Wenn man die Stücke von Heiner Müller liest oder ansieht, so wird man mit zahlreichen intertextuellen Bezügen konfrontiert. Müllers dramatische Werke, die als Kommentare bezeichnet werden können, nehmen also zunächst Bezug auf die Stoffe und Werke von antiken Autoren oder von Shakespeare (der neben Bertold Brecht eine wichtige Rolle in Heiner Müllers Schaffen spielt) und kehren immer wieder zu ihnen zurück. Eine bedeutende Bearbeitung eines Stücks von William Shakespeare ist Anatomie Titus Fall of Rome - Ein Shakespearekommentar. Wenn er Shakespeares Stück Titus Andronicus auf seine Weise bearbeitet und für seine Zwecke benutzt, spielen die in den Text eingefügten Kommentare eine besondere Rolle. Im Folgenden möchte ich betrachten, was eigentlich das Theater des Kommentars von Heiner Müller ist und welche Funktion diese Kommentare unmittelbar im Stück Anatomie Titus erfüllen.
Es war der Fatzer-Kommentar von Bertolt Brecht, der Heiner Müller dazu bewogen hat, mit Kommentare in seinen Stücken zu experimentieren. Der Kommentar im Sinne von Heiner Müller kann also als Mittel betrachtet werden, die Wirklichkeit des Autors ins Spiel zu bringen. Er kann nicht durch einen Erzähler vermittelt werden, sondern wird entweder durch eine Figur, auf die sich dieser Kommentar bezieht, oder mit Hilfe des Chors präsentiert. 1 Im Stück Anatomie Titus wird der Kommentar vom Rest des Textes visuell abgesondert, und zwar durch Druck in Großbuchstaben. Es gibt fast keine Interpunktion, was dazu beiträgt, dass der Kommentar als fließender Text gelesen wird. Er erinnert an keinen ausgestatteten literarischen Text eines Stückes, sondern mehr an einen Bewusstseinsstrom des Autors. Während der Kommentar in den Text des Stückes eingefügt wird und autonom vom Text zu funktionieren scheint, ist er gleichzeitig vom Text untrennbar. So können die Kommentare kaum von den Reden der Figuren getrennt werden.
Die Frage ist aber, warum Heiner Müller entscheidet, den Kommentar im Text seines Stückes Anatomie Titus einzufügen. Zunächst muss man sagen, dass er keine Funktion von Regieanweisungen erfüllt, wie man zuerst erwarten würde.
1 Heiner Müller: Anatomie Titus Fall of Rome - Ein Shakespearekommentar. S. 192.
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Schon bei der Betrachtung des ersten Aktes stellt man fest, dass es keine Hinweise für die Inszenierung des Stückes, keine Bühnenbeschreibung gibt. Man kann den Kommentar auch nicht als Nacherzählung, Erklärung oder Beschreibung von bestimmten Ereignissen des Shakespeare-Stückes bezeichnen. Weiter möchte ich die Funktion des Kommentars am Beispiel der Kommetartexte im ersten und im vierten Akt betrachten.
Im ersten Akt befindet sich der größte Teil des Kommentars, der hier zunächst dazu dient, die zentrale Thematik des Stückes schon im ersten Satz auszuformulieren, nämlich die Kollision zwischen der europäischen und tropischen Politik. 2 : „EIN NEUER SIEG VERWÜSTET ROM DIE HAUPTSTADT DER WELT“ 3 . Der Kommentar wird in den Text des Stückes fest integriert, indem er die später im Stück behandelten Figuren und Ereignisse metaphorisch beschreibt. So werden zum Beispiel Tamora, „EINE KÖNIGIN MIT SCHWEREN BRÜSTEN“ 5 und Titus Andronicus, der „SEIT ZEHN JAHREN GEGEN DIE GOTEN KRIEG FÜHRT“ und „ROMS ERSTES SCHWERT BESITZER“ 6 ist angesprochen. Vor diesem Hintergrund kann man von der dramaturgischen Funktion des Kommentars als Mittel der Raffung sprechen. Heiner Müller selbst hat den ersten Akt in Shakespeares Stück als langweilig bezeichnet und deshalb entschieden ihn durch einen epischen Kommentar zu ersetzen. 7
Darüber hinaus dient der Kommentar im ersten Akt dazu, die Problematik des Stückes auf die Ebene der modernen Welt zu erweitern. Das moderne Publikum ist von Gewalt und Morden fasziniert und sucht das Spektakuläre für die Massen: „ZWISCHEN GELÄCHTER UND APPLAUS DER MENGE
2 Vgl. Florian Vaßen: „Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekommentar“. In: Heiner
Müller Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. v. Hans-Thies Lehmann und Patrick Primavesi. S.
185-188. Hier S. 186.
3 Heiner Müller: Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekommentar. S. 101.
5 Ebd., S. 102.
6 Ebd., S. 101.
7 Vgl. Florian Vaßen: „Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekommentar“. In: Heiner
Müller Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. v. Hans-Thies Lehmann und Patrick Primavesi. S.
185-188. Hier S. 185.
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Ievgeniia Bogomolova (Karashchuk), 2010, Funktion des Kommentars, München, GRIN Verlag GmbH
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