1. Einleitung
Carl Schmitt bezeichnet das Politische als die Unterscheidung zwischen Freund und Feindzwischen Krieg und Frieden. 1 Auch die verschiedenen Theorien der internationalen Beziehung haben sich zum Ziel gesetzt über die Ursachen von Kriegen und wie diese vermieden werden können, näheres herauszufinden. Eine dieser Theorien ist der Realismus über den Robert Wagner 2007 schrieb:
„Nearly every author who wants to write something portentous about international politics
either defends Realism, invents a new species of it, or uses it as a point of departure for some
other “ism” that he or she wants to defend“ 2
Der Realismus ist eine zentrale Theorie der internationalen Politik, die entweder kritisiert oder von dieser ausgehend, eigene Ideen entwickelt werden. So zum Beispiel der Neorealismus, auch struktureller Realismus genannt, von Kenneth N. Waltz. Dieser veröffentlichte 1979 sein Buch „Theory of International Politics“ und schuf damit den Neorealismus. Bei einer neorealistischen Analyse der Politik werden vor allem die Machtpotentiale (Capabilities) der Staaten betrachtet. Derjenige Staat, der am meisten Macht hat, bestimmt die internationale Politik. Gleichzeitig werden aber andere Staaten versuchen genau so viel Macht anzuhäufen, um ihre eigene Existenz vor dem größten Machthaber zu schützen. Es kommt zu einem ständigen Ausgleich der Macht gegeneinander, zum balancing of Powers. Im Jahr 1979, zum Zeitpunkt des Kalten Krieges, war diese Theorie ideal. Sie konnte das Verhalten der beiden Supermächte USA und UDSSR exakt beschreiben. Doch der Kalte Krieg ist seit 1991 vorbei und seitdem verliert der Neorealismus zunehmend an Erklärungskraft.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Möglichkeiten und Grenzen des Neorealismus aufzuzeigen. Ist dieser noch zeitgemäß oder nur das Relikt einer vergangenen Epoche? Die Theorie wird unter der These untersucht, dass die Epoche in der, der Neorealismus die internationale Politik erklären konnte, abgelaufen ist. Er aber immer noch in jenen Regionen der Welt Erklärungskraft besitzt, in der politische Zustände herrschen, die dem Kalten Krieg ähnlich sind. Also dort, wo die einzelnen Staaten auf sich alleine gestellt sind und jegliche Kommunikation mit ihrem politischem Gegner unterlassen.
Um diese These hinreichend zu überprüfen, wird in Kapitel zwei zunächst die Theorie des Neorealismus vorgestellt. In Kapitel drei folgt eine Analyse der Möglichkeiten und Grenzen des Neorealismus anhand des Kalten Krieges. Im abschließenden Kapitel vier wird dann mit Hilfe des problematischen Verhältnisses zwischen Nord- und Südkorea, die heutige Erklärungskraft des Neorealismus abgezeichnet, bevor die Grenzen des Neorealismus mit kurzen Beispielen aus der aktuellen internationalen Politik deutlich gemacht werden.
1 vgl. Schmitt: Begriff des Politischen, 1932, S. 26 - 27
2 Wagner: War and the state, 2007 , S. 1
1
2. Theory of International Politics
Kennenth N. Waltz hat 1979 die Theorie der internationalen Beziehungen grundweg erneuert. Sein Werk „Theory of International Politics“ behandelt eine Theorie der internationalen Politik und wie Waltz ausdrücklich sagt, keine Theorie der Außenpolitik. 3 Er führt die internationale Politik als eigenständiges Politikfeld mit einer eigenen Theorie ein, sie ist „distinct from economic, social and other international domains.“ 4 Das Hauptziel seiner Theorie war zu analysieren, warum Staaten, die von ihrer Konstitution vollkommen verschieden sind, sich im internationalen System sehr ähnlich verhalten. 5 Um dies zu erklären beschreibt er die Struktur des internationalen Systems. Die Struktur ist allein für das Verhalten der Staaten verantwortlich. Durch den starken Fokus auf die Struktur, wird der Neorealismus auch struktureller Realismus genannt. Im folgenden wird dieser genauer erläutert. Bei der Vorgehensweise orientiere ich mich an dem Aufbau von „Theory of International Politics“ und werde zunächst die Bedeutung der Struktur und des Systems erläutern. Im Anschluss daran das internationale System mit seinen Ordnungsprinzipien, Einheiten und Capabilities vorstellen. Sobald das internationale System präsentiert ist, werde ich Waltz Beobachtungen zu diesem wiedergeben. Dabei konzentriere ich mich auf die Balance of Powers Theorie und die Möglichkeiten der Stabilität, die Waltz sieht.
2.1 Bedeutung der Struktur und des daraus folgendem System
Waltz sieht die Struktur eines Systems als entscheidende Variabel bei der Beeinflussung des Verhaltens der einzelnen Einheiten im System. „The structure of a system acts as a constraining and disposing force, and because it does so systems theories explain and predict conituity within a system“
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Die Struktur eines (politischen) Systems verändert maßgeblich das Verhalten der Staaten.
Gerade weil dies so ist, können nur Theorien, die die Struktur eines Systems analysieren, präzise Ergebnisse liefern. Präzise Ergebnisse wären, „to show how the structure of the system affects the interacting units
and how they in turn affect the structure“ 7 . Strukturen in der interntationalen Politik können „some big, important and enduring patterns“ 8
3 vgl. Masala: Neorealismus, 2010,S. 56-57
4 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 79 5 vgl. Masala: Neorealismus, 2010, S. 58 6 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 69 7 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 40 8 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 70-71
2
erklären. Durch sie ist es möglich, zu verstehen, warum Effekte in der internationalen Politik auftreten. Die Struktur setzt sich aus dem Ordnungsprinzip, dem Verhältnis der Einheiten zueinander und der Verteilung der Machtpotentiale zusammen. 9
2.2 Das Internationale System
2.2.1 Ordering Principles
Es gibt zwei „Ordering Principles“: die Hierarchie und die Anarchie. 10 Die meisten Staaten sind hierarchisch organisiert, das internationale System hingegen anarchisch. Die Konsequenz daraus ist, dass das „national system is not one of self-help. The international system is.“ 11 Self-help bedeutet, dass jede einzelne Einheit sich nur nach sich und seinen eigenen Interessen richtet. Erklärt wird dies von Waltz durch eine Analogie, mit der Mikroökonomik. So verhielten sich politische Einheiten im internationalen System wie Firmen beim Marktaustausch. Selbstbezogene Einheiten würden [gezwungener Maßen] kooperieren. Dabei ist jedoch wichtig, dass niemand „intends to participate in the formation of a structure by which it and others will be constrained. International-political systems, like economic markets, are individualist in origin, spontaneously generated, and unitended.“ 12 Der Autor weiß selbst, dass es nicht immer eindeutig ist, ob eine Einheit anarchisch oder hierarchisch organisiert ist und alle Einheiten in irgendeiner Weise hierarchische und anarchische Elemente miteinander verknüpfen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ein drittes Ordnungsprinzip existiert, das eine Struktur beschreiben kann. Eine größere Vielfalt an Strukturbeschreibungen würde lediglich zu einer besseren Deskription führen, nicht aber die Vorhersagekraft einer Theorie steigern. Aus diesem Grund reichen „two ,and only two, types of structure“ 13 um jegliche Gesellschaften zu beschreiben. Anarchie oder Hierarchie können den Aufbau des Systems, in dem sich die Units bewegen, spezifizieren. Was ist aber eine Unit, wie unterscheiden sich die einzelnen Units voneinander und welche Unit hat am meisten Einfluss im internationalen System?
2.2.2 Units
Die entscheidenden Units im internationalen politischem System sind die Staaten. 14 Da dieses System anarchisch ist, unterscheiden sich die Staaten in ihrer Hauptaufgabe nicht.
9 vgl. Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 80
10 vgl. Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 114 - 116 11 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 104 12 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 91 13 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 116 14 vgl. Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 93
3
Diese besteht darin ihr eigenes Überleben zu sichern. 15 Es ist es sehr wahrscheinlich, dass Staaten noch andere Ziele verfolgen, aber „[s]urvival is a prerequisite to achieving any goals that states may have, other than the goal of promoting their own disappearance as political entities.“ 16
Waltz sieht, dass die einzelnen Staaten sich in Größe, Reichtum und Macht unterscheiden, aber nicht in den Aufgaben, denen sie in der internationalen Politik gegenüberstehen. „The differences are of capability not of function.“ 17
Units sind wichtig, da nur sie dafür sorgen können, dass sich die Struktur des internationalen System verändert. Die Struktur ändert sich „only through a change of organizing principle or, failing that, through variations in the capabilities of units.“ 18
2.2.3 Capabilities
Die Variationen der Capabilities, die für die Veränderung der Struktur verantwortlich sind, entscheiden über die Macht, die ein Staat im internationalen System besitzt. Da alle Staaten die gleichen Funktionen und Aufgaben haben, sind es die Capabilities, die dafür verantwortlich sind, wie gut ein Staat die einzelnen Aufgaben im internationalen System ausführt: „The units of such an order are then distinguished primarily by their greater or lesser Capabilities for performing similar tasks.“ 19 Die Capabilities sind die Machtpotentiale, die ein Staat besitzt, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Sie lassen sich nach „size, wealth, power, and form“ 20 unterscheiden. Je größer die Machtpotentiale, die dieser Staat hat, desto größer ist seine Macht im Vergleich zu den anderen Staaten. Nicht nur die militärischen Capabilities sind wichtig, alle anderen müssen genauso ausgeprägt sein, damit ein Staat eine Weltmacht werden kann. 21
Ein Staat hat zwei Möglichkeiten seine Position im System zu verbessern. Entweder er erhöht intern seine eigenen Machtpotentiale, in dem er seine ökonomischen Möglichkeiten, seine militärische Stärke oder seine taktischen Fähigkeiten verbessert oder er versucht es über externe Allianzen. Hierbei kann er entweder seine eigenen Bündnisse stärken und ausbauen oder aber die des Gegners schwächen. 22 Das internationale System ist ein anarchisches System, in dem die Staaten die Einheiten bilden. Die Macht, die die einzelnen Staaten im
15 vgl. ebd.
16 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 91-92 17 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 96-97 18 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 93 19 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 97 20 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 96 - 97 21 vgl. Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 129-131 22 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 118
4
System besitzen hängt von ihren Capabilities ab, wobei jeder einzelne versucht seine eigene Position zu verbessern.
2.3 Balance of Powers
„Whether or not by force, each state plots the course it thinks will best serve its interests“ 23 - da jeder einzelne Staat versucht seine eigene Position zu verbessern, muss es unweigerlich zu einem Ausgleich der Kräfte kommen, da niemand dem Anderen unterlegen sein will. Die Bedingungen der Anarchie und des Erhaltungstriebes der einzelnen Staaten sorgen dafür, dass „[balancing] is the behavior induced by the system.“ 24 Dieser Ausgleich erfolgt, wie oben beschrieben, entweder durch ein internes Aufrüsten oder durch externe Allianzbildungen. Waltz erläutert, dass das balancing nur zum eigenen Schutz stattfindet, nicht um bewusste Macht anzuhäufen. Macht dient hier als Mittel zum Zweck der Selbsterhaltung, nicht als Zweck selbst. Dies liegt an dem anarchischen System. Würden die Staaten nur Macht wollen, so würden sie automatisch das bandwagoning durchführen. Bandwagoning bezeichnet den Prozess, der stattfindet, wenn schwächere Staaten eine Allianz mit einem starken Staat eingehen, um nicht selbst gegen den starken Staat bestehen zu müssen. Da aber Macht nur ein Mittel ist, um die Selbsterhaltung zu erreichen, ist es so, dass „[s]econdary states, if they are free to choose, flick to the weaker side; for it is the stronger side that threatens them.“ 25 Die schwächeren Staaten können sich so gegen den starken Staat zusammenschließen und einen Kraftausgleich herbeiführen, anstatt sich dem stärkeren Staat unterzuordnen.
2.4 Stabilität im internationalen System
Nachdem Waltz deutlich gemacht hat, dass das internationale System anarchisch ist, die Staaten sich nur durch ihre Machtpotentiale unterscheiden und sie eine balancing Strategie durchführen, kommt er zu der Schlussfolgerung, wie unter den gegebenen Bedingungen das internationale System stabil sein kann. Bei der Frage nach dem Wie, geht es ihm vor allem um die Anzahl der Großmächte. Da das anarchische System nicht verschwinden wird muss man sich auf die einzelnen Mächte konzentrieren, um herauszufinden, welche Bedingungen vorliegen müssen, damit weltweit größtmögliche Stabilität, also längster Frieden herrscht. Waltz stellt sich die Frage „whether we should prefer larger or smaller numbers of great powers“ 26 . Dabei unterscheidet er zwischen einem bipolaren und einem multipolaren System. Während in einem bipolaren System zwei Großmächte bestimmen, gibt es im multipolaren System mehrere. Beide Systeme unterscheiden sich in der Art und Weise, wie in
23 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 113
24 ebd. 25 ebd.
26 Waltz: Theory of international politics, 1979, S. 129
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Martin Hochheim, 2010, Möglichkeiten und Grenzen des Neorealismus nach Kenneth N. Waltz, München, GRIN Verlag GmbH
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