Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Deutscher Kapitalismus 3
2.1 Der deutsche Nachkriegskompromiss 3
2.2 Charakteristika und institutionelle Rahmenbedingungen. 4
2.3 Der sozioökonomische Drahtseilakt 8
3 Schwächen und Belastungen des deutschen Systems 9
3.1 Arbeitslosigkeit 10
3.2 Erschöpfung des deutschen Innovationssystems 12
3.3 Deutsche Wiedervereinigung 14
3.4 Globalisierung 15
3.4.1 Folgen für den Arbeitsmarkt 16
3.4.2 Folgen für den Kapitalmarkt 17
4 Entwicklungsperspektiven des deutschen Modells nach Streeck 18
5 Aktuelle Perspektive 20
6 Zusammenfassung 21
Literaturverzeichnis 23
Abbildungsverzeichnis 25
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1 Einleitung
Die deutsche Wirtschaft zeichnete sich in den vier Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg als erfolgreichste der großen Volkswirtschaften aus (vgl. Streeck 1999 S. 13). Ihre spezifischen Merkmale sind vergleichsweise hohe Löhne bei einer geringen Ungleichheit von Einkommen und Lebensstandard. Erreicht wird dies unter anderem durch eine zwar kapitalistische Marktwirtschaft, jedoch unter Einbeziehung einer großen Anzahl von Institutionen, die diese Marktwirtschaft organisieren und streng regulieren. Dieses ehemals so erfolgreiche deutsche System gerät jedoch mehr und mehr unter Druck, sodass zu bezweifeln ist, ob es in seiner ursprünglichen Art weiter erfolgreich sein kann.
In dieser Seminararbeit soll das System des deutschen Kapitalismus mit seinen Schwächen und Belastungen, wie der relativ hohen Arbeitslosigkeit und einer nachlassenden Innovationsfähigkeit in den achtziger und neunziger Jahren, behandelt werden. Des Weiteren wird der Fragestellung nachgegangen, inwiefern die Wirtschaftskrise im Jahr 1993 ein Ende des bisherigen deutschen Kapitalismus bedeutet haben könnte. Welche Auswirkungen hatte die deutsche Wiedervereinigung auf das sowieso geschwächte deutsche System? Ein weiterer zentraler Themenpunkt sind die Auswirkungen der Globalisierung auf den deutschen Kapitalismus. In welche Richtung kann er sich unter diesen schweren Bedingungen weiterentwickeln? Zuletzt wird die Thematik von einem aktuellen Standpunkt, auch in Anbetracht der gerade zurückliegenden Wirtschaftskrise, betrachtet.
Die literarische Grundlage dieser Arbeit stellt die im Jahre 1999 verfasste, wissenschaftliche Abhandlung „Deutscher Kapitalismus: Gibt es ihn? Kann er überleben“ aus dem Buch „Kor- poratismusin Deutschland - Zwischen Nationalstaat und Europäischer Union“ von Prof. Dr. Wolfgang Streeck dar. Wolfgang Streeck (geb. 1946) ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsordnung und seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Köln. Seine Forschungsinteressen liegen hauptsächlich im Bereich der Politikwissenschaften, der politischen Ökonomie und Soziologie. In einer Viel- zahl seiner Publikationen beschäftigt er sich mit dem deutschen Kapitalismus.
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2 Deutscher Kapitalismus
Gemäß Hall und Soskice wird der deutsche Kapitalismus zu den „coordinated market forms“ mit seiner speziellen Ausprägung „industry-based coordination“ (vgl. Hall/Soskice 2001, S. 34) gezählt. Dieses spezielle, auf lange Zeit sehr leistungsstarke System entstand durch spezielle historische und politische Rahmenbedingungen und ist in seiner komplexen Struktur einzigartig. Seine Entstehung und Charakteristika sollen im Folgenden beleuchtet werden. Die in diesem Abschnitt behandelten Entwicklungen und Tendenzen des deutschen Kapitalismus bewegen sich in dem Zeitraum zwischen der Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs bis zum Anfang der neunziger Jahre.
2.1 Der deutsche Nachkriegskompromiss
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde zum Wiederaufbau des deutschen Wirtschaftssystems ein Kompromiss zwischen dem neu eingeführten liberalen Kapitalismus, den Gegenkräften, der Sozialdemokratie, der Christdemokratie sowie dem sozialen Traditionalismus, dem Liberalismus und dem Sozialismus geschlossen (vgl. Beck 2005, S. 2f.; Streeck 1999, S. 15). Dieser Kompromiss beinhaltet zudem die Herstellung eines Gleichgewichtes zwischen Kapital und Arbeit. Eine Folge dieser Bewegungen war die Beibehaltung, Erschaffung und Erweiterung einer großen Anzahl sozioökonomischer Institutionen, welche das deutsche System auf der Welt einzigartig machen.
Ein Inhalt des Nachkriegskompromisses war beispielsweise die Wiederbelebung einer großen Anzahl von traditionalistischen Institutionen der Statussicherung (vgl. Streeck 1999, S. 16), wie beispielsweise die privilegierte Position des Beamtenstatus oder der Förderung der deutschen Landwirtschaft und des Mittelstandes. Der durch Schutzrechte bedingte Sonderstatus deutscher Handwerksunternehmen wurde durch den christlich-demokratisch vertretenen Mit-telstand gegen eine marktorientierte Wettbewerbsordnung und Gewerkschaften verteidigt (vgl. Streeck 1999, S. 16). Ein wichtiger Punkt ist zudem die Entwicklung der deutschen Gewerkschaften, welche der Nachkriegskompromiss stark geprägt hat. In vielen am zweiten Weltkrieg beteiligten Ländern wurden die Gewerkschaften nach Kriegsende stärker in politi- sche Entscheidungen miteinbezogen. Im angelsächsischen Bereich geschah dies jedoch eher
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punktuell und instrumentell (vgl. Hassel 2006a, S. 2). In Deutschland dagegen wurden durch den Zusammenschluss der zuvor getrennten sozialistischen und katholischen Gewerkschaften neue Einheitsgewerkschaften gebildet, was zu einem Machtgewinn derselben führte (vgl. Streeck 1999, S. 17).
Diese und viele andere aus dem Nachkriegskompromiss entstandenen Entwicklungen und Tendenzen führten zu der einerseits kapitalistischen Marktwirtschaft mit ihren andererseits hochgradig regulierten und tief organisierten einflussreichen Institutionen. Wie komplex die Aushandlung des Nachkriegskompromisses und die damit verbundenen Konsequenzen waren, kann allein anhand der grundsätzlich verschiedenen Ausrichtungen der beteiligten Parteien erahnt werden. In dieser Tatsache liegt auch die Einzigartigkeit des deutschen Systems begründet - eine solche Kombination von unterschiedlichen ideologischen Einflüssen war zu dieser Zeit nur in Deutschland zu finden.
2.2 Charakteristika und institutionelle Rahmenbedingungen
Wie bereits beschrieben, entstand aus dem deutschen Nachkriegskompromiss eine einzigartige Kombination aus marktwirtschaftlichen und hochgradig regulierenden Einflüssen. Kennzeichnend für das äußert erfolgreiche deutsche System ist die Vereinigung von einer hohen Wettbewerbsfähigkeit, bei gleichzeitig überdurchschnittlich hohen Gehältern und einer relativ geringen Ungleichheit von Einkommen und Lebensstandard (vgl. Streeck 1999, S. 13). Durch diese Faktoren bedingt, fußt das deutsche System auf einem qualitätskompetitiven Markt, da ein preiskompetitiver Markt die hohen Kosten eines solchen Wirtschaftssystems kaum halten kann. Die vergleichsweise hohen Arbeitskosten des deutschen Systems werden in der folgen- den Abbildung deutlich:
Abbildung 1: Arbeitskosten im verarbeitenden Gewerbe ausgewählter Länder (Quelle: Albert, M. 1998, S. 203: Institut
der Deutschen Wirtschaft, IW-Trends; IMF, Government Finance Statistics; OECD, Statistics concerning public revenue in
the member states of OECD; Verband Schwedischer Arbeitgeber; nationale Daten. (a): in Prozent der Gesamtarbeitskosten) Beck zählt die folgenden sechs Elemente zu den für das deutsche System wichtigsten Merkmalen (vgl. Beck 2005, S. 3f.):
1. Der bereits beschriebene komplexe und von den einzigartigen politischen Rahmenbedingungen geprägte Nachkriegskompromiss ließ aus dem deutschen Staat einen Ver-handlungsstaat (bargaining state, negotiation state) entstehen (vgl. Esser 1998, S.23). Dieser Begriff wird unter anderem durch die komplexen politischen Entscheidungsstrukturen und die enge Beziehung zwischen Gewerkschaften und Unternehmen, welche nicht nur auf inoffiziellen Regelungen beruht, sondern bis ins Detail gesetzlich geregelt ist, definiert. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern basiert das deutsche System somit auf einem relativ festen sozialen Frieden.
2. Eng mit dem sozialen Frieden verbunden ist zudem die vergleichsweise große soziale Absicherung der deutschen Bürger, welche dem deutschen Wohlfahrtsstaat zu verdanken ist. Dieser wird von Beck als die Weiterführung des Gleichgewichts zwischen Kapital und Arbeit bezeichnet.
3. Als drittes Element nennt Beck den kooperativen Wirtschaftssektor. So werden die relativ einheitlichen Lebensstandards auf kommunaler Ebene durch Logistik, Energie- versorgung und das Sparkassensystem aufrechterhalten.
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4. Elementar für das deutsche System sind des Weiteren das System der Banken und ihre Beziehungen zu Unternehmen. Dieses System der sogenannten „Deutschland AG“ be- inhaltetsichere und langfristige Beziehungen zwischen Unternehmen und ihren Hausbanken, bedingt unter anderem durch die stabilitätsorientierte Bundesbank. Der große wirtschaftliche Erfolg und die Möglichkeit auf dem qualitätskompetitiven Markt zu operieren, liegt sicherlich auch darin begründet, dass Unternehmen so die Möglichkeit haben, intensiv in Forschung zu investieren. Somit können Qualitätsvorsprünge und technologische Innovationen hervorgebracht werden, welche eine führende Marktpositionierung begünstigen.
5. Fünftens nennt Beck die Organisationsstruktur der deutschen Wirtschaft, welche geprägt von korporatistischen Einflüssen der Kapitalseite eine hohe Selbstorganisation abverlangt. Hier sind es die institutionellen Geflechte, welche den Ausgleich zwischen kapitalistischen Interessen und den politischen Anforderungen ermöglichen. 6. Als sechstes Element nennt Beck die für die deutsche Wirtschaft charakteristische „diversified quality production“. Merkmale sind die hohen Produktivitätssteigerun- gen,die hohe Qualität der produzierten Ware und die hohen Gehälter. Bedingt wird dieses System in Deutschland durch ein geeignetes, hochentwickeltes Ausbildungssystem, basierend auf der starken Verbindung von Staat und Wirtschaft. Die Rahmenbedingungen des deutschen von sozioökonomischen Institutionen geprägten Systems, lassen sich anhand der Merkmale des deutschen Marktes, der Unternehmen und der Rolle des Staates wie folgt beschreiben (vgl. Streeck 1999, S. 17ff.): Deutsche Märkte sind, im Gegensatz zu amerikanischen Märkten, hoch reguliert und politisch eingerichtet. Sie dienen öffentlichen Zwecken und werden daher politisch vor starkem Wettbewerb geschützt (Wettbewerbsregime). Es gibt es jedoch Bereiche, wie zum Beispiel den Gesundheits- und den Bildungssektor, die von marktwirtschaftlichen Grundsätzen losgelöst agieren, um die soziale Sicherung und die Sicherung des gesamten deutschen Systems nicht zu gefährden. Des Weiteren gibt es Märkte, wie den von Arbeit und Kapital, die nur in geringem Maße nach marktwirtschaftlichen Prozessen funktionieren. Unternehmen, welche sich auf dem qualitätskompetitiven Markt bewegen, neigen bei hohem Wettbewerb eher dazu, Produktspezialisierungen vorzunehmen und sich daher vor einem Preiskampf zu schützen.
Arbeit zitieren:
Marie Cantin, 2010, Deutscher Kapitalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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