Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung und Danksagung 2
1. Einleitung 3
2. Was ist eigentlich „evangelikal“ ? - Überlegungen zur Begriffsbestimmung 5
3. Evangelisation und Rhetorik 8
3.1 Billy Graham in Seattle 1976 - eine rhetorische Analyse 9
3.2 Evangelisation im Spannungsfeld der Multimedialität 18
4. Abschließende Überlegungen: Evangelisationsrhetorik als Sonderfall der Predigtrhetorik? 23
5. Quellen 25
Vorbemerkung und Danksagung
Meine Recherchen zu Billy Graham erwiesen sich schwieriger als vermutet - es gibt in Deutschland kein Filmmaterial, das für eine gründliche Redeanalyse vonnöten ist, und auch wissenschaftliche Untersuchungen und Artikel sind nur äußerst begrenzt vorhanden, bis auf einige wenige Werke aus dem amerikanischen, deren Qualität aber unter der Übersetzung gelitten hat. Zwar stellt sich die Situation in den USA ganz anders dar, es war aber in den meisten Fällen nicht möglich, an das Material heranzukommen, sofern es sich nicht in allgemein zugänglichen Datenbanken befindet. Die Rede, die ich unter diesen Umständen gewählt habe, kann auf
www.billygraham.org/mediaplayer angeschaut werden - ich habe sie für die Zwecke dieser Arbeit ausschnittsweise übersetzt. Die Bibelstellen werden in der Luther-Übersetzung wiedergegeben. Trotz der letztlich unergiebigen Recherchen möchte ich an dieser Stelle meinen Dank an diejenigen aussprechen, die mir bei der Suche behilflich waren. Ich bin dem CVJM, ProChrist und der Evangelischen Allianz Deutschland - insbesondere dem Archivar Herrn Werner Beyer - für ihre Unterstützung bei der Recherche für Film- und Druckmaterial zu Billy Graham sehr verbunden. Mein Dank gilt vor allem auch meiner Mutter, Ulrike Thomas, die Billy Grahams Evangelisation im April 1970 in Dortmund erlebt hat und deren Schilderungen und Anregungen für diese Arbeit sehr wertvoll waren.
2
1. Einleitung
„Seine Sprache ist schlicht. Billy Graham unterstreicht die Worte mit weiten Armbewegungen. Im Eifer gerät ihm die Stimme aus der Kontrolle - er wütet […]. Kokett stützt er den linken Arm in die Hüfte. Rechts reißt er den Zeigefinger hoch […].“ 1 Mit diesen Worten beschreibt im April 1970 ein Journalist der ZEIT, was er bei der Großevangelisation Grahams in der Dortmunder Westfalenhalle erlebt hat. Seine Worte sind der Versuch, dem Zeitungsleser eine Ahnung von der Wortgewalt Grahams zu vermitteln, und offenbaren gleichzeitig die Unzulänglichkeit der journalistischen Mittel, das Phänomen dieses charismatischen Redners in Worte zu fassen und so begreifbar, nachvollziehbar, erklärbar zu machen.
Billy Graham - mit diesem Namen verbindet sich viel, Kontroversen wie Superlative. Laut Auskunft der Billy Graham Evangelistic Association (BGEA) hat er während seiner Zeit als Evangelist vor fast 215 Millionen Menschen in mehr als 185 Ländern gesprochen, ganz zu schweigen von denen, die ihn über Fernsehen und Satellitenübertragung sahen. 48 mal, laut einer Gallup Studie, wurde er unter die zehn am meisten bewunderten Männer der USA gewählt. Er erhielt unzählige Auszeichnungen und Preise und wurde u.a. 1999 erstes Mitglied der Gospel Music Hall of Fame - als Nichtmusiker, wohlgemerkt.
Angesichts dieser Zahlen ist es erstaunlich, daß es im deutschsprachigen Raum keine Untersuchungen zu Graham gibt, weder aus theologischer noch aus soziologischer, geschweige denn aus rhetorischer Perspektive. Dabei haben Grahams Evangelisationen in Deutschlandzwischen 1954 und 1993 - nicht nur die deutsche Kirchen-, sondern auch die Medienlandschaft geprägt. Dies trifft wohl vor allem für die Euro ’70 in Dortmund zu, die in dieser Form erste und bis dato einzigartige massenmediale Veranstaltung in Deutschland. Nicht zuletzt haben sich an der Person Grahams und seinem Predigtstil viele Gemüter erhitzt, uneins darüber, wie man einem so charismatischen, erfolgreichen Redner gegenüberstehen solle - vor allem in Deutschland, das ja nun aus historischen Gründen ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu solchen Rednern hat. Man fragt sich also mit Wolf von Lojewski: „Was ist das Besondere an Billy Graham?“ 2 Diese Frage mit „seine Rhetorik“ zu beantworten, ist wohl kaum zufriedenstellend, auch wenn viele sich offensichtlich bislang damit abgefunden haben. Trotzdem: Wieso kommen zehntausende Menschen zu seinen Veranstaltungen; was bewegt viele von ihnen, seinen Aufrufen zu folgen und schließlich nach vorne zu kommen? Liegt das Besondere in Grahams Vermittlung seiner Reden, dem Einsatz von Technik und Massenmedien? Kann, muß man dabei von Manipulation oder gar
1 Rolf Düdder, „Wenn Billy Graham die Bibel schwingt,“ 10.04.1970, Nr. 15, http://www.zeit.de/1970/15/Wenn-Billy-Graham-die-Bibel-schwingt, 20.07.2009, 3.
2 Wolf von Lojewski, „Vorwort“, in: Joe E. Barnhart, Die Billy Graham Story: Seine Botschaft und ihre Wirkung in Politik und Gesellschaft. München: Claudius Verlag, 1973.
3
Massenpsychose sprechen? Und wie hebt ihn „seine Rhetorik“, die ja Predigtrhetorik ist, möglicherweise von zeitgenössischer Predigtlehre ab? Kann man möglicherweise davon sprechen, daß Graham mit einer „Evangelisationsrhetorik“ eine gesonderte Form der Predigtrhetorik begründet?
Diesen Fragen soll an dieser Stelle einmal nachgegangen werden, um zu sehen, was die Faszination und den Erfolg Grahams als Redner, als Prediger ausmacht. In vielen Untersuchungen über Graham - seien es Untersuchungen aus dem amerikanischen Raum, die teilweise ins deutsche übertragen wurden, seien es Artikel, die in Deutschland über ihn erschienen - scheint es üblich zu sein, mit einer gewissen Attitüde an das Thema heranzugehen, die der Ernsthaftigkeit des Anliegens Billy Grahams und der wissenschaftlichen Aufrichtigkeit nicht gerecht wird. Ohne im einzelnen auf theologische Aspekte einzugehen - zu deren Untersuchung der Raum fehlt und auch die Verfasserin nicht hinreichend qualifiziert ist -, soll doch in dieser Arbeit versucht werden, dem Phänomen Billy Graham zunächst einmal nicht mit vorgefaßter Kritik zu begegnen. So befaßt sich der erste Teil dieser Arbeit kurz mit einigen Gedanken zur Bestimmung des Begriffes „evangelikal“, der, gerade auch in jüngerer Vergangenheit, oft sehr unscharf verwendet worden ist. Diese Überlegungen sollen dazu beitragen, das Thema zu kontextualisieren und die Voraussetzungen für eine gründliche Analyse Grahams als Evangelisationsprediger zu schaffen. Im dann folgenden Hauptteil soll eine Predigt Grahams aus dem Jahr 1976 in Seattle genauer untersucht werden. Für die Fragestellung dieser Arbeit, was Billy Graham als Redner so faszinierend macht und inwiefern er als Redner eine neue Form der Predigtrhetorik begründet, ist es dabei vonnöten, die verschiedenen rhetorischen Produktionsstadien nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern vielmehr dispositio, elocutio und actio bzw. pronuntiatio zueinander in Beziehung zu setzen. Nur so kann sich ein Gesamtbild der Rede in Seattle und letztlich der Faszination Grahams als Redner ergeben. Soweit als möglich soll die Analyse dabei dem Ablauf der Rede folgen, wenn auch ein chronologisches Vorgehen nicht immer möglich ist. Abschließend soll noch einmal zusammenfassend betrachtet werden, was Billy Graham von der zeitgenössischen herkömmlichen Homiletik abhebt und ob mit seinen Veranstaltungen und Predigten eine Sonderform der Predigtrhetorik vorliegt.
4
2. Was ist eigentlich „evangelikal“ ? - Überlegungen zur Begriffsbestimmung
Wenn es um Billy Graham und seine Großevangelisationen geht, so wird oft der Begriff „evangelikal“ oder auch „fundamentalistisch“ in den Raum gestellt, um eine bestimmte theologischweltanschauliche Ausrichtung zu beschreiben, zu der man auch Billy Graham rechnet. So merkt der Übersetzer von Joe E. Barnharts 1973 erschienenem, äußerst kritischen Buch Die Billy Graham Story an,
[mit] evangelikal - das Wort steht nicht im Duden - wird hier der amerikanische Ausdruck „evangelical“ übersetzt, der mit keinem eingeführten deutschen Wort zutreffend wiedergegeben werden kann. Es handelt sich dabei um den konservativen Flügel des amerikanischen wie auch des englischen Kirchentums, dessen Frömmigkeit oft stark erweckliche Züge trägt. In der Frühzeit bestanden enge Beziehungen zur Herrnhuter Brüdergemeine Zinzendorfs. Inzwischen haben sich jedoch spezifisch amerikanische Lebensformen entwickelt. 3
Nun ist aber die Bestimmung dieser Begriffe keineswegs so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, und diese Definition Barnharts als „konservativer Flügel des amerikanischen wie auch des englischen Kirchentums“ wird ihrer Vielschichtigkeit nicht gerecht, zumal der Evangelikalismus in Deutschland noch einmal gesondert betrachtet werden muß. Vor allem auch bei dem Begriff „fundamentalistisch“, der in den öffentlichen Medien häufig im gleichen Atemzug mit „evangelikal“ genannt wird (man betrachte die heftigen Auseinandersetzungen um das Christival 2008 in Bremen) drängen sich viele unangenehme Konnotationen auf. Deshalb ist es angebracht, im Vorfeld dieser Arbeit einmal die Frage zu stellen, was es eigentlich heißt, „evangelikal“ zu sein. Aufgrund der Komplexität dieser Frage kann zwar auch hier nur ein verhältnismäßig grober Abriß über die geschichtliche Entwicklung der Begriffe „evangelikal“ und „fundamentalistisch“ gegeben werden, der auch die Bedeutungsunterschiede im amerikanischen und europäischen Raum einbezieht. 4 Nichtsdestotrotz sind diese Überlegungen nötig, um sich später differenziert mit dem Phänomen der multimedialen Massenveranstaltungen Grahams auseinandersetzen zu können.
Der Duden - in den das Wort „evangelikal“ mittlerweile Einzug gehalten hat - definiert wie folgt: „die unbedingte Autorität des Evangeliums vertretend.“ 5 Diese knappe und daher auch recht vage Definition kann zunächst einmal, allgemein betrachtet, durch zwei Aspekte erweitert werden, die als Hauptmerkmale des Evangelikalismus gelten können: die Betonung des Auftrags zur
3 Joe E. Barnhart, Die Billy Graham Story: Seine Botschaft und ihre Wirkung in Politik und Gesellschaft, München: Claudius Verlag, 1973, 9.
4 Für eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Thema sei auf das Buch Stephan Holthaus’ hingewiesen: Fundamentalismus in Deutschland: Der Kampf um die Bibel im Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts, 2. korr. Auflage, Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 2003.
5 Eintrag „evangelikal“, Duden: Die deutsche Rechtschreibung (Bd. 1), 24. Aufl., Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag, 2006.
5
Mission und Evangelisierung der Welt einerseits, und der Glaube an die Bibel als unfehlbares Wort Gottes andererseits. 6
Historisch gesehen ist die evangelikale Bewegung von unterschiedlichen Quellen geprägt, z.B. durch die Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert. Sie hat sich jedoch nicht in Amerika entwickelt und ist dann nach Europa bzw. Deutschland „übergeschwappt“, wie manchmal behauptet wird, auch wenn sich die amerikanische und die europäischen Bewegungen z.B. durch Konferenzen gegenseitig befruchtet haben. Der langjährige Präses der Evangelischen Allianz, Peter Strauch, schreibt dazu in einem Positionspapier, es sei „Unfug, wenn Kritiker der Evangelikalen meinen, ihr uneingeschränktes Vertrauen zur Bibel und die Betonung von Bekehrung und persönlichem Glauben sei gefährlicher amerikanischer Import.“ 7 Im Gegenteil, die evangelikale Bewegung hat in Europa eigenständige Wurzeln, etwa im Pietismus des 17. Jahrhunderts: „Schon Philipp Jacob Spener rief 1675 in seiner berühmten Pia Desideria zu einem Leben mit der Bibel und zum persönlich praktizierten Glauben auf.“ 8
In Europa meinte „evangelikal“ zunächst die Protestanten überhaupt. 1846 dann - also zur Zeit der Erweckungsbewegungen - schlossen sich Christen aller Konfession und aus aller Welt in London zur „Evangelischen Allianz“ zusammen, und die Bedeutung des Begriffs verschob sich hin zu einer innerprotestantischen Bewegung, der vor allem die Mission am Herzen lag 9 . In den USA verlief die Entwicklung etwas anders. Interessanterweise bezeichnen sich hier die Evangelikalen selbst schon früh als „fundamentalists“ - was hier jedoch im Sinne der Betonung von Mission und Unfehlbarkeit der Bibel zu verstehen ist, und nicht mit heutigen Assoziationen verwechselt werden darf. Die „fundamentalists“ bezogen sich auf die grundlegende, grundsätzliche Wahrheit der Bibelhier rückte also neben der Evangelisierung „der Kampf um die Fundamente des Glaubens“ 10 ins Zentrum.
In der Frühphase war die evangelikale Bewegung durchaus von pragmatischen Positionen geprägt und die Diskussionen sachlich und tiefgehend - man arbeitete mit unterschiedlichen Konfessionen zusammen - und erst später wurden separatistische Tendenzen stärker. Dieses „Anti-Element“, das man der evangelikalen Bewegung oft zuschreibt - Anti-Feminismus, Anti-Evolutionismus, Anti-Intellektualität 11 - trat das erste Mal ansatzweise bei der Gründung der „World’s Christian Fundamentals Association“ 1919 zutage, die sich gegen die Fortschreitung der liberalen Theologie, gegen die Feindbilder Evolution und Kommunismus stark machte. Manche
6 Vgl. http://www.lausannerbewegung.de/data/files/content.publikationen/55.pdf.
7 Vgl. Peter Strauch, „Wo steht die evangelikale Bewegung?“, In: idea-spektrum (10.01.2007), 1.
8 a.a.O.
9 Holthaus 52.
10 a.a.O.
11 vgl. Reinhard Hempelmann, „Christlicher Fundamentalismus“, In: Lexikon der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen (EZW), www.ekd.de/ezw.
6
Arbeit zitieren:
Katharina E. Thomas, 2009, Das Phänomen Billy Graham: Evangelisationsrhetorik als Sonderfall der Predigtrhetorik?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft: Das Phänomen Billy Graham: Evangelisationsrhetorik als Sonderfall der Predigtrhetorik? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft: neuer Titel erschienen: Das Phänomen Billy Graham: Evangelisationsrhetorik als Sonderfall der Predigtrhetorik?
Katharina E. Thomas hat einen neuen Text hochgeladen
Led to Believe by Billy Graham: Inspiring Words from Billy Graham and ...
Billy Graham, Anne Graham Lotz
0 Kommentare