Aufgaben:
1. Stellen Sie den Argumentationsansatz und die Argumentationsstruktur des Textes dar und erläutern Sie die zentralen Einschätzungen Deißners vor dem Hintergrund Ihrer Kenntnisse des Romans „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink.
2. Nehmen Sie Stellung zu Deißners Position. Beziehen Sie die Frage der Vergangenheitsbewältigung und Ihr Wissen über die Forderungen der Aufklärung in Ihre Überlegungen mit ein.
Quellen:
Welt Online (Hg.). Deißner, David (Autor). (2007). Ist „Der Vorleser“ ein großer Roman? (Pro-Haltung). Abgerufen 10. Juni 2011, von: http://www.welt.de/kultur/article1241861/Ist_Der_Vorleser_ein_grosser_Roman. html
Schlink, Bernhard. Der Vorleser. Zürich: Diogenes
3
1)
In einer Pro-/Contra-Auseinandersetzung „über die Güte des Werkes“ „Der Vorleser“, welche in der Welt am Sonntag vom 07.10.2007 erschienen und an ein eher „gutbürgerliches“ Publikum gerichtet ist, vertritt der Rezensent David Deißner mit seinem Text „Ist der Vorleser ein großer Roman?“ seine eher positive Einstellung zu dem Roman gegenüber seinem Streitpartner, wobei er, wie der Titel bereits andeutet, die eigentliche Bedeutsamkeit und Größe des Romans thematisiert.
Deißner leitet seinen Text mit der Frage ein, welche er thematisieren will. (Z. 4-5) Hierzu gibt er kurz den sozialhistorischen Konflikt wieder, welchem sich Personen in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, besonders in Deutschland, ausgesetzt sehen mussten, wie zum Beispiel Theodor W. Adorno (Z. 9-13) Der Konflikt beschreibt den Widerspruch, dass ein modernes aufgeklärtes Land „der Dichter und Denker“ den Holocaust hervorbringen konnte. Nachdem der Leser hinreichend mit der Grundlage seiner Überlegungen vertraut gemacht wurde, wendet sich Deißner im Folgenden ausführlich der argumentativen Stützung seiner These zu.
Er stellt, entgegen der genannten Vorstellung Adornos (Z. 13) heraus, dass „Der Vorleser“ beweist, dass ein Schreiben nach Auschwitz gelingen und sogar publikumstauglich sein kann. (Z. 15-17)
Deißner argumentiert mit der Fragestellung, ob das unsagbare Verbrechen Gegenstand eines massenhaften Leseerlebnisses sein kann (Z. 18-19). Es gelingt Deißner umgehend, dies an einer Vielzahl von Beispielen zu belegen. Der Vorleser wurde millionenfach in mittlerweile 39 Sprachräumen verkauft, zum Thema des Schulunterrichts gemacht und soll nun sogar verfilmt werden. (Z. 17-18 u. Z.3-4)
Dieser festgestellte Erfolg lässt Deißner zur wichtigsten Frage kommen, welche Gründe diesem Erfolg zugrunde liegen. Er behauptet, dass der Erfolg nicht auf der Einbringung von Kitsch durch Bernhard Schlink beruht, sondern vielmehr da- durch, indem der Roman den „elitären Rezensentenstolz beleidigt“. (Z. 21-24)
4
Hier findet Deißner als Argument insbesondere sehr wichtig, dass der Leser vom Handlungsgerüst des Buches „gefesselt“ wird.
Deißner belegt diese Ansicht damit, dass Schlink einen Schreibstil wählt, welcher sich nicht mit kitschigen Verschönerungen vereinbaren lässt, sondern „schnörkellos, klar präzise und fast schon kalt“ eine nahezu „ungeheure Begebenheit“ erzählt (Z. 24-26)
Zur Unterstreichung dieses Belegs führt Deißner die brisantesten Situationen des Plots in einer sehr kurzen Zusammenfassung der Thematik des Romans auf. Zum Einen, dass ein Jugendlicher mit einer sehr viel älteren Frau eine sexuelle Liebesbeziehung eingeht und zum Anderen, dass diese Frau ausgerechnet eine SS-Wärterin war und des Massenmordes angeklagt wird. (Z. 27-30) Auf diesen Faktoren aufbauend vertritt Deißner die Ansicht, dass der Roman „nicht primär von den Tätern sondern von einer Liebe, die den Liebenden mit Schuld belädt“ handelt. (Z. 32-33)
Er untermauert diese Ansicht, indem er behauptet, dass selbst die Leser des Romans sich von der Liebesgeschichte „berühren“ lassen und somit in den gleichen Gedanken- und Gewissenskonflikt wie der Erzähler geraten und sich daher ebenfalls schuldig machen. (Z. 33-35)
Deißner löst sich nach dieser These vom Roman und bezieht die Handlung auf die Realität, indem er behauptet, dass „Der Vorleser“ nur eine „ins Extreme gesteigerte Form von Erfahrungen ist, mit denen sich die Enkelgeneration konfrontiert sieht.“ (Z. 37-38)
Deißner bezieht sich hierbei auf den Fakt, dass jeder aus der Enkelgeneration Familienangehörige oder Bekannte hat oder hatte, welche in der Zeit des Nationalsozialismus „dabei“ gewesen sind und diese Zeit auf ihre Weise durchlebt haben. (Z. 39-40) Er nennt hier die „geliebte Großmutter“ als Beispiel, bei der man stellvertretend für die gesamte Generation der Täter nicht gleichzeitig ein Wegsehen in der damaligen Zeit verurteilen und deren Beweggründe man verstehen kann.
Aus dieser Tatsache entspringt, so Deißner, die Spannung des Romans. (Z. 39 und Z. 40-42)
Arbeit zitieren:
Christian Johannes von Rüden, 2008, Erörterung im Anschluss an eine Textvorlage von David Deißner zum Roman "Der Vorleser" von Bernhard Schlink, München, GRIN Verlag GmbH
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