Jeder Mensch hat es wohl schon erlebt: an manchen Tagen läuft einfach alles schief. Man verschläft, die U-Bahn hat Verspätung, es regnet in Strömen, alle Leute um einen herum sind schlecht gelaunt und in den Mensa ist das einzige erträgliche Gericht schon ausverkauft, als man um kurz vor zwei Uhr gestresst dort ankommt. Aber ist das tatsächlich eine zufällige Verkettung negativer Ereignisse oder wäre einem bei guter Laune das Wetter und die schlechte Laune der Mitmenschen gar nicht aufgefallen?
Eine mögliche Erklärung für diese Aufmerksamkeitsverzerrung liefert das semantische Netzwerkmodell von Bower (1981). Es besagt, dass verwandte Inhalte im Gedächtnis als Knoten nahe beieinander gespeichert werden und untereinander verbunden sind. Diese Verbindungen können von unterschiedlicher Stärke sein. Wenn nun ein Knoten aktiviert wird, breitet sich die Erregung auf die umliegenden Knoten aus und zwar umso schneller, je stärker die Gedächtnisinhalte miteinander verknüpft sind. Die Erregung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Inhalte ins Bewusstsein gelangen. Wenn man sich nun in einer emotionalen Stimmung (z.B. Traurigkeit) befindet, werden sämtliche Inhalte, die damit verknüpft sind (z.B. schlechtes Wetter, die Trennung vom letzen Partner), mitaktiviert und können so eher bewusst werden.
Im Falle einer Schlangenphobie könnte das Assoziationsnetz folgendermaßen aussehen:
Abb.1: Mögliches Assoziationsnetz eines Schlangenphobikers
Wenn nun der Gedächtnisinhalt „Schlange“ aktiviert wird, treten aufgrund der starken Verbindungen mit großer Wahrscheinlichkeit die Inhalte „gefährlich“, „Herzrasen“ und „Angst“ ins Bewusstsein.
Beck postulierte 1976, Angst und Depression gingen mit der Aktivierung dysfunktionaler Schemata einher, die die Aufmerksamkeit auf einstellungskongruente Inhalte lenken.
3
Bei der Untersuchung von Aufmerksamkeitsverzerrungen im Zusammenhang mit emotionalen Störungen bedient man sich drei Hauptgruppen experimenteller Paradigmen.
Bei den encoding Aufgaben geht es um das Erkennen oder Beurteilen einesbeispielsweise mit Hilfe eines Tachistoskops - kurz dargebotenen Stimulus. Interessant ist in diesem Zusammenhang, ob die Erkennungsgeschwindigkeit vom Wortinhalt des Stimulus beeinflusst wird. Im Gegensatz zu den encoding Aufgaben verwenden filtering Aufgaben Distraktoren oder mehrere Kanäle, die selektiv beachtet werden müssen. Versuchspersonen sollen beispielsweise Stimuli im unbeachteten Kanal erkennen oder aber gezielt ignorieren, wobei man daran interessiert ist, ob verschiedene Wortinhalte spezifische Interferenzen auf die zu beschattende Info erzeugen. Der Stroop Test wird in der Aufmerksamkeitsforschung häufig verwendet. Hierbei hat die Versuchsperson ein Urteil über die Schriftfarbe eines Farbwortes abzugeben, was massiv erschwert wird, sobald die Schriftfarbe nicht mit dem Farbwort übereinstimmt, z.B. rot. Der Stroop Test wurde für die Aufmerksamkeitsforschung im Zusammenhang mit emotionalen Störungen modifiziert. Die Patienten haben die Aufgabe, die Schriftfarbe von Wörtern zu nennen, die mit ihrer spezifischen Psychopathologie verknüpft sind. Dabei geht man davon aus, dass der Wortinhalt zu einem gewissen Teil mitverarbeitet wird und von der Farbverarbeitung ablenkt. Infolgedessen fallen die Urteile und Reaktionen auf die Schriftfarbe langsamer aus. Bei einem Spinnenphobiker geht man beispielsweise davon aus, dass die Reaktion „rot“ auf den Stimulus Vogelspinne relativ zu einem neutralen Stimulus wie Landschaft verlangsamt erfolgt.
4
Unter Depression versteht man einen Zustand psychischer Niedergeschlagenheit, der sowohl episodisch als auch andauernd sein kann. Einige Begleitsymptome sind Antriebshemmung, Hilflosigkeit und negative Gedanken.
3.1 Encoding tasks
Experimente zur Erkennungsgenauigkeit kurz dargebotener Worte deuten darauf hin, dass Depressive eine höhere Anzahl an negativen Wörtern erkennen, diese also schneller verarbeiten als neutrale und positive Wörter. Small (1985) konnte den gleichen Effekt für induzierte negative Stimmung bei normalen Versuchspersonen zeigen.
Bei lexikalischen Erkennungsaufgaben müssen Versuchspersonen entscheiden, ob es sich bei der eingeblendeten Buchstabenreihe um ein existierendes Wort ihrer Muttersprache handelt. Die Forschung konnte zeigen, dass Depressive sowohl Wörter, die mit Depression in Verbindung stehen, als auch emotionale Wörter allgemein, schneller erkennen als neutrale Wörter. Die Effekte waren jedoch in den meisten Fällen schwach.
3.2 Filtering tasks
Im Bereich der Filtering tasks herrscht ein Mangel an empirischen Befunden zur Depression. In einer Studie von Gotlib et al. (1988) wurden Versuchspersonen Wortpaare verschiedenen Inhalts (deprimierend, neutral, positiv) dargeboten, die gleichzeitig durch einen Farbbalken ersetzt wurden. Anschließend fragte man die Versuchspersonen, welcher der Farbbalken zuerst erschienen war. Die Autoren erwarteten, dass depressive Versuchspersonen ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf das deprimierenden Wort richten würden und so den Eindruck hätten, der Farbbalken sei hier zuerst erschienen. Das Ergebnis war jedoch ein völlig anderes: normale Versuchspersonen zeigten eine Verzerrung in Richtung der positiven Wörter, sie hatten vermehrt den Eindruck, der Farbbalken erschiene hier zuerst. Im Gegensatz dazu zeigten depressive Versuchspersonen keine Verzerrung; sie fokussierten mal das eine, mal das andere Wort und in ihrem Antwortmuster kamen alle Wortkategorien gleich häufig vor. Diese Studie konnte jedoch nicht repliziert werden und wurde vielfach kritisiert. Beispielsweise zweifelte man die Automatizität des Effekts an, da die Darbietungsdauer von 730 ms bewusste Wahrnehmung und den Einsatz von Strategien erlaube.
5
3.3 Stroop Test
In einer Studie von Gotlib & McCann (1984) hatten Versuchspersonen die Aufgabe, die Schriftfarbe von negativen, positiven und neutralen Wörtern schnellstmöglich zu nennen. Hierbei zeigte sich, dass bei leicht depressiven Versuchspersonen die Farbnennreaktion bei negativen Wörtern und bei Wörtern, die mit Depression in Verbindung stehen, verglichen mit der Reaktion bei positiven und neutralen Wörtern verlangsamt ist. Dieser Befund deutet darauf hin, dass der negative Wortinhalt von der Farbverarbeitung und der Reaktion darauf ablenkt, da er automatisch mitverarbeitet wird und ein höheres Maß an Kapazität beansprucht als der Wortinhalt positiver und neutraler Wörter.
Priming Aufgaben sind der Frage nachgegangen, inwiefern zuvor eingeblendete Wörter die Farbverarbeitung nachfolgender Wörter beeinflussen. Es zeigte sich, dass negative Wörter keinen Einfluss haben, wird jedoch vor dem Stroop Test das Beck-Depressionsinventar ausgefüllt, kommt es bei depressiven Versuchspersonen zu einer generellen Verlangsamung der Farbnennreaktion. Nach Bargh (1992) generiert das Bearbeiten von Items wie „0 Ich bin nicht von mir enttäuscht. - 1 Ich bin von mir enttäuscht. - 2 Ich finde mich fürchterlich. - 3 Ich hasse mich.“ negative selbstbezogene Gefühle bei depressiven Versuchspersonen, die von der Farbverarbeitung ablenken.
Segal und Vella (1990) zweifelten diese Interpretation jedoch an. Ihrer Meinung nach spielt die Selbstaufmerksamkeit eine entscheidende Rolle. In ihrer Studie untersuchten sie die Farbnennreaktion depressiver Versuchspersonen und normaler Versuchspersonen (Kontrollgruppe). Außerdem induzierten sie bei einer Gruppe normaler Personen erhöhte Selbstaufmerksamkeit, indem sie diese längere Zeit ihr Spiegelbild betrachten und ihre Stimme auf Tonband anhören ließen. Anschließend wurde die Farbnennreaktion auf selbstrelevante Adjektive getestet. Die Selbstrelevanz wurde vorher klassifiziert, in dem die Versuchspersonen angeben mussten, in welchem Ausmaß die Adjektive auf sie zuträfen. Vor den Adjektiven, deren Farbe die Versuchspersonen nennen sollten, wurden zusätzlich Adjektive als Primes eingeblendet, deren Selbstrelevanz variiert wurde. Eine Versuchsperson sah beispielsweise zuerst das Prime-Wort gutgläubig (welches für sie sehr relevant [selbstbeschreibend] war) und anschließend das Wort verständnisvoll, worauf sie mit „rot“ reagieren sollte. Bei Depressiven und der Selbstaufmerksamkeitsgruppe führten selbstrelevante Primes zu einer verlangsamten Farbnennreaktion, während die Priming Adjektive bei der Kontrollgruppe keinen Einfluss ausübten. Nach Meinung der Autoren ist die Selbstaufmerksamkeit der Grund für den Stroop-Effekt und nicht, wie Bargh annahm, die negativen Gefühle. Das Ausfüllen des BDIs führt, ihrer Meinung nach, zu erhöhter Selbstaufmerksamkeit, die die Farbnennreaktion verlangsamt.
6
Arbeit zitieren:
Veronika Hagenauer, 2008, Attentional bias in emotional disorders, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Psychologie - Allgemeine Psychologie: Attentional bias in emotional disorders ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Psychologie - Allgemeine Psychologie: neuer Titel erschienen: Attentional bias in emotional disorders
Veronika Hagenauer hat einen neuen Text hochgeladen
Unified Protocol for Transdiagnostic Treatment of Emotional Disorders:...
David H. Barlow, Todd J. Farchione, Christopher P. Fairholme
Emotional Disorders: A Neuropsychological, Psychopharmacological, and ...
Gurmal Rattan, Steven G. Feifer
What's Normal?: Narratives of Mental and Emotional Disorders
Carol C. Donley, Sheryl Buckley
0 Kommentare