Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 5
1.1 Fragestellung und Material 5
Aufbau der Arbeit 6
1.2
2 „Die Jugend“ - Eine Lebensphase oder nur ein Wort? 8
Was ist „die Jugend“? 8
2.1
„Die Jugend“ heute 11
2.2
Der Prozess der Identitätskonstruktion 15
3
Die Bedeutung von „Identität“ und „Konstruktion“ 15
3.1
Die humanistische Psychologie 22
3.2
4 Kommunikation im Wandel der Zeit 26
Tageb ücher und Poesiealben - Kommunikation früher 26
4.1
Tagebuchforschung nach Siegfried Bernfeld (1931) 27
4.1.1
Tagebuchforschung der Moderne 29
4.1.2
Poesiealben 32
4.1.3
Das neue Medienzeitalter - Kommunikation heute 33
4.2
5 Die JI-MStudie (Jugend, Information, Multimedia) 37
6 Das Internet 45
Motive und Interessen der Nutzer 47
6.1
2
Inhaltsverzeichnis
6.2 Online-Communities 49
6.2.1 Communities im Überblick. 51
Entstehung und Aufbau 57
6.2.2
6.2.3 Studie zur Selbstdarstellung auf jugendnaher Plattformen 59
6.2.3.1 Gegenstand der Untersuchung 59
6.2.3.2 Durchführung und Analyse 60
6.2.3.3 Identitätsarbeit in Online-Öffentlichkeiten 62
6.2.3.4 Auszüge der Selbstdarstellungen 63
6.2.3.5 Zusammenfassung 65
Online -Spiele: Die zweite Identität 66
6.3
Konsument oder Produzent? 69
6.4
6.5 Potential oder Gefahr? 70
6.5.1 Studie zum Privatsphärenschutz 73
6.5.1.1 Gegenstand der Untersuchung 73
6.5.1.2 Komponenten der Datengenerierung 75
6.5.1.3 Zusammenfassung 79
6.6 Bildungs- und Jugendarbeit im Netz. 82
Die Relevanz des sozialen Raumes 85
6.7
7 Die Rolle des Internets bei der Identitätskonstruktion 88
8 Fazit 93
9 Ausblick 98
10 Internet-Glossar 99
11 Literaturverzeichnis 101
3
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Internetverhalten Jugendlicher 2007-2009
Abbildung 1.1: Informationsquellen
Abbildung 1.2: Wichtigkeit der Medien 2009
Abbildung 1.3: Online-Nutzung
Abbildung 1.4: Internetaktivität von Mädchen und Jungen
Abbildung 1.5: Online-Communitys: Nutzungsfrequenz
Abbildung 2: Aufbau einer Online-Community
Abbildung 3: Profil einer Gruppe (studiVZ)
Abbildung 3.1: Fotoverknüpfung bei Facebook
Abbildung 3.2: Newsfeed-Anzeige bei Facebook
Abbildung 3.3: Kontaktliste bei Facebook
Wirkungsweise von Zugriffskontrollen
Abbildung 4:
4
1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Material
Kaum etwas Vergleichbares hat sich in den vergangenen Jahren so rasch entwickelt wie das Internet. Mittlerweile kann man im World Wide Web fast alles machen, was man auch im realen Leben machen kann - Geld verdienen, Musik hören, einkaufen, arbeiten, sich informieren, sich politisch betätigen, Filme schauen, spielen, sich unterhalten, flirten und Freunde finden. Somit ist die heutige virtuelle Welt zu einem unverzichtbaren, interkulturellen Raum herangewachsen.
Da Persönlichkeitsmerkmale für jene Aktivitäten im realen Leben eine Rolle spielen, liegt die Vermutung nahe, dass zumindest ähnliche Zusammenhänge bei der internetbasierten Kommunikation ebenfalls bestehen könnten. Aus welchen theoretischen Gründen das Internet persönlichkeitsverändernde Wirkungen entfalten könnte und ob es diese tatsächlich entfaltet, soll die zentrale Frage dieser Arbeit sein.
Die zunehmenden Warnungen über die allgemeinen Gefahren des Internets bis hin zum Verlust der Privatsphäre durch die virtuelle Selbstdarstellung in Internetgemeinschaften richten meine Konzentration auf die sich damit verändernden Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster von Jugendlichen. Durch die mediale Veränderung wurde die selbstreflexive Aufzeichnung eines Tagebuches oder das Austauschen von Poesiealben unter den besten Freunden nun längst durch das öffentliche Präsentieren von persönlichen Informationen via Internet abgelöst.
Diese Arbeit bezieht sich größtenteils auf die Auswertung und Verwendung von vielfältiger Fachliteratur und Studien, die sich mit den Themen über Jugend, Internet und Persönlichkeitsbildung sowie Identitätskonstruktionen auseinandersetzen.
5
1.2 Aufbau der Arbeit
Im nachfolgenden Kapitel meiner Arbeit werde ich zunächst auf die Jugend als Lebensphase eingehen. Auf der Bedeutung von Jugend im geschichtlichen Kontext und die Herstellung von Etikettierungsversuchen liegt dabei mein Hauptaugenmerk.
In Kapitel 3 fasse ich die Begrifflichkeiten von „Identität“ und „Konstruktion“ zusammen, um den sozialgesellschaftlichen Prozess der Identitätsbildung unter Einbeziehung der humanistischen Psychologie zu verdeutlichen. Der Wandel von Kommunikation durch die Globalisierung und Industrialisierung ist Thema des 4. Kapitels. Die Tagebuchforschung soll im weiteren Kontext einen Aufschluss über die Beweggründe dieser Form der Selbstreflexion Jugendlicher geben, indem ich die Forschung Bernfelds (1931) mit der modernen Tagebuchforschung vergleiche (Kapitel 4.1), bevor ich die sich veränderte Kommunikation des heutigen Medienzeitalters thematisiere (Kapitel 4.2). Die JIM-Studie (Jugend, Information, Multimedia) findet ihre Ausführung im 5. Kapitel. Durch diverse Abbildungen veranschauliche ich innerhalb dieses Abschnittes die Veränderungen der Heranwachsenden in Bezug auf ihre derzeitige Medienaffinität.
Das Internet, als stetig wachsende Plattform zur barrierefreien Kommunikation, steht im Mittelpunkt des 6. Kaptitels der vorliegenden Arbeit. Zunächst gehe ich auf die Motive und Interessen der Nutzer ein (Kapitel 6.1), um im weiteren Verlauf die Online-Communities, deren Aufbau sowie eine Studie zur Selbstdarstellung auf sozialen Plattformen (Kapitel 6.2) genauer zu erläutern. Die zweite Identität innerhalb virtueller Räume bezeichnet sogenannte Rollenspiele, welche ich im darauffolgenden Kapitel 6.3 vorstelle. Die verschwimmenden Grenzen zwischen Medienproduzenten und Medienkonsumenten im Zeitalter des Web 2.0 1 sind Bestandteil des darauffolgenden Abschnittes (Kapitel 6.4). Desweiteren stelle ich die Gefahren und Potentiale (Kapitel 6.5) für die Entwicklung der Heranwachsenden durch das Internet, unter Einbezug einer weiteren Studie gegenüber und zeige die damit verbundenen Möglichkeiten zur Bildungs- und Jugendarbeit im Netz
1 Zur Erläuterung siehe Internet-Glossar S.99
6
auf (Kapitel 6.6). Abschließen werde ich das 6. Kapitel mit einer Darstellung zur Relevanz sozialer Räume innerhalb der virtuellen Welten, unter Einbezug zweier Szenarien von Wolfgang Hünnekens zur aktuellen Bedeutsamkeit von sozialen Plattformen im Alltag.
Kapitel 7 befasst sich mit der Ausgangsfrage zur Herstellung von Identität innerhalb des Lebensabschnittes von Heranwachsenden. Zum Abschluss führe ich meine Ergebnisse aus den vorgestellten Studien und fachliterarischen Medien zusammen, um die Bedeutung und Rolle des Internets bei der heutigen Identitätskonstruktion Jugendlicher darstellen zu können (Kapitel 8). Die im Text auftauchenden, computerbezogenen Begrifflichkeiten werden nachträglich in einem extra angelegten Internet-Glossar beschrieben.
7
2 „Die Jugend“ - Eine Lebensphase oder nur ein Wort - 2.1 Was ist „die Jugend“?
2 „Die Jugend“ - Eine Lebensphase oder nur ein Wort?
In diesem Kapitel gehe ich unter anderem auf die Frage ein, was „die Jugend“ bedeutet und ob diese durch die stetige Entwicklung unseres Sozialsystems überhaupt zweifelsfrei zu definieren ist; ob sie eine Zeitspanne für eine Lebensphase darstellt oder ob „die Jugend“ nur ein Wort für eine nicht festlegbare Gruppierung verschiedenster Individuen unterschiedlichsten Alters bedeutet, bedarf es festzustellen, bevor ich die heutige Struktur von „Jugend“ näher beschreibe.
2.1 Was ist „die Jugend“?
Das Jugendalter, auch Adoleszenz genannt, bezeichnet eine Lebensphase des Übergangs der Kindheit bis hin zum Erwachsenensein. „Die Tatsache, dass vieles vom jugendeigenen Brauchtum, das wir als der Gegenwart zugehörig betrachten - studentischer Radikalismus, Boheme 2 , Bandenwesen, Jugendkriminalität - wenigstens zweihundert Jahre zurückverfolgt werden kann, reizt den Historiker, Fragen sowohl der Kontinuität als auch des Wandels im Jugendleben nachzugehen“ (Gillis 1980, S.11). Die wissenschaftliche Erforschung steht damit eng verbunden mit dem geschichtlichen Werdegang der Heranwachsenden, die im Prozess ihrer Sozialisation von den Erwachsenen verstanden und definiert werden will: „Die Geschichte der Jugend wurde üblicherweise aus der Sicht der Erwachsenen geschrieben. Sie zeichnete nach, was Eltern und Erzieher, Lehrer und Vertreter der öffentlichen Meinung von den jungen Leuten erwarteten […]“ (ebd., S.7). Ausgelöst durch den Generationskonflikt beschreibt Pierre Bourdieu (1993, S.137), „dass Jugend und Alter keine festen Größen sind, sondern sich sozial konstituieren, im Kampf zwischen Jungen und Alten“.
2 Der Begriff Boheme bezeichnet eine Randgruppenerscheinung des 19. und 20. Jahrhunderts. Verbreitet
in den Künstlerkreisen unter Malern, Dichtern, aber auch bei Studenten. Motive des Lebensstils werden
in Gesellschafts- und Kulturkritik, als auch in der jugendlichen Auflehnung gegen die Elterngeneration,
begründet.
8
2 „Die Jugend“ - Eine Lebensphase oder nur ein Wort - 2.1 Was ist „die Jugend“?
Die Entwicklung seines eigenen Selbst ist somit nicht nur auf die inneren, sondern insbesondere auf äußere Einflüsse abzuleiten, womit es der Aufgabe bedarf „die Entwicklungskraft des Körpers und der Persönlichkeit zu beschreiben, die die sozialen und kulturellen Verhältnisse verändern und die von ihnen verändert werden und die das individuelle Schicksal mitbestimmen“ (Bühler 1975, S.7).
Da ich mich in meinen nachfolgenden Ausführungen auf die Identitätskonstruktionen Heranwachsender beziehe, möchte ich zunächst die Definition der Jugend im geschichtlichen Kontext erläutern. „Im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es in Deutschland noch keine eigene Bezeichnung für diejenigen, die sich altersspezifisch in den Lebensjahren zwischen Kindheit und Erwachsenensein befanden. Und erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde begrifflich ein ganz geringer Teil des männlichen Nachwuchses als ‚junge Herrn‘ bezeichnet. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts tauchte dann der Begriff ‚Jüngling(e)‘ auf, die ebenfalls nur eine verschwindend kleine Gruppe von jungen Männern umfasste“ (Ferchhoff 2007, S.27). Gegen Ende des 18. Jahrhunderts und während des gesamten 19. Jahrhunderts kam es immer wieder zu verschiedenen Jünglingskonzeptionen. So tauchte „der Begriff des „Jugendlichen“ […] gegen Ende des 19. Jahrhunderts erst in der Semantik der Juristen auf, und er identifizierte dort die potentiell kriminellen und verwahrlosten jungen Menschen“ (Dudek 2002, S.336). Zwischen 1911 und 1914, zu Beginn der staatlichen Jugendpolitik, wandelte sich das Bild des delinquenten Heranwachsenden in „eine <>“ (ebd., S.336). So generierte sich aus dem Etikett der straffälligen Jugendlichen eine Gruppierung „für Gesellschaftserneuerung und für einen neuen Lebensstil, der sich sowohl in der politischen Propaganda wie in der Werbung für den expandierenden Konsumgütermarkt einen festen Platz eroberte“ (ebd., S.337). Darüber hinaus begann am Anfang des 20. Jahrhunderts ein regelrechter ‚Kampf um die Jugend‘ von Verbänden, Parteien, Kirchen und Staat (vgl. Ferchhoff 2007, S.35). Dank dieser Entwicklungen avancierte „die Jugend“ zum Potential der Zukunft und wurde für die Wissenschaft unentbehrlich.
9
2 „Die Jugend“ - Eine Lebensphase oder nur ein Wort - 2.1 Was ist „die Jugend“?
„Wir wissen heute: Das gesellschaftliche Sozialsystem begrenzt historisch jeweils auch die Lebenshorizonte Heranwachsender, bestimmt ihre soziale Lage, das Spannungsfeld verschiedenen Sozialisationsinstanzen (Familie, Schule, Arbeitswelt, peer-groups 3 ) und variiert die zeitliche Dauer, den Verlauf, die Struktur, die Autonomie und selbst die biologischen Determinanten (Geschlechtsreife, Körperwachstum) jener Lebensphase, die wir Jugend oder Adoleszenz nennen“ (Dudek 2002, S.334). Der Eintritt in die Lebensphase, die wir als Jugendalter bezeichnen, ist also zeitlich nicht präzise einzugrenzen. Zwar versteht man die „Jugend […] als eine Zeit der Ideal-Bildung, in der der junge Mensch seine Zukunftspläne entwirft, seine sexuelle Reifung erfährt, Mitmenschlichkeit und Verantwortung ausbildet. Sie ist andererseits auch die Zeit eines sozialen Moratoriums, an dessen Ende mit der Familiengründung die ökonomische Selbstständigkeit steht“ (ebd., S.336). Dennoch ist eine stringente Unterteilung einer Kindheits-, Jugend- und Erwachsenenphase durch die Umstände von dem Wandel der Bildungssysteme oder Pubertätsverlagerung unscharf geworden. „Jugendzeit bedeutet für den einen, nach frühem Schulabgang schon im Berufsleben stehen zu müssen, während der andere noch Schüler oder Student ist; während der eine den Militär- oder Ersatzdienst absolviert, sucht der andere vielleicht verzweifelt nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz und ein dritter geht unbeschwert von Zukunftssorgen seinen Interessen und Neigungen nach“ (Gillis 1980, S.7).
Abschließend sei also zu bemerken, dass „die Jugend“ nur ein Wort ist und „wer sich mit Jugend beschäftigt, der weiß, dass es „die Jugend“ nicht gibt, ontogenetische 4 dass begrifflich damit eine Alterskohorte, eine
Entwicklungsphase oder eine soziale Gruppe gemeint sein kann, dass aber auch zwischen Land- und Stadt-, Arbeiter- und Bürgerjugend, zwischen Schülern und Auszubildenden, Jungen und Mädchen unterschieden werden muss“ (Dudek 2002, S.333).
3 Gleichbedeutend für eine Gruppe Gleichaltriger bzw. einer Gruppe Gleichgestellter. Der Fachbegriff aus
Pädagogik und Soziologie geht auf Charles H.Coonley (1864-1929) zurück. Er entwickelte das Konzept
von Primärgruppen, dass im Kinder- und Jugendalter die Prägung von Menschen im direkten Umfeld,
beobachten lässt. (Quelle: http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/cooley/09bio.htm) Stand: August 2010
4 Die ontogenetische Entwicklungsphase beschreibt in der Entwicklungspsychologie die individuelle
psychische Ausprägung eines Individuums.
10
Diese und viele weitere Faktoren tragen dazu bei, dass die Lebensphase „der Jugend“ unterschiedliche Formen annimmt, „unterschiedlich erlebt wird, zu unterschiedlichen Verhaltensweisen der Jugendlichen führt, nämlich in direkter Abhängigkeit von der Organisation des Schulbesuchs und der beruflichen Arbeit, der Freizeitgestaltung, von den Möglichkeiten der eigenen Familiengründung, den Beteiligungsformen am geselligen politischen Leben, abhängig von den Erwartungen der Erwachsenen an die junge Generation“ (Gillis 1980, S.7). Wenn ich im weiteren Kontext dieser Arbeit also von „Jugend“ oder „Jugendlichen“ spreche, beschränke ich mich dadurch nicht auf eine konkrete Kohorte 5 von Menschen einer bestimmten Altersgruppe, anstelle ist die Rede von der sich entwickelnden Generation Heranwachsender, unabhängig von Alter und Geschlecht.
2.2 „Die Jugend“ heute
Verschiebungen im Rahmen der gesellschaftlichen Altersgruppenverteilung haben nicht nur auf die jugendspezifischen Lebensbereiche ihre Auswirkungen. Da „die Jugend“ gerade auch durch die Generation der Erwachsenen, sowie der sozialen, äußeren Einflüssen konstruiert wird, unterliegen die Forschungen um die Rolle der Heranwachsenden, auf Grund des stetigen Wandels, keiner kausalen Regeln. „In Deutschland sind nur noch zirka 20% der Bevölkerung unter 20 Jahre alt. Und ihr Anteil wird in den nächsten Jahren noch weiter sinken. Jugendliche werden immer mehr zu einer Minderheit in einer alternden Gesellschaft“ (Ferchhoff 2007, S.277). Die fortlaufende Umstrukturierung innerhalb unserer Gesellschaft geknüpft an Anforderungen und Pflichten, Bedürfnissen und Regeln haben dazu beigetragen, dass Normen und Werte ebenfalls einer permanenten Wandlung erliegen. Was für die vorhergegangene Generation noch als Recht und Selbstverständlich angesehen wurde, ist auf Grund einer enormen Wechselhaftigkeit nicht generationsübergreifend zu verallgemeinern.
5 In der Soziologie werden Kohorten als Jahrgänge oder Gruppen von Jahrgängen beschrieben. Sie dienen
der Abgrenzung von Bevölkerungsgruppen. Hier: die Jugendlichen
11
2 „Die Jugend“ - Eine Lebensphase oder nur ein Wort - 2.1 Was ist „die Jugend“?
Die Industrialisierung, Globalisierung, Individualisierung und Veränderung der Lebensstile, Lebensbedingungen, Lebenslagen und Lebensformen ermöglichen die Chance und Attraktivität von selbstgestalteten Freiräumen und selbstgesteuerter Integration „allerdings im dichten Geflecht von Institutionen und strukturellen Vorgaben und Restriktionen. […] Lebensführung, Moral, Sexualität, Kultur, Medien, Musik, Sport und Mode - sie kennen alle zumindest keine allgemeinverbindlichen kanonischen 6 Vorschriften und Zurichtungen mehr. Statt dessen kommt es zu einer Selbstthematisierung und Biographisierung der eigenen Lebensplanung und -führung. Lebensform Lebensplanung, soziales Milieu, Stand, Beruf, Wohnort, Konsum, Partner, Kinderkriegen usw., alles das, worüber wir heute mehr oder wenig persönlich befinden dürfen/müssen, lag in früheren Zeiten - ohne Wahl-, Einflussmöglichkeiten und Selbstbestimmung - weitgehend fest“ (ebd., S.77). Jugendlichen wird mittlerweile durch die beschriebenen
gesellschaftsstrukturellen Veränderungen eine deutlich höhere Kompetenz zur Eigenverantwortlichkeit zugestanden, da eine breitere Vielfalt an Möglichkeiten für ein Leben in eigener Regie zur Verfügung stehen. „Sie können bspw. Relativ früh soziale Beziehungen aufnehmen und gestalten und erproben selbst, welche soziale Beziehungen, Gemeinschaften und Netzwerke für sie geeignet und gut sind“ (ebd., S. 79f).
Ein Zeichen für die heutige Selbstständigkeit der Jugendkultur sind die neuerworbenen Traditionen, „die die Jugendlichen unter sich aufbauen und in denen sie ihre Bräuche, Verhaltensmuster, Moden und Leitgedanken weitergeben“ (Gillis 1980, S.8). Die mediengestützten Kommunikationsmöglichkeiten tragen dazu bei, dass „die Freiheitsgrade des Handelns und die individuell zu verantwortenden Lebensentscheidungen und Sinnfindungen weltweit nahezu in allen jugendlichen Lebensmilieus freilich in unterschiedlichen Graden zugenommen [haben]“ (Ferchhoff 2007, S.82). Die vorzeitige Selbstständigkeit und damit verbundene Selbstorganisation innerhalb gesellschaftlicher Lebensbereiche, rufen eine immer frühere Partizipation Jugendlicher innerhalb der Lebensplanung hervor. „Schulform, Berufsfindung,
6 Kanonisch steht für „dem Kanon entsprechend“ und beschreibt die Normen und Regeln der
gesellschaftlichen Werte.
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2 „Die Jugend“ - Eine Lebensphase oder nur ein Wort - 2.1 Was ist „die Jugend“?
Sexualität, Medien, Sport, Technik, Konsum und Genuss hat zwar einerseits zu einem hohen Maß der persönlichen Selbstverwirklichung, der Verfügbarkeit und Machbarkeit des eigenen Lebens geführt: Andererseits bedeutet dieses Projekt der ‚Selbstsozialisation‘, der Selbstfindung bzw. des Individualisierungsschubs, dass Jugendlichen, oftmals auch schon Kindern lebensaltersspezifisch sehr früh auch jenseits wärmespendender Schonräume und sozialer
Bindungstraditionen und jenseits sicherheitsgewährender sozialmoralischer Lebensmilieus ein hohes Maß an Selbstverantwortung, Selbstbehauptung und damit auch klare Visionen der Erfüllung und des Versagens bzw. der Scheiternsrisiken aufgebürdet werden“ (ebd., S.82). Die daraus entstehende Unsicherheit gegenüber seiner Selbst- aber auch Fremderwartungen veranlasst die heutige Generation der Heranwachsenden zu gemeinsamen Zusammenschlüssen, um aus einer gemeinschaftlichen Stärke zu profitieren. In der Geschichte der Jugend gab es vergleichsweise auch früher schon „eine Vielzahl mehr oder weniger loser Zusammenschlüsse vorwiegend männlicher Jugendlicher in Banden, Cliquen oder Freundschaftsgruppen, die nicht selten das Objekt sozialpädagogischer Jugendarbeit waren. Entstanden im proletarischen Milieu der Großstädte entwickelten diese Jugendlichen Verhaltensmuster und Formen der Freizeitgestaltung, die von den Pädagogen besorgt als Einstieg in die Verwahrlosung und Kriminalität wahrgenommen wurden, ihnen als Projektionsfolie eines negativen Jugendlichen dienten und belebten“ die Debatten über die Grenzen der Erziehbarkeit
(Dudek 2002, S.344). Die heutigen, virtuellen Zusammenschlüsse von Jugendlichen finden in den sozialen Räumen des Internets statt. Gemeinsamkeiten und Anerkennung werden angestrebt, in der Hoffnung sich dem Dilemma der Selbstverantwortung und dem damit verbundenen, möglichen Scheiterns entziehen zu können. So beschreibt auch Böhnisch (2009, S.28), „dass Jugend gesellschaftlich wieder als Risikogruppe, denn als Experimentierphase interpretiert [wird]“, da die Möglichkeiten der selbstgesteuerten Werteübernahme durch die Angebote des Internets als gänzlich grenzenlos erachtet werden können: „Es ist eine Tendenz zur Selbstindividualisierung mit viel Spielraum für individuelles Handeln oder anders ausgedrückt eine Tendenz zur Biographisierung der Jugendphase zu beobachten […]“ (Ferchhoff 2007, S.84).
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2 „Die Jugend“ - Eine Lebensphase oder nur ein Wort - 2.1 Was ist „die Jugend“?
Die Jugend ist geprägt durch die technische Modernisierung, „deshalb etikettiert man die heutigen, von den virtuellen Oberflächen, der multimedialen Realität und vor allem der Digitalisierung der Medien- und der Entmaterialisierung der Musikkultur faszinierten Jugendlichen in diesem Sinne pointiert etwa als ‚Mediengeneration‘ oder als ‚Generation Internet‘ […]“ (ebd., S.166). Das Internet ist mittlerweile sogar zu einem nötigen kulturellen Raum geworden (siehe Kapitel 6.7), um sich innerhalb der Gesellschaft der Heranwachsenden behaupten zu können. Es scheint, als habe „die Jugend“ die heutige Signifikanz des Internets verstanden, um sich individuell, selbstprägend auszubilden. Im nachfolgenden Abschnitt gehe ich daher auf den Prozess der Identitätskonstruktion detaillierter ein, um im späteren Anschluss das Zusammenwirken der Werteübernahme und Identitätsausprägung durch den virtuellen Medienkonsum darstellen zu können.
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3 Der Prozess der Identitätskonstruktion - 3.1 Die Bedeutung von „Identität“ und „Konstruktion“
3 Der Prozess der Identitätskonstruktion
3.1 Die Bedeutung von „Identität“ und „Konstruktion“
„Wiewohl der Prozess der Identitätsbildung heute als ein lebenslanger angesehen wird, sind die meisten Theorien, die sich damit auseinandersetzen, auf Kindheit und Jugend bezogen. Dies liegt an der bislang vorherrschenden Annahme der Entwicklungspsychologie, dieser Prozess gehe einher mit dem Erwachsenwerden, sei also auf eine bestimmte Lebensphase begrenzt, an deren Ende sich eine Persönlichkeit bzw. eine Identität herausgebildet hat. Wenngleich sich die Annahme einer Finalität der Identitätsbildung im Erwachsenenalter als nicht haltbar erwiesen hat“ (Schorb 2009, S.82), beziehe ich mich in den nachfolgenden Ausführungen auf die Identitätsarbeit Heranwachsender, da „die besondere Bedeutung der Identitätsfindung für das Jugendalter hervorzuheben [ist]“ (ebd., S.82).
„Identität wird nicht einmal und nicht ein für allemal ausgebildet“ bemerkt Helga Theunert im Bezug auf die Identitätsarbeit Jugendlicher und fügt gleichbedeutend hinzu: „Es ist ein komplexes, flexibles und unabgeschlossenes Gefüge, an dem wir in Interaktion mit der sozialen Umwelt kontinuierlich und lebenslang feilen“ (Theunert 2009, S.9). Begabungen und Verhaltensweisen sind somit einem stetigen Wandlungsprozess unterstellt, den es zu verstehen gilt. „Nach außen Sichtbares wird ebenso modelliert wie Eigenschaften, Fähigkeiten und Talente, Werthaltungen und Positionierungen im sozialen Umfeld und in der gesellschaftlichen Welt. Zwar ist Identitätsarbeit ein lebensbegleitender Prozess, besonderes Gewicht hat sie jedoch im Jugendalter, denn in diesem Lebensstadium markiert die Ausformung einer tragfähigen Identität eine der zentralen Entwicklungsaufgaben“ (ebd., S.9). Unterstützung erfährt diese Aussage von Maren Würfel (2009, S.101), die wie folgt formuliert: „Im Jugendalter […] stellt sich die Frage nach Identität nach wie vor besonders drängend“.
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3 Der Prozess der Identitätskonstruktion - 3.1 Die Bedeutung von „Identität“ und „Konstruktion“
Nach Heiner Keupp (2009, S.53) lässt sich die Identitätsfrage „sehr einfach formulieren: „Wer bin ich?“ Diese Frage kann man in Bezug auf die Inhalte beantworten: Was nennen Menschen für Themen, Merkmale, Eigenschaften, Gefühle oder Handlungen, über die sie erkennbar werden in ihrer unverwechselbaren Eigenart“. Die neueren Ansätze der modernen Identitätsforschung sehen den Identitätsprozess nicht mehr nur als ein Mittel, um am Ende der Adoleszenz ein gewisses Niveau an starr konstruierter Identität zu erreichen, sondern beschreiben diesen Prozess als lebenslangen Motor für die Entwicklung und Prägung, auch im Erwachsenenalter (vgl. Keupp 1999, S.190). Das Identitätsthema „enthält ein hohes zeitdiagnostisches Potential. Die gesellschaftliche Verbreitung, die dieses Thema erfahren hat, kann nicht als Indikator für ein gesichertes Terrain gesellschaftlichen Wissens gedeutet werden, sondern als Reaktion auf Umbruch-, Befreiungs- und Verlusterfahrungen“ (ebd., S.8). Die Erforschung der Identität und ihrer Herstellung ist deshalb so verbreitet und wichtig, weil „innerhalb der gesellschaftlichen Durchschnittserfahrung nicht mehr selbstverständlich ist, was Identität ausmacht“. Somit ist „nicht die Analyse einzelner historischer oder individueller Lösungen der Identitätsfrage […] das Bedeutsame, sondern die Erforschung der Gesetzmäßigkeit des innerpsychischen Apparats, der sie ermöglicht“ (ebd., S.64).
Das Lernen durch Imitation, das Übernehmen neuer Ideen und das Annehmen von Ratschlägen bilden und prägen einen Menschen durch diese Art der äußeren Beeinflussung. Durch diesen Aspekt stellt sich die Frage
„vom
Verhältnis zwischen Identität und Alterität, von unserer Selbstbezogenheit und unserem Bezug zu anderen Menschen. Der lateinische Begriff des <
16
3 Der Prozess der Identitätskonstruktion - 3.1 Die Bedeutung von „Identität“ und „Konstruktion“
Aus dieser Sicht ist die Identität ein Konzept, das vom Konzept der Alterität abhängig ist. Deshalb ist es trefflicher die Identitätsfrage nicht als: <
„Menschen werden nicht mehr in ‚Identitäten‘ hineingeboren, sondern sehen sich einer Vielzahl an möglichen Lebenszielen und -stilen gegenüber“ (Würfel 2009, S.101). Dieser Fakt resultiert daraus, „dass wir uns in vielen unterschiedlichen sozialen Rollen erleben. Wir stellen uns in ihnen auch jeweils anders dar, zeigen andere Seiten von uns“ (Keupp 1999, S.67). Die Identität wird also heute als eine komplexe Struktur wahrgenommen, „die aus einer Vielzahl einzelner Elemente besteht (Multiplizität), von denen in konkreten Situationen jeweils Teilmengen aktiviert sind oder aktiviert werden (Flexibilität)“ (Döring 2003, S.325). Sherry Turkle (1998, S.426) beschreibt den neumodischen Facettenreichtum der Identitätsausprägung, indem sie sagt: „Solange Identität noch als einheitlich und fest definiert wurde, war es relativ leicht, Abweichungen von einer Norm zu erkennen und zu sanktionieren. Das Konzept eines eher wandlungsfähigen Selbst erlaubt es hingegen, die eigene innere Vielfalt offener und in größerem Maße zu erkennen“. Als Rahmenkonzept einer Person verstehen wir also die individuelle Identität als ein Interpretationsraum eigener Erfahrungen, die durch diesen Prozess als Basis für die alltägliche Identitätsarbeit dient. „In dieser Identitätsarbeit versucht das Subjekt, situativ stimmige Passungen zwischen inneren und äußeren Erfahrungen zu schaffen und unterschiedliche Teilidentitäten zu verknüpfen“ (Keupp 1999, S.60).
7 Gesellschaft ist konstitutiv (lateinisch für: festsetzend, bestimmend ). Bezeichnet in diesem
Zusammenhang die prägende Bestimmtheit der Gesellschaft bei der Identitätskonstruktion von
Individuen.
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3 Der Prozess der Identitätskonstruktion - 3.1 Die Bedeutung von „Identität“ und „Konstruktion“
Bernd Schorb (2009, S.84) bezeichnet die Identitätsarbeit gleichbedeutend als „Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, mit den eine
‚Entwicklungsaufgaben‘, die das soziale Umfeld stellt, und in Interaktion mit anderen. Hier findet das Subjekt die Quellen, aus denen es die Mittel seiner Identitätsarbeit schöpft“. Auch wenn die Identitätsentwicklung ein Prozess ist, der im Inneren eines Subjekts stattfindet, „entsteht [Identität] als Passungsprozess an der Schnittstelle von Innen und Außen.“ (ebd., S.191).
Neben jenen wechselhaften Identitätsaspekten gibt es sicherlich auch unveränderliche Kriterien, die uns weitgehend einzigartig machen: „Daten (Geburtstag), biologische Unveränderlichkeiten des Körpers (Augenfarbe, Geschlecht, genetischer Code) und relativ unveränderliche Zugehörigkeiten zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, den Deutschen etwa, den Katholiken, den Verheirateten“ (ebd., S.65). Derartige soziale Zuordnungen konstruieren unter Einbezug unbeständiger Verhaltensweisen veränderbare
Identitätsmonumente, deren prägenden Zuweisungen „in der Summe über einen langen Zeitraum hinreichen, um eine Person unverwechselbar zu machen. Das ist uns allen vertraut: Kollektive Zugehörigkeiten wechselt man nicht wie das Hemd, und manche kann man nie mehr ungeschehen machen: Wer einmal verheiratet war, kann nie mehr ledig sein, allenfalls geschieden. Seine Staatsangehörigkeit kann man zwar verändern, nicht jedoch sein Geburtsland“ (ebd., S.65). Gesellschaftlich konstruierte Werte und Normen, Etiketten und Kategorien werden zeitweise bis lebenslang an Individuen haften. „Demgegenüber steht die Identität als ein Werden, als ein Sichselbst-Finden. Identitätsarbeit, -suche, -findung, -bildung: All diese Begriffe betonen den Entwicklungsaspekt von Identität. Identitätsprobleme hat man dann, wenn dieser Weg steinig wird. Identität so verstanden ist nicht etwas, was man von Geburt an hat, sondern was man entwickelt, ein Weg, der viele Verläufe nehmen kann und vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Identität als ein Projekt, das den Menschen zu sich selbst führt, ein Entfaltungs- und Entwicklungsbegriff“ (ebd., S.65).
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3 Der Prozess der Identitätskonstruktion - 3.1 Die Bedeutung von „Identität“ und „Konstruktion“
Eine weitere Notwendigkeit „zur individuellen Identitätskonstruktion verweist auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit“ (Keupp 2009, S.54), weshalb die ansteigende Existenz innerhalb sozialer Netzwerke nachvollziehbar erscheint. „In den sozialen Netzwerken wird die Vielfalt von Informationen, Produkten, aber auch Lebensformen bewertet und dadurch Ausschlusskriterien auf ein individuell verkraftbares Maß beschränkt. Was man kauft, welche Filme man sieht, wohin man geht oder in Urlaub fährt und was man über Politik denkt, wird im wesentlichen Kontext dieser sozialen Netzwerke gefiltert und gegebenenfalls interpretiert, natürlich auch, wie man sich beruflich positioniert und was man in der Liebe für normal hält“ (Keupp 1999, S.154). Das dabei entstehende Bild eines Heranreifenden, „der aus dem Markt der Freizeitangebote entsprechend seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten auswählt und dabei höchstens kurzfristige und wenig verbindliche soziale Beziehungen eingeht […], hängt eher von aktuellen Interessen und Begegnungen ab als von übergreifenden Einstellungen und Orientierungen“ (Keupp 1999, S. 156). Identität konstruiert sich also dort, wo die Kommentierung, Kritik und Anerkennung aus der Umwelt erfahren wird. Die Identität der heutigen Jugendkultur benötigt demnach soziale Netzwerke, da sie „materielle, emotionale und soziale Ressourcen zur Verfügung stellen, Optionen für Identitätsentwürfe und -projekte eröffnen und die Komplexität der sozialen Welt durch die Vermittlung von Relevanzstrukturen reduzieren. Sie braucht sie auch deshalb, weil die einmal darin entwickelten Identitätsprojekte weiter auf soziale Anerkennung und Unterstützung angewiesen sind“ (ebd., S.169). Der dadurch entstehende Drang nach alltäglichem Austausch innerhalb derartiger virtueller Welten, zur Befriedigung seines Selbst, scheint ein Prozess der Selbstprägung zu sein. Äußere Einflüsse und der innere Drang nach Verständigung und sozialer Rückmeldung bilden die Motive der Online-Aktivität Jugendlicher (siehe Kapitel 6.1). Nach Keupp (2009, S.63), stehen „im Zentrum der Anforderungen für eine gelingende Lebensbewältigung […] die Fähigkeiten zur Selbstorganisation, zur Verknüpfung von Ansprüchen auf ein gutes authentisches Leben mit den gegebenen Ressourcen und letztlich die innere Selbstschöpfung von Lebenssinn“. Dadurch stellen Personen Zugehörigkeiten innerhalb eines Netzwerkes her, „sie positionieren sich in Beziehungen zu anderen und andere in Beziehungen zu sich. Sie stellen Nähe und Distanz her,
19
3 Der Prozess der Identitätskonstruktion - 3.1 Die Bedeutung von „Identität“ und „Konstruktion“
pflegen Beziehungen oder brechen sie ab, ordnen sich unter, über oder ein, sie erweitern Netzwerke oder isolieren sich, sie investieren in die Pflege individualisierter Freundschaftsbeziehungen oder verlassen sich auf tradierte Familienbeziehungen“ (Keupp 1999, S.170). Die Relevanz dieser computerbasierten Vereinigung von Individuen ist demnach für die Identitätsforschung von sehr großem Interesse, da soziale Netzwerke „nicht nur im Maß seiner Differenziertheit den Stand der Identitätsentwicklung einer Person [ausdrücken].“ (ebd., S.170). Die Relation zwischen der Person und seiner sozialen Welt, gilt es zu ergründen, um den Vorgang der Identitätsentwicklung durch die Mediennutzung der heutigen Jugend verstehen zu können.
„Soziale
Netzwerke werden so gestaltet, dass die Identitätsprojekte einer
Person darin Einbindung, Anerkennung und Unterstützung finden“ (ebd.,
S.170).
Die Selbstdarstellung und das äußere Bild, geprägt durch die Rückmeldungen der anderen Nutzer, erschaffen je nach themenorientierter Rolle bestimmte Teilidentitäten. Der User
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mutiert auf diesem Wege in ein wandelbares Subjekt im Wechselbad seiner Analogie und entwickelt neue Formen von Identitäten. Der Auslöser
„solcher neuen <
Die lebenslang andauernde Aneignung von Identitätsfacetten beschreibt Keupp
daher als ‚Konstruktion von Identität‘, „weil
es sich nicht um fertige Ergebnisse, sondern um ständig sich weiterentwickelnde Produkte des Identitätsprozesses handelt. Zum anderen bevorzugen wir den <
8 Zur Erläuterung siehe Internet-Glossar S.99
9 Die Minoritätenkultur beschreibt eine Minderheit, die sich durch kulturelle und/oder psychische
Merkmale vom Rest der Gesellschaft unterscheidet und so von der gesellschaftlich normierten Gruppe als
minderwertig angesehen wird.
20
3 Der Prozess der Identitätskonstruktion - 3.1 Die Bedeutung von „Identität“ und „Konstruktion“
selbstreflexiven Akt bereits wieder zu verändern beginnt, man sich also in und
mit seiner Selbsterzählung ständig <
umgeschrieben. Innerhalb dieser Identitätsperspektiven erfolgt als weiterer Reflexionsschritt der Vergleich aktueller Erfahrungen mit vergangenen (unter jeweils bestimmten Identitätsperspektiven). So werden vor allem <
Identitätskonstruktionen, lebensbereichs- bzw. lebensphasisch spezifischen Teilidentitäten oder zu übergreifenden Konstrukten, den biographischen Kernnarrationen oder/und dem Identitätsgefühl“ (ebd., S.193). Interessant ist es demnach, „wie den einzelnen die Konstruktion von Identität gelingt angesichts vielfältiger Selbsterfahrungen in unterschiedlichen sozialen Lebenswelten und Rollen und angesichts der Erwartungen der sozialen Umwelt“ (ebd., S.95).
Abschließend sei also zusammenfassend formuliert: „Sozialpsychologische Theorien unterteilen Identität in zwei Komponenten, eine soziale (gemeinschaftliche) und eine personale (individuelle). Subsumiert wird dies auch unter dem Begriff ‚Selbst‘ bzw. ‚Selbstkonzept‘. […] Während die
21
Arbeit zitieren:
Dominik Pohl, 2010, Vom Tagebuch und Poesiealbum zum virtuellen Selbstdarsteller, München, GRIN Verlag GmbH
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