Inhaltsverzeichnis
I. Einführung in die Thematik 3
II. Rahmenbedingungen gleichgeschlechtlicher Familienformen 6
II.1 Aktuelle Datenlage und Forschungsstand 6
II.2 Formen der Elternschaft/ Herkunft der Kinder 8
II.3 Rechtliche Grundlagen 9
III. Aufwachsen in gleichgeschlechtlichen Familien 12
III.1 Kindliche Biografie 12
III.2 Eltern-Kind-Beziehung 14
III.3 Erziehungsorganisation und Familienalltag 16
III.4 Erziehungsverhalten und Sozialisationseinflüsse 17
IV. Aspekte der kindlichen Entwicklung 20
IV.1 Externale Entwicklungsfaktoren 20
IV.1.1 Diskriminierungserfahrungen und Stigmatisierung 20
IV.1.2 Das Fehlen einer Geschlechterrolle 22
IV.2 Internale Entwicklungsfaktoren 23
IV.2.1 Persönlichkeitsentwicklung 23
IV.2.2 Identitätsentwicklung 25
V. Schlussbemerkungen und Bilanz 29
Literaturverzeichnis
Anhang
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I. Einführung in die Thematik
In der heutigen von Modernisierung, Pluralisierung, Globalität und Flexibilität geprägten Zeit, gehören neben traditionellen Familien bestehend aus „Vater - Mutter - Kind“, auch alternative Sozialisationsinstanzen zunehmend zu den aktuellen gesellschaftlichen Realitäten. In der Praxis ist demzufolge eine Vielfalt von Lebens-, Liebes- und Beziehungsformen entstanden, für die in den tradierten Kategorien des gesellschaftlichen Bewusstseins gewöhnlich kein Raum vorgesehen ist (Funcke und Thorn 2010). Insbesondere die traditionellen Auffassungen schaffen eine klare Abgrenzung bezüglich des Begriffs „Familie“ und definieren beispielsweise wie folgt:
„[A family is a] social group characterized by common residence, economic cooperation, and reproduction. It includes adults of both sexes, at least two of whom maintain a socially approved sexual relationship, and one or more children, own or adopted, of sexually cohabitating adults.“ (Murdock 1949 in Hill & Kopp, 2006, 12)
Demgegenüber definierte der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler in einer Ansprache mit dem Titel „Von der Freiheit, Kinder zu haben“ im bayerischen Tutzing knapp 60 Jahre später, „Familie ist, wo Kinder sind“ (www.queer.de 2006). Diese Aussage, die bereits seit den frühen 1990er Jahren von der städtischen Berliner Familienpolitik vertreten wird, integriert wie selbstverständlich die Zugehörigkeit neuer Familienformen, in denen beispielsweise zwei lesbische Mütter respektive zwei schwule Väter Kinder erziehen (Ebel 2001). Während allerdings alternative Lebensformen sukzessive toleriert und akzeptiert werden, werden andererseits kritische Stimmen laut, sobald es um das Aufwachsen von Kindern bei schwulen oder lesbischen Eltern geht. Nicht selten zeigen auch jene Menschen Bedenken, die postulieren, offen und tolerant gegenüber Homosexuellen zu sein (Mayrhofer 2009). Dass Kinder für ihre Genese Mutter und Vater bräuchten sowie eventuell zu erwartende „Entwicklungsschäden“ sind periodische Bedenken hinsichtlich der Erziehungsarbeit homosexueller Eltern. Psychische Labilität und diffizile soziale Beziehungsgestaltungen der Kinder aufgrund der fortdauernden Konfrontation mit Stigmatisierung und
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Diskriminierung reihen sich neben einer potenziellen eigenen
Homosexualität und Störungen der Geschlechtsidentität in das breite Spektrum der Ressentiments (ebd.). In diesem Zusammenhang wird die gleichgeschlechtliche Familie als wohl subtilste moderne Familienform kritisch expertisiert und muss sich kontinuierlich umstrittenen Diskussionen stellen.
Die vorliegende Arbeit greift den aktuellen Diskurs auf und beschäftigt sich im Folgenden mit der Lebenssituation von Kindern aus gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und erörtert, inwiefern die sexuelle Orientierung der Eltern, einhergehend mit dem Fehlen einer Geschlechterrolle Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder hat. Ausgangspunkt der Ausarbeitung sind dabei die aktuellen
Forschungsergebnisse und rechtlichen Hintergründe bezüglich des Aufwachsens von Kindern in gleichgeschlechtlichen Familien. Im Besonderen wird dabei die alltägliche Lebenssituation dieser Kinder diskutiert und diverse Aspekte der kindlichen Biografien und der Beziehungsgestaltung zwischen homosexuellen Eltern und deren Kindern kritisch untersucht. In Bezug auf die zentrale Fragestellung wird im Anschluss explizit und unter besonderer Berücksichtigung von externalen und internalen Faktoren auf die Entwicklung der Kinder eingegangen, die sich vor dem Hintergrund des Fehlens einer der beiden Geschlechterrollen vollzieht.
Der erste Abschnitt der Arbeit thematisiert bezugnehmend auf empirische Forschungsgegenstände und aktuelle Daten gegenwärtige Rahmenbedingungen gleichgeschlechtlicher Familienformen. Insbesondere werden hierbei die Varianten der Elternschaft unter Berücksichtigung der Herkunft der Kinder vorgestellt und rechtliche Grundlagen und Positionen erläutert.
Im zweiten Teil der Arbeit wird der Fokus auf die Lebenssituation der Kinder gerichtet. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen dabei die kindliche Biografie, die Beziehungsgestaltung im gleichgeschlechtlichen
Familiensystem sowie die Erfahrungen der Kinder in Bezug auf Reaktionen der Gesellschaft.
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Im dritten Abschnitt wird unter Berücksichtigung, der zuvor erörterten Aspekte, die Identitätsentwicklung der Kinder kritisch untersucht. Von zentralem Interesse ist hierbei die Entwicklung der Geschlechtsidentität vor dem Hintergrund der Homosexualität der Eltern. Der letzte Teil der Arbeit fasst die einzelnen Aspekte zusammen, legt die persönliche Meinung der Autorin dar und wagt eine Zukunftsprognose.
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II. Rahmenbedingungen gleichgeschlechtlicher Familienformen
Nach Eggen (2002) ist der Mikrozensus 1 , als europaweit größte repräsentative Bevölkerungsstichprobe, international die wohl einzige amtliche Statistik, die nun mehr seit 1996, ökonomische sowie familiärstrukturelle Informationen über gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften zyklisch dokumentiert (ebd.).
II.1 Aktuelle Datenlage und Forschungsstand
Anders als beispielsweise in den USA oder den Niederlanden, sind empirisch abgesicherte, sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse zur Anzahl, Verbreitung und Situation gleichgeschlechtlicher Familien im
deutschsprachigen Raum vergleichsweise selten. Eine noch diffizilere und instabilere Datenlage liegt darüber hinaus bei den Queerkids 2 vor, die nach Eggen (2002) auf die unzureichende Sicherheit der Basisdaten zurückzuführen ist (siehe Anhang 1). Je spezifischer ergo die Thematik, desto selektiver werden die Befunde und desto spärlicher das vorhandene statistische Material (Rupp 2009). Hochrechnungen auf der Grundlage des Mikrozensus ergeben, dass in der Bundesrepublik im Jahr 2007 - das sind die aktuellen statistisch erfassten Daten - mindestens 68.400 gleichgeschlechtliche Paare in einem gemeinsamen Haushalt leben (Rupp 2010). Da 93 Prozent jedoch keine Kinder haben, kann davon ausgegangen werden, dass gegenwärtig in mindestens 5.000 homosexuellen Familien 7.300 Kinder aufwachsen (Eggen 2010). Rupp (2009) postuliert diesbezüglich, dass Schätzungen den Umfang der Kinder in
Regenbogenfamilien 3 zu niedrig apostrophieren, da bereits die Basisdaten in puncto homosexueller Lebensgemeinschaften Differenzen aufweisen. Im
1 Ein-Prozent-Stichprobe der Haushalte in Deutschland (Zufallsauswahl). Er schätzt die Verteilung
der Familien und ihrer Binnenstrukturen in Form von Hochrechnungen. (Rupp 2009)
2 Kindern die bei homosexuellen Partnern leben; Der Begriff „queerkids“ ist angelehnt an den
amerikanischen Begriff „Queer-Family“(Familien, in denen sich ein Lesben- und ein Schwulenpaar
die Elternschaft der gemeinsam gezeugten Kinder teilen) (queerkids.de 2010)
3 Gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern
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Mikrozensus werden beispielsweise ausschließlich homosexuelle Paare die in einer Lebenspartnerschaft leben berücksichtigt. So fehlen laut Eggen (2010) statistische Informationen über homosexuelle alleinlebende Personen, gleichgeschlechtliche Paare in getrennten Haushalten sowie homosexuelle alleinerziehende Eltern und infolge dessen die tatsächliche Verbreitung gleichgeschlechtlicher Lebensformen und Elternschaft.
Ausgehend davon dürften nach Ansicht der Autorin, in Deutschland signifikant mehr Kinder gleichgeschlechtlich orientierte Eltern haben, als in den amtlichen Statistiken ausgewiesen.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist vergleichsweise neu und erfährt erst in den letzten drei Jahrzehnten die Aufmerksamkeit der Sozialforschung. Seit den frühen 1980er Jahren existieren auf internationaler Ebene bis heute etwa 100 Studien über Regenbogenfamilien (Streib-Brzic und Gerlach 2010). Während die überwiegende Anzahl der Studien laut Mayrhofer (2009) aus den USA stammen und sich auf den englischsprachigen Raum beziehen, sind Ergebnisse aus deutschsprachigen Studien nur rudimentär vorhanden. Zudem handelt es sich generell um kleinere Untersuchungen, die nicht selten methodische Schwächen und unzuverlässige Ergebnisse beinhalten, da die Stichproben einen tendenziell zu geringen Umfang aufweisen (Rupp 2009). Eine der bis dato aussagekräftigsten deutschen Studien wurde im Zusammenhang mit der Lebenssituation von Kindern in
gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, einhergehend mit der rechtlichen Situation homosexueller Eltern, vom Bundesministerium für Justiz in Auftrag gegeben und vom Staatsinstitut für Familienforschung der Universität Bamberg in Zusammenarbeit mit dem Staatsinstitut für Frühpädagogik in München realisiert. Detaillierte Forschungsergebnisse sind seit 2009 im Bundesanzeiger Verlag veröffentlicht und werden in Bezug auf die Ausführungen der vorliegenden Arbeit nachfolgend Berücksichtigung finden.
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II.2 Formen der Elternschaft/Herkunft der Kinder
Obgleich die Regenbogenfamilie, wie in Punkt II.1 dargelegt, eine äußerst geringe Häufigkeit aufweist, ergibt sich dennoch eine beträchtliche Diversität an Familienkonstellationen, da sich zahlreiche
Differenzierungsmöglichkeiten anbieten (siehe Anhang 2).
„Da gibt es den schwulen Vater mit einem adoptierten Kind, der in einer
Eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt; das lesbische Paar, das mit
Kindern aus einer früheren Ehe zusammenlebt; das gleichgeschlechtliche
Paar, das ein Pflegekind aufgenommen hat, oder z.B. ein Lesben- und
Schwulenpaar, das mit den gemeinsam gezeugten Kindern in einer
sogenannten „Queer-Family“ zusammenlebt.“ (Funcke und Thorn 2010, 13)
Die zentrale Fragestellung bei der Zusammensetzung der Zielgruppen ist in diesem Zusammenhang die Entstehungsgeschichte der
gleichgeschlechtlichen Familie, die die biografische Konstellation im Kontext homosexueller Elternschaft beschreibt. Konstitutiv lassen sich dabei leibliche, juristische 4 und soziale 5 Elternschaften charakterisieren (Rupp 2009). Statistische Zahlen belegen, dass die überwiegende Mehrheit der Kinder, die bei schwulen oder lesbischen Eltern aufwachsen, mit einem leiblichen Elternteil - und teilweise ergänzend mit einem sozialen und/oder juristischen Stiefadoptivelternteil - zusammenlebt (ebd.).
„Die erste (…) Form lesbisch-schwuler Elternschaft setzt sich aus Lesben
und Schwulen zusammen, deren Kinder aus vorherigen heterosexuellen
Beziehungen stammen und die mit ihren Kindern in gleichgeschlechtlichen
Partnerschaften leben oder alleinerziehend sind.“ (Peukert 2008, 297)
Neben der Erziehung leiblicher Kinder aus vorherigen heterosexuellen Beziehungen erfährt die Realisierung des gemeinsamen Kinderwunsches per Insemination, Adoption oder In-Pflege-Nehmen, den Aussagen Peukerts (2008) zufolge, bei lesbischen oder schwulen Paaren eine sukzessive Steigerung. Während diese Vorgehensweisen vor 20 Jahren noch weitestgehend undenkbar und mit Ablehnung verbunden waren, werden
4 Wird als solche bezeichnet, wenn sie von der Gesetzgebung anerkannt ist.
5 Wird als solche bezeichnet, wenn sie durch Zuwendung und die Verantwortungsübernahme für das Kind gekennzeichnet ist.
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Arbeit zitieren:
Monika Thiem, 2011, Queerkids - Die Lebenssituation und Entwicklung von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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