Inhaltsverzeichnis:
1. Einführung 3
2. Grundlagen 6
2.1. Dokumentarfilm vs. Spielfilm 7
2.2. Found-Footage-Film 9
2.3. Horror 11
3. Filmuntersuchungen 13
3.1. Ruggero Deodatos Film Cannibal Holocaust (1980) 13
3.2. The Blair Witch Project (1998) 20
3.3. Paranormal Activity (2007) 24
3.4. (2007) 25
3.5. The Last Exorcism (2010) 25
4. Fazit 27
1
5. Quellenangaben 28
5.1. Literaturquellen 28
5.2. Internetquellen 29
6. Anhang A: Ergänzende Angaben zu der Filmen 30
6.1. Cannibal Holocaust 30
6.2. The Blair Witch Project 32
6.3. Paranormal Activity 34
6.4. 36
6.5. The Last Exorcism 38
2
Schein-wahre Geschichten aus dem Gruselkabinett
1. Einleitung
„Gilgamesch, der sagenhafte König von Uruk, unterdrückt sein Volk, woraufhin die Götter Enkidu als Gegenspieler erschaffen. Enkidu kommt aus der Steppe in die Stadt; er und Gilgamesch werden unzertrennliche Freunde. Gemeinsam wagen sie die Fahrt in den Zedernwald, wo sie dessen dämonischen Wächter Humbaba erschlagen. Zurück in Uruk erlegen sie den von der beleidigten Göttin Ischtar gesandten Himmelsstier. Doch Enkidu muss sterben. Angesichts der Unausweichlichkeit des Todes bricht Gilgamesch auf, das ewige Leben zu suchen. Er gelangt ans Ende der Welt zu Utnapischti, der ihm von der Sintflut berichtet. Erfüllt mit dem Wissen um den Platz des Menschen im Kosmos kehrt Gilgamesch nach Uruk zurück.“ 1
Dämonen, Vampire, Hexen sowie andere Monster und Bösewichte sind keine Erfindung des Kinos. Bereits in der „ältesten Schrift der Menschheit“ 2 , dem
„Gilgamesch-Epos“, werden die Grenzen des menschlichen Daseins sowie die Suche nach dem ewigen Leben thematisiert. Dämonische Wesen wachen über den Wald, Götter entscheiden über das Leben... Helden, die gegen Monster und Ungeheuer kämpfen, kommen oft in der antiken Mythologie der Griechen und der Römer vor. Zahlreiche Phantasiewesen verewigen im Märchen den Kampf zwischen Gut und Böse. Zahlreiche Schriftsteller, Philosophen und andere Wissenschaftler beschäftigen sich mit dem Phänomen des Bösen sowie dessen Platz in der menschlichen Weltanschauung. Quellen und Vorbilder des Grauens, die den Filmemacher zu guten Horrorgeschichten inspirieren und anregen, finden sich überall, selbst in den Träumen. Und es ist kein Geheimnis, dass Horrorfilme mit den Ängsten des Menschen spielen.
1 Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos: Mythos, Werk u
München 2008. S. 9.
2 Stefan M. Maul: Das Gilgamesch-
3
Doch in dieser Arbeit wird nicht nach dem Sinn des Bösen gesucht und auch nicht nach der besten Gruselgeschichte aller Zeiten. Vielmehr sind verschiedene Verkörperungen des Bösen Hauptakteure in einer Auswahl von Filmbeispielen, die angeblich das Eintreffen des so genannten Bösen in die Welt des Menschen dokumentieren. Dabei geht es bei der Untersuchung dieser Filme hauptsächlich um die Frage nach der Simulation von Wahrheiten und dem Glaubwürdigkeitsfaktor dieser: Mit Hilfe welcher Darstellungsmitteln werden aus fiktiven Inhalten möglichst authentisch wirkende Filme produziert? Wo ist dabei die Grenze zwischen Realität und Fiktion? Sollte man alles glauben, was man zu sehen bekommt oder sollte man es doch nicht glauben, weil es so unfassbar zu sein scheint, dass es gar nicht wahr sein kann? Letzten Endes ist alles eine Frage der Einstellung.
Zum Begriff der filmischen Authentizität hat der Filmwissenschaftler Manfred Hattendorf folgende Definition vorgeschlagen: „Authentizität ist ein Ergebnis der filmischen Bearbeitung. Die >Glaubwürdigkeit< eines dargestellten Ereignisses ist damit abhängig von der Wirkung filmischer Strategien im Augenblick der Rezeption. Die Authentizität liegt gleichermaßen in der formalen Gestaltung wie der sozialen Rezeption mitbegründet.“ 3 Aber es ist letzten Endes der Rezipient, der bewusst oder unbewusst darüber entscheidet, ob er eine Geschichte als authentisch und glaubwürdig empfinden möchte oder nicht. Wer an die Existenz von Aliens glaubt, ist leichter dafür anfällig, einer frei erfundenen (also gefälschten) Dokumentation über Aliens zu vertrauen, als ein Skeptiker. Dabei spielen auch die Medienkompetenz, der Bildungsgrad und die gesammelte Erfahrung eine wichtige Rolle. Dennoch wird es auf der medialen Ebene immer schwieriger zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Die schnelle Entwicklung der Technik macht es den Filmemachern (und nicht nur) immer leichter, die Sinne des Zuschauers zu täuschen, und somit auch seinen Verstand. Es kommen immer mehr Filme auf den Markt, die trotzt frei erfundener Inhalte dem breiten Publikum als wahre Geschichten verkauft werden. Solche Geschichten sind allgemein dem Begriff Fake (Fake: frisieren, fälschen, vortäuschen, simulieren, Fälschung, Schwindel,
3 Manfred Hattendorf: Dokumentarfilm und Authentizität. Ästhetik und Pragmatik einer Gattung.
UVK. Konstanz 1994. S. 67.
4
Schwindler(in), Simulant(in) 4 ) zuzuordnen und zielen bewusst darauf ab, den Zuschauer zu betrügen.
Der Begriff „Fake“ stammt aus dem Englischen und wird erst seit einigen Jahren im deutschsprachigen Raum verwendet. Eine einheitliche Definition des Begriffes gibt es bisher nicht. Stefan Römer z.B. unterscheidet im Feld der bildenden Kunst zwischen „Fake“ und „Fälschung“: „Im Gegensatz zur traditionellen Kunstfälschung handelt es sich bei der hier vorgeschlagenen Konzeption von Fake um eine künstlerische Strategie, die sich von vornherein selbst als Fälschung bezeichnet; insofern ist die juristisch verfolgte Täuschungsabsicht mit Betrugsvorsatz für das 5 Im Gegensatz dazu ist in der Filmkunst (und in dieser Fake weitgehend irrelevant.“
Arbeit) mit dem Begriff „Fake“ nicht die Fälschung einer bereits vorhandenen Filmproduktion gemeint, sondern die Fälschung von Realität: Der Zuschauer wird bewusst manipuliert und in die Irre geführt. Dabei bleibt es ihm überlassen, ob er dieser „Fälschung“ glauben möchte oder nicht. Oft gibt es Hinweise im Film selbst darauf, dass das Erzählte nicht der Wahrheit entspricht bzw. entsprechen müsse. In Kubrick, Nixon und der Mann im Mond (William Karel, 2002) z.B. läuft bereits in der 3. Minute eine kurze Information über dem Bild: „Fiktion oder Realität? Finden Sie es heraus und gewinnen Sie ein Mondgestein auf www.arte-tv.com“. Doch die eigentliche Entlarvung des Fakes geschieht erst im Abspann. Durch eine geschickte Mischung aus Fakten, Hypothesen und fiktiven Inhalten gelingt es dem Regisseur, einen dokumentarischen Fake-Film zu inszenieren, dessen zentrale Botschaft an das Publikum der Hinweis auf die mögliche Manipulation und Irreführung durch Massenmedien sein soll. 6
4 Helmut Willmann, Gisela Türck, Heinz Messinger: Langenscheidts Taschenwörterbuch Englisch.
Langenscheidt KG. Berlin, München, Wien, Zürich, New York 2002. S. 221.
5 Stefan Römer: Der Begriff des Fake. (Dissertation). Berlin 1998. S. 11. In: http://deposit.ddb.de/cgi-
bin/dokserv?idn=960333363&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=960333363.pdf
6 2003 wird dieser Film mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. In ihrer Begründung schreibt die
Juri: "Dieser Film führt den Zuschauer in einer vergnüglich irritierenden Achterbahnfahrt von braver
Gutgläubigkeit, wie sie Dokumentationen nun einmal hervorrufen, hin zur empörten Skepsis und
zurück zum "Alles ist möglich"..... Eine verschmitzte Satire, die den Zuschauer wachrüttelt und für
5
In weiteren Verlauf dieser Arbeit werden die Filme Cannibal Holocaust, The Blair Witch Project, [, Paranormal Activity sowie The Last Exorcism auf Aufbau, Funktion und Darstellungsmittel untersucht. Dabei liegt der Fokus nicht auf der Glaubwürdigkeit der erzählten Geschichten, sondern viel mehr darauf, wie diese erzeugt wird. Neben der gemeinsamen Zugehörigkeit zum Horrorgenre sind die o.g. Filmbeispiele auch als Fake-Dokumentationen oder Found-Footage-Fakes einzustufen. Zunächst wird kurz auf die Bedeutung beider Begriffe in Zusammenhang mit dem zu untersuchenden Filmmaterial eingegangen, was gleichzeitig als Überleitung ins Filmanalytische dienen soll.
2. Grundlagen
Die Frage nach der Grenze zwischen Realität und Fiktion gehört zu den Fragen, auf die es keine allgemein gültige Antwort gibt. Literaturwissenschaftler, Philosophen wie auch Medienpsychologen verweisen darauf, dass „fiktionale Inhalte nicht vollkommen losgelöst von der Realität sind bzw. es auch gar nicht sein können“ 7 . Das Fiktive kann nicht aus dem Nichts erschaffen werden. Es basiert auf schon Vorhandenem, das im Laufe einer Geschichte in einen neuen Kontext eingearbeitet wird. Somit sind auch fiktive Figuren „grundsätzlich denkbare Figuren, die lediglich als erdacht bezeichnet“ 8 werden.
In der Medienwissenschaft geht es bei der Differenzierung von Realität und Fiktion hauptsächlich darum, ob „ein medial vermittelter Inhalt als real oder als fiktiv gilt. >Real< wird dabei in der Regel gleichgesetzt damit, dass das Gezeigte auch tatsächlich so passiert ist bzw. dass es Anspruch darauf erhebt, der Wirklichkeit zu entsprechen. >Fiktiv< bedeutet dagegen, dass das Gezeigte frei erdacht oder
den Umgang mit "harten Fakten" und "durchgedrehten Verschwörungstheorien" sensibel macht." In:
http://www.3sat.de/page/?source=/ard/sendung/104217/index.html
7 Saskia Böcking: Grenzen der Fiktion? Von Suspension of Disbelief zu einer Toleranztheorie für die
Filmrezeption. Herbert von Halem Verlag. Köln 2008. S. 27.
8 Ebd., S. 27.
6
erfunden ist, entsprechend vollkommen losgelöst von Ereignissen und Gesetzen der realen Welt sein kann und als Gegenteil der Wahrheit anzusehen ist.“ 9 Demzufolge
gelten Spielfilme allgemein als fiktive Geschichten und Dokumentarfilme als reale, der Wahrheit entsprechende … Doch auch hier fließen viel zu oft die Grenzen ineinander. So gibt es z.B. Spielfilme, die nach wahren Begebenheiten gedreht wurden, sowie Dokumentarfilme, die frei erfundene Inhalte wiedergeben. Letztere haben bewusst zum Ziel, das Publikum zu täuschen sowie in die Irre zu führen, und zeigen exemplarisch die Möglichkeiten der Manipulation durch Massenmedien auf. Nur wenige Zuschauer hinterfragen die Wissenschaftlichkeit der Dokumentarfilme. Für viele steht deren Wahrheitsgehalt unreflektiert außer Frage.
2.1. Dokumentarfilm vs. Spielfilm
Als Dokumentarfilm wird in der Regel ein Film verstanden, der „Ereignisse u. 10 . Dabei soll diese Schilderung Zustände tatsachengetreu zu schildern sucht“
möglichst objektiv und wirklichkeitsgetreu stattfinden und auf Fakten basieren, die der Wahrheit entsprechen. Originalschauplätze und O-Töne 11 , Interviews mit
Zeitzeugen und Experten, nicht gestellte Protagonisten und Überraschungsereignisse als Teil des dokumentierten Geschehens sowie verschiedene Beweismittel aus Archiven und anderen nachvollziehbaren Quellen, sind typische Merkmale eines Dokumentarfilms. Der Dokumentarfilm hat nicht als Ziel der reinen Unterhaltung zu dienen, sondern viel mehr der Bildung und Aufklärung des Zuschauers, indem er ihm neues Wissen und neue Erkenntnisse über die Welt zu vermitteln versucht oder bereits vorhandene zu vertiefen. Vielleicht ist auch das der Grund, warum Zuschauer Dokumentarfilme blind vertrauen. Vielleicht ist aber der Zuschauer selbst einfach zu bequem gar faul oder ungebildet, um dokumentarische Inhalte zu hinterfragen. Vielleicht.
9 Ebd., S. 26.
10 Prof. Dr. Günther Drosdowski, "et.al": Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache.
Dudenverlag. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 1991. S. 213.
11 Originaltonaufnahmen
7
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Raliza Petrova, 2011, Unfassbar! Schein-wahre Geschichten aus dem Gruselkabinett, München, GRIN Verlag GmbH
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