1. Einleitung
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht Thomas Manns Erzählung Tristan, die, wie der Name schon sagt, auf dem Mythos von Tristan und Isolde beruht. Unter den verschiedenen Fassungen der Geschichte von Tristan und Isolde findet Thomas Mann die Anregung für sein Werk in Richard Wagners Oper Tristan und Isolde, „d[ie] tiefe ästhetische Inhalte in sich [trägt]“ 1 .
In dieser Arbeit möchte ich aufzeigen, welche Rolle die Musik in der Tristan- Novellespielt und wie sie darin behandelt wird. Zunächst werde ich kurz darstellen, welche intermedialen Verhältnisse zwischen Literatur und Musik entstehen können. Danach möchte ich erläutern, welche Rolle die Musik in Thomas Manns Leben und seiner künstlerischen Tätigkeit spielt, wie er Literatur und Musik in seinen Werken verbindet, nämlich zum Beispiel durch Musikbeschreibungen oder die Verwendung von musikalischen Strukturen. Da Thomas Mann in seiner Tristan-Novelle Richard Wagners Musik ins Zentrum stellt, ist es wichtig zu betrachten, welche „Entsprechungen zwischen der Oper und der Erzählung“ 2 existieren. Und dann möchte ich schließlich verfolgen, in welcher Beziehung die Helden der Novelle zur Musik stehen und wie sie auf diese reagieren.
Dabei wird neben der Musik auch die Problematik der Kunst in den Blick genommen, die mit der Musik in enger Verbindung steht. In diesem Rahmen werden Detlev Spinell und sein dekadenter Ästhetizismus dargestellt, sowie seine Beziehung zu Gabriele Klöterjahn. Unter anderem wird hier davon gesprochen, inwiefern Spinell als Künstler die Wirklichkeit adäquat wahrnimmt und reproduziert.
Einem so vielseitigen Schriftsteller wie Thomas Mann wird von der Literaturwissenschaft sehr viel Beachtung geschenkt, weshalb das Spektrum der Interpretationsansätze und untersuchten Themen in seinen Werken sehr breit ist. Einen wichtigen Betrag zur Thomas Mann-Forschung leistet Hans R. Vaget mit dem Thomas Mann Handbuch, der sich zu vielen Erzählungen des Autors äußert, so auch
1 Szabó, László V. „Von Mythos zu Ironie und Humor in Thomas Manns Tristan.“ Jahrbuch der ungarischen Germanistik 1996, 1996: S. 181-191. Hier S. 182.
2 Ebd., S. 183.
3
einen Überblick über die Tristan-Novelle gibt. Das Werk kann aus verschiedenen Perspektiven untersucht werden, der Kernpunkt für diese Arbeit ist aber die Bedeutung der Musik in Thomas Manns Werk. Dieses Ziel verfolgen auch die zeitgenössischen Beiträge von Johannes Odendahl, Literarisches Musizieren. Wege des Transfers von Musik in die Literatur bei Thomas Mann, in denen er untersucht, welche musikalischen Bezüge es in den Werken von Thomas Mann gibt. In Bezug auf die Tristan-Novelle spricht er davon, inwiefern die Oper Tristan und Isolde von Richard Wagner als strukturelles Muster für Thomas Manns Tristan-Novelle dienen konnte. Einen weiteren wichtigen Beitrag macht Claudius Reinke, der sich sehr gründlich mit der Wagnerforschung beschäftigt.
2. Entstehungsgeschichte, Genrezugehörigkeit und Gattungsbestimmung
Bevor wir uns der Beziehung zwischen Literatur und Musik im Allgemeinen, bei Thomas Mann im Besonderen und ganz speziell in Manns Tristan-Novelle zuwenden, ist es wichtig einen kurzen Überblick über die Enstehungsgeschichte und Genrezugehörigkeit des Werks zu geben.
Die Tristan-Novelle ist entstehungsgeschichtlich eng mit Tonio Kröger verbunden. Es ist nicht bekannt, wann Thomas Mann den Tristan begann, weil „die ersten Spuren in der Korrespondenz mit [Heinrich] [...] ein spätes Stadium [bezeichnen]“ 3 . Während Thomas Mann am Hanno-Kapitel seines großen Romans Buddenbrooks arbeitete, konzipierte er gleichzeitig bereits Tristan und Tonio Kröger. 4 Es ist offensichtlich, dass er Wege aus dem „Hanno-Dilemma“ 5 , und zwar aus den „Kunst- Leben-Aporien“ 6 inden Figuren von Detlev Spinell und Tonio Kröger zu finden versuchte.
3 Hans R. Vaget: „Die Erzählungen“. In: Thomas Mann Handbuch. Hrsg. v. Helmut Koopmann. Frankfurt am Main, 2005. S. 534-618. Hier S. 559.
4 Vgl. ebd., S. 559.
5 Ebd., S. 559.
6 Ebd., S. 559.
4
Es spricht sehr viel dafür, dass Thomas Mann die Tristan-Novelle „für besonders gelungen und repräsentativ [hielt]“ 7 , unter anderem auch die Tatsache, dass Thomas Mann den Titel der Erzählung Tristan als Titel des Sammelbandes wählte. Gerade dieser Novellen-Band von 1903, der die Novellen Der Weg zum Friedhof, Tristan, Der Kleiderschrank, Luischen, Gladius Dei, Tonio Kröger und Die Hungernden enthielt, genoss „enthusiastische Zustimmung bei der Kritik“ 8 , wobei das Schicksal der Buddenbrooks ungewiss blieb.
Obwohl „d[ie] epische[] Großform“ 9 Thomas Mann sehr gelungen ist, „gehör[t]en seine erste[n] Publikationen [...] zum Genre der Novelle“ 10 und er hielt „den epischen Kurzformen“ 11 immer die Treue. Man kann eine enge Verbindung zwischen dem Roman und der Erzählung bei Thomas Mann spüren. Es gibt viele Erzählungen, die „im Sog der großen Erzählwerke [...] entstanden“ 12 sind, wie zum Beispiel die oben erwähnten Tristan und Tonio Kröger, die sich mit den in den Buddenbrooks „offengelassenen Fragen der Künstlerproblematik“ 13 beschäftigen.
Obwohl wir hier über die Novelle sprechen, scheint es schwer, „die ‚short fiction„ Thomas Manns nach den herkömmlichen Kategorien der epischen Gattungen [zu] ordnen“ 14 , weil es meist mehr „Mischformen, Variationen und Amplifikationen“ 15 sind. Hans. R. Vaget spricht davon, dass man, obwohl Thomas Manns Kurzwerke „sich nicht überzeugend in das Raster der traditionellen Gattungen fügen“ 16 , „bestimmte Konstruktionsmuster“ 17 finden kann, nach denen der Schriftsteller arbeitet. Es sind also zwei Typen von Texten zu unterscheiden: Zum ersten Typ gehören die Texte, „die […] eine Aufführung zum Gegenstand haben“ 18 . Der zweite Typ stellt „[in den] Vordergrund des Erzählinteresses [...] nicht eine Veranstaltung,
7 Ebd., S. 559.
8 Ebd., S. 556.
9 Hans R. Vaget: „Die Erzählungen“. In: Thomas Mann Handbuch. Hrsg. v. Helmut Koopmann. Frankfurt am Main, 2005. S. 534-618. Hier S. 534.
10 Ebd., S. 534.
11 Ebd., S. 534.
12 Ebd., S. 535.
13 Ebd., S. 535.
14 Ebd., S. 541.
15 Ebd., S. 541.
16 Ebd., S. 541.
17 Ebd., S. 541.
18 Ebd., S. 542.
5
sondern die Lebenslinie der Hauptgestalt“ 19 . Die Tristan-Novelle gehört offensichtlich zum ersten Muster, weil hier die Aufführung ins Zentrum gestellt wird (in dem Fall ist es die Klavierszene) und die Musik eine entscheidende Rolle spielt. Hier ist auch Thomas Manns „charakteristische Strategie […] den ganzen Text sich an einer Stelle verdichten zu lassen“ 20 erwähnenswert. Hauptsächlich ist es die Aufführung, die „zu einem Mikrokosmos der Gesamtstruktur wird“ 21 , was am Beispiel von Tristan deutlich wird.
Es fällt auch schwer das literarische Schaffen Thomas Manns in „d[ie] deutsche[] Literaturgeschichte“ 22 einzuordnen, weil er „selbst [...] alle historischen Etikettierungen [wie die Epochenbegriffe des Naturalismus und Symbolismus] ab[wehrte]“ 23 . Jedoch kann man die Einflüsse der Epoche in seinen Werken spüren, und zwar jene von Paul Bourget, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche, die „die thematischen Interessen wie die ästhetischen Orientierungen“ 24 von Thomas Mann prägen. „Im Zentrum dieser Interessen steht die décadence“ 25 . Einerseits war er von diesem Phänomen fasziniert, zu dessen Merkmalen „die Darstellung von Verfall, biologischem Niedergang [...], von Krankheit und Tod, die Faszination durch das Grauen“ 26 gehörte; andererseits „suchte [er] nach Wegen zu einer ‚gesündere[n] Geistigkeit„ und Lebensfreundlichkeit“ 27 . Diese dekadenten Züge sind zentral für die Tristan-Novelle, in der Detlev Spinell, der sterile und künstlerisch-impotente Ästhet, als dekadente Figur dargestellt wird und Gabriele Klöterjahn als femme fragile (der Frauentypus, den Dieter Borchmeyer als „nicht selten schwindsüchtig[]“ 28 definiert) bezeichnet werden kann.
19 Ebd., S. 543.
20 Ebd., S. 545.
21 Ebd., S. 545.
22 Ebd., S. 539.
23 Ebd., S. 539.
24 Ebd., S. 540.
25 Ebd., S. 540.
26 Dieter Borchmeyer: „Décadence“. In: Moderne Literatur in Grundbegriffen. Hrsg. v. Dieter Borchmeyer und Viktor Žmegač. Tübingen, 1994. S. 69-76. Hier S. 74.
27 Hans R. Vaget: „Die Erzählungen“. In: Thomas Mann Handbuch. Hrsg. v. Helmut Koopmann. Frankfurt am Main, 2005. S. 534-546. Hier S. 540.
28 Dieter Borchmeyer: „Décadence“. In: Moderne Literatur in Grundbegriffen. Hrsg. v. Dieter Borchmeyer und Viktor Žmegač. Tübingen, 1994. S. 69-76. Hier S. 74.
6
3. Literatur und Musik
Im folgenden Kapitel möchte ich allgemein über die Verhältnisse zwischen Literatur und Musik sprechen und danach zeigen, wie sich die beiden auf dem Boden von Thomas Manns Werken verbinden.
Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Literatur und Musik kann in zwei Phasen unterteilt werden, so Albert Gier. 29 Zur ersten Phase gehört der Zeitraum „von der griechischen Antike bis ins 18. Jahrhundert“ 30 , indem Musik als Sprache konzipiert wird. In der zweiten Phase (Ende des 18. Jahrhunderts bis heute) „wird (literarische) Sprache als Musik aufgefaßt“ 31 . Seit dem 18. Jahrhundert wurden die beiden als Nachbardisziplinen betrachtet. Dabei wurde unter Literatur meistens Dichtung verstanden. In der heutigen Forschung wird „die fortbestehende Verwandtschaft“ 32 der beiden betont und ihre Beziehungen auf mehreren Ebenen untersucht. Es wird sehr oft darüber diskutiert, ob sie „gemeinsame narrative Strukturen“ 33 oder geschichtlich bedingte „kultur-historisch-hermeneutische Affinitäten“ 34 haben, was im Rahmen des komparatistischen Ansatzes betrachtet wird. Die Intermedialitätsforschung beschäftigt sich näher mit der Frage, welche „Bezüge zwischen M[usik] und Lit[eratur] in bestimmten Werken“ 35 entstehen. So können sie zum Beispiel im Werk “mehr oder weniger gleichrangig kombiniert werden“ 36 , oder eine von ihnen kann eine Nebenrolle spielen. Es ist wichtig auch zwischen „bloßer ‚Thematisierung„ von M[usik] in der Lit[eratur] und deren ‚Inszenierung [...], also ‚Musikalisierung„“ 37 zu unterscheiden. Von großer Bedeutung sind die „Versuche einer Musikalisierung der Erzählkunst“ 38 , die im Modernismus und
29 Vgl. Albert Gier: „Musik in der Literatur. Einflüsse und Analogien“. In: Literatur intermedial. Musik-Malerei-Photographie-Film. Hrsg. v. Peter V. Zima.Darmstadt, 1995. S. 61-92. Hier S. 74.
30 Ebd., S. 74.
31 Ebd., S. 74.
32 Ansgar Nünning: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze- Personen-Grundbegriffe. Hrsg. v.. Stuttgart, 2008. S. 522.
33 Ebd., S. 522.
34 Ebd., S. 522.
35 Ebd., S. 522.
36 Ebd., S. 522.
37 Ebd., S. 522.
38 Ebd., S. 522.
7
Arbeit zitieren:
Ievgeniia Bogomolova (Karashchuk), 2009, Die Bedeutung der Musik in Thomas Manns Novelle "Tristan", München, GRIN Verlag GmbH
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