1. Einleitung 3
2. Die Sarrazin-Debatte 5
2.1 Der Inhalt von „Deutschland schafft sich ab“ 5
2.2 Die Kontroverse um Thilo Sarrazin 7
2.2.1 Das Lettre International-Interview und seine Folgen 8
2.2.2 Die Debatte um das Buch 9
2.3 Die Position Klaus von Dohnanyis in der Sarrazin-Debatte 12
2.4 Analyse der Sarrazin-Debatte 13
2.4.1 Die Polarisierung der Person Thilo Sarrazin 13
2.4.2 Überprüfung der Fakten 14
2.4.3 Thilo Sarrazin: Ein geschickter Selbstvermarkter? 15
2.4.4 Konkretes Sprechen - konkretes Verstehen? 16
2.4.5 Meinungsfreiheit 18
3. Die Walser-Bubis-Debatte 19
3.1 „Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede“ 19
3.2 Die Debatte 20
3.3 Klaus von Dohnanyi vs. Ignatz Bubis 22
3.4 Die Aussprache 23
3.5 Analyse der Debatte 24
4. Sarrazin und Walser im Vergleich 26
5. Fazit 27
Literaturverzeichnis 30
Internetquellen 31
2
1. Einleitung
„Unerträglich“, „menschenverachtend“, „dumm und nicht weiterführend“, „diffamierend und verletzend“, „polemisch“ und „dämlich“, sind nur einige der Bezeichnungen für die Aussagen Thilo Sarrazins in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“. Sarrazin hat im Jahre 2010 wochenlang die Feuilletons der Zeitungen beherrscht und wurde in Deutschland kontrovers diskutiert. Doch auch schon vor dem Erscheinen seines Buches ist Sarrazin mit polarisierenden Aussagen in den Medien präsent. Zwölf Jahre zuvor hielt der Schriftsteller Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche eine Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, in der er sich kritisch zum Umgang mit der Holocaust-Erinnerung äußerte. Diese Rede löste ebenfalls eine Debatte aus, die in den Feuilletons der deutschen Zeitungen ausgetragen wurde, in der Ignatz Bubis, damaliger Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, sein härtester Gegner war. Die aktuellere Debatte um Thilo Sarrazin soll in dieser Arbeit im Vordergrund stehen. Bereits vor Sarrazin wiesen andere auf integrationspolitische Probleme in Deutschland hin, zum Beispiel Giovanni die Lorenzo, der Herausgeber der Wochenzeitung DIE ZEIT, im Jahre 2004, Rolf Stolz in „Deutschland, deine Zuwanderer“ aus dem Jahr 2002 oder Hans-Hermann Gockel 2006 in „Die überstrapazierte Nation“. 1 Allerdings lösten sie nicht annähernd die gleichen Reaktionen in Öffentlichkeit und Politik aus, wie Thilo Sarrazin. Warum waren die Reaktionen bei ihm anders? Wieso wurde er gehört und seine Vorredner nicht? Im Verlauf dieser Arbeit soll die Kontroverse rund um Thilo Sarrazin dargelegt und analysiert werden. Das Buch Sarrazins wird nur kurz zusammengefasst, da der Fokus dieser Arbeit nicht auf dem Inhalt des Buches, sondern auf der Debatte, die dem Erscheinen dieses Buches voraus- und nachging, liegen soll. Dennoch ist es wichtig einige Inhalte und Zitate zu kennen, um die Reaktionen der Öffentlichkeit und die Kontroverse zu verstehen. Auf die komplette Debatte rund um Talkshow-Auftritte, Zeitungs-Artikel, Internet-Plattformen und weitere Reaktionen zu seinen Äußerungen und seinem Buch kann in dieser Hausarbeit nicht eingegangen werden, da es ein nahezu unüberschaubares Meer an Stimmen zu Thilo Sarrazin gibt. Von daher beschränkt sich die Wiedergabe der Debatte in dieser Arbeit auf einen Teil der Reaktionen in den Feuilletons, die aber deutlich machen, wie kontrovers Thilo Sarrazin diskutiert wurde. Im Anschluss an die Wiedergabe der Debatte wird diese analysiert und unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert.
1 Vgl. Der Fall Sarrazin. Eine Analyse, hg. vom Institut für Staatspolitik, 4. aktualisierte Auflage, Albersroda
2010, S. 31.
3
Die Walser-Bubis Debatte aus dem Jahr 1998 ist etwas kompakter und wird in einem nächsten Schritt zum Vergleich mit der Sarrazin-Debatte herangezogen. In beiden Debatten wird die Position des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi herausgestellt, da dieser zu den Positionen der Protagonisten der Debatten - Martin Walser, Ignatz Bubis und Thilo Sarrazin - Stellung bezogen hat und zumindest in der Walser-Debatte selbst in die öffentliche Kritik geraten ist. Nach der Analyse der Walser-Debatte werden beide Debatten miteinander verglichen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten werden herausgestellt. In einem Fazit wird abschließend ein Bezug der Debatten zur Öffentlichkeit und zu den Medien hergestellt.
Literatur zu beiden Debatten ist zahlreich vorhanden. Gerade die Kontroverse um Thilo Sarrazin ist noch sehr aktuell und doch gibt es schon einige Bücher, die die Debatte reflektieren, Stimmen aus Zeitungen gesammelt wiedergeben und Sarrazin auch inhaltlich überprüfen und kommentieren. Zu nennen sind hier: „Sarrazin. Eine deutsche Debatte“ 2 , herausgegeben von der Deutschlandstiftung Integration und die Zeitungen des Instituts für Staatspolitik: „Sarrazin lesen. Was steckt in Deutschland schafft sich ab?“ 3 sowie „Der Fall Sarrazin. Eine Analyse“. 4 Auch das Internet bietet zu diesem Thema eine enorme Flut an Informationen. Als Quelle ist das Internet allerdings kritisch zu betrachten, da es keine Gewähr für Wissenschaftlichkeit gibt. Beim Verfassen dieser Arbeit kann jedoch auf das Internet nicht verzichtet werden, da im Netz zahlreiche Online-Zeitungsartikel über die Feuilletondebatten existieren, die diese wiedergeben.
Zum Thema Walser gibt es ebenfalls Literatur in ausreichender Menge, die die Debatte und die Themen, die sich um sie herum ranken, aufgreifen. Erwähnenswert ist hier das Buch „Die Walser-Bubis Debatte. Eine Dokumentation“ 5 von Frank Schirrmacher, der Texte, Leserbriefe und Feuilletonartikel in einem Werk gesammelt hat. Gerd Wiegel und Lars Klotz setzen sich in „Geistige Brandstiftung? Die Walser-Bubis Debatte“ 6 kritisch mit der Thematik des Holocaust in Bezug auf Martin Walsers Rede auseinander und Micha Brumlik, Hajo Funke und Lars Rensmann reflektieren die deutsche Erinnerungspolitik und das Holocaustdenkmal in Berlin in „Umkämpftes Vergessen“ 7 ebenfalls unter dem Aspekt der Friedenspreisrede von Martin Walser.
2 Sarrazin. Eine deutsche Debatte, hg. von der Deutschlandstiftung Integration, München 2010.
3 Sarrazin lesen. Was steckt in Deutschland schafft sich ab?, hg. vom Institut für Staatspolitik, Albersroda 2010.
4 Der Fall Sarrazin. Eine Analyse, hg. vom Institut für Staatspolitik, 4. aktualisierte Auflage, Albersroda 2010.
5 Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation, hg. von Frank Schirrmacher, Frankfurt/M. 1999.
6 Geistige Brandstiftung? Die Walser-Bubis Debatte, hg. von Gerd Wiegel/Johannes Klotz, Köln 1999.
7 Brumlik, Micha/Funke, Hajo/Rensmann, Lars: Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal
und neuere deutsche Geschichtspolitik, Berlin 1999.
4
2. Die Sarrazin-Debatte
2.1 Der Inhalt von „Deutschland schafft sich ab“
Bei der Analyse einer Debatte ist der Kontext wichtig, in dem diese stattfindet. Bei der Kontroverse um Thilo Sarrazin sind in den Kontext aktuelle Problemthemen in Deutschland einzuordnen, wie zum Beispiel Armut, Bildung, Arbeit, Integration und Demographie, die Sarrazin anspricht. Die Debatte sei mehr als überfällig gewesen, so die Deutschlandstiftung Integration: „20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund. Sie haben Deutschland verändert.“ 8 Auf alle Thesen kann im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden, da „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ auf 463 Seiten zahlreiche Themen anspricht, die mit einer Vielzahl von Informationen und Aussagen angereichert sind. Thilo Sarrazin wurde 1945 in Gera geboren und hat an der Universität Bonn Volkswirtschaft studiert. Von Januar 2002 bis April 2009 bekleidete SPD-Mitglied Sarrazin das Amt des Finanzsenators im Berliner Senat und wurde anschließend Vorstand der Deutschen Bundesbank. 9
Sarrazin spricht von einem demografischen Wandel in Deutschland. Die Abschaffung Deutschlands begründet er unter anderem mit sinkenden Geburtenraten. 10 Sarrazin bleibt aber nicht bei demografischen Veränderungen, er postuliert, dass Deutschland sich auch auf Grund von Problemen im Bildungssystem und besonders der Migration herunterwirtschaftet und das Land verkommt. Durch die Abnahme der Geburten werde auch die Zahl der talentierten Köpfe in Deutschland abnehmen, so Sarrazin: „Natürlich vermindert sich dann auch die Zahl der Untalentierten entsprechend, aber die tragen ohnehin nichts zur Vermeidung von Engpässen in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung bei.“ 11 Sarrazin belegt diese Rechnungen, wie auch viele andere, mit zahlreichen Tabellen, Statistiken und Prozentangaben aus demografischen, volkswirtschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Studien. Für das Thema „Armut“ stellt er fest: „Nicht die materielle, sondern die geistige und moralische Armut ist das Problem.“ 12 Im Armutsbericht der Bundesregierung heißt es: Armut und soziale Ausgrenzung als Folge mangelnder Ressourcen und
Bewältigungsmöglichkeiten stellen sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für deren
soziale Netzwerke eine hohe Belastung dar. Armutsrisiken in Familien beschränken sich
dabei nicht allein auf unzureichende finanzielle Mittel. Bei Kindern und Jugendlichen
zeigen sich zusätzlich Entwicklungsdefizite, Unterversorgung mit der Folge
8 Sarrazin. Eine deutsche Debatte, hg. von der Deutschlandstiftung Integration, München 2010, S. 9.
9 Vgl. Der Fall Sarrazin. Eine Analyse, hg. vom Institut für Staatspolitik, 4. aktualisierte Auflage, Albersroda
2010, S. 7. Im Folgenden nur noch „Der Fall Sarrazin“ genannt.
10 Vgl. Sarrazin, Thilo: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München 2010, S. 8.
11 Sarrazin (2010), S. 53.
12 Sarrazin (2010), S. 123.
5
gesundheitlicher Probleme und soziale Benachteiligung, etwa durch mangelnde
Integration in der Schule und unter den Gleichaltrigen. 13
Sarrazin empfindet diesen Text als unverständlich: „Offenbar hat bei der Formulierung die politische Korrektheit über die Verständlichkeit gesiegt.“ 14 Er übersetzt den Absatz in - wie er sagt - „verständliches Deutsch“:
Von Transfers abhängige Familien haben nicht nur mit begrenzten materiellen
Möglichkeiten zu kämpfen. Sie können häufig auch nicht so gut mit Geld umgehen und
verfügen oft nicht über die Energie, die Planungsfähigkeit und die Fertigkeiten, die
Familie gesund und ausgewogen zu ernähren. Das beeinträchtigt die Schulleistung der
Kinder. Da sich die Eltern in diesen Familien auch sonst wenig um die Kinder kümmern
[…] sammeln sich bei diesen Kindern häufig Entwicklungsdefizite an, mit der Folge, dass
sie in der Schule zurückbleiben. 15
Sarrazin empfindet die deutschen Sozialleistungen als zu hoch. 16 Weiterhin stellt er fest, dass Transferempfänger mehr Kinder „produzieren“, als andere, da sich die Grundsicherung pro Kind um 322 Euro erhöht. 17 Er postuliert, dass ohne die deutschen Sozialleistungen ein großer Teil der Migranten niemals nach Deutschland gekommen wäre. Er sagt, dass Migranten aus islamischen Ländern mit der Grundsicherung einen aus ihrer Sicht beispiellos hohen Lebensstandard hätten:
Das befreit sie von der Notwendigkeit, ihren traditionellen Lebensstil zu ändern, sich um
Spracherwerb und Arbeit zu bemühen und ihren Frauen mehr abendländische Freiheiten
zuzugestehen. So führt ein gerader Weg von der Grundsicherung zu den
Parallelgesellschaften der islamischen Migranten. 18
Durch die - laut Sarrazin - zu hohe Grundsicherung in Deutschland, wird der Anreiz zu arbeiten seiner Meinung nach sehr gering. 19
Zum Thema Bildung weist Sarrazin auf die internationale Vergleichsstudie ‚PISA’ von 2006 hin, und erläutert anhand der Ergebnisse in den Bereichen Lesekompetenz und Mathematische Kompetenz, in denen Korea und Finnland gute Ergebnisse erzielen, Deutschland sich im OECD-Durchschnitt befindet und die Türkei den vorletzten Platz belegt 20 , dass Leistungsunterschiede „offenbar weitgehend auf angeborene Unterschiede in
13 Zitiert aus: Sarrazin (2010), S. 122.
14 Ebd.
15 Ebd.
16 Vgl. Sarrazin (2010), S. 148.
17 Vgl. Sarrazin (2010), S. 149.
18 Sarrazin (2010), S. 150.
19 Vgl. Sarrazin (2010), S. 166
20 Vgl. Sarrazin (2010), S. 210 ff.
6
der Bildungsfähigkeit zurückzuführen [sind], anders ist ihre Stabilität bei völlig unterschiedlichen Schulsystemen nicht zu erklären.“ 21
Sarrazin schreibt weiterhin über Migration und Integration und macht deutlich, dass Muslime einem fremden kulturellen und religiösen Einfluss unterliegen, „den wir nicht überblicken und schon gar nicht steuern können“. 22 Er spricht von dem Begriff der „Islamophobie“ und sagt, dass dieser „gerne in einem Atemzug mit ‚Rassismus’ und ‚Antisemitismus’ genannt wird. Allerdings verkennt dieser Vergleich, dass Antisemitismus auf „hysterischen Ängsten, Erfindungen, Projektionen und Neidgefühlen“ 23 beruht, die „Islamophobie“ aber nicht, so Sarrazin: „Terroranschläge, die Ehrenmorde, das Wüten der Taliban, die Kinderehen in Saudi-Arabien, die Steinigung von Ehebrecherinnen und das Aufhängen von Homosexuellen, das alles sind Realitäten.“ 24 Er spekuliert im Folgenden über Erbfaktoren, die Schuld für das Versagen von Migranten im Schulsystem sein könnten: „Ganze Clans haben eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen. Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den türkischen und kurdischen Migranten weit überdurchschnittlich ist.“ 25 Für Sarrazin ist die Unterschicht genetisch bedingt dümmer als die Oberschicht. Im Unterkapitel „Was tun?“ fasst er zusammen, was der Tenor in Deutschland sein müsste:
Wer da ist und einen legalen Aufenthaltsstatus hat, ist willkommen. Aber wir erwarten
von euch, dass ihr die Sprache lernt, dass ihr euren Lebensunterhalt mit Arbeit verdient,
dass ihr Bildungsehrgeiz für eure Kinder habt, dass ihr euch an die Sitten und Gebräuche
Deutschlands anpasst und dass ihr mit der Zeit Deutsche werdet - wenn nicht ihr, dann
spätestens eure Kinder. Wenn ihr muslimischen Glaubens seid, o.k. Damit habt ihr
dieselben Rechte und Pflichten wie heidnische, evangelische oder katholische Deutsche.
Aber wir wollen keine nationalen Minderheiten. Wer Türke oder Araber bleiben will und
dies auch für seine Kinder möchte, der ist in seinem Herkunftsland besser aufgehoben.
Und wer vor allem an den Segnungen des deutschen Sozialstaats interessiert ist, der ist bei
uns schon gar nicht willkommen. 26
2.2 Die Kontroverse um Thilo Sarrazin
Dem Erscheinen des Buches „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ gehen bereits einige Ereignisse voraus, die im Verlauf des folgenden Kapitels 2.2.1 chronologisch dargestellt werden sollen. Nach der Veröffentlichung des Buches hat dieses eine Debatte enormen Ausmaßes entfacht. Dieser Debattenverlauf wird in Kapitel 2.2.2 ebenfalls chronologisch dargestellt und zeigt die Vielzahl an Stimmen zu Sarrazins Buch. Die
21 Sarrazin (2010), S. 213.
22 Sarrazin (2010), S. 277.
23 Sarrazin (2010), S. 278.
24 Sarrazin (2010), S. 278 f.
25 Sarrazin (2010), S. 316.
26 Sarrazin (2010), S. 326.
7
Position Klaus von Dohnanyis wird in Kapitel 2.3 offengelegt und ist wichtig für die Analyse der Debatte in Kapitel 2.4.
2.2.1 Das Lettre International-Interview und seine Folgen
Schon während seiner Amtszeit als Berliner Finanzsenator wurde Sarrazin für seine Äußerungen zu Hartz-IV-Empfängern, die unter den steigenden Energiepreisen litten - sie sollten sich doch lieber einen dicken Pullover anziehen - kritisiert. 27 Am 30. September 2009 erscheint in der Berliner Kulturzeitschrift Lettre International ein Interview mit Thilo Sarrazin, das in den Kontext der Kontroverse um das Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ einzuordnen ist. In diesem Interview übt er scharfe Kritik an der mangelnden Integrationsbereitschaft von türkischen und arabischen Migranten und gerät in den Fokus der Medien: Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die
Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine
Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig
Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin. Viele von ihnen wollen keine Integration,
sondern ihren Stiefel leben. Zudem pflegen sie eine Mentalität, die als gesamtstaatliche
Mentalität aggressiv und atavistisch ist. 28
Auf dieses Interview hin titelt die Zeitung BILD: „Sarrazin ‚beleidigt Türken’“ 29 und auch die Tageszeitung taz, die Berliner Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, die Berliner Morgenpost; Frankfurter Rundschau und DIE ZEIT gingen mit Sarrazin hart ins Gericht. Binnen weniger Tage war das Bundesbankvorstandsmitglied Sarrazin als „Rassist“ und „Ausländerfeind“ ausgemacht und als „geistiger Brandstifter“ und „Wegbereiter rechter Gewalt“ gebrandmarkt. Die BILD ändert allerdings ihren Kurs und stellt sich hinter Sarrazin, als die Zeitung WELT und WELT online, FOCUS, Volker Zastrow in der FAZ, Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel und die Publizisten Ralph Giordano und Henryk M. Broder ihm ebenfalls zur Seite springen. 30 Henkel beispielsweise sagt im Deutschlandfunk-Interview, dass Sarrazin ihm aus dem Herzen spreche. Er habe differenziert gesprochen und Lösungsvorschläge gemacht, nur seien die wiedergegebenen Zitate verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen. Der Umgang mit Sarrazin sei seiner Meinung nach ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit. 31 Doch Axel Weber forderte Sarrazin da bereits zum Rücktritt aus der Bundesbank auf. 32 Ebenso werden erste
27 http://www.rp-online.de/politik/deutschland/Der-geschickte-Selbstvermarkter_aid_898150.html Stand:
20.03.2011.
28 Zitiert aus: Sarrazin lesen (2010), S. 2.
29 Vgl. Der Fall Sarrazin (2010), S. 8.
30 Vgl. Sarrazin lesen (2010), S. 2.
31 Vgl. Der Fall Sarrazin (2010), S. 17.
32 Vgl. Der Fall Sarrazin (2010), S. 12.
8
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B.A. Farina Fontaine, 2011, Kontrovers diskutiert: Thilo Sarrazin und Martin Walser - Zwei Feuilleton-Debatten im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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