1. Einleitung
Die Fokussierung auf die performative Ebene der Aufführung ist eine wichtige Entwicklungstendenz innerhalb des zeitgenössischen Theaters. So wird die theatrale Aufführung als ephemeres, performatives Ereignis betrachtet. Dabei steht im Zentrum nicht mehr das „Werk als zu interpretierendes Faktum“ 1 , sondern die Aufführung und der Prozess, in dem sie entstanden ist. Angesichts dieses Perspektivenwechsels haben die Strategien des Performativen ihre Anwendung bei der Betrachtung des „postdramatischen Theaters“ gefunden. Das Konzept der Performativität hat sich zunächst als sprachtheoretischer Ansatz (über sozial- und theaterwissenschaftliche Konzepte wie jene von Singer, Türner, Schechner) entwickelt und wurde später kulturtheoretisch vor allem in den Theorien von Austin, Searle, Derrida, Butler u.a. umgedeutet.
Das Ziel dieser Arbeit ist, Performativität im postdramatischen Theater am Beispiel von Peter Handkes Theaterstück Kaspar zu skizzieren. Dazu werde ich zunächst den Begriff Performativität betrachten und dabei näher auf die theoretischen Ansätze von John L. Austin und Judith Butler eingehen. Danach werde ich bestimmte Aspekte des Performativen aus diesen dargestellten Theorien herausfiltern, die die Sicht auf das Stück Kaspar um eine performativitäts-theoretische Lesart erweitern können. Dabei möchte ich überprüfen, inwiefern die Kategorie der Performativität für die Betrachtung eines modernen Theaterstückes hilfreich sein kann.
2. Zum Begriff der Performativität
„Es ist durchaus verzeihlich, nicht zu wissen, was das Wort performativ bedeutet. Es ist ein neues Wort und ein garstiges Wort, und vielleicht hat es auch keine sonderlich großartige Bedeutung. Eines spricht jedenfalls für dieses Wort, nämlich, dass es nicht tief klingt“ 2 , so schreibt John L. Austin über Performativität in seinem Aufsatz
1 Gabriele Klein: „Der entzogene Text. Performativität im zeitgenössischen Theater“. In: Ulrike Maria
Stuart. Hg. v. Ortrud Gutjahr. Würzburg, 2007. S. 65-78. Hier S. 65.
2 John Langshaw Austin: „Performative Äußerungen“ In: Gesammelte philosophische Aufsätze, 1986.
Zitiert in: Uwe Wirth (Hg.): „Der Performanzbegriff im Spannungsfeld von Illokution, Iteration und
3
„Performative Äußerungen“. Der Begriff Performativität ist wirklich sehr vieldeutig und genießt eine vielgestaltige Anwendbarkeit, weshalb es schwierig ist, eine eindeutige Definition vorzulegen. So beschränkt er sich nicht nur auf eine Disziplin, sondern verbindet Impulse auch aus anderen Wissenschaften. Man kann also von einem interdisziplinären Konzept sprechen, das ein Schlüsselbegriff der Geistes-, Sozial-, und Kulturwissenschaften ist.
Der Begriff hat sich innerhalb verschiedener Disziplinen unterschiedlich entfaltet. Seine Ursprünge hat er jedoch aus der Theaterwissenschaft: Performance bezieht sich zunächst auf „die Aufführung eines Stücks im Gegensatz zu dessen schriftlich fixiertem Text“ 3 . Traditionell war die Beschäftigung mit dem schriftlichen Text Aufgabe der Philologie, wobei die theatrale Aufführung im Rahmen der Theaterwissenschaft betrachtet wurde. Erst später hat die Literaturwissenschaft sich die performance zueigen gemacht. „Performance Studies“ beschränken sich dabei nicht nur auf das Theater, sondern verbreiten sich auch in andere neue Medien, Fernsehen und Film.
Das Konzept erwies sich auch für die Ethnologie als fruchtbar. Milton Singers (1950er Jahre) spricht von einer „cultural performance“, dem sogenannten ritualisierten Alltagsverlauf, bestehend aus Festen, Aufführungen, Konzerten und Hochzeitsriten. Viktor Turner nimmt seinerseits wieder Bezug auf Theater und Drama: „Im ‚social drama‘ [...] folgt auf den Bruch der etablierten Normen eine ‚liminale‘ Phase [...], in der in oft gewagten Spielen Neuorientierungen erprobt werden“ 4 . Für Richard Schechner wird die theatralische performance neu modifiziert und kann zum Medium der Innovation und des Experiments werden.
Einen besonders wichtigen Impuls für die Entwicklung des Begriffs hat die Sprachwissenschaft geliefert. So hat John L. Austin in seiner Vorlesungsreihe How to do things with Words 5 , die er 1955 an der Harvard Universität hielt, den Begriff performativ eingeführt. Die Prägung des Begriffs koinzidiert mit der performativen
Indexikalität“. In: Performanz. Zwischen sprachphilosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am
Main, 2002. S. 9-60. Hier S. 9.
3 Ansgar Nünning: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart, 2008. S. 563.
4 Ansgar Nünning: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart, 2008. S. 563.
5 Vgl. John Langshaw Austin: Zur Theorie des Sprechakte (How to do things with Words). Stuttgart,
1972.
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Wende in den Künsten. Mit seinem Neologismus macht Austin eine revolutionäre Entdeckung, nämlich dass sprachliche Äußerungen nicht nur Sachverhalte beschreiben oder Behauptungen aufstellen, sondern auch „etwas tun“ 6 , also Handlungen vollziehen können. Die Sprache erfüllt also nicht nur eine referentielle Funktion, sondern auch eine performative. Diese Tatsache war den Sprechern stets intuitiv bewusst, sie war jedoch zuvor nie ausformuliert worden, was Austin schließlich in seiner Sprachphilosophie tat.
Einer der Züge der performativen Äußerungen ist Selbsreferentialität: Erstens liefert das performative Verb eine Selbstbeschreibung davon, was es tun wird und zweitens ist der Akt des Äußerns dieses performativen Verbs schon selbst Teil der Handlung, die durch das performative Verb beschriebn wird. 7 Darüber hinaus sind die performativen Äußerungen, indem sie die soziale Wirklichkeit darstellen, auch wirklichkeitskonstuierend. Eine Äußerung kann jedoch erst dann als performativ gelten, wenn eine Reihe von Bedingungen erfüllt ist. Dabei sind nicht nur sprachliche sondern auch soziale und institutionelle Bedingungen zu berücksichtigen. Die performative Äußerung wird immer an eine Gemeinschaft gerichtet und bedeutet in diesem Sinne die Aufführung eines sozialen Aktes. Zunächst gründete Austin seine Untersuchung auf der Unterscheidung zwischen dem Konstativen und dem Performativen, wendet sich aber schließlich gegen dieses dichotomische Schema und fährt fort, indem er eine Dreiteilung in lokutionäre, illokutionäre und perlokutionäre Akte vorschlägt. 8
Einen neuen Aufschwung hat der Begriff der Performativität innerhalb der Kulturphilosophie und Kulturtheorie in den 1990ern erlebt. Anstatt kulturelle Phänomene sowie die gesamte Kultur als „strukturierte[n] Zusammenhang von Zeichen [zu verstehen], denen bestimmte Bedeutungen zuzuschreiben sind“ 9 , traten die bisher unbeachteten performativen Züge hervor. So wurde die Metapher „Kultur
6 John L. Austin: „Zur Theorie des Sprechakte, Zweite Vorlesung“. In: Performanz. Zwischen
sprachphilosophie und Kulturwissenschaften. Hg. v. Uwe Wirth. Frankfurt am Main, 2002. S. 63-71.
Hier S. 63.
7 Vgl. Uwe Wirth (Hg.): „Der Performanzbegriff im Spannungsfeld von Illokution, Iteration und
Indexikalität“. In: Performanz. Zwischen sprachphilosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am
Main, 2002. S. 9-60. Hier S. 11.
8 Vgl. Erika Fische-Lichte: Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main, 2004. S. 32f.
9 Erika Fische-Lichte: Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main, 2004. S. 36.
5
als Text“ durch „Kultur als Performance“ ersetzt. Der in diesem Kontext gebrauchte Begriff des Performativen benötigte jetzt eine Rekonzeptualisierung.
Es war Judith Butler, die in ihrem Aufsatz „Performative Acts and Gender Constitution: An Essay in Phenomenology and Feminist Theory“ den Begriff des Perfomativen für die Kulturphilosophie einführte. So wendet sie diesen Begriff nicht mehr auf Sprechakte, so wie es Austin in seiner Sprechakttheorie tut, sondern auf körperliche Handlungen an. In ihrer Arbeit geht sie davon aus, dass die Geschlechtszugehörigkeit keine stabile Identität eines Handlungsortes ist, sondern eine Identität, die mittels einer stilisierten Wiederholung von Akten entsteht. 10 Solche Akte bezeichnet Butler als „performativ“, wobei „performativ“ im Sinne einer Doppelbedeutung von „non-referentiell“ (es gibt keine feste Identität, die diese performativen Akte ausdrücken könnte) und „dramatisch“ zu verstehen ist. Mit dem Ausdruck „dramatisch“ meint Judith Butler, dass „der Körper nicht bloß Materie ist, sondern ein fortgesetztes und unaufhörliches Materialisieren von Möglichkeiten. Man ist nicht einfach ein Körper, sondern man macht einen Körper“ 11 . Der Körper ist also das Resultat einer Wiederholung von bestimmten Handlungen, die diesen Körper überhaupt als individuell, kulturell, geschlechtlich und ethnisch bestimmen.
Daraus folgt, dass Identität als körperliche und soziale Wirklichkeit durch performative Akte bestimmt wird. Diese performative Erzeugung der Identität deutet Judith Butler als einen Prozess der Verkörperung. Dabei bestimmen weder das Individuum noch die Gesellschaft gänzlich über dir Verkörperungsbedingungen, die diesen Prozess definieren. So übt die Gesellschaft mit performativen Akten, durch welche Identität konstituiert wird, Gewalt auf den Einzelnen aus. Gleichzeitig aber ermöglichen diese performativen Akte, dass sich der Einzelne unabhängig von den Vorstellungen, die in einer Gemeinschaft dominieren, entwickeln kann. 12
10 Vgl. Judith Butler: „Performative Akte und Geschlechterkonstruktionen“. In: Performanz. Zwischen
Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften. Hg. v. Uwe Wirth. Frankfurt am Main, 2002. S. 301-
320. Hier S. 301f.
11 Judith Butler: „Performative Akte und Geschlechterkonstruktionen“. In: Performanz. Zwischen
Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften. Hg. v. Uwe Wirth. Frankfurt am Main, 2002. S. 301-
320. Hier S. 304.
12 Vgl. Erika Fische-Lichte: Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main, 2004. S. 37-39.
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Arbeit zitieren:
Ievgeniia Bogomolova (Karashchuk), 2010, Das Performative in Peter Handkes Theaterstück "Kaspar", München, GRIN Verlag GmbH
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