1. Einleitung
Man mag es als Schicksal bezeichnen. Man mag Frankreich und England den Vorwurf machen, dass sie es zugelassen haben. Man mag glauben, es hätte gar nicht anders kommen können. Die Machtübergabe an Hitler und der Marsch in den Krieg hinein.
Niemand kann in Anspruch nehmen, genau sagen zu können, was geschehen wäre, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre. Die Chaostheorie besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings ausreicht, um am anderen Ende der Welt einen Wirbelsturm zu verursachen. Aufbauend auf derartigen Gedanken, kann man jede noch so winzige Veränderung der Ereignisse zum Anlass nehmen, alle folgenden geschichtlichen Geschehen über den Haufen zu werfen. Doch Tatsache ist, dass der Flügelschlag des Schmetterlings auch gar nichts auslösen kann. Hitlers Aufstieg und die unglaubliche Macht, die er erlangte, waren zum Zeitpunkt seiner Machterlangung noch nicht vorherbestimmt oder zu jedem Zeitpunkt vorauszusehen. Eher im Gegenteil. Die NSDAP hatte ihren Wahlzenit in der Weimarer Republik am 31.07.1932 erreicht und bei der nächsten Wahl im November bereits überschritten. 1
Hitlers Glück waren günstige Umstände für seine Pläne. Einer der größten Vorteile auf seiner Seite war die Appeasement-Politik Chamberlains. Jene Politik, die dazu führte, dass einem der größten Tyrannen der Geschichte die Kuchenstückchen, die er haben wollte, ganz freiwillig ausgehändigt wurden. Ohne auch nur einen Tag Krieg geführt zu haben, erreichte Hitler so die vollständige Revision des Versailler Vertrages. Was dann folgte, hatten die Staatsmänner aus dem Jahre 1938 vielleicht gefürchtet, aber dennoch nicht als Möglichkeit angesehen. Was auf die Revision folgte, sollte nach München seine Vollendung finden: Expansion. Der Scheitelpunkt vor der letztendlichen Einnahme von Gebieten, die auch unter dem Deckmantel des Selbstbestimmungsrechts der Völker nicht von Deutschland beansprucht werden konnten, ist das Thema dieser Arbeit. Die Konferenz in München am 29.09.1938. Ein Gegenstand, der in der Literatur von vielen Autoren
1 Dauer der Weimarer Republik vom Inkrafttreten der Verfassung am 14.08.1919 bis zum
30.01.1933; Vgl. Der Brockhause multimedia 2006 premium, Bibliographisches Institut & F. A.
Brockhaus AG, 2006 (letztes Update 13.03.2009) - Suchbegriffe: Weimarer Republik,
Reichstagswahlen.
1
ausführlich behandelt wurde. 2 Trotzdem bleibt zusagen, dass die meisten Bücher über dieses Thema nicht mehr unbedingt als aktuell bezeichnet werden können. Dennoch scheint der Forschungsgegenstand sehr gut ausgeleuchtet. Vorliegende Dokumente des Münchener Abkommens, sowie nachrichtliche Beiträge vom Ende der 30iger Jahre dürften dafür verantwortlich sein. Weshalb sollte man sich also mit dieser Versammlung und dem aus ihr hervorgegangenen Abkommen befassen? Die Antwort lautet: weil diese Konferenz und ihr Ergebnis ausreichen, um die katastrophalen Folgen der Appeasement-Politik darzustellen und zu demonstrieren, dass sich Hitlers Kriegsabsichten nicht erst kurze Zeit vor dem 01.09.1939 entwickelten. Aufgrund dieser immensen geschichtlichen Bedeutung soll dieser Arbeit folgende Frage zugrunde gelegt sein: Was bedeutete das Münchener Abkommen für Hitlers Revisions- und Expansionskampf? Die Frage nach der Bedeutung ist hier gewählt worden, um eine bloße Aneinanderreihung geschichtlicher Daten ohne eine Interpretation zu verhindern. Zu diesem Zweck soll jedoch vorerst die Versammlung in der Hauptstadt Bayerns in einen geschichtlichen Kontext gesetzt werden. Dies ist erforderlich, um die späteren Schlussfolgerungen zu untermauern und nicht nur als bloße Behauptungen im Raum stehen zu lassen. Anschließend wird eine Betrachtung in Hinsicht auf das Völkerrecht vorgenommen, sowie sich genauer mit der Bedeutung und den Auswirkungen des Abkommens auseinandergesetzt. Aus den dort getroffenen Beobachtungen sollen schließlich die Schlussfolgerungen noch einmal kurz und prägnant zusammengefasst werden.
Ein großer Teil meiner Recherche, besonders für das erste Kapitel, stützt sich auf die von Boris Celovsky geschriebene Arbeit „Das Münchener Abkommen 1938“, welche sehr umfassende Informationen bietet. Um mich genauer mit der völkerrechtlichen Komponente auseinanderzusetzen zog ich die Werke von Hartmut Singbartl „Die Durchführung der deutsch-tschechoslowakischen Grenzregelung von 1938 in völkerrechtlicher und staatlicher Sicht“ und Eckart Klein „Das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die deutsche Frage“ hinzu. Zur allgemeinen Studie über das Umfeld des Münchener Abkommens diente vor allem das von Heinz Hürten veröffentlichte Werk: „Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg“.
2 Siehe z.B. Boris Celovsky: Das Münchener Abkommen 1938. & Julian Campbell Doherty: Das Ende
des Appeasement. & das vom Institutum Bohemicum herausgegebene Werk: Deutsch-tschechische
Geschichte von „München“ bis „Potsdam“ & Erhard Spengler: Zur Frage des völkerrechtlich gültigen
Zustandekommens der deutsch-tschechoslowakischen Grenzneuregelung von 1938.
2
2. Die geschichtliche Einordnung der „Münchener Konferenz“ 2.1. Vom Anschluss Österreichs …
Redet man vom „Griff nach Prag“, so muss man etwas früher beginnen. Der Anschluss Österreichs geschah im Zuge der Revision und stellt in diesem Zusammenhang Hitlers ersten Schritt außerhalb Deutschlands dar. „Er erhielt Österreich und das Sudentenland, und zwar in einer Weise, die er selbst bestimmte.“ 3 Österreich hatte vor allem für die Tschechoslowakei schwerwiegende Folgen. Versailles territoriale Bestimmungen wurden das erste Mal durchbrochen, ohne eine wirkliche Reaktion des Völkerbundes oder einer anderen Macht Europas. Hitler schaffte es, die Politik der westlichen Demokratien durch das Selbstbestimmungsrecht der Völker unter der Parole „heim ins Reich“ so auszunutzen, dass man ihm, im Sinne des Appeasements, nichts als förmliche Proteste entgegenbrachte. Unter dem Deckmantel der Hilfeleistung für die österreichischen Nationalsozialisten marschierten deutsche Truppen am 13. März 1938 in ihrem Nachbarland ein. Die militärische Lage der Tschechoslowakei wurde so katastrophal verschlechtert. Grenzbefestigungen zur Abwehr waren hauptsächlich gegen Deutschland errichtet worden, jedoch nur sehr gering gegen das Land, mit dem Deutschland sich laut dem Versailler Vertrag nie wieder hätte zusammentun dürfen. Darüber hinaus hatte sich gezeigt, wie wertlos das Tschechische Bündnissystem war und in diesem Zusammenhang wie machtlos gleichzeitig die westlichen Demokratien gegenüber dem deutschen Nationalsozialismus unter Hitler. 4
2.2 … bis zur Tschechoslowakei
2.2.1. Die Sudetendeutsche Partei in den Plänen Hitlers
Die Tschechoslowakei war ihrerseits seit 1918 und mit der Festlegung ihrer Ausmaße durch die Pariser Friedensverträge vom 18. Januar 1919 5 in vier Bevölkerungsgruppen gespalten. Nachdem sie in ihrem Westteil auf der Basis der
3 Celovsky, Boris: Das Münchener Abkommen 1938. Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte
Band 3, Stuttgart 1958, Seite 476.
4 Vgl. Ebenda, Seite 136 f. & Hürten, Heinz: Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg. Studienbuch
Geschichte Darstellung und Quellen Heft 10, Stuttgart 1982, Seite 75. & Bühler, Christoph:
Geschichte 1. Deutschland vom 19. Jh. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs - USA - Sowjetunion.
Abitur-Training Geschichte, Freising 2004, Seite 193.
5 Vgl. Celovsky, Boris: Ebenda, Seite 99.
3
historischen Grenzen Böhmens neu gebildet worden war, bestand ihre Bevölkerung nun aus Slowaken, Polen, Ungarn und vor allem in den Sudetengebieten aus Deutschen. 6 Das Prinzip verlief ähnlich dem Österreichs, nur war es hier die „Sudetendeutsche Partei“ unter Konrad Henlein, die den Anschluss an das Deutsche Reich verlangte. Dieser Mitspieler fand nicht zuletzt aufgrund der Wirtschaftskrise sehr viel Zulauf von der starken deutschen Minderheit im Sudentengebiet nach ihrer Gründung als „Sudetendeutsche Heimatfront“ am 01.10.1933. 7 Von der Gruppierung unter Henlein schallten schon bald so laute Autonomieforderungen, dass die Tschechoslowakei sie gar nicht erfüllen konnte, ohne sich dabei aufzugeben. Die dadurch selbstverständlich entstehenden Spannungen führten zu zahlreichen Zwischenfällen und heizten die Situation noch mehr an. Deutschland hatte also eine gute Grundlage gefunden, den Anschluss so schnell wie möglich herbeizuführen und Henlein zeichnete sich als wichtiger Bestandteil der Pläne Hitlers aus. Auch wenn wohl einige Kreise der Deutschen der Tschechischen Lösung nach dem zweiten Weltkrieg nicht unbedingt abweisend gegenüberstanden, so hatte die neue Grenzziehung doch immerhin noch dreimillionen Deutsche in das Tschechoslowakische Gebiet gebracht. Mit etwa 23% der Gesamtbevölkerung stellt dies einen großen potentiellen Unruheherd dar. 8 Über das Jahr 1938 hinweg steigerten sich die Zwischenfälle in der Tschechoslowakei immer weiter. Zur Vorbereitung auf den Parteitag der NSDAP vom 5. bis 12. September in Nürnberg gehörte eine regelrechte Hetze gegen das Nachbarland Deutschlands. Die übliche Propaganda durch Fernsehen und Rundfunk sowie Aufmärsche und Kundgebungen waren begleitet durch Überfälle der Sudetendeutschenpartei auf Antifaschisten und kontrollierte Zwischenfälle gegen die Behörden in den Grenzgebieten. Ein vollkommenes Chaos sollte entstehen, dem die tschechische Regierung niemals Herr werden konnte und somit zum Schusswaffengebrauch provoziert sein sollte. Europa stand diesem Schauspiel und Hitlers sich häufenden Kriegsdrohungen tatenlos gegenüber. „Die Sorge, einem Krieg gegen Deutschland, Italien und Japan nicht gewachsen zu sein, veranlaßte die
6 Vgl. Ebenda, Seite 104.
7 Vgl. Der Brockhaus Multimedia 2006 premium, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG,
2006 (letztes Update 13.03.2009) - Suchbegriff: Sudetendeutsche Partei.
8 Vgl. Celovsky, Boris: Das Münchener Abkommen 1938. Quellen und Darstellungen zur
Zeitgeschichte Band 3, Stuttgart 1958, Seite 102 & 110-123. & Hürten, Heinz: Zwischenkriegszeit und
Zweiter Weltkrieg. Studienbuch Geschichte Darstellung und Quellen Heft 10, Stuttgart 1982, Seite
75.
4
Arbeit zitieren:
Jan Seichter, 2009, München 30.09.1938 - Das Ende der Revision, München, GRIN Verlag GmbH
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