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Der deutsche Salafismus
Vom puristischsalafistischen Denken eines Hasan Dabbaghs bis zum
jihadistischen Salafismus von Eric Breininger
Dirk Baehr
INHALTSVERZEICHNIS
0 Einleitung 2
1 Die drei salafistischen Strömungen 4
1.1 Puristischer Salafismus 4
1.2 Politischer Salafismus 5
1.3 Jihadistischer Salafismus 7
2 Besondere Charakteristika des deutschen JihadiSalafismus 8
2.1 Keine Führungskader der AlQaida in Deutschland 8
2.2 Verbreitung der jihadisalafisitschen Ideologie in Deutschland 14
2.3 Der verdeckt agierende JihadiSalafismus 17
2.4 Verzögerte Transformation zum globalen JihadiSalafismus 18
3 Gegenwärtige salafistische Strömungen in Deutschland 20
3.1 Puristische Salafisten in Deutschland 20
3.2 Aufspaltung und Radikalisierung des puristischsalafistischen Milieus 24
3.3 Der kleine militante Rand im politischsalafistischen Milieu 27
3.4 Neue Internationalisten oder deutsche Taliban 28
3.5 Entsteht ein jihadisalafistisches PropagandaNetzwerk im Internet? Die Gefahren
des deutschen OnlineJihadismus 32
4 Schlussfolgerung 35
2
0
Einleitung
Der Begriff "salaf" bedeutet fortfahren oder fortschreiten. Salafisten fühlen sich berufen, auf
dem Weg Mohammeds fortzufahren. Und nur dieser Weg wird von den Salafisten als der
einzig wahre Weg zur richtigen Ausübung des islamischen Glaubens angesehen. Im
Salafismus gilt nur die reine Glaubenslehre (aqidah) als bindend. Wahr ist nur der Islam, der
von den rechtsschaffenden Altvorderen (alsalaf alsalih) in der Frühphase des Islams gelebt
wurde, da diese unmittelbar Kontakt mit dem Religionsbegründer Mohammed hatten oder
dessen Nachfolger kannten. Die drei Generationen der rechtschaffenden Altvorderen, die
von 610 n. Chr. bis zum Tode Ibn Hanbals im Jahre 855 n. Chr. den islamischen Glauben
maßgeblich prägten, gelten als die entscheidenden Vorbilder der Salafisten, weil sie
angeblich die einzigen Gläubigen waren, die fromm und gottesfürchtig lebten. Alle, die
dieser Form der Glaubensausübung nicht folgen, sind keine ,,wahren" Muslime und müssen
von den Salafisten auf den richtigen Weg zurückgebracht werden. Falls sie diesen
salafistischen Weg nicht folgen, ,,prophezeien [sie] ihnen, nach dem Tod in der Hölle zu
landen."
1
Interessant ist, dass die Salafisten viele religiöse Veränderungen, die nach 855 n. Chr. in den
Islam eingedrungen sind, als unislamische Neuerungen (bida) ansehen und deswegen
konsequent ablehnen. Damit werden große Teile der islamischen Rechtsauslegung von den
Salafisten nicht geduldet. Dies resultiert aus der strengen Betonung der Einzigkeit Gottes, die
für alle Salafisten durch jegliche Art von Neuerungen verteidigt werden muss, um die Einheit
des Glaubens (tawhid) aufrecht zu erhalten.
2
Dabei schrecken Salafisten nicht zurück,
Jahrhunderte alte Lehrmeinungen der islamischen Rechtsgelehrten, die zwischen dem 9. und
dem 19. Jahrhundert den Islam geprägt haben, als unislamisch zu bezeichnen, weil diese
angeblich zum Verfall des islamischen Glaubens und somit zum Niedergang der islamischen
Herrschaft in der Welt geführt haben sollen.
3
Unter den Begriff des Salafismus versteht die heutige Wissenschaft meistens die globale
Variante der von SaudiArabien verbreiteten religiösen Staatsdoktrin des Wahhabismus. Dies
resultiert daraus, dass die heutige salafistische Ideologie insbesondere durch den
Wahhabismus geprägt ist, da die globale Verbreitung primär durch die saudiarabische
Missionspolitik gefördert wurde bzw. weiterhin unterstützt wird. Gefördert wird die
Ideologie durch saudische Stiftungen, die anderen islamischen Bewegungen Finanzhilfen zu
kommen lassen, um ihrer strikten Glaubensauffassung einen größeren Stellenwert in den
Bewegungen zu verschaffen. Dabei unterstützen sie seit den 1960er Jahren auch vermehrt
europäische Organisationen, die aufgrund der ersten Migrationswelle entstanden sind. Oder
sie gründen Buchverlage, die die Verbreitung von salafistischen Publikationen in mehreren
europäischen Sprachen fördern sowie die fundamentalistische Weltsicht über das Internet
verbreiten.
Im Internet etablieren sich zunehmend von saudiarabischen Organisationen geförderte
Webseiten, die die salafistische Ideologie in europäische Sprachen vermitteln. Unter den
1
Metzger, Albrecht: Missionarisch und gewaltbereit, Die salafistische Spielart des Islamismus, unter: www.con
spiration.de/texte/2008/Metzger.html.
2
Roy, Olivier: Der islamische Weg nach Westen Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung, München
2006, S. 239.
3
Verfassungsschutz NRW (Hrsg.): Salafismus Entstehung und Ideologie, Eine Analyse der Ideologie durch den
Verfassungsschutz NordrheinWestfalen, Juli 2009, S. 3.
3
international betriebenen Internetseiten sind
www.islamhouse.com
und
www.alislam.com
die bekanntesten, die gezielt europäisches Publikum ansprechen wollen. Das Internet
ermöglicht den Salafisten eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung ihrer Ideologie, weil es eine
schnelle Kommunikation ermöglicht und ein neues Medium ist, dass viel von Jugendlichen
genutzt wird. Diese jungen, medienaffinen Menschen sind die entscheidende Zielgruppe der
Salafisten. Zudem befähigt die Salafisten mit dem neuen Kommunikationsmittel, ihre
Ideologie in der westlichen Welt zu verbreiten. Dadurch benutzen sie ihre
Propagandamaterialien als umfangreichen Hebel zur religiösen sowie politischen
Einflussnahme und Meinungslenkung im Westen.
Für die jihadistische Salafisten hat sich die Verwendung des Internets als neue Form der
Kriegsführung entwickelt, weil sie dem im Internet geführten Glaubenskrieg einen ähnlich
hohen Stellenwert wie dem militärischen oder terroristischen Kampf zu kommen lassen. Ziel
der OnlineAktivitäten ist nicht nur die psychologische Kriegsführung gegen den Westen,
sondern die Propaganda dient im Wesentlichen auch als motivierender Faktor für die
Sympathisanten der jihadistischen Bewegungen. Die Internetpropaganda soll junge
Menschen dazu bewegen, aktives Mitglied der globalen jihadistischen Bewegung zu werden,
,,indem sie die Grenze von passiver Unterstützung zu militanter Opposition überschreiten."
4
Viele Jugendliche übernehmen in einem ersten Schritt als Aktivist die Verbreitung
ideologischer Inhalte des militanten Salafismus auf Webseiten wie YouTube und Facebook.
Sie nutzen die Videoportale, um Gewalt verherrlichende Kurzfilme auszutauschen.
Langfristig etablieren sich in diesem Social Web virtuelle Netzwerke, die die salafistische
Propaganda weiter verbreiten. Insbesondere die Veröffentlichungen von übersetzten
Videobotschaften der AlQaidaFührer sind unter westlichen Jugendlichen äußerst attraktiv.
Gleichzeitig kommt es auch zum Meinungs und Informationsaustausch sowie zur
Etablierung von virtuellen Freundeskreisen. Essentiell ist, dass die Portalnutzer nicht nur als
Konsumenten von jihadistischer Propaganda auftreten, sondern teilweise auch eigene
Videos und Texte ins Netz stellen. Hierzu gehören auch Übersetzungstätigkeiten von zumeist
arabischem
Propagandamaterial
der
AlQaida.
Bei
der
Verbreitung
von
Propagandamaterialien orientieren sich die Internetaktivisten oft an dem großen Vorbild
,,asSahab", welches die Medienproduktionsfirma der AlQaida ist. Aufgrund dieser
neuartigen Propagandatätigkeit, die primär durch das Social Web ermöglicht wird, sind
terroristische Gruppierungen wie AlQaida nur noch bedingt für den Informationsfluss
entscheidend verantwortlich. Einen erheblichen Teil der jihadistischen Propaganda
betreiben mittlerweile die jungen Sympathisanten selbstständig.
5
Dadurch findet eine
Indoktrinierung mit dem jihadisalafistischem Gedankengut eher durch eine fast
verselbstständigte Propagandamaschenerie statt. Für diese neuen Internetaktivisten
erfinden die Wissenschaftler der JihadismusForschung Begriffe wie ,,jihadi pundits"
6
,
,,Entrepeneur of Jihad"
7
oder ,,internet jihadi scholars".
8
Die eifrigsten Propagandisten
4
Tinnes, Judith: Internetnutzung islamistischer Terror und Insurgentengruppen unter besonderer
Berücksichtigung von medialen Geiselnahmen im Irak, Afghanistan, Pakistan und SaudiArabien, Saarbrücken
2010, S. 187.
5
Innenministerium NRW (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht des Landes NordrheinWestfalen über das Jahr
2009, S. 101 f.
6
Brachman, Jarret: AlQaeda's Army of One, in: Foreign Policy, 22. Januar 2010, unter:
http://www.foreignpolicy.com/articles/2010/01/22/al_qaedas_armies_of_one.
7
Kohlman, Evan: Interview in dem BBCDokumentarfilm ,,Generation Jihad", unter:
http://www.youtube.com/watch?v=PPpdhdcWIHo.
4
erhalten durch ihre Aktivitäten in den Video und Webportalen ,,a prominent position within
the online jihadisphere".
9
Auch auf den deutschsprachigen Internetseiten nimmt in den letzten Jahren die salafistische
Propaganda zu. Die Inhalte der Videos, Bücher und Artikel variieren zwischen dem puristisch
salafistischen Denken eines Pierre Vogels oder Hasan Dabbaghs bis zur radikalmilitanten
Propaganda von Eric Breininger. Da viele Salafisten im Internet anonym mit ihren
Sympathisanten kommunizieren, gibt es oft Anhaltspunkte, welcher salafistischen Strömung
sie angehören. Anhand der Propaganda existiert eine der wenigen Möglichkeiten, die jihadi
salafistische Strömung von den anderen Strömungen zu unterscheiden, da es ansonsten nur
wenig deutschsprachiges Material gibt, das offen erhältlich ist. In der folgenden Analyse
werden die Aktivitäten der deutschen Salafisten im Internet dargelegt. Hierbei muss
berücksichtigt werden, dass der deutsche Salafismus im Vergleich zu den anderen
europäischen salafistischen Bewegungen gewisse besondere Charakteristika aufweist, die
sich u.a. aufgrund der rigorosen staatlichen Vorgehensweise gegen antidemokratisch
agierenden Bewegungen in Deutschland entwickelt hat.
1
Die drei salafistischen Strömungen
In der Forschung wird der Salafismus in drei Strömungen
10
aufgeteilt, da sich in den
vergangenen Jahrzehnten eine dynamischen Entfaltung der salafististischen Denkschulen
entwickelt hat, die zu unterschiedlichen Positionen in der Methode (manhaj) der
Glaubensausübung geführt hat.
11
Drei Anhaltspunkte gibt es zwischen den Strömungen, die
die wesentlichen Unterscheidungen darstellen. Dabei handelt es sich um die Einstellung zur
Politik, die Beziehung der jeweiligen Gruppe zu dem herrschenden Regime und die
Anwendung von Gewalt.
12
1.1 Puristischer Salafismus
Die erste Strömung wird von dem Soziologen Oliver Roy als missionarisch und friedfertig
bezeichnet. Teilweise charakterisiert er die Strömung auch als neofundamentalistisch.
Irritation und Konfusion tritt hingegen vermehrt auf, wenn Roy diese Strömung als
MainstreamSalafismus bestimmt,
13
weil viele Wissenschaftler denselben Begriff für den
politischen Salafismus wählen. Quentin Wiktorowicz bezeichnet diese missionarische,
8
Paz, Reuven: Debates within the Family, JihadiSalafi Debates on Strategy, in Meijer, Roel (Hrsg.): Global
Salafism, Islam's New Religious Movement, London 2009, S. 273.
9
Brachman, Jarret: AlQaeda's Army of One, in: Foreign Policy, 22. Januar 2010.
10
Hierbei ist zu beachten, dass ich nicht die Aufgliederung von Oliver Roy übernehme, welche von zahlreichen
Verfassungsschutzämtern, Guido Steinberg und Ekkehard Rudolph angewandt wird; siehe Analyse der
Typologie in Wiktorowicz, Quintan: Anatomy of the Salafi Movement, in: Studies in Conflict and Terrorism, Vol.
29, Issue 3, 2006, S. 208 & Baehr, Dirk: Kontinuität und Wandel in der Ideologie des JihadiSalafismus, Eine
ideentheoretische Analyse der Schriften von Abu Musab alSuri, Abu Mohammad alMaqdisi und Abu Bakr Naji,
Bonn 2009, S. 26 43.
11
Rudolph, Ekkehard: Salafistische Propaganda im Internet, Eine Analyse von Argumentationsmustern im
Spannungsfeld von missionarischen Aktivismus, Islamismus und Gewaltlegitimation, in: PfahlTraughber, Armin
(Hrsg.): Jahrbuch für Extremismus und Terrorismusforschung 2009/2010, Brühl 2010, S. 488.
12
AbdelLatif, Omayma: Trends in Salafism, in: Emerson, Michael/ Kausch, Kristina/ Youngs, Richard (Hrsg.):
Islamist Radicalization, The Challenge for EuroMediterranean Relations, Centre for European Policy Studies,
Brussels 2006, S. 70.
13
Roy, Olivier: Der islamische Weg nach Westen, S. 241 ff.
5
pietistische Strömung daher als puristischen Salafismus.
14
Die wichtigsten Religionsgelehrten
der puristischen Strömung sind Nasir alDin alAlbani, Abd al Aziz ibn Baz und Mohammad
ibn alUthaimin. Ihre dogmatischen Wurzeln resultieren aus den Schriften Ibn Taymiyyas und
Ibn Abd alWahhabs. Für die puristischen Salafisten ist das Propagieren ihrer Ideen
entscheidend, da der Prophet Mohammed in der erste Hälfte seines Lebens nur Mission
(da'wa) betrieben hat. Um die junge muslimische Bewegung nicht zu gefährden, gab
Mohammed die Anweisung, keinen Aufstand oder Widerstand gegen die politische Elite zu
führen. Das Bestreben, den Islam zu einer Weltreligion zu befördern, sollte nicht gefährdet
werden.
15
Hierin zeigt sich der apolitische Charakter der Puristen, der jegliche Einmischung
in politische Angelegenheiten ablehnt. So behauptet alAlbani, dass die beste Politik das
Abwenden von der Politik sei.
16
Dem entsprechend wollen Puristen keine politische
Bewegung sein, die eine Partei gründet und aktiv am politischen Geschehen in einem Staat
mitwirkt. Laut den Puristen sind dies Innovationen, die von den westlichen Demokratien
stammen und deswegen unerlaubte Neuerungen (bida) beinhalten, da sie den Glauben
verunreinigen. Aus diesem Grund lehnen die Puristen sogar staatliche Institutionen ab, ohne
allerdings gewalttätig gegen diese vorgehen zu wollen. Der salafistische Auftrag besteht nur
darin, als Vorhut den Menschen den Glauben näher zu bringen. Sie wollen die ,,Reform der
Seele"
17
und nicht des Staates.
1.2 Politischer Salafismus
Eines der zentralen Probleme des Salafismus besteht darin, wie eine salafistische Bewegung
apolitisch in einer modernen, westlichgeprägten Welt handeln soll, obwohl es quasi
unmöglich ist, in einer solchen nicht politisch zu agieren. Puristische Salafisten gehen dem
Problem des Politischen aus dem Weg, in dem sie nur den Herrschern erlauben, politisch
aktiv zu werden. Für eine junge Generation von Arabern ist die Abstinenz von den
politischen Prozessen jedoch unerträglich, weil sie die Politik nicht als etwas ansehen, dass
nur die Herrscher anginge. Insbesondere Fragen der internationalen Beziehungen zwischen
islamischen und westlichen Staaten sieht eine junge Generation von Salafisten als
entscheidend an, um sich politisch einzumischen.
18
In SaudiArabien entwickelte sich deshalb ab den 1970er Jahren durch die Ideologen Safar al
Hawali und Salman alAuda eine politische Strömung im Salafismus, die von den Ideen der
Muslimbruderschaft stark beeinflusst wurde. Beide Ideologen waren Schüler des Ägypters
Mohammed Qutb, der in den 1960er Jahren nach SaudiArabien geflohen war. Durch ihre
Ideologie ist ein politischaktivistisches Element in die salafistische Strömung eingedrungen,
das zu einer neuen Bewegung geführt hat, die alSahwa (Erweckung) genannt wird.
Prominent wurde die alSahwaBewegung durch die Kritik von Safar alHawali am politischen
Handeln des saudischen Königshauses im Golfkrieg von 1990 bis 1991. Unter Puristen ist es
nicht erlaubt, die Herrscher für ihr Handeln zu kritisieren. AlHawali kritisierte dagegen
bewusst das Königshaus, weil sie mit den USA im Golfkrieg kooperierte. Aus alHawalis Kritik
geht hervor, dass gerade in der Dominanz der USA im Mittleren Osten eines der politischen
Kernprobleme resultiert, dem sich die Herrscher in SaudiArabien eigentlich hätten
14
Wiktorowicz, Quintan: Anatomy of the Salafi Movement, S. 208.
15
Wiktorowicz, Quintan: Anatomy of the Salafi Movement, S. 217.
16
Armborst, Andreas: A Profile of Religious Fundamentalism and Terrorist Activism, in: Defense Against
Terrorism Review Vol. 2, No. 1, Spring 2009, S. 50.
17
Roy, Olivier: Der islamische Weg nach Westen, S. 244.
18
Wiktorowicz, Quintan: Anatomy of the Salafi Movement, S. 221 f.
6
widersetzen müssen. Allerdings sieht alHawali in der saudischen Kooperation mit den USA
ein globales Netzwerk agieren, das den Islam schädigen wolle, weil es von einer christlichen
Rechten aus den USA angeführt wird.
19
Da die politischen Salafisten aus SaudiArabien einige Ideen der Muslimbruderschaft
adoptiert haben, sehen sie sich ebenfalls gezwungen, eine nichtgewalttätige, aber politisch
aktive Rolle im Staat zu spielen. Die Puristen lehnen die politische Betätigung (dawa hizbiyya)
ab, weil es angeblich im Widerspruch zur salafistischen Methode (manhaj) steht. Die
politische Betätigung lenkt den gläubigen Muslim auf den falschen Weg, seinen Glauben
richtig auszuüben, weil die hizbiyya als unerlaubte Innovation (bida) angesehen wird, die
unweigerlich zu Fanatismus führen würde.
20
Der entscheidende Unterschied zwischen
puristischen und politischen Salafisten liegt darin, dass die Puristen niemals beabsichtigen
würden, dass herrschende Regime zu stürzen. Auch wenn es kein militanter Sturz wäre,
betrachten die Puristen dies als anarchischen Zustand (fitna), der die Einheit des Islams
(tawhed) gefährden würde. Jede politische Aktivität gegen die Herrscher wird daher als
unerlaubte Innovation angesehen, die die Reinheit des Glaubens (tazkiyya) gefährdet.
Die politischen Salafisten kritisieren die Puristen wiederum, da die Reinheit des Islams nicht
allein daraus gewährleistet werden kann, indem nur Mission betrieben wird. Um den Islam
zu verteidigen, benötige jeder Salafist essentielle Kenntnisse über die politische Welt, in der
er lebt. So unterstellen die politischen Salafisten in ihrer Analyse des Weltgeschehens, dass
sich die islamische Welt aufgrund des westlichen Einflusses in einer Epoche der
Unwissenheit und Ignoranz (jahiliyya) befinde. Entscheidendes Ziel der politischen Salafisten
ist es, die Reinheit des Islams wiederherzustellen, in dem der Zustand der jahiliyya durch
politische Aktivitäten (harakis) beseitigt wird. Sie wandeln die Idee der Reinheit des
Glaubens (tazkiyya) um, in dem der Islam nur ,,rein" gehalten werden kann, wenn die
Salafisten politisch aktiv werden. Puristen würden hingegen niemals politisch aktiv am
Geschehen mitwirken wollen. Für Politische Salafisten liegt hier jedoch ein wesentliches
Merkmal ihrer Bewegung, da sie den Islam nur verteidigen können, wenn sie durch aktives
politisches Handeln die Feinde davon abhalten, die Einheit des Islams (tawhid) zu
zerstören.
21
Die bekannteste salafistische Gruppierung, die politisch agiert, ist die Muslimbruderschaft.
Eigentlich werden die Muslimbrüder als Islamisten bezeichnet. Allerdings kann der Begriff
Islamismus sowohl eng als auch weit ausgelegt werden. In der engen Auslegung wird die
Muslimbruderschaft nicht als salafistisch angesehen, weil sie eine Islamisierung des Staates
und dessen Institutionen anstrebt.
22
Laut dem Sozialwissenschaftler Andreas Armborst
besteht der Unterschied zwischen der Muslimbruderschaft und dem politischen Salafismus
darin, dass die Muslimbrüder politische Partizipation in den staatlichen Institutionen
akzeptieren. Die politischen Salafisten lehnen laut der engen Auslegung angeblich politische
Partizipation ab.
23
Dieser These kann nur bedingt zugestimmt werden, da erstens die
19
Fandy, Mamoun: Saudi Arabia and the Politics of Dissent, New York 2001, S. 61 f.
20
Hasan, Noorhaidi: Ambivalent Doctrines and Conflicts in the Salafi Movement in Indonesia, in Meijer, Roel
(Hrsg.): Global Salafism, Islam's New Religios Movement, London 2009, S. 171.
21
Wiktorowicz, Quintan: Anatomy of the Salafi Movement, S. 223 f.
22
Salomon, Noah: The Salafi Critique of Islamism. Doctrines, Difference and the Problem of Islamic Political
Action in Contemporary Sudan, in Meijer, Roel (Hrsg.): Global Salafism, Islam's New Religios Movement,
London 2009, S. 144.
23
Ich danke Andreas Armborst für den Hinweis, dass in der Wissenschaft zwischen politischen Islam/
Islamismus und politischen Salafismus ein Unterschied gemacht wird; siehe auch in meinem Blog unter:
7
Puristen jegliche politische Partizipation ablehnen, aber zweitens Ideologen wie alHawali
definitiv nach politischer Partizipation in SaudiArabien streben. Dies wird hingegen nicht
vom saudischen Staat geduldet. Meines Erachtens wollen die politischen Salafisten aus
SaudiArabien ebenfalls eine politische Beteiligung im Staate. Nur das Regime verbietet
jegliche politische Beteiligungen am staatlichen Geschehen und duldet deswegen auch keine
politischen Bewegungen. Dem entsprechend sind alHawali und alAuda in den 1990er
Jahren mehrere Jahre im saudischen Gefängnis gewesen. Und da sie sehr stark von der
Muslimbruderschaft insbesondere von Mohammed Qutb beeinflusst wurden, wähle ich
in meiner Analyse die weite Auslegung. Denn die Muslimbrüder beziehen sich ebenfalls auf
die frommen Altvorderen und streben einen reinen Glauben an, den sie allerdings nicht nur
durch Mission, sondern auch durch politischen Aktivismus erreichen wollen. Ideologisch ist
die alSahwaBewegung eindeutig den Ideen der Muslimbruderschaft zuzuordnen.
Außerdem gibt es arabische Gelehrte wie Muhammad Abed alJabir, die alle Islamisten auch
als Salafisten ansehen. Heute wird auch der Begriff alSalafiyia alharakyia verwendet, um
den Aktivismus der Gruppe zu charakterisieren, mit dem sie politische Reformen
herbeiführen wollen.
24
1.3 Jihadistischer Salafismus
Im Gegensatz zu dem puristischen und dem politischen Salafismus sind die Anhänger des
JihadiSalafismus militant und gewaltbereit. Für die jihadistische Strömung ist das reine
Missionieren nicht ausreichend. Sie sehen sich als eine kleine Elite an, die die Muslime vom
Unglauben reinigen müssen. Und dies ist nur mit Gewalt möglich. So behauptet einer der
wichtigsten Ideologen, Abu Mohammad alMaqdisi, dass der jihadistische Salafismus den
Monotheismus nur durch den Jihad erfüllen kann.
25
Nur mit dem Jihad lässt sich die Einheit
des Glaubens (tauhid) wieder herstellen und die Muslime zum ,,richtigen Glauben"
zurückführen. So charakterisiert alMaqdisi die Ideologie des JihadiSalafismus in einem
Interview mit den folgenden Worten: ,,We make the utmost effort to advance and further
explain this Tawheed [Einheit des Glaubens] to the people to remove them from the worship
of slaves to the worship of Allah alone. Our focus in this field is the Nullifiers of Islam like
turning away from ruling by other than what Allah has revealed, seeking judgment from
manmade laws and dismantling Allah's Sharee'ah [islamisches Recht]. And this is what is
meant by the modern Day usage of the word AlHakimiyyah [Souveränität Gottes], and Al
Hakimiyyah is a fundamental part of Tawheed."
26
Ideentheoretisch existieren im jihadistischen Salafismus drei wesentliche Ableger: Die erste
Wurzel liegt in der ägyptischen Muslimbruderschaft, deren militanter Flügel maßgeblich von
den Ideologen Sayyid Qutb beeinflusst wurde. Hinzu kommen noch die beiden Ägypter Abd
al Salam Faraq und Abd alQadir ibn Abd alAziz, die bis heute die globale Ideologie stark
prägen. Der zweite Ableger beruht auf der saudischen Staatsreligion: dem Wahhabismus.
Extremistische Auslegungen gibt es in den Schriften der Religionsgelehrten bzw. Ideologen
Nasir alFahd, Yusuf alUyairi, Abd alAziz alMuqrin und Abu Jandal alAzdi, die in den
http://jihadisalafismus.wordpress.com/2009/10/10/analysedesverfassungschutznrwuberdensalafismus
teil2/.
24
AbdelLatif, Omayma: Trends in Salafism, S. 69 f.
25
Hegghammer, Thomas: JihadiSalafis or Revolutionaries? On Religion and Politics in the Study of Militant
Islamism, in Meijer, Roel (Hrsg.): Global Salafism, Islam's New Religios Movement, London 2009, S. 255.
26
Interview mit Abu Muhammad alMaqdisi, in: alAsr Magazin, Januar 2010, unter:
http://jihadisalafismus.wordpress.com/category/abumuhammadalmaqdisi/.
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