Rom ist eine Stadt, über die unglaublich viel geschrieben wurde. „Jahrhundertlang hat Rom die Welt regiert“ 1 schreibt Franz Peter Waiblinger im Nachwort zu seinem Buch Rom. Ein literarischer Reiseführer. Nicht nur war es einmal die Hauptstadt der Welt, sondern hat auch nach dem Verfall des römischen Reichs seinen Einfluss nicht verloren. Die Eindrücke von der ewigen Stadt sind und waren in jeder zeitlichen Epoche und in verschieden Nationen ganz verschieden, was durch kulturelle Unterschiede und Werte geprägt ist. Für den einen war Rom eine große dichterische Inspiration, für den anderen war es eine große Enttäuschung die ewige Stadt in Ruinen zu sehen; „die meisten Autoren aber stehen im Bann der Stadt, versuchen ihre Wunder zu beschreiben, ihr Wesen zu begreifen oder doch wenigstens die Trauer über die Vergänglichkeit ihrer Größe anzusprechen“ 2 .
Durch die Betrachtung der Dichtung eines bestimmten Landes kann man einen Überblick über die Rezeption Roms in diesem bestimmten Land bekommen. In Deutschland wurde über Rom sehr viel geschrieben und vor allem auch gedichtet, weil Dichtung Gefühle und Emotionen am stärksten ausdrücken kann. Die lyrische Sprache, die von der alltäglichen Kommunikation weit entfernt ist, kann am stärksten die innersten Stimmungen, Empfindungen und Erlebnisse zum Ausdruck bringen.
Deutschland hat eine lange dichterische Tradition, in welcher die Romdichtung einen wichtigen Platz einnimmt. Verschiedene Dichter wie Goethe und Friedrich Rückert bis zu gegenwärtigen Autoren wie Feridun Zaimoglu kamen aus ganz unterschiedlichen Gründen in die Stadt Rom. Sehr oft wurde Rom zum Ziel der Bildung besucht, um sich mit den Kunstwerken Italiens vertraut zu machen. In den meisten Fällen war es die Suche nach seelischer Inspiration. Bemerkenswert ist auch, dass die Stadt aus ganz verschiedenen Perspektiven wahrgenommen wurde. Bei manchen Autoren sind nur allgemeine Eindrücke oder Gefühlsbeschreibungen zu sehen, bei anderen werden bestimmte Monumente Roms angesprochen. Die über Rom geschriebenen Texte beziehen sich sehr oft
1 Franz Peter Waiblinger: Rom. Ein literarischer Reiseführer. Darmstadt, 2005. S. 271.
2 Ebd., S. 272.
2
auf die „lockere[n] örtliche[n] Beziehungen“ 3 , so wie z.B. bei August von Platen in seiner Ode Die Pyramide des Cestius.
Italien spielt eine große Rolle im Leben und der künstlerischer Tätigkeit August von Platens, dessen literarische Wirkung und persönliches Leben sehr umstritten ist. 4 Er verbindet in sich Deutschland und Italien, vor allem in seiner Biographie, weil er in Deutschland in Ansbach geboren wurde und in Sizilien starb. Es ist also sehr sinnvoll die Romdichtung am Beispiel von diesem Autor zu betrachten. Schon als er sehr jung war, war seine Neigung zu Italien sehr stark. Theodor Schultz meint allerdings, dass sich die Berührungen Platens mit Italien in seinen Jugendjahren allein auf „allgemeine Kulturbeziehungen“ 5 beliefen. Seine Reisen dienten mehr seiner Begegnung mit italienischer Kunst und der Besichtigung „berühmte[r] historische[r] Örtlichkeiten“ 6 . So folgt er zum Beispiel auf seiner ersten Italienreise, die er 1824 unternommen hat, „der Sitte, sich auf Reisen zu bilden“ 7 . Dabei sprach er selbst davon, dass ihm „die Reife [fehle], sich mit der Kultur Italiens fruchtbar auseinanderzusetzen“ 8 . Seine Italiensehnsucht war bei den späteren Reisen durch ganz andere Gründe geprägt. Aus seinen Tagebüchern, die sehr wichtig für die Interpretation seiner Lyrik sind, kann man ersehen, dass August von Platen „an starken Anfällen von Melancholie und vor allem unter seiner homosexuellen Veranlagung [litt]“ 9 . Also suchte er Anreize für seine dichterische Inspiration in Italien, so wie es viele Dichter taten. Was seinen ganz persönlichen Grund betrifft, so suchte er in Italien, mit dessen liberalen Ansichten, die „äußer[e] Befreiung“ 10 und Anerkennung seiner Homosexualität, die in Deutschland stark abgelehnt wurde.
3 Ebd., S. 272.
4 Vgl. Gunnar Och: August Graf von Platen 1796-1835. Erlangen, 1996. S. 7.
5 Theodor Schultz: Platens Venedig-Erlebnis. Hg. v. Walter Hofstaetter. Berlin, 1940. S. 12.
6 Ebd., S. 12.
7 Ebd., S. 16.
8 Ebd., S. 16.
9 Gunnar Och: August Graf von Platen 1796-1835. Erlangen, 1996. S. 7.
10 Theodor Schultz: Platens Venedig-Erlebnis. Hg. v. Walter Hofstaetter. Berlin, 1940. S. 14.
3
„Anfang des 19. Jahrhunderts [wurde Homosexualität in Deutschland] noch immer als Laster oder Krankheit brutal verfolgt“ 11 und Platen befürchtete die Entlarvung seiner sexuellen Identität, welche zur „gesellschaftlichen Vernichtung“ 12 hätte führen können. Die Situation spitzte sich außerdem durch seine Beziehungen mit Heinrich Heine und den Literaturstreit zwischen den beiden zu. Es ist also offensichtlich, was August von Platen in Italien suchte und was seine Hoffnungen waren.
Von besonderem Wert sind natürlich die Sonette über Venedig, die seine Italienerlebnisse schildern. Was aber seine Romdichtung angeht, so kann man diese am Beispiel seiner Ode Die Pyramide des Cestius betrachten. Es muss zunächst geklärt werden, warum August von Platen dieses Gedicht überhaupt in Form der Ode verfasste. Die Strophenform der Ode ist „weniger durch formale Merkmale, sondern stärker durch Thema und Vortragsstil“ 13 geprägt. Dabei verwendet er den Hendekasyllabus (Elfsilbler), der am meisten bei Catull zu finden ist, und die Ode ist in hohem Stil (genus grande) verfasst. August von Platen aber macht das nicht zufällig, vielmehr greift er bewusst auf den antiken griechischen und nicht den modernen deutschen Vers zurück. Es war wichtig für Platen die Rudimente der Antike zu beschreiben, und schon in den ersten beiden Strophen verweisen solche Wörter wie „Denkstein“ oder „Grabmal“ auf das, was schon vergangen ist.
Diese Gedichtform kann in erster Linie als Loblied bezeichnet werden, wobei in Lobliedern in der Regel Personen gelobt werden. August von Platen spricht am Anfang des Gedichts hingegen die Cestius-Pyramide direkt an: Oeder Denkstein, riesig und ernst beschaust du
Trümmer bloß, Grabhügel, den Scherbenberg dort,
Hier die weltschuttführende, weg von Rom sich
14 Wendende Tiber!
Die Pyramide wird also nich nur thematisiert, sondern auch direkt angesprochen.
11 Uli Wunderlich: „Produktiv aus Verzweiflung. August Graf von Platen Erlanger Oeuvre“. In:
August Graf von Platen 1796-1835. Hg. v. Gunnar Och. Erlangen, 1996. S. 27.
12 Ebd., S.27.
13 Oliver Jahraus: Grundkurs Literaturwissenschaft. Stuttgart, 2008. S. 160.
14 August von Platen: „Die Pyramide des Cestius“. In: August Graf v. Platens Werke. Hg. v. Carl
Christian Redlich. Berlin, 1880. S. 192-194. Hier S. 192.
4
Arbeit zitieren:
Ievgeniia Bogomolova (Karashchuk), 2009, Rom als dichterische Inspiration am Beispiel der Lyrik von August von Platen, München, GRIN Verlag GmbH
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