1. EINLEITUNG 4
2. DIE ETABLIERUNG DES MODERNEN RASSISMUS. 7
2.1 DIE GRUNDLAGEN IM 18. JAHRHUNDERT 7
2.2 ANTHROPOLOGIE UND SPRACHWISSENSCHAFT 7
2.3 GOBINEAU UND AUFKOMMENDES NATIONALBEWUSSTSEIN. 9
2.4 RASSISMUS IM IMPERIALISTISCHEN ZEITALTER. 11
3. ENTWICKLUNG DER ANTHROPOLOGIE IN DEUTSCHLAND 14
3.1 DIE VÄTER DER NEUEN WISSENSCHAFT. 14
3.2 DEUTSCHE ANTHROPOLOGIE, KOLONIALPOLITIK UND MILITARISMUS. 16
4. DEUTSCHE ANTHROPOLOGEN IM KAISERREICH. 18
4.1 JOHANNES RANKE (1836-1916) 18
4.1.1 „Der Mensch“ als Hauptwerk 18
4.1.2 Ästhetik und die Beurteilung aussereuropäischer Rassen und Völker
19
4.1.3 Die Urgeschichte Europas und die Populärwissenschaft 21
4.1.4 Rankes Rassenanthropologie. 23
4.2 EMIL SCHMIDT (1837-1906) 24
4.2.1 Der Schädelsammler 24
4.2.2 Kraniologie und südasiatische Reisen. 24
4.2.3 Kampf den Dilettanten 27
4.2.4 Eigentümlich jüdische Rassenmerkmale 29
4.3 FELIX VON LUSCHAN (1854-1924) 30
4.3.1 Physischer Ethnograph. 30
4.3.2 Kolonialpolitik und Rassenanthropologie 31
4.3.3 Sorgen um Deutschland 33
2
4.3.4 Der „bürgerliche Militarist“ 35
5. MODERATE RASSENTHEORIEN IN DER „ALTEN SCHULE“ 37
6. BIBLIOGRAFIE 40
6.1 QUELLEN 40
6.2 LITERATUR 41
7. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS. 43
3
1. Einleitung
Der Weg zur Auseinandersetzung mit der Geschichte ist oft ein mühsamer und beschwerlicher. Doch nicht nur Politik und Gesellschaft tun sich mitunter mit dem Versuch der historischen Aufarbeitung schwer, auch Wissenschaften neigen zur Verdrängung dunkler Kapitel in ihrer Historie. Fast vierzig Jahre hat es zum Beispiel gedauert, bis die Rolle der Medizin und Biologie während des Dritten Reiches intensiv untersucht worden ist. Benoît Massin stellt darüber hinaus fest, dass Vergleichbares zur Geschichte der Rassenanthropologie oder der Humangenetik noch fehlt. Insbesondere greift Massin die (eigene) Historiographie der deutschen Anthropologie an. Anhand dreier Beispiele zeigt er, wie Anthropologen der Nachkriegszeit jegliche Verantwortung für die Greuel im Nationalsozialismus ablehnen. Der jüngste Versuch dieser „apologetischen
Geschichtsschreibung“, wie es Massin nennt, stammt aus dem Jahr 1990 vom Humangenetiker Peter Emil Becker. 1 Nach seinem Fazit dürfte die Rassenkunde nicht zur Rechenschaft für Rassismus und Rassenpolitik des Dritten Reiches gezogen werden. Entscheidende Figuren wie die Anthropologen Otto Reche oder Eugen Fischer fehlen aber in seiner Darstellung ebenso wie der Hinweis, dass Becker selber während der Nazizeit in Deutschland geforscht hat und Mitglied der NSDAP war. 2
Nicht viel besser steht es um die historische Bewertung der deutschen Anthropologie vor dem Ersten Weltkrieg. Es besteht generell die Tendenz, Rassenideologien auf am Rande stehende politische Extremisten oder „Pseudo-Wissenschaftler“ zurückzuführen. 3 Dies gilt auch für die Jahre des Deutschen Kaiserreichs. Während das Werk einiger populärwissenschaftlicher Autoren bekannt ist, sind die Rassenlehren der Universitätsprofessoren eher spärlich beleuchtet. Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, ein wenig mehr Licht ins Dunkel der anthropologischen Forschung in Deutschland vor und während des 1. Weltkriegs zu bringen. In diesem Zusammenhang soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die wissenschaftlichen Schriften von damaligen Anthropologen mit rassistischen Aussagen durchsetzt waren und ob die von einigen Populärwissenschaftlern verbreiteten Thesen einer Überlegenheit der „arischen“ oder „germanischen Rasse“ in ihren wissenschaftlichen Schriften Eingang gefunden haben oder kritisiert worden sind.
1 Benoît Massin, Anthropologie und Humangenetik im Nationalsozialismus oder: Wie schreiben deutsche
Wissenschaftler ihre eigene Wissenschaftsgeschichte?, in: Heidrun Kaupen-Haas / Christian Saller (Hg.),
Wissenschaftlicher Rassismus: Analysen einer Kontinuität in den Human- und Naturwissenschaften, Frankfurt
a.M. 1999, S. 12-64, hier S. 12f.
2 Ebd., S. 42f.
4
Im Rahmen einer Seminararbeit ist allerdings eine umfassende Analyse nicht möglich. Als Problem erweist sich bereits die Unterscheidung von gelernten Anthropologen und Laien, die sich als solche ausgaben. Daher beschränkt sich diese Arbeit auf drei Leute, die während dieser Zeit einen Lehrstuhl an deutschen Universitäten inne hatten. Neben Adolf Bastian und Rudolf Virchow waren Johannes Ranke, Emil Schmidt und Felix von Luschan die drei wichtigsten deutschen Dozenten der Anthropologie im ausgehenden 19. respektive beginnenden 20. Jahrhundert. Ranke und Schmidt leiteten anthropologische Institute in München und Leipzig, von Luschan war durch seine Lehrtätigkeit an der Berliner Universität und sein Engagement am dortigen völkerkundlichen Museum renommiert. An anderen Universitäten fanden sich zu dieser Zeit keine gleichwertigen Institute. Anthropologische Vorlesungen und Übungen wurden dort eher nebenbei von Dozenten innerhalb anderer naturwissenschaftlicher Fächer gehalten.
Für ein repräsentatives Bild der damaligen anthropologischen Lehre reicht diese Auswahl allerdings nicht aus. Sie ist willkürlich und lässt auch bewusst einige „Grössen“ weg, da ihre Lebensläufe von Historikern in jüngster Zeit dokumentiert wurden. 4 Ebenso können nicht alle wissenschaftlichen Darstellungen der drei untersuchten Anthropologen berücksichtigt werden. Die Quellensuche war ebenfalls selektiv und auf die entsprechende Fragestellung ausgerichtet. Gleichwohl sollte es gelingen, die Standpunkte der ausgewählten Vertreter zur Rassenfrage aus den wenigen untersuchten Abhandlungen zu skizzieren. Während im zu untersuchenden Zeitabschnitt von den Akteuren generell eine Selbstüberschätzung der europäischen Leistungen und Kultur erwartet wird, grenzt sich der Rassismus durch weitere wesentliche Punkte vom europäischen Ethnozentrismus ab: Rassismus ist eine mit wissenschaftlichen Argumenten unterbaute Ideologie und postuliert die Privilegierung der überlegenen Eigengruppe. Ausserdem definiert der Rassismus die Unterscheidung der Eigen- wie Fremdgruppe als „natürlich“, als ein nicht änderbar angesehenes Kriterium (z.B. durch Herkunft oder Blut). 5 Dieser Definition folgt auch die hier vorliegende Arbeit.
3 Ebd., S. 12.
4 Zu erwähnen sind u.a. die ausführliche Darstellung über Eugen Fischer: Niels C. Lösch, Rasse als Konstrukt:
Leben und Werk Eugen Fischers, Frankfurt a.M. 1997 sowie jene über den Schweizer Anthropologen Otto
Schlaginhaufen: Christoph Keller, Der Schädelvermesser. Otto Schlaginhaufen - Anthropologe und
Rassenhygieniker, Zürich 1995.
5 Gerhard Hauck, Vom „faulen Neger“ zum „Egoismus der Gene“ - Über Kontinuität und Wandel rassistischer
Denkfiguren in der Ethnologie, in: Peripherie, Nr. 61,1996, S. 88-103, hier S. 88.
5
Die beiden nächsten Kapitel 2 und 3 befassen sich mit der historischen Darstellung des Aufkommens des Rassismus und der Entstehung der wissenschaftlichen Anthropologie, speziell in Deutschland. Im anschliessenden Hauptteil in Kapitel 4 werden Leben, Werk und Rassenlehren der drei ausgewählten anthropologischen Wissenschaftler kurz und knapp analysiert. Schliesslich wird in Kapitel 5 versucht, die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammenzufassen und die Geschichte und Entwicklung der deutschen Anthropologie vor und nach dem 1. Weltkrieg zu deuten.
6
2. Die Etablierung des modernen Rassismus
2.1 Die Grundlagen im 18. Jahrhundert
Der moderne Rassismus wurzelt in den intellektuellen Strömungen des 18. Jahrhunderts. Sowohl die Aufklärung als auch der Pietismus als religiöse Wiedererweckungsbewegung lieferten die Grundlagen für den Rassismus. Beim Versuch, den Standort des Menschen in der Natur zu definieren, verbanden sich Naturbeobachtungen von Anfang an mit den moralischen und ästhetischen Idealen der griechischen und römischen Antike. Die Verbindung von Wissenschaft und Ästhetik stellt eine der Haupteigenschaften des Rassismus dar. 6 Carl von Linné, dessen 1735 veröffentlichte Klassifikation der Menschen und Tiere auf die folgenden Jahrzehnte massgeblichen Einfluss ausübte, charakterisierte als Beispiel die körperlichen Eigenschaften des „homo europaeus“ wie folgt: „von weisser, rosiger Hautfarbe, muskulös, mit dichten blonden Haaren, blauen Augen“. 7 Diese ästhetischen Merkmale haben bis ins 20. Jahrhundert zur Beschreibung der sogenannten „nordischen Rasse“ gedient. Ein knappes halbes Jahrhundert nach Linné gliederte Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840), der als Begründer der modernen physischen Anthropologie gilt, die Menschheit in fünf Rassen. Er behauptete, die Schönheit des Gesichts werde durch das Klima geprägt - je gemässigter das Klima, desto schöner das Gesicht. Die Propagierung dieses Ideals der Mässigung erwies sich als folgenschwer. 8 Neben dem ästhetischen Vorbild umfasste der Idealtypus fortan auch bestimmte Verhaltensweisen, die auf Mässigung abzielten. Dieses Interesse an Moralfragen korrespondierte mit den damaligen pietistischen Bewegungen und führte schliesslich zu einem dem Rassismus anhaftenden Stereotyp. Christian Meiner (1747-1810) unterschied in seinem einflussreichen Buch „Grundriss der Geschichte der Menschheit“ aus dem Jahre 1785 zwischen der „mongolischen Rasse“, die unter anderem gefrässig, schamlos, reizbar und egoistisch sei und den mutigen, freiheitsliebenden, mitleidigen und gemässigten „Kaukasiern“. 9
2.2 Anthropologie und Sprachwissenschaft
Der zunehmende Kontakt mit fremden Ländern, deren Bevölkerung und die daraus entstandenen Eindrücke steigerten das Interesse, mehr über den Ursprung des Menschen und die Anfänge menschlicher Kultur, Sprache und Religion zu erfahren. Aus diesem Wunsch
6 Georg L. Mosse, Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt a.M. 3 1994, S. 29.
7 Übersetzt von Ruth Römer, Sprachwissenschaft und Rassenideologie in Deutschland, München 2 1989, S. 18.
8 Mosse, Geschichte des Rassismus, S. 37.
7
heraus entstand im 18. Jahrhundert die Anthropologie, die sich ausschliesslich mit der menschlichen Physis beschäftigen wollte und später die Ethnologie. Letztere gedachte die geistige und kulturelle Seite des Menschen ins Zentrum zu rücken. Ruth Römer konstatiert, bis heute sei keine Trennung der beiden Seiten des Menschen gelungen und sie sei wohl auch nicht erstrebenswert. Die Rassenideologien des 19. Jahrhunderts hätten jedenfalls Körper und Geist stets als Einheit angesehen, „nur dass sie auf der geistigen Seite keine Forschung trieb und reine Phantasie und Wunschvorstellungen dafür ausgab.“ 10 Mit der Übernahme des vom Anatomen Peter Camper eingeführten Gesichtswinkels 11 hatte die Anthropologie schon früh eine Schönheitsnorm als Klassifikationsmerkmal übernommen, an der sich bereits Blumenbach orientiert hatte. 12 Dessen klassische Anthropologie machte aber unter dem Einfluss der romantischen Naturphilosophie einer noch stärker wertenden Platz, die mitunter den Boden monogenistischer Erklärungen verliess und verschiedene Ursprünge der Menschenrassen annahm. Der Naturforscher Heinrich Steffens veröffentlichte 1822 eine zweibändige „Anthropologie“, in der er Rassen als von Anfang an körperlich und geistig verschieden betrachtete. 13
Carl Gustav Carus (1789-1869), ein Mediziner aus Dresden, unterschied im Jahre 1849 zwischen „Tag-, Nacht- und Dämmerungsvölker“. Die kaukasisch-europäischen Völker stellte er auf der Tagseite der Menschheit dar, auf der Nachtseite die Schwarzen, dazwischen die „mongolische“ und „amerikanische Rasse“. Die symbolische Zuordnung impliziert bereits seine Urteile über die geistigen Befähigungen der verschiedenen Menschenarten. Beeinflusst von der neuesten Sprachforschung stellte Carus die Völker der Indogermanen an die Spitze der führenden Entwicklung. Alle Vorzüge der Tagvölker gäben ihnen „das Recht, sich als eigentliche Blüte der Menschheit zu betrachten“. 14
Im Zuge der Romantik und deren Begeisterung für den Orient hatten sich europäische Sprachwissenschaftler vermehrt dem Persisch und Sanskrit gewidmet. Schon vor dem 19. Jahrhundert waren Ähnlichkeiten zwischen vorderasiatischen und europäischen Sprachen aufgefallen. Schliesslich war es Franz Bopp (1791-1867), der im Alter von 25 Jahren die
9 Ebd.
10 Römer, Sprachwissenschaft, S. 14.
11 Der Winkel, den eine gedachte Linie zwischen Lippe und Stirn zu einer gedachten Horizontalen quer über den
Kopf bildet. Ein Winkel von 80 Grad wurde als ideal angesehen, weniger als 70 Grad schrieb man Negern, Affen
und weiter absteigenden „primitiven“ Lebewesen zu. Siehe: Römer, Sprachwissenschaft, S. 19.
12 Mosse, Rassismus, S. 47.
13 Römer, Sprachwissenschaft, S. 21.
14 Zitiert nach Werner Conze, Rasse, in: O. Brunner / W. Conze / R. Koselleck (Hg.), Geschichtliche
Grundbegriffe, Bd. 5, Stuttgart 1984, S. 135-178, hier S. 154, dort nach Carl Gustav Carus, Denkschrift zum
100jährigen Geburtsfeste Goethes. Über ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheitsstämme für
höhere geistige Entwicklung, Leipzig 1849, S. 121.
8
Arbeit zitieren:
Michael Vetsch, 2001, Rassentheorien deutscher Anthropologen vor und während des 1. Weltkriegs, München, GRIN Verlag GmbH
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