II
Inhaltsverzeichnis
0 EINLEITUNG. 1
1 DAS WELTBILD 2
1.1 Allgemeiner Weltzustand 2
1.2 Räumliche und zeitliche Orientierung 3
2 DAS MENSCHENBILD 4
2.1 Figurenkonzeption 4
2.2 Figurencharakterisierung 6
2.3 Figurenperspektivierung 6
2.3.1 Kommunikation 6
2.3.2 Beziehung zu Raum und Zeit 7
2.3.3 Perspektivierung durch lyrische Haltung 8
3 SYNTHESE 9
4 LITERATURVERZEICHNIS III
1
0 Einleitung
„Jede feste Gestalt, jeder eindeutige Gedanke, jedes ausgesprochene Wort kam ihnen als tot und verlogen vor.“ 1 Bereits in diesem Ausspruch von Kirill Pigarev wird das Wissen um das Spannungsverhältnis zwischen Gedanken und Worten deutlich. In der Lyrik der russischen Romantik war das Misstrauen gegenüber der Sprache ein wichtiges lyrisches Motiv und zugleich insbesondere bei den Symbolisten ein zentraler Bestandteil. Diese Thematik findet sich auch in Fedor Tjutčevs Gedicht Silentium! als ein bedeutender Schwerpunkt wieder. Keineswegs vermag in Silentium! ein anderer Vers als „Der ausgesprochene Gedanke ist Lüge“ (II, 4) die Problematik in stilistischer und inhaltlicher Form prägnanter festzuhalten. Diesem Vers erfuhr auch künftig noch eine tragende Rolle, denn er entwickelte sich zum Leitspruch der russischen Symbolisten und könnte zudem auch den Titel von Tjutčevs Lebenswerk schmücken.
Deshalb wirft sich die Frage auf, inwiefern in Silentium! die Problematik der Sprachskepsis und -kritik verarbeitet wurde und wie sich diese auf das Welt- und Menschenwelt auswirkt. Eine Analyse, die sich am Interpretationsschema von Prof. Dr. Birgit Harreß orientieren wird, soll darüber Aufschluss geben.
Im ersten Kapitel gilt es, kritisch zu untersuchen, wie sich der allgemeine Weltzustand und darüber hinaus die Beziehung zwischen Weltordnung und Weltbewohnern gestaltet. Anschließend soll diese Erkenntnis in eine räumliche und zeitliche Konkretisierung eingeordnet werden.
Im zweiten Teil wird unter anderem herauszustellen sein, wie sich die existentielle sowie soziale Verfassung des lyrischen Ichs in die Figurenkonzeption eingliedern. Ein weiteres Ziel besteht darin, zu analysieren, ob und inwieweit das lyrische Ich beispielsweise hinsichtlich körperlicher oder sexueller Gestaltung als lyrische Figur charakterisiert werden kann. Interessant erscheint zudem, eine Figurenperspektivierung unter den Aspekten der Kommunikation, Beziehung zu Raum und Zeit sowie Perspektivierung der lyrischen Haltung vorzunehmen.
In der Gesamtheit soll die Analyse des Welt- und Menschenbildes in Tjutčevs Silentium! einen differenzierten Standpunkt zur Thematik ermöglichen und exemplarisch darstellen, welche enorme Bedeutung diesem Gedicht innerhalb der philosophischen Naturlyrik, der Betrachtung von Sprachskepsis und -kritik, der Epoche der Romantik, der Symbolistenbewegung sowie der gesamten russischen Lyrik widerfährt.
1 Hauser, Arnold: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. München: C. H. Beck Verl. 1990, S. 703.
2
1 Das Weltbild
Die vorherrschende Weltordnung in Tjutčevs Gedicht Silentium! soll im Folgenden analysiert werden. Dabei wird insbesondere auf die Beziehung beziehungsweise den Antagonismus zwischen Chaos und Kosmos einzugehen sein. Des Weiteren gilt es auch das Weltbild in einem räumlichen und zeitlichen Rahmen zu konkretisieren und dessen Besonderheiten in den Gesamtkontext einzuordnen.
1.1 Allgemeiner Weltzustand
Die gründliche Analyse offenbart, dass es sich beim Weltbild um eine Polarität zwischen Chaos und Kosmos handelt. Besonders deutlich wird dieses konzentrierte Spannungsverhältnis an vielen Gegensatzpaaren wie beispielsweise „Tag[ ]“ (III, 5) und „Nacht“ (I, 5) oder „Empfangendes und Schöpferisches“ 2 .
Dieser Zustand des Dualismus ermöglicht zudem eine Kollision. Kennzeichnend dafür ist das Reiben des lyrischen Ichs an den beherrschenden Verhältnissen der Welt. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass das Chaos in der Natur beruht. Das Warten auf den Schöpfer steht im Mittelpunkt, um dadurch den Weg ins Leben zu ebnen. Hingegen findet der Kosmos seinen Ursprung im Wort. Durch dieses erfährt die materielle Vielfalt den Weg ins Diesseits und kann somit zur Schöpfung gelangen. Die zentrale Aufgabe des Menschen besteht darin, dass Chaos und Kosmos im Inneren erfahrbar und begreifbar werden zu lassen. Dieser Weg findet eine enorme Wirkung auf die Menschen. Einzig diese Form kann die Gegensätze und zugleich den Menschen als Ganzes vereinigen. 3
Insbesondere in der Romantik, zu dessen Vertretern auch Tjutčev zählt, wird die menschliche Seele als ein Mikrokosmos betrachtet. Dieser Mikrokosmos ist wiederum in einem Makrokosmos platziert, denn auch die menschliche Seele ist wie das Weltall unendlich und nahezu unerforscht. Weiterhin zeigt Silentium! auch den Gegensatz zwischen vergänglichen Taten des Menschen und dem Ewigkeitscharakter der Natur auf; somit also auch das Verhältnis von Materie und Geist 4 . Die Motive des stillen Einkehr und der geistigen Einsamkeit wie zum Beispiel „[s]chweig, verbirg und halte [dich] geheim“ (I, 1) oder „[v]erstehe nur in dir selbst zu leben“ (III, 1) verdeutlichen, dass der Mensch einzig so zu höherer Erkenntnis gelangen kann.
2 Harreß, Birgit: Fedor Tjutčev. Silentium! In: Zelinsky, Bodo (Hrsg.): Die russische Lyrik. Köln,
Weimar; Wien: Böhlau Verl. 2002, S. 110.
3 Vgl. ebd.
4 Vgl. Waegemans, Emmanuel (Hrsg.): Geschichte der russischen Literatur. Von Peter dem Großen bis zur
Gegenwart. Konstanz: UVK Universitätsverlag Konstanz 1998, S. 111.
Arbeit zitieren:
Christian Roos, 2011, Fedor Tjutčevs "Silentium!" - Eine Analyse des Welt- und Menschenbildes, München, GRIN Verlag GmbH
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