1. Einleitung
Die Themen Kindheit und Adoleszenz ziehen sich durch die ganze schriftstellerische Tätigkeit von Fëdor Sologub. In vielen seiner Erzählungen beschreibt er Kinder, etwas andere Bedeutung gewinnt das Thema in seinem bekannten Roman Melkij bes.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht also das Thema der Kindheit und Adoleszenz, das am Beispiel von Sologubs Erzählungen Červjak, Svet i teni und K zvëzdam und seinem Roman Melkij bes untersucht wird. Es ist bemerkenswert, dass diese Themen in der deutschen Literaturwissenschaft breite Aufmerksamkeit genießen, in der russischen jedoch relativ unbeachtet sind. Dennoch gibt es sehr eine große Anzahl von Werken in der russischen Literatur, in denen Kindheit und Adoleszenz thematisiert werden.
Um solch komplexe Themen wie Kindheit und Adoleszenz zu behandeln, ist es nötig eine systematische Analysemethode zu verwenden. Hilfreich erscheint die Theorie der Psychoanalyse von Sigmund Freud, der eine umfassende Untersuchung der menschlichen Psyche vorlegte. Vor diesem Hintergrund werden also im Folgenden die theoretischen Grundlagen der Arbeit erläutert und dann auf die ausgewählten Werke angewendet werden.
Zuerst möchte ich die Psychoanalyse als Methode der Literaturwissenschaft darstellen. Danach werde ich von der Theorie zur Praxis übergehen und sehen inwiefern die Psychoanalyse hilfreich ist, um die Themen Kindheit und Adoleszenz im Werk von Fëdor Sologub am Beispiel seiner Erzählungen Červjak, Svet i teni und K zvezdam zu untersuchen. Und schließlich werde ich mit Hilfe der Methode der Psychoanalyse die für die darauffolgende Interpretation des Romans Melkij bes wichtigen Momente beleuchten.
Als theoretische Grundlage wurden die Arbeiten von Sigmund Freud benutzt, und zwar die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und Die Abhandlungen zur Sexualtheorie, sowie ein Artikel von Michael Rotman „Latenzzeit in psychoanalytischer Sicht“. Wichtige Beiträge zur Sologub-Forschung sind jene von Ulrich Schmid, Fedor Sologub. Werk und Kontext, in denen er einen umfangreichen
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Überblick über die Werke von Fëdor Sologub liefert. Was das Thema der Kinder bei Sologub betrifft, so war das Buch von Stanley J. Rabinowitz Fedor Sologub's Literary Children für diese Arbeit von entscheidender Bedeutung.
2. Psychoanalyse als Methode der Literaturwissenschaft
Die Literaturwissenschaft verfügt über zahlreiche Methoden, die für die Analyse von literarischen Texten geeignet sind. Das Spektrum ist sehr breit und reicht von strukturalistischen Ansätzen bis zu neuesten methodologischen Konzepten der Kulturwissenschaft, der feministischen Literaturtheorie und des New Historicism. Es besteht also die Möglichkei für den Forschenden aus einer Reihe von literaturwissenschaftlichen Methoden auszuwählen, die bei der Textanalyse sehr hilfreich sein können und einen neuen Blick auf die literarischen Werke werfen.
Ende der 1970er Jahre hat sich die psychoanalytische Literaturwissenschaft im Kontext der Verbreitung von Sigmund Freuds Psychoanalyse etabliert, der Versuche unternommen hat, „die Persönlichkeit mit ihren Anteilen des Unbewussten systematisch zu interpretieren“ 1 . Diese Versuche wurden von der Literaturwissenschaft in den Blick genommen und auf ihre Zwecke angewendet.
Es war also Sigmund Freud, der die Grundlagen der neuen Disziplin der Psychoanalyse gelegt hat, die bis heute in der Behandlung von neurotischen und psychischen Krankheiten verwendet wird. Seine originelle und freizügige Theorie entwickelte sich in Wien um 1900, in gesellschaftichen Umständen, in denen es als unmoralisch galt, sexuelle Fragen öffentlich zu erörtern. Sigmund Freud hat bemerkt, dass die Unterdrückung von sexuellen Wünschen zu zahlreichen Nervenkrankheiten führen kann, was besonders bei Frauen in Erscheinung tritt. Seine Beobachtungen als Nervenarzt, sowie Kenntnisse in Anatomie und Physiologie wurden durch seine Bekanntschaft mit der Hypnose ergänzt.
Man kann von einer sehr ambivalenten Rezeption seiner Theorie sprechen. Es wurde mehr der „klinisch-therapeutische[] Aspekt geschätzt“, indem die „kulturtheoretische
1 Benedikt Jeßing und Ralph Köhnen: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Stuttgart, 2007. S. 249.
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Sichtweise Freuds [...] mit Zurückhaltung aufgenommen wurde“ 2 . Der Hauptpunkt der Kritik ist die Tatsache, dass die Theorie wenige wissenschaftliche Beweise für ihre Plausibilität anbietet. Obwohl Sigmund Freud seine Annahmen auf bestimmte Beispiele basiert, scheinen die Fälle, die er beschreibt, keine typischen Fälle zu sein und können also nicht auf die Mehrheit angewendet werden. Ein weiterer Kernpunkt der Kritik ist die Tatsache, dass Freuds Theorie individuell ist, und auf persönlichen Erfahrungen beruht. Seine Hypothesen sind also mehr subjektiv als objektiv. Außerdem wurde er auch von Feministinnen stark dafür kritisiert, dass er in seinen Werken die weibliche Sexualität diskreditiert. 3
Obwohl Freuds Theorie sehr widersprüchlich und umstritten erscheint bleiben seine Arbeiten bis heute sehr einflußreich. Die Psychoanalyse wurde in vielen Ländern aufgenommen und praktiziert. So hatten sich zum Beispiel in Russland Nikolaj E. Osipov und Ivan D. Ermakov mit der Psychoanalyse beschäftigt. Noch dazu hat die Psychoanalyse wichtigen Anregungen nicht nur im Bereich der Medizin, sondern auch für viele andere Disziplinen geliefert, so auch für die Literaturwissenschaft. Sigmund Freud selbst hat in seiner Traumdeutung eine Literaturinterpretation von Shakespeares Hamlet geliefert, indem er den literarischen Text im Sinne eines Tagtraums betrachtete, und unterscheidete die und der schriftstellerische Prozess nur auf Grund der Gestaltung von Sprache. 4
Die Literaturwissenschaft begann sich besonders in den 1960er und 1970er Jahren intensiv mit psychoanalytischen Aspekten zu beschäftigen. 5 In erster Linie kann man von der „biographische[n] Methode der Autorpsychologie“ 6 sprechen, d.h. Studien über bestimmte literarische Autoren aus psychoanalytischer Sicht und die von ihnen verfassten Texte wurden als „Inkarnation [ihrer] seelischen Probleme gelesen“ 7 .
2 Hans-Martin Lohmann und Joachim Pfeiffer (Hg.): Vorwort. In: Freud-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart, 2006. S. V-VI. Hier S. V.
3 Die wichtigen Kritikpunkte der Freudschen Theorie werden von Terry Eagleton kurz dargestellt. Vgl. Terry Eagleton: „Psychoanalyse“. In: Einführung in die Literaturtheorie. Hg. v. Terry Eagleton. Stuttgart, 1988. S. 138-186. Hier S. 150f.
4 Eveline List: Psychoanalyse. Wien, 2009. S. 277.
5 Vgl. Benedikt Jeßing und Ralph Köhnen: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Stuttgart, 2007. S. 303.
6 Ebd., S. 303.
7 Ebd., S. 303.
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Solche Studien lieferten aber mehr Informationen über die Psychologie des Autors als über sein Werk.
Die Psychoanalyse hat also verschiedene Anwendungen in der Literaturwissenschaft gefunden: Zuerst sind das die Untersuchungen der künstlerischen Schaffensprozesse, die auf Freuds Überlegungen über den Dichter und das Phantasieren basieren. 8 Zweitens ist es die Figurenpsychologie, die sich mit den „Konstellationen der Figuren im Text“ 9 beschäftigt. Und letztlich wird die Psychoanalyse zur Erklärung der Rezeption literarischer Werke vom Leser benutzt. 10 An diesen unterschiedlichen Aspekten der Anwendung von Psychoanalyse in der Literaturwissenschaft arbeitet auch die Freiburger literaturpsychologische Schule, auf deren Beiträge auch in dieser Arbeit Bezug genommen wird.
3. Kindheit und Adoleszenz im Werk von Fëdor Sologub
In der russischen Literatur werden oft Kinder dargestellt, wie bei solch großen Schriftstellern wie Tolstoj, Dostoevskij, Turgenev usw., und sind von entscheidender Bedeutung im Werk von Fëdor Sologub. Ein bemerkenswerter Zug in seinen Werken ist die Tatsache, dass er viel über Kinder schreibt. Sie werden mit ihren psychologischen Problemen, ihren Ängsten und ihrem Erleben dargestellt, und werden oft misshandelt und geschlagen. Sie werden in ihrer Ausweglosigkeit
8 Vgl. ebd., S. 304.
9 Ebd., S. 304.
10 Vgl. ebd. S. 304.
11 Fëdor Sologub: Melkij bes. Letchworth, 1966. S. 141.
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repräsentiert und im Sinne der dekadenten „Darstellung von Verfall, biologischem Niedergang [...], von Krankheit und Tod“ 12 beschrieben.
Sologubs Werke weisen viele autobiographische Züge auf. Er selbst hat als Schullehrer in einer „kleinen abgelegenen Provinzstadt“ 13 gearbeitet und diese Provinzstadt, „in deren trostlosen Grenzen sich die Handlung [vieler seiner Werke] abspielt, galt [...] als Sinnbild des ganzen damaligen Rußland“ 14 . Sologubs Mutter war sehr gebieterisch und dominant, und als Kind wurde Fëdor Sologub oft von seiner Mutter geschlagen. Diese Brutalität in der Behandlung hat bei ihm offensichtlich zu psychologischen Störungen geführt, und zwar wird bei Sologub oft über die Entwicklung von Störungen sadomasochistisches Charakters gesprochen. Die sadomasochistischen Züge bei den Protagonisten kann man zum Beispiel im Roman Melkij bes beobachten.
Sologub bearbeitete unterschiedliche thematische Bereiche in seinen Werken, aber dasjenige, welches man in nahezu jedem seiner Werke finden kann, sind die Kinder. 15 Kinder sind sowohl in vielen seiner Erzählungen thematisiert, als auch in Romanen wie Tjaželye sny (1895), Tvorimaja legenda (1907-14), Slašče jada (1912) und Melkij bes (1905). Während aber die Kinder in den Erzählungen als Hauptprotagonisten auftreten, spielen sie in seinen Romanen eine untergeordnete Funktion und sind immer mit einem erwachsenen Protagonisten assoziiert. 16 In vielen von Sologubs Erzählungen werden die Kinder in ihrer Ausweglosigkeit gezeigt.
12 Dieter Borchmeyer: „Décadence“. In: Moderne Literatur in Grundbegriffen. Hg. v. Dieter Borchmeyer und Viktor Žmegač. Tübingen, 1994. S. 69-76. Hier S. 74.
13 Dmitrij S. Mirskij: Geschichte der russischen Literatur. München, 1964. S. 407.
14 Urs Heftrich: „Fedor Sologub: Melkij bes (Der kleine Dämon)“. In: Der russische Roman. Hg. v. Bodo Zelinsky. Köln, 2007. S. 299- 318. Hier S. 304.
15 Vgl. Stanley J. Rabinowitz: „Fedor Sologub‟s Literary Children: The special case of Melkii Bes“. In: Canadian Slavonic Papers. Hg. v. R.C. Elwood. Ottawa, 1979. Bd. 21. S. 503-519. Hier S. 503.
16 Vgl. ebd., S. 503.
17 Ebd., S. 504.
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Arbeit zitieren:
Ievgeniia Bogomolova (Karashchuk), 2009, Kindheit und Adoleszenz bei Fëdor Sologub , München, GRIN Verlag GmbH
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