Inhaltsverzeichnis:
I. Einleitung 1
II. Wolframs von Eschenbach Verarbeitung der Märtyrerproblematik im 2 bis 5
Willehalm
II.1. Der Tod „Vivianz'“ 2
II.1.1. Sein Martyrium 2 bis 3
II.1.2. Vivianz als Heiliger 3 bis 4
II.1.3. Reaktionen Willehalms auf Vivianz Tod 4
II.2. Wolframs von Eschenbach Intentionen 4 bis 5
III. Gegenüberstellung der Märtyrer-Stoffverarbeitung Wolframs mit der 6 bis 16
mittelalterlichen Todesvorstellung
III.1. Gründe für das Aufgreifen des Märtyrerstoffs 6 bis 8
III.2. Das zeitgenössische Bild eines Märtyrers 8 bis 10
III.3. Ansichten vom Sterben, dem Tod und der Heilserwartung 10 bis 12
III.4. Die Frage nach der Vereinbarkeit von biblischen Friedenswunsch und dem 13 bis 16
Heiligem Krieg
IV. Der Minnetod des Heiden „Tesereiz“ und der Märtyrertod „Vivianz“ 17 bis 20
V. Schlussbetrachtung 21
VI. Quellenverzeichnis 22
VII. Literaturverzeichnis 23
I. Einleitung
„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? […] Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht.
Wer will verdammen? Jesus Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.
Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?
wie geschrieben steht (Psalm 44, 23): ֽUm deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.'
Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Römer 8, 31-39)
Der letzte Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Römer spiegelt die zentralen Aspekte meiner Hausarbeit wider. Es soll mir um die 'Liebe Gottes' gehen. In diesem Zusammenhang, also der damit verbundenen Gnade, möchte ich untersuchen, inwiefern die Errettung der Menschen durch den Tod Jesu und ihre generelle Erwähltheit sich im Sterben der Figuren im
Wie sich die Auserwähltheit möglicherweise auch als Mittel zur Abgrenzung nutzen ließ, ist ein Aspekt, den ich in der Frage nach der Vereinbarkeit von biblischen Friedenswunsch und Heiligen Krieg, verstärkt aber auch im Vergleich des Minnetods des Heiden Tesereiz mit Vivianz Märtyrertod, nachzeichne. In diesem Kontext will ich die Rechtfertigung des Sterbens und schließlich auch des Tötens für den Heiligen Krieg, aus mittelalterlicher Sicht, ergründen. Mit der anfänglichen Schilderung des Märtyrertods Vivianz aus dem
II. Wolframs von Eschenbach Verarbeitung der Märtyrerproblematik im
II.1. Der Tod Vivianz
II.1.1. Sein Martyrium
Der Tod der Figur Vivianz wird in Wolframs von Eschenbach
Im Kampf gegen den Heidenkönig Noupatris, der als junger und schöner Kämpfer beschrieben wird und deren Motive als ausschließlich „der Liebe zu Ehren“ (Wolfram von Eschenbach 2003, S.15) festgelegt werden können, erlitt Vivianz seine tödliche Verwundung. Ausführlich und in nahezu grausamer Treue zum Detail, führte Wolfram seinem Publikum die Schwere der Verletzung vor Augen. So heißt es,
„er [Vivianz] litt Todesnot.[...] Köcher und[...] Pfeil hatten durch ihn hindurch mit dem Lanzenbanner ihren Weg genommen, daß man sie auf seinem Rücken sah, geführt von der Hand des Königs, der sie Vivianz durch den Leib gebohrt hatte[...], so daß ihm das Eingeweide nach dem Zweikampf über dem Sattel hing“ (Wolfram von Eschenbach 2003, S. 16-17).
Mutig und tapfer stürzte sich Vivianz erneut in die Schlacht und schien keinen Schmerz zu kennen. Und selbst in seiner Todesnot gelang es Vivianz noch ritterlich zu kämpfen und Noupatris zu töten. (Vgl. Wolfram von Eschenbach 2003, S. 15-17)
Als Vivianz dann aber vom Kampfgetümmel bei Alischanz abgedrängt wurde, war er dadurch geschwächt, dass sich das Tuch gelöst hatte, mit dem er seine Eingeweide erst hoch gebunden hatte. Trotz einer solchen Lage wird beschrieben, dass eine Flucht für den Mann von Stand und einer solchen Herkunft nicht in Frage gekommen wäre. Vivianz kämpfte unablässlig weiter, „um seiner Ehre Willen und um möglichst viele Heiden zu erschlagen“ (Wolfram von Eschenbach 2003, S. 26). Selbst in seinem Sterben schlug er noch 7 Heidenkönige nieder. Die Rache, die Halzebier für seine Gefährten dafür an Vivianz nahm, bedeute sein endgültiges Ende. Vivianz wurde von dessen Schwert so schwer getroffen, dass er vom Pferd fiel. Wahrscheinlich bewusstlos durch den schweren Schwerthieb oder die Hufschläge der Pferde, kam er erst wieder zu sich als die anderen Kämpfenden fort geritten waren.
Mit seinen letzten Kräften zog er sich noch auf ein verletztes Pferd und ergriff noch sein Schild. Diese Zeichen von Ritterlichkeit 1 werden anschließend von Wolfram durch die Betonung der „triuwe [und des] ritterlichen prise“ 2 noch verstärkt. Insbesondere wird aber deutlich gemacht, dass er für Heil, Glauben und Seligkeit (Vgl. Wolfram von Eschenbach 2003, S. 31.) gekämpft, sich in Tapferkeit ausgezeichnet, Ruhm erworben und letztlich den Tod und damit sein Heil empfangen hat.
1 Pferd und Schild - als Zeichen des ritterlicher Kampfausrüstung.
2 Treue und des ritterlichen Ruhms ; Wolfram von Eschenbach 2003, S. 31.
„Zum Tod bestimmt - die Seele freilich sollte leben“ (Wolfram von Eschenbach 2003, S.31), war also das Bewusstsein, indem er sich befand, als er am Bronn im Schatten der Bäume dem Erzengel Cherubin das Versprechen abnahm, ein letztes Mal seinen Oheim sehen zu dürfen und schließlich neuerlich ohnmächtig wurde.(Vgl. Wolfram von Eschenbach 2003, S. 30-32)
II.1.2. Vivianz als Heiliger
Was ist es, das Vivianz zum Heiligen werden lässt?
Was ihn zum Vorbild und Inbegriff eines Gotteskriegers macht ist bereits in seinem unermüdlichen Streben - selbst im Sterben noch - für den Glauben zu kämpfen, beschrieben worden und rechtfertigt eine solch starke Aussage, wie: „Vivianz auf dein Martyrium kann sich jeder Ritter vor Gott berufen“(Wolfram von Eschenbach 2003, S.32).
Seine Heiligkeit und die Tatsachen, die seinen Tod zu einem Martyrium werden lassen, bei der er die „ewige Seligkeit gewinnt“ (Bumke 1997, S. 194) werden jedoch nicht in der Einsamkeit Vivianz', sondern vielmehr mit dem Erscheinen Willehalms ausgeführt. Zum einen schickt Wolfram hier seine Ausgewähltheit voran, „din edel herze us erkorn“ 3 , die jedem Christenmenschen in der Gemeinschaft Jesu zuteil wird und als selbstverständliche Tatsache wohl nur Erwähnung finden und dem weiteren Ruhm dienlich sein soll - als besondere Erwähltheit. Zum anderen war „sölh süeze an dime libe lac“ 4 , also seine Wunden dufteten so süß, dass Wolfram sie mit den schönsten Wohlgerüchen und gar übertrieben wirkenden Metaphern umschrieb. Ein Geruchswunder (vgl. Bumke 1997, S. 195), dessen Zeuge Willehalm wurde, vollzog sich im Tod Vivianz'. (Vgl. Wolfram von Eschenbach 2003, S. 40-41)
Doch bevor „solch Wohlgeruch [sich sogleich] verbreitete[...] als Leib und Seele voneinander schieden“ (Wolfram von Eschenbach 2003, S. 45) und Vivianz starb, wollte er noch die Beichte ablegen. In seinem Bekenntnis war Dank, aber auch die Aufforderung an den Onkel, Gyburc weiterhin zu lieben. Vivianz bekannte zwar einerseits stolz zu sein, ehrenvoll gegen die Heiden gekämpft zu haben, glaubte aber dennoch seinem Onkel nicht genug im Kampf gedient und sich so Schuld aufgeladen zu haben. Willehalm beruhigte Vivianz und negierte gar dessen Sündenlast. Auch das Brot 5 gab er ihm, „das ein Schutz ist vor dem Tod der Seele“ ( Wolfram von Eschenbach 2003, S. 44). Mit dem so gespendeten Beistand Jesu, der nun seine Seele gewiss vor den Höllenqualen rettete, starb Vivianz. (Vgl. Wolfram von Eschenbach 2003, S. 39-45).
II.1.3. Reaktionen Willehalms auf den Tod Vivianz
Bereits mit der tödlichen Verwundung Vivianz' wurde die Klage und Betrübnis über den jungen
3 „Dein auserwähltes , edles Herz“; Wolfram von Eschenbach 2003, S. 40.
4 „Solch heilige Süße war in dir“; Wolfram von Eschenbach 2003, S. 40.
5 Die geweihte Hostie/ als heiliges Sakrament; Vgl. Bumke 1997, S. 194.
Ritter laut. Als Willehalm den ohnmächtigen Neffen an der Quelle wie tot auffand, gerät er so in Wehklagen über den Verlust, dass er selbst auch das Bewusstsein verlor. Sein großer Schmerz ließ ihn all die hervorragenden Eigenschaften des Jünglings in Erinnerung rufen und sie in höchsten Maße preisen.
Als Onkel und direkter Verwandter legt er dann nicht nur Zeugnis für das stattfindende Geruchswunder ab, er übernimmt auch die wesentliche Funktion den Sterbenden auf seinen Tod vorzubereiten. Denn Willehalm ist es, der Vivianz fragt, ob er schon die Beichte abgelegt habe und gibt ihm schließlich die Möglichkeit, in dem er sie Vivianz selbst abnimmt. Genauso wie er seinem Neffen, durch das in Frankreich geweihte Brot, ein letztes Abendmahl reicht und ihn so für den Weg in die Ewigkeit rüstet. (Vgl. Wolfram von Eschenbach 2003, S. 16, 39-45)
II.2. Wolframs von Eschenbach Intentionen
In diesem Abschnitt will ich der Frage nachgehen, welche Wirkungen und möglichen Intentionen Wolfram als Laie
6
mit der angesprochenen Märtyrerproblematik verfolgt haben könnte. Als Weltlichen, darf man seine Bildung in besonderem Maße hinterfragen und somit die geistigen Grundlagen seines schöpferischen Tuns untersuchen, bevor mögliche Intentionen betrachtet werden. Im Grunde stellt Joachim Bumke fest, kann man Wolfram zu einem „miles quasi litteratus, [einem] hochgebildete[n] Ritter“(Bumke 1997, S.7) zählen, der zwar kein Studierter, aber bei weitem auch kein Analphabet
7
war, wie er es selbst vielleicht im
An solche theologischen Fragen bzw. an christliche Grundsätze versucht Wolfram zu appellieren, wenn er in seinem
6 Laien sind die im Gegensatz zum Klerus nicht geweihten Mitglieder der katholischen Kirche, die das Kirchenvolk bilden. Die meisten Laien waren im MA Analphabeten. (Vgl. Dinzelbacher 1992, S. 461, Sp. links).
7 Bumke 1997, S. 5; „Ich kann keinen Buchstaben lesen“ (Parzival).
8 „Gedenke zu Sterben“/ Haas 1989, S. 46.
dem Tod zu gegebener Stunde übergeben - weil Adam einst sündigte. Wolfram bringt im
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Pia-Loreen Kramm, 2011, Märtyrertod im "Willehalm" Wolframs von Eschenbach, München, GRIN Verlag GmbH
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