Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
1 Einleitung 2
2 Mythos und Utopie 3
3 Klassenkampf und Tendenz zum sozialen Ausgleich 6
4 Generalstreik als Krieg 9
5 Gewalt und Mythos 15
6 Fazit 18
Literaturverzeichnis 20
1
1 Einleitung
„Die Gesetzbücher treffen so viele Vorkehrungen gegen die Gewalt, und unsere Erziehung ist dermaßen in der Absicht geleitet, unsere Tendenzen zur Gewaltsamkeit abzuschwächen, daß wir instinktiv zu dem Gedanken geführt werden, daß jede Handlung der Gewalt die Kundgebung eines Rückschrittes zur Barbarei sei. Wenn man die industriellen Gesellschaften so oft den militärischen gegenübergestellt hat, so liegt dies daran, daß man den Frieden als das erste der Güter und als die
wesentliche Bedingung jedes materiellen Fortschrittes angesehen hat 1 .“ Was für Sorels Zeiten galt, gilt für das Jahr 2010 um so mehr. Gewalt ist etwas an sich Abzulehnendes, etwas destruktives und zu Verurteilendes. Wer Gewalt bejaht bricht damit ein Tabu und gilt wie Sorel schreibt als rückständig und gefährlich.
Eine zu bejahende und sogar rühmende Sicht auf Gewalt vermitteln zu wollen, wirkt daher zunächst verstörend. Diese Verstörung nimmt nicht ab, wenn man Sorels Betrachtungen über die Gewalt liest. Gewalt, Entscheidungskampf, Krieg - mit solchen Begriffen stellt sich Sorel gegen ein Gesellschaftsmodell, das auf Kompromiss und Integration aller Gruppen ausgelegt ist. Der Vorwurf zivilisatorischer Rückwärtsgewandtheit drängt sich dem Leser spontan auf. Sorel, der sowohl mit einem marxistischen Selbstverständnis als auch aus einer moralisch begründeten Perspektive vom Übergang zum Sozialismus schreibt, erinnert zugleich an historisch längst überwunden geglaubte Verhältnisse, wenn er mit Begeisterung ein Ideal des Krieges und der Gewalt beschwört. Auch wenn der Glaube an die zivilisatorische Überlegenheit der Gegenwart stets ein Vorurteil gegenüber vergangener Epochen ist, bleibt doch das ungute Gefühl, dass Sorel mit moralisch zu verurteilenden Instrumenten die verheißungsvolle Zukunft durchsetzen und mit Mitteln der Barbarei den Sozialismus schaffen möchte. Was bei Marx ein notwendiges Übel ist, die Gewalt als Geburtshelferin jeder neuen Gesellschaft, wird bei Sorel zu einem gesellschaftlichen Prinzip, welches den Fortschritt überhaupt erst ermöglicht.
Vorurteilsfrei kann man sich Sorels Gewaltkonzeption in den Betrachtungen nur nähern, wenn man bereit ist, sich auf den Gedanken einzulassen, dass der Gewalt eine schaffende Kraft inne wohnen kann. Die Frage wie aus Gewalt etwas entstehen kann, noch dazu etwas, das als Fortschritt zu dem gelten kann, was sie zuvor oder zugleich abgerissen hat, drängt sich dann von selbst auf. Sorel stellt sich diese Frage selbst im sozialistischen Sinne: „Das Problem, um dessen Lösung wir uns nunmehr
1 Georges Sorel: Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1969, S. 213.
2
bemühen wollen, ist das Schwierigste von allen denen, die ein sozialistischer Schriftsteller anzuschneiden vermag: wir müssen uns nun nämlich fragen, wie es möglich ist, sich den Übergang der heutigen Menschen zu dem Zustande freier, in Betrieben ohne Herren arbeitender, Produzenten
vorzustellen 2 .“
In einer Zeit, in der die Sozialisten Europas sich darüber stritten, wie die Transformation vom Kapitalismus zum Sozialismus zu denken und umzusetzen sei und sich gleichzeitig am Vorabend des ersten Weltkrieges eine Epoche der Gewaltausbrüche ankündigte, veröffentlichte Sorel die Betrachtungen über die Gewalt und bot damit den Versuch an, Gewalt und Emanzipation als zwei Seiten einer Medaille zu lesen. Um zu verstehen wie sich das Verhältnis beider Seiten zueinander denken lässt, werde ich zunächst Sorels wichtigste Begriffe und Gedanken in den Betrachtungen zusammenfassend erläutern, um danach zu einem Verständnis der sorelschen Revolutionsvorstellung und der Rolle der Gewalt in ihr zu gelangen. Dabei beschränke ich mich auf die Betrachtungen über die Gewalt und verzichte darauf andere Texte Sorels mit einzubeziehen. Auch wenn dies in Einzelfragen sicher hilfreich wäre, würde es die Verwirrung oftmals steigern, da Sorel häufig die politische Heimat wechselte und damit auch viele seiner Vorstellungen. Was für die Betrachtungen gilt, wenn man sie für sich allein liest, gilt häufig
nicht mehr, wenn sie mit anderen Werken Sorels zusammen gelesen werden 3 .
2 Mythos und Utopie
Neben der Gewalt ist der Begriff des Mythos von zentraler Bedeutung in den Betrachtungen über die Gewalt. Ein Mythos ist für Sorel ein Ausdruck von „Wollungen“, die mehrere Individuen
miteinander teilen 4 . Ideen, Vorstellungen, Wünsche, Sehnsüchte oder Erwartungen einer Gruppe sind in einem Mythos zu einer Gesamtheit gemeinsamer Bilder von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammengefasst. Die Menschen einer solchen Gruppe teilen sich also ein Weltbild, das sie verbindet und überhaupt erst als Gruppe konstituiert in ihrer Selbstwahrnehmung.
2 Georges Sorel: Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1969, S. 289.
3 Eine immer noch gute Einführung in Sorels Gesamtwerk liefert aus dem Jahr 1932: Michael Freund: Georges Sorel. Der revolutionäre Konservativismus, Frankfurt am Main 1972. Der Autor versucht sehr stark die Kontinuitäten in Sorels Werken hervorzuheben, um der Vorstellung entgegenzuwirken, Sorel sei nur „ein Fähnchen im Winde“ gewesen, das immer der gerade neuen politischen Strömung nachgelaufen wäre. Dabei treten erwartungsgemäß die Brüche zwischen den verschiedenen Schaffensperioden in den Hintergrund.
4 Georges Sorel: Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1969, S. 40 f.
3
Der Akzent liegt dabei auf der Gesamtheit der Bilder. Es ist nicht möglich den Mythos als Objekt eines logisch-wissenschaftlichen Diskurses in seine Bestandteile zu zerlegen, um ihn damit analytisch zu begreifen. Will man einen Mythos annähernd verstehen muss er als unteilbares Ganzes aufgefasst werden. Diese Auffassung vom Mythos hat grundlegende Bedeutung für Sorels Revolutionskonzeption, die weiter hinten im Text dargestellt wird.
Mythen drücken „die kräftigsten Tendenzen eines Volkes oder einer Klasse aus: Überzeugungen, die sich in sämtlichen Lebensumständen mit der Beständigkeit von Instinkten offenbaren. Sie erlauben keine Erörterung und keine Diskussion. Reflexion und Worte sind ihnen gegenüber
machtlos 5 .“ Freunds Vergleich mit einem Instinkt ist sehr hilfreich, um die Wirkung von Mythen auf Menschen zu verstehen, da er ihre tiefe Verankerung im Bewusstsein verdeutlicht. Der Mythos ist stärker als eine auf rationale Erkenntnis beruhende Überzeugung. Er verbindet vielmehr eine Überzeugung, mag sie durch rationale Erwägungsprozesse zustande gekommen sein oder nicht, mit einer tief sitzenden eher emotional aufzufassenden Gewissheit. Er kann sehr wohl auch auf Vernunftgründe aufbauen, im Kern entzieht er sich aber einer rationalen Begreifbarkeit und bleibt damit in letzter Konsequenz irrational. Es bedarf stets der Bilder, Metaphern und Analogien, um sich ihm zu nähern. Dass dabei immer ein Rest an Unverständnis auf der rationalen Ebene bleibt, mag ein Defizit sein, ist aber auch die Bedingung der Möglichkeit eine große Anzahl an Individuen zu ergreifen. Denn der dunkle, logisch-sprachlich nicht zu erfassende Bereich eines Mythos schafft Interpretationsspielräume, die den Individuen eine undogmatische Auslegung ihres gemeinsamen Weltbildes erlaubt. Nur so kann er massenwirksam werden ohne dass die Komplexität der Welt ausgeblendet werden muss. Innerhalb der von einem Mythos ergriffenen Gruppe sind daher fruchtbare Diskurse über gesellschaftliche und politische Fragen ebenso möglich wie eine pragmatische Bewältigung konkreter täglich auftauchender Probleme, ob im Privaten oder Politischen. Die Komplexität der Welt im Denken und Handeln zu berücksichtigen steht einem
Mythos nicht entgegen 6 .
Obwohl ein Mythos eine Gruppe von Individuen zu Handlungen mit weitreichenden historischen Auswirkungen motivieren kann, ist er dennoch gegenwartsbezogen und kann nur aus der Gegenwart heraus begriffen werden. Man muss „Mythen als Mittel einer Wirkung auf die
5 Michael Freund: Georges Sorel. Der revolutionäre Konservativismus, Frankfurt am Main 1972, S. 199.
6 „Wir wissen, daß diese sozialen Mythen übrigens die Menschen keineswegs daran hindern, aus allen Erfahrungen, die sie während ihres Lebens anstellen, verständig Nutzen zu ziehen, noch der Erfüllung ihrer Obliegenheiten irgendwie im Wege stehen.“ (Georges Sorel: Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1969, S. 141 f.).
4
Gegenwart beurteilen; jede Auseinandersetzung über die Art und Weise, wie man sie inhaltlich auf
den Verlauf der Geschichte anzuwenden vermöchte, ist ohne Sinn 7 .“ Daraus folgt, dass Mythen eine Bewegung auslösen können, deren reale historische Ergebnisse sich von ihrem Inhalt, d. h. von der Gesamtheit ihrer Bilder unterscheiden. Sorel führt als historisches Beispiel die frühen Christen im römischen Reich an. Ihr Märtyrerglaube, ihr Glaube an die bevorstehende Apokalypse und ihre Vorstellung von der Gesellschaft haben sie zu historisch wirkmächtigen Handlungen getrieben, die aber schließlich eine mittelalterliche Welt schufen, die nur wenig Ähnlichkeit mit dem inhaltlichen Gehalt ihres Mythos aufwies.
Sorel bemüht sich sehr seinen Mythos von der Utopie abzugrenzen, die schon von Marx abgelehnt
wurde 8 . Für beide sind Utopien naive Versuche die Zukunftsgesellschaft mit einigen konkreten Programmen und Handlungsanweisungen aus den Institutionen der Gegenwart zu erschaffen. Doch kann es sich bei einer grundlegenden historischen Umwälzung nicht darum handeln nach einem vorher verfassten Programm gesellschaftliche Institutionen neu zu organisieren, da damit die Verhältnisse der Gegenwart im Kern bestehen blieben. Daraus folgt für Sorel die Empfehlung an das Proletariat: „Die Arbeiter, die ihre Arbeit einstellen, weisen den Arbeitgebern keine Pläne besserer Organisation der Arbeit vor, noch bieten sie ihnen ihre Mitwirkung zum Zwecke einer
besseren Geschäftsleitung an.“ Denn „die Programme sind bereits in der Werkstatt verwirklicht 9 .“ Technische Kontinuität werde also den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus kennzeichnen. Eine bloße organisatorische Umstellung von Produktionsabläufen gemäß eines utopischen Programms liefere daher kein Potential für Emanzipation. Diese müsse auf anderem Gebiet durchgesetzt werden. Ein solcher Ansatz berge nur die Gefahr in sich, dass die Architekten solcher Utopien, Intellektuelle und Politiker, sich selbst als Herrschende einsetzen. Nur die Form der Herrschaft würde sich ändern, wie schon häufig zuvor in der Geschichte. Es gäbe weiterhin Herren und Knechte, die Emanzipation der Massen wäre gescheitert.
7 Georges Sorel: Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1969, S. 143. Nur im letzten Abschnitt der Betrachtungen
8 „Wer ein Programm für die Zukunft verfaßt, ist ein Reaktionär.“ Marx zitiert nach: Georges Sorel: Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1969, S. 159.
9 Georges Sorel: Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1969, S. 159.
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Arbeit zitieren:
Andreas Wiedermann, 2011, Gewalt und Mythos in Georges Sorels Betrachtungen über die Gewalt, München, GRIN Verlag GmbH
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