Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
Die Sprachenpolitik in Frankreich Kapitel 1 3
3
1.1 Was ist Sprachenpolitik?
4
1.2 Die sprachliche Vielfalt Frankreichs
5
1.3 Der Aufstieg des Französischen zur Nationalsprache
5
1.4 Die „Sprache der Freiheit“ im revolutionären Frankreich
7
1.5 Französisch auf dem Vormarsch
8
1.6 Die Renaissance der Regionalsprachen
11
1.7 Zusammenfassung
12
Kapitel 2 Die Situation der Regionalsprachen in Frankreich
12
2.1 Einführung
12
2.2 Die Langues d'Oïl
13
2.3 Das Arpitanische
13
2.4 Das Okzitanische
15
2.5 Das ligurische Italienisch
15
2.6 Das korsische Italienisch
16
2.7 Das Katalanische
17
2.8 Das Baskische
17
2.9 Das Bretonische
18
2.10 Das westflämische Niederländisch
20
2.11 Das Deutsche in Elsass-Lothringen
21
2.12 Ausblick
22
Kapitel 3 Die französische Sprachenpolitik der Neuzeit und die Nation
22
3.1 Beurteilung der französischen Verfassung
23
3.2 Französischer Balkan?
25
3.3 Die Bedeutung der Sprachenpolitik für die Nation
26
Res ümee
27
Literatur -, Quellen- und Abbildungsverzeichnis
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(Es ist verboten auf den Boden zu spucken und bretonisch zu sprechen.)
Dieser Satz ist einigen Menschen noch heute in schmerzhafter Erinnerung. Sie wurden für ihre Muttersprache gedemütigt, lächerlich gemacht und hart bestraft. Über mehrere Jahrhunderte versuchten französische Politiker die zahlreichen angestammten Regionalsprachen Frankreichs auszulöschen, um das Französische im ganzen Land zu verankern. Französisch galt als das Fundament der Nation, alle anderen in Frankreich gesprochenen Sprachen standen hingegen für die Zersplitterung der Republik. Noch bis vor kurzem wurden die Regionalsprachen durch sprachenpolitische Maßnahmen im Namen der unteilbaren Grande Nation unterdrückt; erst vor einigen Jahren hat ein Umdenken stattgefunden.
Ich werde in dieser Arbeit zunächst einen geschichtlichen Abriss über die französische Sprachenpolitik geben, dann im einzelnen die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf die Regionalsprachen darlegen sowie deren heutige Lage aufzeigen und am Schluss die Bedeutung der neuzeitlichen Sprachenpolitik für den französischen Staat untersuchen.
1. Die Geschichte der Sprachenpolitik in Frankreich
1.1 Was ist Sprachenpolitik?
Der Begriff „Sprachpolitik“ ist grundsätzlich von dem der „Sprachenpolitik“ abzugrenzen, auch wenn „Sprachpolitik“ häufig als Überbegriff für beide Gegenstandsbereiche gebraucht wird. Wenn man die beiden Begriffe aber unterscheidet, dann ist mit Sprachpolitik die normative Einflussnahme auf eine Einzelsprache gemeint, z. B. die deutsche Rechtschreibreform von 1996 oder das „Loi Toubon“ von 1994, das u. a. Anglizismen im Französischen verhindern soll. Sprachenpolitik hingegen bezeichnet den politischen Umgang mit Mehrsprachigkeit, also z. B. die Anerkennung oder Nichtanerkennung einer Sprache als Amtssprache oder einsprachige versus mehrsprachige öffentliche Beschilderung. Im Sinne dieser Begriffsunterscheidung behandelt meine Arbeit hauptsächlich die Sprachenpolitik in Frankreich.
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1.2 Die sprachliche Vielfalt Frankreichs
Frankreich ist von jeher ein vielsprachiges Land. Das eigentliche Französisch stammt aus der Île-de-France und hat sich seit dem Mittelalter über ganz Frankreich ausgebreitet. Dennoch werden einige nah verwandte, aber auch weit entfernte Sprachen in Frankreich gesprochen. Insbesondere an den Rändern Frankreichs sind sie verbreitet und noch in unterschiedlichem Maße lebendig.
In Nordfrankreich werden die Langues d'Oïl gesprochen, zu denen auch Französisch gehört; in Südfrankreich ist das Okzitanische verbreitet. Im Nordwesten spricht man Bretonisch, im Nordosten Flämisch, im Osten lothringisches und elsässisches Deutsch so-
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wie Arpitanisch, im Süden ligurisches Italienisch, Katalanisch und Baskisch und auf Korsika korsisches Italienisch; hinzu kommen noch dutzende Sprachen in französischen Überseegebieten sowie zahlreiche andere Sprachen, die zwischen bloßem Dialekt und eigenständiger Kultursprache stehen.
1.3 Der Aufstieg des Französischen zur Nationalsprache
Schon seit dem Mittelalter hatte das Französische, die Sprache der Île-de-France, ein hohes Prestige in Frankreich. So berichtete der Ritter Conen de Béthune aus der Pikardie 1180, dass man bei Gericht über seine Sprache 1 gelacht habe, obwohl man sie verstehen konnte. 2 Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts war Französisch zumindest in seinem eigentlichen Sprachgebiet neben dem Lateinischen als Urkundensprache etabliert. 3 König François I. legte 1539 im Edikt von Villers-Cotterêts Französisch als alleinige Amtssprache im Königreich fest, jedoch ohne Sanktionen bei Zuwiderhandlung zu benennen. Durch dieses Edikt konnte das Französische im 16. und 17. Jahrhundert in alle Gebiete des Lateinischen (bzw. Okzitanischen) eindringen und ein genauso hohes Prestige erlangen. 4 Was das Volk sprach, war den Herrschern aber egal, so schrieb daher auch Michel de l'Hôpital im 16. Jahrhundert, dass sprachliche Unterschiede keine Gefahr für das Königreich seien, da die Menschen unter dem Monarchen vereint seien 5 (gemäß dem Spruch „une foi, un loi, un roi“ 6 ). 1.4 Die Sprache der Freiheit im revolutionären Frankreich Mit der Französischen Revolution 1789 und dem Sturz der Monarchie war dieses Konzept aber hinfällig. Als neue Idee galt, dass die Bürger nicht mehr unter dem König vereint waren, sondern unter der Nation. Zunächst gab es durch die Revolution ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl, dass eine einheitliche Sprache kein Anliegen war. 7 Tal-leyrand hielt am 10.9.1791 eine Rede in der Nationalversammlung, in der er forderte, mit der sprachlichen Ungleichheit Schluss zu machen und als Instrument die Schule
1 Das Pikardische, eine dem Französischen nah verwandte Sprache
2 vgl. Judge 2007, p. 14
3 vgl. Haas 1991, p. 14
4 vgl. Haas 1991, p. 20
5 vgl. Grillo 1989, p. 22
6 auf deutsch: „ein Glaube, ein Gesetz, ein König“
7 vgl. Grillo 1989, p. 30
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vorschlug. 8 Die Idee, dass die republikanische Gleichheit nur durch sprachliche Gleichheit zu erreichen sei, verbreitete sich: Nur wenn alle Bürger die Staatssprache Französisch beherrschten, könnte jeder (zumindest theoretisch) an der politischen Willensbildung teilhaben. Danton sagte 1792:
„Derjenige, der auf jemand anderen zurückgreifen muss, um einen Brief zu schreiben oder bloß zu lesen, […], zu wissen, was das Gesetz ihm erlaubt und verbietet, […], diese Person ist notwendigerweise in einem Zustand persönlicher Abhängigkeit, in einem Zustand der Abhängigkeit, der es unmöglich oder gefährlich macht, seine Rechte als Bürger auszuüben.“ 9
Die Nation wurde mit der gemeinsamen Sprache gleichgesetzt. Durch eine einheitliche Sprache sollte die Einheit der Nation gesichert werden, Mehrsprachigkeit hingegen würde die Nation schwächen, weshalb folglich alles Nicht-Französische verschwinden müsse. 10 Die französische Sprache bekam die Funktion der „langue de la liberté“ und „langue nationale“, wohingegen die Patois (so wurden und werden die Regionalsprachen abschätzig genannt) für Zersplitterung und Feudalismus standen. 11 Einer der wichtigsten Befürworter der sprachlichen Einheit war Henri Grégoire, er schlug beispielsweise Französischkenntnisse als Voraussetzung zum Heiraten vor. 12 Grégoire legte 1794 einen „Bericht über die Notwendigkeit und die Mittel zur Vernichtung der Patois und des allgemeinen Gebrauches der französischen Sprache“ vor, in dem er schilderte, dass nur in 15 der 83 Départements ausschließlich Französisch gesprochen wurde, und dass im ganzen Land von 26 Mio. Einwohnern nur 3 Mio. des Französischen mächtig seien; 6 Millionen hatten keinerlei Französischkenntnisse. 13 1792 wurde der Aufbau eines staatlichen Schulwesens beschlossen, in dem nur auf Französisch unterrichtet werden sollte. In Elsass-Lothringen sollte es immerhin noch bilingualen Unterricht geben, da man das Deutsche nicht als minderwertige Sprache betrachtete, so wie man es mit den Patois tat. 14 Die Schulreform scheiterte aber an fehlenden finanziellen Mitteln sowie am Mangel von zweisprachigen Lehrern. Den größten Einfluss konnte die „Sprache der Aufklärung“ über die ausschließlich auf Französisch agierenden revolutionären Clubs und Komittees erlangen, sowie über den französischsprachigen Militärdienst. 15 1794, kurz vor dem Ende der Jakobinerherrschaft, wurde ein Gesetz erlassen, das vorschrieb, dass Verwaltungsvorgänge nur noch auf Französisch
8 vgl. Haas 1991, p. 25
9 zit. n. Judge 2007, p. 26 (vom Verfasser übersetzt aus dem Englischen, Original französisch)
10 vgl. Cichon 2003, p. 30
11 vgl. Freitag 2005, p. 5-6
12 vgl. Judge 2007, p. 21
13 Ob diese Zahlen richtig sind, ist nicht sicher, da Grégoire widersprüchliche Angaben machte (siehe Grillo 1989, p. 25)
14 vgl. Grillo 1989, p. 36
15 vgl. Warner 2006, p. 11
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dokumentiert werden durften, ansonsten drohten Entlassungen oder sechsmonatige Haft. 16 Auch in allen justiziellen Dokumenten (einschließlich privaten Verträgen) wurde der Gebrauch von Regionalsprachen verboten. 17
Die Jakobiner schürten in dieser Phase der Revolution Hass auf die Regionalsprachen. So formulierte beispielsweise der (okzitanischstämmige!) Abgeordnete Bertrand Barère:
„Föderalismus und Aberglaube sprechen Bretonisch, Auswanderung und Hass auf die Republik sprechen Deutsch. Die Konterrevolution spricht Italienisch und der Fanatismus spricht Baskisch.“ 18
Im Jahre 1794 begann auch die umfassende Franzisierung Elsass-Lothringens, so wurde das Deutsche im öffentlichen Raum verboten. Extreme Forderungen reichten bis zu dem Vorschlag, alle Deutschen deportieren und guillotinieren zu lassen, um die Gebiete anschließend mit Sansculotten zu besiedeln. 19
1.5 Französisch auf dem Vormarsch
Der 1799 an die Macht gekommene Korse Napoleone Buonaparte entschied sich für die französische Version seines Namens und hielt am Unterricht auf Französisch fest. Ab 1833 begann mit dem Loi Guizot der Aufbau eines Volksschulwesens, das auch den
Kindern der unteren Schichten die Bildung ermöglichte.
20
Das Loi Falloux von 1850 machte Französisch zur einzigen Sprache in der Schule. Sie war für viele Schüler zunächst eine Fremdsprache,
aber für darauffolgende Generationen oft schon eine Muttersprache. 1861 gab es immerhin nur noch 24 Départements, in denen eine Mehrheit der Bevölkerung kein Französisch sprach. 21 Der endgültige Durchbruch des Französischen gelang erst 1881, als der Schulbesuch für jedes Kind kostenlos wurde. Ein Jahr später führte man eine allgemeine Schulpflicht für Jungen und Mädchen von 6 bis 13 ein. In den Schulen wurde der Ge-
16vgl. Freitag 2005, p. 7
17 vgl. Grillo 1989, p. 39
18 zit. n. Freitag 2005, p. 7
Original: „Le fédéralisme et la superstition parlent bas-breton; l'émigration et la haine de la République parlent allemand; la contre-révolution parle l'italien, et le fanatisme parle basque.“
19 vgl. Grillo 1989, p. 38
20 Jede Gemeinde sollte mindestens eine Grundschule erhalten, zudem wurden die Eltern armer Kinder vom Schulgeld befreit.
21 vgl. Judge 2007, p. 27
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Arbeit zitieren:
Florentin Rack, 2010, Französische Sprachenpolitik in der Neuzeit, München, GRIN Verlag GmbH
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