- 2 -Wurschtkessel" (55) geschwommen sind, die plastisch-bildhafte Umschreibung für eine Schwangerschaft, die Großmutter Hermine verwendet, um Enkelin Doris zu erklären, dass Onkel Ludwig und Tante Anna ihrerseits bald Nachwuchs erwarten und sie mit Cousins und Cousinen rechnen könne.
Die Erzählung beginnt zu einem nicht näher genannten Zeitpunkt der Vierziger Jahre auf Ludwigs Grundstück in Kapstadt, wo er mit seiner Frau und seinen in Südafrika geborenen Kindern Elliot und Elisabeth lebt. Die Kinder spielen in dieser idyllischen Eröffnungsszene im Garten des Hauses zwischen blühenden Rosenbeeten und Bougainvillasträuchern. Gleich darauf schwenkt das Geschehen übergangslos zur nächsten Szene, die sich im Jahre 1937 ebenfalls in Südafrika abspielt. Ludwigs Eltern Hermine und Arthur sind zu Besuch aus Guben in Deutschland bei ihrem Sohn. Man unternimmt gerade eine Besichtigungsfahrt im Auto entlang der Küstenstraße. Diese Situation bildet die Bezugsebene, von der aus gesehen die Handlung sich zeitlich und räumlich hin- und herbewegt und zwischendurch immer wieder zur Grundlinie zurückkehrt.
Es ist aufschlussreich, wie in diesem Kapitel der Begriff "Heimat" aufgegriffen und behandelt wird. Die Figuren befinden sich hinsichtlich dieses Begriffes in einem charakteristischen Zwischen-Raum, der Komponenten sowohl ihres Herkunftgebietes in Deutschland als auch ihrer neuen Umgebung in Südafrika umfasst. Scheinbar zufällig eingestreute Details erweisen sich als stark bedeutungsaufgeladen. Sie stehen symbolisch für zwei verschiedene Kulturen und verdeutlichen ein Heimatgefühl, das sich mit Erinnerungen aus der ursprünglichen und der konkreten Gegenständlichkeit ihrer jetzigen Umgebung vermischt,. In diesem Zusammenhang verwendet die Autorin wiederholt die Wörter "Heim" und "Heil" (50, 51, 52). Sie bilden nicht nur einen scheinbar vertrauten Gleichklang, sondern mit ihnen ist ein ganzes Bündel von inhaltlichen Bezügen assoziiert. Im Hitlergruß "Heil" verbirgt sich der nationalsozialistische Blut-und Boden-Mythos, also ein ideologisch gefärbter Heimatbegriff, der mit der Idee des Völkischen, der Familie, des Lebensraumes, mit Feindseligkeit, Abgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung, Rassenwahn und Völkermord assoziiert ist, eine Perversion des Heimatbegriffes, deren Entlarvung zweifellos intendiert ist, aber in der verwendeten Begrifflichkeit nur angedeutet wird. Auf der anderen Seite des Spektrums taucht der Begriff des Paradiesischen auf, der schon im Architektenkapitel auf Seite 38 sinnbildlich als "Garten Eden" in Gestalt des in die Tür zur Besenkammer eingearbeiteten Schnitzwerkes erwähnt wurde und sich leitmotivartig durch den ganzen Roman hindurchzieht. "Paradiesisch, sagt Hermine, die Mutter" (50), als sie die Landschaft der neuen Heimat ihres Sohnes betrachtet. Dieser Aspekt bildet einen wichtigen Schwerpunkt dieses Kapitels und wird von der Autorin auch in ironisierter Form verwendet, wenn sie die kleine Elisabeth auf die Frage, was sie spiele, sagen lässt: "Die Vertreibung ins Paradies." (56) Aber das, was paradiesisch erscheint, hat Risse und Sprünge. Die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse sind nicht so, dass sie allen Menschen ein paradiesisches Leben ermöglichen. Vielmehr tauchen - wiederum nur angedeutet - Strukturen auf, die zeigen, dass es in diesem Land auch Formen von Rassenideologie und Diskriminierung gibt, von der die jüdische Familie jedoch nicht betroffen ist. Ohne dass der Begriff "Apartheid" explizit genannt wird, flechtet die Autorin scheinbar beiläufig Handlungselemente ein, die keinen Zweifel am rassistischen Unterdrückungssystem dieses
- 3 -Landes zulassen. Ludwigs Gärtner bekommt "von einem Beamten einen Bleistift ins krause Haar" gesteckt. "Der Bleistift hält." (57) Und lakonisch fährt die Autorin fort: "Daraufhin bekommt der Gärtner ein C in seinen Paß gestempelt, und ihm wird der Eintritt in öffentliche Parks verboten." (57) Sie scheint zu fragen: Macht sich hier eine andere Spielart von Rassenideologie breit als die der Nazis, der die jüdische Familie in ihrer ehemaligen Heimat gerade noch glücklich entkommen ist? Aber sie tut es nicht direkt, sondern überlässt es dem Leser, Fragen zu stellen und selbst zu beantworten.
Das Denken der Familie scheint, trotz Diskriminierung und Verfolgung in der alten Heimatvielleicht mehr als ihr bewusst ist - noch von Werten und Normen geprägt zu sein, die sie eigentlich hinter sich gelassen zu haben glaubte. Ein Rest von Stolz und Selbstbewusstsein mag sich darin bewahrt haben, dass man mit einem Auto der deutschen Marke "Adler" zu einer Besichtigungsfahrt aufbricht und - vor allem die Großeltern, die noch in Deutschland wohnen - Qualitätsbegriffe wie "deutsche Wertarbeit" verwendet, wenn sie auch nur als Etiketten für banale Gebrauchsgüter dienen. Vielleicht ist es auch nur ein Stück bitterer Ironie angesichts des Zwiespalts zwischen einem Leben in sicheren Verhältnissen wie es früher möglich war und der bedrohlichen Lage, in der man sich jetzt in Deutschland befindet. Dieser Aspekt verdeutlicht, wie sehr sich der eine oder andere von ihnen noch mit der angestammten Heimat verbunden fühlt, deren Werte- und Normensystem verinnerlicht hat und wie schwer es ihm fällt, sich davon zu verabschieden. Wenn diese Hinweise im Sinne eines ökonomischen Umgangs mit erzählerischen Mitteln auch sparsam verwendet werden, stecken in ihnen doch wichtige Hinweise in Bezug auf die innere Zerrissenheit der Familienmitglieder, die sich äußerlich auch darin dokumentiert, das zwischen ihren Lebenswelten riesige Entfernungen bestehen, die kaum zu überbrücken sind. Während die einen in ihrer ursprünglichen Heimat geblieben sind und noch zögern, ihr endgültig den Rücken zu kehren, haben die anderen sich neue Räume erobert, die sie nun ihre Heimat nennen. Die Familie ist damit nicht nur räumlich, sondern auch in Bezug auf ihren inneren Zusammenhalt auseinandergefallen und hat einen wesentlichen Teil ihrer gemeinsamen Heimat verloren. Es geht hierbei aber auch um einen Generationenkonflikt, der sich in dem Maße entschärft, wie die nachwachsende Generation (die Kinder Elliot und Elisabeth, die in Südafrika zur Welt kommen) sich zunehmend mit der neuen Umgebung identifiziert und die alte Heimat und deren Sprache nur noch vom Hörensagen kennt.
Ein weiterer Hinweis auf eine innere Spaltung steckt daher im Sprachlichen. Die in Kapstadt geborenen kleine Elisabeth spricht Englisch bereits als Muttersprache (Why does Lametta hang on the tree ...?", 52). Das gleiche gilt für ihren älteren Bruder, und ihr Vater spricht mit ihnen ein künstliches Gemisch aus Deutsch und Englisch ("It is supposed to look as if der Baum in einem verschneiten Winterwald stünde ...", 52). Das Verständigungsmittel Sprache ist in zwei Teilsprachen auseinandergefallen, die zu einer hybriden Mischsprache zusammenmontiert werden, und darin offenbart sich auch ein Verlust von Heimat bzw. ein Hin- und Herpendeln in einem Zwischen-Raum, der sich nicht mehr überbrücken lässt. Ein charakteristischer Wesenszug der beiden Lebensräume besteht darin, dass sie sich wie die zweigeteilten und spiegelbildlich verkehrt herum angeordneten Figuren "auf den Skatkarten von Ludwigs Eltern" (59) zueinander verhalten. Im Verhältnis zum jeweils anderen Lebensraum steht alles gewissermaßen auf dem Kopf, und die Trennungslinie, auf der diese
- 4 - spiegelverkehrtenBilder entstehen, ist der Äquator. Er trennt die Räume geografisch in Nord und Süd, Europa und Afrika, kalt und warm, Winter und Sommer und die Familie in Daheimgebliebene und Ausgereiste, Tuchmacher und Automonteur, Verfolgte und freie Bürger. Das Wasser des Scharmützelsees im Norden "sickert durch die Erdmitte hindurch und wird zum Meer" (59). Beide Bereiche, so verschieden sie auch sein und so weit entfernt voneinander sie auch liegen mögen, scheinen auf geheimnisvolle Weise unterirdisch miteinander verbunden zu sein. Dieser Gedanke eines geheimen Verbindungsweges wird auch aufgenommen, als die kleine Elisabeth - die Ludwig nach seiner Schwester benannt hat -geboren wird, als sei sie "durch die Erde gerutscht und im selben Jahr auf der anderen Seite der Welt von seiner Frau wieder geboren." (51 - 52) Hier offenbart sich eine beeindruckend in Szene gesetzte Symbolik von Tod und Untergang auf der nördlichen und Freiheit und Wiedergeburt auf der südlichen Halbkugel der Erde, deren Verbindung nicht gänzlich unterbrochen worden ist und die auf geheimnisvolle Weise miteinander zu kommunizieren scheinen. Demgegenüber erweist sich der Akt des Baumpflanzens auf dem Seegrundstück, dessen Erde "schwarz und feucht" und "so nah am Wasser" ist (52) und bei dem Doris den Stamm der Weide festhält (54), nicht als Symbol der Hoffnung auf Leben und Fruchtbarkeit, sondern als Zeichen des Untergangs und der Trauer.
Das Kapitel endet, indem beide Seiten dieser Symbolik - die des Untergangs und der Vernichtung und die des Neuanfangs, der (Wieder-) Geburt und der Gewissheit eines Lebens in Freiheit - noch einmal ins Blickfeld gerückt werden. Aber die Untergangssymbolik wirkt beklemmend und erdrückend angesichts der Nüchternheit und Eindringlichkeit einer Sprache, hinter der sich eine distanzierte und das Geschehen unkommentiert und unbewertet vorüberziehen lassende Erzählhaltung offenbart, die es dem Leser überlässt, Schlüsse zu ziehen und zu urteilen. Das Unfassbare gipfelt in der grausamen Ermordung des Elternpaares Hermine und Arthur, während sich das Schicksal von Ludwigs Schwester und Schwager und deren Tochter Doris sich schon drohend und unmissverständlich abzeichnet. Das Kapitel schließt mit der Passage "Drei Monate später wird die kleine Elisabeth geboren. In der Mutterstadt am schönsten Ende der Welt." (62) und offenbart die Haltung einer Erzählerin, die nicht völlig distanziert und innerlich losgelöst von dem Geschehen ist, über das sie berichtet.
Im Gegenteil, könnte man sagen, wenn man daran denkt, dass sie allen Figuren dieses Kapitels Namen gegeben, sie als zusammengehörige Familie vorgestellt hat und ihre Namen mehrfach wiederholt, als wolle sie sie fest im Gedächtnis des Lesers verankern. Sie gibt diesen Menschen Namen, weil sie unterstreichen will, dass es nicht erdachte Figuren, sondern authentische Gestalten sind, die stellvertretend für das Schicksal vieler anderer stehen. Sie erweckt diese Menschen aus ihrer Anonymität und aus der Vergessenheit, gibt ihnen Gesichter und stellt sie dem Leser gegenüber als Wesen voller Schaffensfreude, Optimismus und Hoffnung auf ein besseres Leben. Ihre Einzelschicksale stehen für alle, die verfolgt und ermordet wurden, aber auch für die, die der Vernichtung entkommen sind und ein neues Leben begonnen haben. Sie überlässt es dem Leser, diesen Zusammenhang herzustellen, aber ihre Absicht, dieses zu bewirken, ist unübersehbar. Unübersehbar ist auch die bittere Ironie, die in der Kontrastierung des industriellen Gütesiegels "deutsche Wertarbeit"(49) mit der Maschinerie der organisierten Massenvernichtung enthalten ist. Die Erzählerin übernimmt in diesem Kapitel wiederum die Position einer stummen
- 5 -Beobachterin, die herumgeht und das aufzeichnet, dokumentiert und berichtet, was sie dabei wahrnimmt. Es ist nicht die Technik eines allwissenden Erzählers, sondern die einer Figur, die von außen ins Privatleben ihrer Protagonisten und auch in den öffentlichen Raum, von dem sie umgeben sind, hineinschaut und so den Eindruck großer Unmittelbarkeit im Leser erzeugt. Das Geschehen und die Dialoge werden so geschildert, als laufen sie simultan, d. h. gerade in diesem Moment vor den Augen und den Ohren des Betrachters und Zuhörers ab. Das Beschriebene wirkt daher sehr authentisch: vieles ist banal und alltäglich, manches -besonders die Äußerungen der Erwachsenen gegenüber den Kindern - ist erläuternd und belehrend, manches klingt spontan und einiges auch missverständlich. Auch in der Dialogstruktur zeigt sich somit eine Vielfalt von Aspekten, die nicht ohne weiteres unter einen Hut zu bringen sind und keine fortlaufende, logisch-schlüssige Handlungssequenz ergeben.
Deshalb ist es auch schwierig, eine klare Linie zu ziehen zwischen dem Dokumentarischen, das auf einer sorgfältigen Recherche von Fakten beruht, und dem Fiktiven, also dem, was erdacht, erfunden, erdichtet bzw. erzählerisch angereichert worden ist. Die Mischung zwischen Dokumentiertem und Erzähltem, die Verquickung von Privatem, Intimem und Öffentlichem unter weitgehendem Verzicht auf eine kritische Auseinandersetzung mit der großen Politik, entspricht natürlich der Absicht der Autorin und wird gezielt als erzählerisches Mittel eingesetzt. Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese Mischung immer geglückt ist. Die Figuren sind sowohl Verfolgte und Opfer von politischen Ereignissen als auch Akteure und Mitverantwortliche. Als Privat- und Familienmenschen haben sie Anspruch auf die Wahrung ihrer Intimsphäre. Aber gerade in diese Sphäre reicht der Blick der Erzählerin tief hinein und offenbart manches, was sie als Dokumentatorin eigentlich nicht wissen könnte. Die Frau des Architekten (64 - 76)
Bei diesem Kapitel handelt es sich um den Anschluss- und Ergänzungstext zum Kapitel "Der Architekt" (35 - 46). In einem inneren Monolog rollt die Frau des Architekten, die bisher im Hintergrund geblieben ist, einen wesentlichen Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte auf. In Gedanken vollzieht sie eine Rückschau bis hin zu ihrer Kindheit. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Leben mit ihrem Mann in ihrem Haus am See. Es ist wiederum nicht einfach, die zeitliche Bezugsebene zu ermitteln, auf der sie sich gerade befindet und von der aus sie ihre Gedankenreise in die Vergangenheit, aber auch die Gegenwart und die Zukunft betreffend, unternimmt. Bezeichnenderweise taucht ein deutlicher Hinweis auf diese Bezugsebene erst gegen Ende des Kapitels auf, wo allerdings eine konkrete Zahl genannt wird, mit der die zeitliche Einordnung zweifelsfrei möglich ist. Die Zeit ist in ihrer Erinnerung schnell verronnen, und nun sitzt sie "auch sechs Jahre nach dem Krieg noch auf ihrer Terrasse" (75) vor dem Haus am See. Die eigentliche Handlung setzt also im Jahre 1951 ein, als ihr Mann sich für seine Flucht nach Westberlin fertigmacht und sie sich innerlich darauf vorbereitet, "in einer Zweizimmerwohnung in Westberlin" (76) zu leben.
Der Einstieg in die Erzählung erfolgt wiederum nach der In-Medias-Res- Methode: "Kennst du den? Also." (64) Damit wird der Leser in eine vertraute Alltagssituation eingeführt, und zwar so, als befände er sich selbst inmitten einer feuchtfröhlichen Runde, wo die Teilnehmer zur allgemeinen Erheiterung abwechselnd Witze erzählen. Die Architektenfrau bleibt - wie
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Hans-Georg Wendland, 2011, Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung -Teil II, München, GRIN Verlag GmbH
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