte der Architektur erreichen allgemeinen Symbolcharakter“ 7 . Hier wird also Architektur nicht nur als das bloße Planen und Bauen von Gebäuden definiert, sondern es werden der Architektur darüber hinaus gehende Motive unterstellt; Architektur wird als gebaute Kunst verstanden. Weiter greift die Definition des deutschen Architekten Meinhard von Gerkan, der sagt: „Architektur ist, unabhängig davon, wie profan oder anspruchsvoll der Zweck ist, dem sie dient, letztlich die Gesamtheit der durch Menschenhand veränderten Umwelt und damit eine kulturelle Leistung der Menschen“ 8 . Seiner Meinung nach umfasst Architektur weitaus mehr als nur
6 GERKAN, Meinhard von: Die Verantwortung des Architekten: Bedingungen für die gebaute Umwelt. Stuttgart: Dt. Verl.-Anstalt, 1982, S.26
7 KOEPF, Hans; BINDING, Günther: Bildwörterbuch der Architektur. 3. Aufl. Stuttgart: Kröner, 1999, S.25
8 GERKAN, 1982, S.25
6
Gebäude: Er bezieht in den Begriff alles mit ein, was Individuen in ihrer räumlichen Umwelt herstellen und ordnen, also jegliche Art von Organisation und Gestaltung derselben 9 .
Aus diesen unterschiedlichen Ansätzen wird klar, dass es nicht leicht ist Architektur einzugrenzen. Lange Zeit hat man sie als „bedeutungsfreie“ Kunst gesehen, die unabhängig von der gesellschaftlichen Entwicklung einem eigenständigen
Veränderungsprozess unterworfen ist und deren ästhetische Erscheinung im Mittelpunkt steht 10 . Die soziologische Dimension der Architektur hat erst später in die Analyse von Gebäuden Einzug gehalten. Für diese Arbeit soll Architektur daher, nach Umberto Eco, als den in seiner Dreidimensionalität veränderten Teil der räumlichen Umwelt verstanden werden, der darauf angelegt ist, mit dem gesellschaftlichen Leben verbundene Funktionen wahrzunehmen 11 . Die Definition von Eco ist deshalb relevant, weil sie die kommunikativen Aspekte von Architektur mit einschließt und diese Aspekte von Architektur in der späteren Gebäudeanalyse im Vordergrund stehen werden.
Allgemein lässt sich sagen, dass es drei Hauptfunktionen gibt, die Architektur erfüllen soll: erstens die Zweck- oder Nutzenfunktion bei welcher der eigentliche Nutzen, den das Gebäude stiftet, im Vordergrund steht; zweitens die Organisationsfunktion nach der die Architektur die organisatorischen Abläufe im Gebäude optimieren soll, beispielsweise durch eine effiziente und sinnvolle Anordnung der Räume, sowie drittens die Kommunikationsfunktion, durch die Architektur auch eine geistige Botschaft vermitteln soll 12 .
Natürlich kann Architektur in einem funktionalistischen Ansatz auch einfach als Mittel zum Zweck gesehen werden - im Nachfolgenden soll aber vor allem auf die weitergehenden, tieferliegenden und oftmals verborgenen Funktionen und die soziologische Dimension von Architektur eingegangen werden.
9 Vgl. ebd., S.25
10 Vgl. GOTTSCHALL, Walter: Politische Architektur: Begriffliche Bausteine zur soziologischen Analyse der Architektur des Staates. Bern: Lang, 1987, S.25
11 Vgl. ECO, Umberto; TRABANT, Jürgen: Einführung in die Semiotik. 9. Aufl. München: Fink, 2002, S.295
12 Vgl. SCHNEIDER, Leonie C.: Architektur als Botschaft: Die Inszenierung von Corporate Identity am Beispiel der neuen Botschaften in der Bundeshauptstadt Berlin. Diplomarbeit. Universität Passau, 2001, S.8
7
2.2. Architektur und Macht
„Power is like the weather. Everyone depends on it and talks about it, but few understand it. (…) Power is also like love, easier to experience than to define or measure, but no less real for that.” 13
Joseph S. Nye
Macht ist ein abstrakter Begriff und somit primär nicht sichtbar. Um sichtbar zu werden muss Macht die Form von Handlungen, Äußerungen oder Gegenständen annehmen. Dies geschieht beispielsweise in Form von Gebäuden. Architektur ist so auch immer mit Macht verbunden: der Macht über Ressourcen, die für den Bau notwendig sind 14 oder auch der Macht, die Umwelt durch den Bau zu beeinflussen, indem beispielsweise eine Sichtachse versperrt wird oder ein großes Gebäude die umstehenden Häuser, im wahrsten Sinne des Wortes, in den Schatten stellt. Es ist daher wichtig, sich dem Begriff anzunähern, will man sich mit den Zusammenhängen zwischen Architektur, Politik und Gesellschaft beschäftigen. Da Macht aber ein grundlegendes und weitreichendes Konzept innerhalb sozialer Beziehungen ist, sind die Definitionen von Macht vielfältig und beziehen sich auf ganz unterschiedliche Aspekte des Begriffs.
Im Allgemeinen wird Macht als die Fähigkeit charakterisiert, auf das Denken und Verhalten von Gruppen oder Individuen einzuwirken. Joseph S. Nye beschreibt diese Auffassung von Macht und die Formen welche sie annehmen kann auf sehr einfache, aber eindrückliche Weise:
“The basic concept of power is the ability to influence others to get them to do what you want. There are three major ways to do that: one is to threaten them with sticks; the second is to pay them with carrots; the third is to attract them or co-opt them, so that they want
13 NYE, Joseph S.: Soft power: The means to success in world politics. New York: Public Affairs, 2004, S.1
14 Vgl. DOVEY, 2008, S.1
8
what you want. If you can get others to be attracted, to want what you want, it costs you much less in carrots and sticks.” 15
Für eine genauere Charakterisierung von Macht soll nun auf die Erkenntnisse von Kim Dovey zurückgegriffen werden 16 . Dieser hält folgende Unterscheidung für wesentlich in einer Annäherung an den Begriff Macht: die Aufteilung in power to, also Macht als Fähigkeit etwas zu tun, und power over, als Macht über eine andere Person 17 . Die Fähigkeit etwas zu tun wird meist als gegeben gesehen, während uns die Macht über Andere bewusster ist und auffällt. Dovey unternimmt hier eine weitere Unterscheidung zwischen den verschiedenen Formen der Macht über Andere. Er teilt diese Art der Macht ein in force (Zwang), coercion (Nötigung), manipulation (Beeinflussung), seduction (Verführung) und authority (Machtbefugnis) 18 .
Force sieht Dovey als die häufigste Art der Machtdemonstration in gebauter Form: Es handelt sich um eine offene Art der Machtausübung, die keine Handlungsalternativen zulässt. Force zeigt sich in Bauten, die durch Mauern, Schlösser oder Zäune entweder ein-oder ausschließen, beispielsweise Gefängnisse oder eine Gated Community. Auch in Peking lässt sich ein Paradebeispiel für force in gebauter Form finden: die Verbotene Stadt, die Stadt des Kaisers, die der gewöhnlichen Bevölkerung den Zutritt durch hohe Mauern verwehrte.
Im Vergleich dazu wird coercion von Dovey als effektivere Art der Machtausübung charakterisiert, da sie eine gewisse Handlungsfreiheit vortäuscht. Es handelt sich hierbei nur um die Androhung von Zwang, sollte das gewünschte Handeln nicht geschehen. Im Raum kann coercion die Form von intimidation (Einschüchterung) annehmen, beispielsweise durch ein Schild mit Hinweis auf die Sicherung eines Gebäudes per Alarmanlage.
Manipulation wird auch dem Begriff coercion zugerechnet, allerdings als eine Art unsichtbare Machtausübung. Das Individuum wird unwissend gelassen und es entsteht möglicherweise sogar der Eindruck von Handlungsfreiheit. Durch diese Unkenntnis der
15 NYE, Joseph S.; MYERS, Joanne J.: Soft Power: The means to success in world politics. Protokoll der Sendung "Books for Breakfast" vom 13.04.2004. Carnegie Council for Ethics in International Affairs, 2004, verfügbar unter http://www.cceia.org/resources/transcripts/4466.html#3, abgerufen am 19.05.2009
16 Vgl. DOVEY, 2008, S.12ff
17 Vgl. ebd., S.11f
18 Da die deutsche Übersetzung diese Begriffe nur unzureichend wiedergibt, werden im Folgenden weiter die englischen Begriffe verwendet.
9
wahren Machtverhältnisse wird die Möglichkeit des Widerstands durch das Subjekt ausgeschaltet. Ein bekanntes Beispiel ist der Film „The Truman Show“, in dem die Hauptperson in einer komplett künstlichen und manipulierten Welt lebt und sogar Hauptdarsteller einer Fernsehserie ist, davon jedoch keinerlei Kenntnis hat und daherzumindest anfangs - auch nicht dagegen aufbegehrt.
Als besonders raffinierte Form von Macht beschreibt Dovey die Verführung, seduction. Diese Art der Machtausübung ist wohlbekannt aus der Werbung: Es werden Wünsche und Interessen der Betroffenen manipuliert, Bedürfnisse suggeriert. Durch seduction kann auch Raum auf eine Art und Weise verändert werden, die uns natürlich und unveränderlich erscheint. Dovey sieht seduction jedoch nicht nur negativ, da letztendlich jede Form von Architektur gewisse Wünsche widerspiegelt und konstruiert. Die Frage aber, ob diese Wünsche nun echt oder manipulativ zustande gekommen sind, ist nicht sinnvoll zu beantworten und daher sollte sich die Analyse hier, seiner Meinung nach, auf die Untersuchung des Verführungspotentials von gebauten Formen begrenzen.
Als stabilste und effizienteste Art der Machtausübung wird authority beschrieben. Sie ist in institutionellen Strukturen wie dem Staat oder der Kirche verankert und ist gekennzeichnet durch das Fehlen einer Auseinandersetzung über diese Art von Macht. Ein Beispiel wäre beispielsweise der Kirchenbesuch: Möglicherweise ist man nicht mit den Inhalten der Predigt einverstanden, doch das Halten des Gottesdienstes durch einen Pfarrer wird akzeptiert und nicht angezweifelt. Authority braucht jedoch Legitimation um machtvoll agieren zu können, denn es handelt sich um ein künstliches, unsichtbares Konstrukt und der Entzug der Legitimation würde für authority kompletten Machtverlust bedeuten. Die Legitimation kann durch Symbole und Rituale gefestigt werden. So manifestiert ein Staat seinen Machtanspruch zum Beispiel durch Staatssymbole, wie eine Nationalflagge oderhymne. Auch die Errichtung von strategischen Raumbildern, auf die im Abschnitt 2.4 genauer eingegangen wird, kann als legitimationsstärkendes Mittel gesehen werden 19 . In diesem Kontext soll später auch die Rolle von Symbolarchitektur in Peking als stärkendes Mittel für die bröckelnde Legitimation eines kommunistischen Regimes in einer kapitalistischen Gesellschaft untersucht werden.
19
Vgl. ROSS, Matthias: Wenn strategische Raumbilder zu Stein werden: Die Architektur des Brüsseler Europaviertels - eine subtile Form politischer Kommunikation. Diplomarbeit. Universität Passau, 2008, S.13
10
Diese verschiedenen Formen von Macht sind jedoch nicht starr - Machtausübung kann ihre Form fortlaufend ändern und sich so schwer zu erkennen geben 20 . Genau darin liegt laut Foucault auch der paradoxe Aspekt von Macht: Um erfolgreich zu wirken, darf Macht sich nicht zu erkennen geben. Er beschreibt den Erfolg der Macht als proportional zu ihrer Fähigkeit sich selbst und ihre Funktionsmechanismen zu verbergen 21 . So gibt auch Architektur unserem Leben einen Rahmen, der aber selten hinterfragt wird und laut Dovey liegt genau dort der Schlüssel zur engen Beziehung von Macht und Architektur. Er schreibt:
„The more that the structures and representations of power can be embedded in the framework of everyday life, the less questionable they become and the more effectively they can work.“ 22
Gebaute Umwelt kann also umso mächtiger sein, je unaufdringlicher sie ihre Botschaft vermittelt. Architektur der Macht wird sich daher möglichst nicht als solche präsentieren wenn sie erfolgreich ihren Einfluss ausüben will. Interessant ist, dass es sich bei den später zu analysierenden Gebäuden auch nicht um Gebäude mit primärer politischer Funktion handelt: eine Oper, Sportstätten, ein Fernsehsender. Den Annahmen Doveys und Foucaults folgend, können gerade solche Gebäude besonders subtil und erfolgreich Macht ausüben. Um die wahre Natur dieser Macht zu verschleiern und doch gleichzeitig zu repräsentieren kann auf das Stilmittel der Metapher beim Bau zurückgegriffen werden 23 .
2.3. Die soziologische Dimension: Architektur als Zeichen
Will man Architektur in soziologischer Hinsicht interpretieren, ist es notwendig die reine Beschreibung der äußeren bauhistorischen und künstlerischen Aspekte zu ergänzen. Ausgangspunkt hierfür ist die Ebene der räumlichen Umwelt 24 . Innerhalb dieser räumlichen Umwelt ist Architektur als eine Unterebene zu sehen, die zwei grundlegende Funktionen hat: die Dingfunktion und die Symbolfunktion. Diese Zweiteilung findet sich bei mehreren Autoren. Zuerst soll das Modell vorgestellt werden, wie Gottschall es skizziert hat: Er
20 Vgl. DOVEY, 2008, S.15
21 Vgl. FOUCAULT, Michel; GORDON, Colin: Power, knowledge: Selected interviews and other writings 1972 - 1977. New York: Pantheon Books, 1980, S.86
22 DOVEY, 2008, S.2
23 Vgl. ROSS, 2008, S.14
24 Vgl. GOTTSCHALL, 1987, S.25
11
beschreibt Architektur in ihrer Dingfunktion als „Mittel zum Gebrauch“ und als „physische Erscheinung mit einem spezifischen utilitären Charakter“ 25 . Es wird hier auf die materielle Hülle der Architektur Bezug genommen und auf ihren daraus resultierenden funktionalen Charakter. Architektur in ihrer Dingfunktion existiert als Artefakt, als vom Menschen geschaffene physisch-physikalische Erscheinung, die der Erfüllung bestimmter individueller oder kollektiver gesellschaftlicher Bedürfnisse dient 26 .
Dem gegenüber gestellt ist die Symbolfunktion, die sich auf das „Zeichen“ bezieht, das der Architektur „eingeschrieben“ ist. Neben der Funktionalität der Architektur wird ihr somit auch eine Rolle als Kommunikationsmedium zugeschrieben - Architektur wird also auch als eine semiotische Größe aufgefasst, die symbolische Bedürfnisse erfüllt. Es werden - in kodifizierter Form - Weltanschauungen, politische Ideologien, ästhetische Vorstellungen und andere Aspekte symbolischer Kultur durch Architektur kommuniziert 27 . Mehlhorn schreibt dazu: „Form, Material, Gestaltung, Stellung legen Zeugnis ab von der Absicht ihrer Erbauer Präsenz, Legitimation, soziale Stellung sowie reale oder nur angestrebte Herrschaftsansprüche zu manifestieren und der Umwelt kenntlich zu machen.“ 28
Jede bauliche Form drückt so in gewisser Weise die politischen, ideologischen und ästhetischen Vorstellungen und Wünsche bestimmter gesellschaftlicher Gruppen aus. Da sich diese Arbeit hauptsächlich mit der Untersuchung von Zeichen und Bilder beschäftigt, die der Architektur „eingeschrieben“ sind, spielt im Nachfolgenden vor allem die Symbolfunktion von Architektur eine wichtige Rolle.
Auch Umberto Eco hat sich im Rahmen seiner Untersuchungen zur Semiotik der Architektur zugewandt. Seine Erkenntnisse sind grundlegend für das „Lesen“ von Architektur, wie es in dieser Arbeit geschehen soll. Unter der Annahme, dass Semiotik die Wissenschaft ist, „welche alle Kulturphänomene so untersucht, als ob sie Zeichensysteme wären“, stellt die Architektur laut Umberto Eco eine besondere Herausforderung dar, da sie scheinbar nichts mitteilt, sondern nur funktioniert. Es muss also untersucht werden, inwieweit diese Funktionen auch unter dem Aspekt der Kommunikation interpretiert werden
26 Vgl. GOTTSCHALL, 1987, S.80
27 Vgl. ebd., S.28
28 MEHLHORN, Dieter Jürgen: Funktion und Bedeutung von Sichtbeziehungen zu baulichen Dominanten im Bild der deutschen Stadt: Ein Beitrag zur politischen Ikonographie der deutschen Stadt. Frankfurt a.M.: Rita G. Fischer, 1979, S.327
12
können und ob es vielleicht Funktionen gibt, die gerade erst durch eine nicht rein funktionalistische Betrachtung zu Tage treten 29 .
Die symbolhafte Kommunikationsfunktion der Architektur teilt Eco auf in die erste Funktion, welche die architektonische Denotation bezeichnet, und die zweite Funktion, welche für die architektonische Konnotation steht 30 (eine Aufteilung, die so beispielsweise auch Walter Gottschall übernimmt 31 ). Unter Denotation wird hier die codierte Mitteilung eines nutzenbezogenen Gebrauchswerts von Architektur verstanden. Als Beispiel dient die Treppe: Jeder Mensch wird aufgrund eines Jahrtausende alten Codes wissen, wie die Treppe funktioniert, dass sie zum Hinaufsteigen geeignet ist und wie sie genutzt werden muss, um oben anzukommen. Ein Fahrstuhl offenbart einem Uneingeweihten, dem der Code des Fahrstuhls nicht geläufig ist, jedoch nicht seine Funktionsweise, da das ahnungslose Subjekt nicht weiß, dass „bestimmte Formen bestimmte Funktionen bedeuten“ 32 .
Unter Konnotation hingegen versteht man die zusätzliche Erfüllung symbolischer, von der praktischen Funktion unabhängiger Bedürfnisse in der Architektur. Ein Stuhl denotiert beispielsweise die Funktion Sitzen, ein Thron hat aber über die Funktion des Sitzens hinaus noch eine symbolische Bedeutung - er konnotiert Würde und Majestät. Diese architektonische Konnotation korrespondiert mit der zuvor beschriebenen Symbolfunktion der Architektur.
In Anlehnung an das Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver 33 hat Martin Krampen 34 die Faktoren, die am architektonischen Kommunikationsprozess beteiligt sind, folgendermaßen dargestellt: Sender ist der Architekt oder Bauherr, der mit Hilfe von Codes und Lexikon (den funktionalen, gesetzlichen, konstruktiven, gestalterischen und ökonomischen Regeln, nach denen ein Gebäude entworfen wird) ein Signal sendet, das aus der Gesamtheit des architektonischen Entwurfs besteht. Als Kanal hierfür dient die
29 Vgl. ECO et al., 2002, S.295f
30 Vgl. ECO et al., 2002, S.312
31 Vgl. GOTTSCHALL, 1987, S.28
32 ECO et al., 2002, S.308
33 SHANNON, Claude; WEAVER, Warren: The Mathematical Theory of Communication. Urbana: Univ. of Illinois Press, 1949
34 Vgl. KRAMPEN, Martin: Meaning in the Urban Environment. London: Pion Ltd., 1979, S.23; zur Darstellung des Modells auch DREYER, Claus: „Semiotische Aspekte der Architekturvermittlung". In: Wolkenkuckucksheim - Internationale Zeitschrift zur Theorie der Architektur, Vol.11, Nr. 1+2/2007, verfügbar unter http://www.tu-cottbus.de/Theo/wolke/deu/Themen/061+062/Dreyer/dreyer.htm, abgerufen am 20.05.2009
13
Baustelle, auf der das Signal in ein physisches Signal umgewandelt wird (die bauliche Realisierung des Entwurfs). Verzerrt durch ein Rauschen (in Form von Umwelteinflüssen, welche das Aussehen des Gebäudes und die Wahrnehmung hiervon verändern), gelangt die Botschaft, die aus dem gesamten architektonischen Raum besteht, schließlich zum Empfänger, der in diesem Kontext der Betrachter oder Nutzer des Gebäudes ist. Auch er ist im Besitz von spezifischen Codes und einem Lexikon (das aus den funktionalen, gesetzlichen, konstruktiven, gestalterischen und ökonomischen Erwartungen des Empfängers besteht), durch welches er die Botschaft entschlüsseln kann. Verzerrt durch ein semantisches Rauschen, das aus den Vorurteilen des Empfängers besteht, kann der Empfänger als Kollektiv (die gesamte Stadt als Kommunikationssystem) schließlich die Bedeutung der Botschaft erkennen, die aus den vom architektonischen Objekt denotierten und konnotierten Interpretationen besteht.
Ein weiterer interessanter Ansatz innerhalb der Architektursemiotik sieht Architektur als Massenmedium, neben Film/Fernsehen, Internet, Rundfunk und der Presse. Unterschwellige Botschaften können so eine besonders breite Öffentlichkeit erreichen. Architektur wird hier als ein System von Zeichen gesehen „das durch die Verwendung plastischer, räumlicher und virtueller Bilder mehrdeutige Botschaften vermittelt, die große Mengen von Adressaten erreichen und im Rahmen der Massenkultur oft nivellierende und manipulierende Wirkungen entfalten, aber auch kreative und innovative Impulse für eine aktuelle Umweltgestaltung geben können“ 35 . Als Hauptfelder für diese Art der multimedialen Architektur identifiziert Claus Dreyer Themenarchitektur (die auf thematische Art und Weise Erlebniswelten inszeniert), Markenarchitektur (die das Image von Firmen und Institutionen mit architektonischen Mitteln zum Ausdruck bringen soll), sowie Eventarchitektur (die räumliche, szenographische Inszenierung von Großveranstaltungen) 36 . Die im Anschluss zu analysierenden Gebäude ließen sich allesamt in die Bereiche Markenarchitektur (CCTV Headquarters) sowie Eventarchitektur (olympische Sportstätten und Nationaltheater) einordnen. Da dieser Ansatz jedoch bisher wenig systematisch verfolgt wurde und der politischen Komponente, der ja im Fall dieser Prestigebauten in Peking eine große Rolle zukommt, dabei kaum Rechnung getragen wird, soll im Weiteren nicht explizit auf diesen Ansatz eingegangen werden.
35 DREYER, 2007
36 Ebd.
14
2.4. Architektur und Politik
Architektur gilt als die politischste aller Künste - sie wird gar als „künstlerische Ausdrucksform des Staatlichen“ 37 bezeichnet. Denn Politik hat sich schon immer gerne der Architektur als Medium bedient, um Machtansprüche zu begründen, zu demonstrieren, zu erhalten, um bestimmte Weltbilder in Beton zu gießen oder um für sich selbst zu werben. Im Folgenden findet daher zuerst eine Annäherung an den Begriff der politischen Architektur statt. Danach wird ausführlicher auf Architektur als Mittel der staatlichen Selbstdarstellung eingegangen. Auf Basis der zuvor gewonnenen Erkenntnisse wird schließlich noch die besondere Stellung der Architektur in nicht-demokratischen Staaten beleuchtet. Dieser Aspekt ist im Hinblick auf den Standort der Gebäudebeispiele (die nichtdemokratische Volksrepublik China) von besonderem Interesse.
2.4.1. Politische Architektur
Politische Architektur ist im Allgemeinen Ausdruck der Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft, welche die politische Herrschaftsordnung bestimmen 38 . Nur jene gesellschaftlichen Eliten, die genügend Macht besitzen um überhaupt zu bauen, können auch die vorherrschende Architektur beeinflussen. Gottschall führt hier das Konzept der „Umwelt-Eliten“ ein, womit jene Akteure bezeichnet werden, die für die räumliche Umwelt und ihre Veränderung entscheidend sind. Er grenzt hier strukturelle von kulturellen Umwelt-Eliten ab. Erstere sind im Besitz von machtgeladenen Gütern und können so direkt über Besitz und materielle Produktion von Architektur entscheiden, also darüber ob überhaupt Bauplatz und Budget zur Verfügung gestellt werden. Zu dieser Gruppe zählt Gottschall politische und organisatorische Eliten in einer Gesellschaft. Die zweite Gruppe verfügt über symbolische Macht, da sie an Planung, Gestaltung und Deutung der Architektur beteiligt ist
37
BEYME, Klaus von: "Politische Ikonologie der Architektur". In: Hipp, Hermann; Beyme, Klaus von (Hrsg.):
Architektur als politische Kultur: Philosophia practica.
[19-34]. Berlin: Reimer, 1996, S.22
38 Vgl. GOTTSCHALL, 1987, S.46
15
und so maßgeblich zur Wirkung dieser Architektur beitragen kann. Diese Gruppe beinhaltet die ideologischen und intellektuellen Eliten einer Gesellschaft 39 .
Politische Architektur kann somit als „materialisierte Form der politischen Verhältnisse und Prozesse einer Gesellschaft“ 40 gesehen werden. Durch sie werden Machtansprüche und Weltbilder in Stein und Stahl festgehalten. Da Architektur über ihre Symbolfunktion Identitäten schaffen und prägen kann 41 , trägt sie so zur Legitimation der aktuellen politischen Herrschaftsordnung bei.
Ein Mittel, die Macht und Präsenz eines politischen Systems zu demonstrieren, ist unter anderem auch die symbolische Besetzung von Raum, also das Belegen bevorzugter Standorte mit Symbolkraft 42 . Hiermit können Macht, Überlegenheit und Reichtum des jeweiligen Erbauers veranschaulicht werden. Auch die Gruppierung und Relation zu anderen Bauten kann als Ausdruck eines Machtanspruchs der gesellschaftlichen Eliten gelten 43 . Beispiele hierfür sind der Bau des National Center of the Performing Arts (NCPA) direkt neben dem symbolträchtigen Tian’anmen-Platzes, der Großen Halle des Volkes und der Verbotenen Stadt oder auch die Lage des Olympic Greens direkt auf der historischen Zentralachse Pekings.
Politische Architektur hat in der Regel einen eher konservativeren Charakter was den Baustil betrifft: Baustile sind in gewisser Weise die Zeichensprache der Architektur und diese muss lesbar sein, soll die Botschaft erfolgreich übermittelt werden. Gerade staatliche Architektur ist in dieser Hinsicht stark an die tradierte Kultur gebunden und revolutionäre Architekturideen stehen meist konträr zu den Identitätsmustern der betroffenen Gesellschaft 44 . Einflüsse auf den Baustil können in Form von einer Kopie alter Zeichen stattfinden, durch das Aufnehmen fremder Zeichen oder durch das Schaffen völlig neuer Zeichen. Letzteres ist nach den zuvor getroffenen Annahmen bei politischer Architektur eher unwahrscheinlich. Das Aufnehmen fremder Zeichen ist gerade in den Staaten der Dritten Welt ein übliches Mittel, um damit die traditionelle Baukultur fortschrittlicher und moderner zu gestalten. Das Beispiel China ist hier insofern besonders interessant, als dass man sich zwar einer westlich orientierten, globalen Architektursprache bedient, also
39 Vgl. ebd., S.35
40 GOTTSCHALL, 1987, S.46
41 Vgl. ebd., S.43
42 Vgl. ebd., S.92; vgl. BEYME, 1996, S.23
43 Vgl. GOTTSCHALL, 1987, S.94
44 Vgl. ebd., S.108
16
eigentlich fremder Zeichen. Andererseits verwendet man diese fremden Zeichen auch, um sie weiter zu entwickeln und daraus neuartige Bauwerke zu schaffen. Die Aussagen, die Gottschall über den Baustil politischer Architektur trifft, sind in diesem Beispiel daher nicht unbedingt zutreffend.
2.4.2. Architektur als Instrument der staatlichen Selbstdarstellung
Staatliche Selbstdarstellung in gebauter, materialisierter Form war früher das wichtigste Mittel um einen Staat zu repräsentieren. Der Staat trat seinen Bürgern vor allem im Raum gegenüber, da mediale Wege der Repräsentation, wie sie heute üblich sind, nur in sehr begrenztem Umfang zur Verfügung standen. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks begannen sowohl der öffentliche Raum an sich, als folglich auch die architektonische Selbstdarstellung des Staates langsam an Wichtigkeit zu verlieren. Staatliche Repräsentation wurde zunehmend auf medialem Wege der Öffentlichkeit bewusst gemacht und auch heute bestimmen Staaten ihr Image weitgehend über den Einsatz von neuen Medien 45 . In demokratischen Staaten ist die schwindende Bedeutung und die zunehmende Kritik an staatlicher Architektur nicht zuletzt auch bedingt durch hohen Widerstand der Steuerzahler, fehlende öffentliche Gelder, hohe Baukosten und einen allgemeinen Legitimationsverlust des Staates 46 . Dass das Bedürfnis des Staates sich selbst architektonisch darzustellen jedoch nicht gänzlich verschwunden ist, lässt sich vor allem daran erkennen, dass auch hochentwickelte Demokratien in Zeiten von Krisen, erhöhter weltweiter Aufmerksamkeit (z.B. bei einer Olympiade oder Weltausstellung) oder eines Regimewechsels sehr wohl wieder auf Architektur als Verkörperung ihres Weltbildes und ihres Machtanspruches zurückgreifen 47 . In Schwellen- und Entwicklungsländern ist die bauliche Selbstdarstellung des Staates ohnehin ein populäres Mittel, um die nationale Zusammengehörigkeit zu demonstrieren 48 .
Staatliche Selbstdarstellung ist also der Versuch eines Staates, sein Image zu beeinflussen. Nicht immer kann dabei eine exakte Unterscheidung getroffen werden zwischen den Bemühungen, einerseits die Innenwirkung des Staates zu beeinflussen und
45 Vgl. GOTTSCHALL, 1987, S.76
46 Vgl. ebd., S.77
47 Vgl. ebd., S.78
48 Vgl. ebd., S.77
17
andererseits die Außenwirkung in gewünschte Bahnen zu lenken 49 . Staatliche Selbstdarstellung wird in neuerer Zeit meist mit dem Stichwort public diplomacy beschrieben. Unter public diplomacy versteht man eine Art der Diplomatie, welche auf die allgemeine Öffentlichkeit in ausländischen Gesellschaften abzielt. In Abgrenzung zur traditionellen Diplomatie, welche sich auf die Beziehungen zwischen staatlichen Repräsentanten bezieht, sollen hier auch nicht-staatliche Organisationen, Gruppen und Individuen angesprochen werden 50 . Insgesamt kann diese neue Form der Diplomatie als ein zentrales Element der soft power eines Staates eingeordnet werden. Joseph S. Nye, der diesen Begriff geprägt hat, versteht darunter den Einfluss und die Attraktivität, die ein Staat erlangt, wenn seine Kultur, Wertvorstellungen und Ideale bei anderen positiv besetzt sind 51 . Soft power beruht also auf der Fähigkeit die Präferenzen anderer Staaten und ihrer Bewohner zu beeinflussen 52 und Macht tritt hier als seduction auf, wie bei Dovey charakterisiert.
Ziel von public diplomacy ist, für ein besseres Verständnis der Ideale und Ideen, Institutionen und Kultur und der nationalen Ziele und politischen Richtlinien eines Landes zu werben 53 . Die Abgrenzung zu Propaganda ist umstritten - Horisberger sieht den Unterschied beispielsweise darin, dass dabei wahre Informationen offen verbreitet werden, wohingegen von Propaganda gesprochen werden kann, wenn es um „unwahre oder halb wahre Behauptungen“ geht und mit zweifelhaften Methoden im Verborgenen agiert wird 54 . Diese Abgrenzung führt der amerikanische Diplomat Richard Holbrooke aber beispielsweise ad absurdum, indem er verkündet: „Call it public diplomacy, call it public affairs, psychological warfare - if you really want to be blunt - propaganda.“ 55
Architektur als explizites Instrument der staatlichen Selbstdarstellung wird in der Literatur aber bisher kaum erwähnt. Ren Xuefei bildet hier eine Ausnahme: Sie beschäftigt sich am konkreten Beispiel Chinas mit den Zusammenhängen zwischen Architektur und der
49 Vgl. KUNCZIK, Michael: Die manipulierte Meinung: Nationale Image-Politik und internationale Public Relations. Köln: Böhlau, 1990, S.51
50 Vgl. MELISSEN, Jan: "The New Public Diplomacy: Between Theory and Practice." In: Melissen, Jan (Hrsg.): The new public diplomacy: Soft power in international relations. [3-27]. New York: Palgrave Macmillan, 2007, S.13
51 Vgl. NYE, 2004, S.11
52 Ebd., S.5
53 Vgl. TUCH, Hans N.: Communicating with the world: US public diplomacy overseas. New York: St. Martin's Press, 1990, S.3
54 Vgl. HORISBERGER, Marc: "Entstehung und Gestaltung von Nationenimages". Dissertation. Universität Freiburg i.d. Schweiz, 2002, S.32
55 HOLBROOKE, Richard: “Get the Message Out". In: Washington Post, 28.10.2001, S.B07
18
Förderung des Nationalbewusstseins (nation building). Sie sieht Architektur als ein Instrument territorialer Eliten um nationale Identität zu prägen und nationale Ambitionen zum Ausdruck zu bringen 56 und untersucht Architektur damit als Mittel der staatlichen Selbstdarstellung mit Innenwirkung (Prägung der nationalen Identität) und Außenwirkung (Ausdruck der nationalen Ambitionen). Die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf Kultur und Gesellschaft werden von ihr dabei als entscheidende Grundlage gesehen. Dies erscheint logisch, da mit der Verbreitung der modernen Medien und ihrer globalen Vernetzung die Möglichkeiten zur weltweiten medialen Präsenz bestimmter Architekturbauten enorm erweitert wurden.
2.4.3. Architektur in nicht-demokratischen Staaten
"Noch der übelste Despot hat sein Gutes. Er hat Macht, er hat Geld, meist hat er auch den entscheidenden Willen, sich zu verewigen. Kurzum: er ist der ideale Bauherr. Ohne ihn, überhaupt ohne die Tyrannen und Diktatoren, wäre das weltkulturelle Erbe sehr bescheiden: Es gäbe kein Pyramiden, kein Kolosseum, kein Versailles. Auch die vielen neuen kühnen Bauten in China gäbe es nicht." 57
Die Zeit
In den Diktaturen und totalitären Staaten dieser Welt entstehen besonders prestigeträchtige, monumentale oder ausgefallene Bauprojekte - oftmals entworfen von berühmten Architekten aus Europa oder den USA. Der Architekt Bernard Tschumi geht sogar so weit zu behaupten, dass einige der erstaunlichsten Gebäude dieser Welt gerade deshalb entstehen konnten, weil sie von einem Diktator in Auftrag gegeben wurden 58 . Dieser Zusammenhang ist wohlbekannt; das Beispiel von Adolf Hitler, seiner Faszination für Architektur und seinem Architekten Albert Speer wurde oft diskutiert. Doch gerade in
56
Vgl. REN, Xuefei: "Architecture and Nation Building in the Age of Globalization: Construction of the National Stadium of Beijing for the 2008 Olympics". In:
Journal of Urban Affairs,
Vol. 30, Nr. 2/2008a, [175-190], S.176
57 RAUTERBERG, Hanno: "Wie viel Moral braucht Architektur?". In: Die Zeit, Nr.14, 27.03.2008, verfügbar unter http://www.zeit.de/2008/14/China-Architektur, abgerufen am 20.05.2009.
58 Vgl. POGREBIN, Robin: "I am the Designer. My Client's the Autocrat". In: The New York Times, 22.06.2008, verfügbar unter http://www.nytimes.com/2008/06/22/arts/design/22pogr.html, abgerufen am 20.05.2009
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Karla Anger, 2009, Wahrzeichen aus Glas und Stahl: Moderne Symbolarchitektur in Peking, München, GRIN Verlag GmbH
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