1. Einleitung
Im Zuge dieser Arbeit werde ich mir ein Verbparadigma aus dem modernen Griechischen heranziehen und es in Distributed Opimality analysieren.
Zuerst werde ich im Abschnitt 2 dieses Paradigma vorstellen und auf die Sachen verweisen, die ich ausblende, weil sie den Rahmen der Arbeit sprengen würden oder schlicht nicht in den Aufgabenbereich der Morphologie fallen. Im Abschnitt 3 werden die grammatischen Kategorien in Merkmale zerlegt, mit denen Synkretismen und natürliche Klassen darstellbar sind. Die Analyse selbst ist im Abschnitt 4 zu finden. Dort gebe ich zuerst einen kleinen Überblick über Distributed Optimality und gehe dann zu den Vokabulareinträgen über, die ich annehme. Dann beschreibe ich, wie Probleme wie Spezifizität, Morphemreihenfolgen und Verarmung in Distributed Optimality behandelt werden und setze die Vorgehensweise dabei in einen Bezug zu Distributed Morphology.
2. Das Paradigma
Bei dem Paradigma, das hier analysiert wird, handelt es sich um Verbflexion im modernen Griechischen. Die Daten stammen ich aus meiner persönlichen Kenntnis der Sprache. Verben flektieren im Griechischen für Tempus, Aspekt, Genus Verbi und kongruieren mit dem Subjekt in Person und Numerus. Ich betrachte hier nur das Paradigma im Aktiv und im Imperfektiv (Hinweise dazu im Abschnitt 2.2). Dieses Paradigma folgt unter (1). In dieser Arbeit analysiere ich das Paradigma an dem Beipielverb kano 1 »machen«.
(1)
Diese Darstellung enthält noch Elemente, die durch phonologische Prozesse vorhersagbar sind. Im Abschnitt 2.1 werde ich die diskutieren. In dem Abschnitt ist auch das Paradigma vor der Phonologie unter (3) zu finden. (Es unterscheidet sich aber nicht grundlegend von dem oben.)
Was das Paradigma für mich interessant macht
1. Person und Numerus werden an sich durch die Suffixe -s, -me, -te und -n ausgedrückt. Die Vokale davor drücken einerseits das Tempus aus, sind andererseits aber auch sensitiv für Person/Numerus. Somit wird die Kongruenz durch zwei Morpheme dargestellt.
(z. B.: In der 1. Person Plural Präsens kán-u-me markiert -me die 1. Person Plural und gleichzeitig markiert -u Präsens und die 1. oder 3. Person Plural.)
2. die Suffixe -e und -a stehen im Präteritum in komplementärer Verteilung, scheinen also einander zu blockieren. Z. B. blockiert in der 2. Person Singular -e -a: ékanes, aber nicht *ékanas. In der 2. Person Plural ist es umgekehrt: kánate, aber nicht *kánete. Mehr dazu im Abschnitt 4.2, wo ich die Merkmalsspezifikation der Vokabulareinträge genauer beleuchte.
2.1. Trennung von phonologischen Effekten
Wie bereits angedeutet sind in dem Paradigma in (1) noch phonologische Elemente enthalten, die in diesem Abschnitt von der morphologischen Analyse getrennt werden.
Die Betonung
Im Griechischen ist die Betonung meistens lexikalisch und nicht durch die Phonologie vorhersagbar. Jedoch kommt es vor, daß die Betonung bei bestimmten Flexionen wechselt. So auch in diesem Paradigma: Während im Präsens die Betonung auf dem Stamm kan- ist, liegt sie im Präteritum obligatorisch auf der drittletzten Silbe. Da ich es nicht unproblematisch finde, diesen Betonungswechsel als eigenen Vokabulareintrag zu analysieren, und eine Diskussion hier den Rahmen sprengen würde, sehe ich von der Betonung im Weiteren ab.
Das scheinbare Präfix é- Das é-, dasauf den ersten Blick ein Affix zu sein scheint, läßt sich in Wirklichkeit phonologisch vorhersagen: Wie oben schon erwähnt, wechselt die Betonung im Präteritum auf die drittletzte Silbe. Wenn das Wort aber keine drittletzte Silbe hat, wird das é- eingefügt, um die Betonung zu gewährleisten. Bei Verben mit mehrsilbigen Stämmen findet der Betonungswechsel ohne die e-Epenthese statt, wie in (2) dargestellt: (2) /kan-a/ »Ich machte« →[é-kan-a]
/katalav-a/→[katálav-a] »Ich verstand«
Die komplementäre Verteilung von -e und -a
Daß -e und -a nie in derselben Paradigmenzelle vorkommen, könnte auch eine Löschung eines Vokals sein, um eine markierte Struktur wie zum Beispiel einen Hiatus zu vermeiden. Was aber dagegen spricht, ist, daß es im Griechischen durchaus Wörter gibt, die eine ähnliche phonologische Struktur haben, z. B. kréas »Fleisch« oder Ejéo »Ägäis«. Wenn es also einen produktiven Prozeß gibt, der adjazente Vokale löscht, müßte man komplexe Kontexte angeben, wann das passiert und wann nicht. Darüber hinaus würden -e und -a immer noch komplementär verteilt sein. Das Problem wäre also nicht beseitigt, sondern
3
nur weitergeschoben. Man sieht also, daß es mehr Probleme schaffen als beheben würde, die Verteilung phonologisch zu erklären. Deswegen betrachte ich das als ein morphologisches Phänomen.
Das Paradigma vor der Phonologie
Wenn man die Betonung und die e-Epenthese in den Aufgabenbereich der Phonologie übergibt, ergibt sich für die morphologische Analyse folgendes Paradigma: (3)
2.2. Weitere nicht betrachtete Aspekte
Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, habe ich auf die Betrachtung weiterer interessanter Details verzichtet:
Alternative Form in der 3. Person Plural
In der 3. Person Plural gibt es neben dem Suffix -n auch die Alternative -ne. Das heißt, »wir machen« kann kánun oder kánune heißen. Diese Formen stehen in freier Varianz und es gibt keinen Bedeutungsunterschied. Sprecher wählen einfach die Form, die am besten in den Sprachfluß paßt. Die Verteilung ist nicht durch einen morphologischen oder phonologischen Kontext erklärbar.
Stammalternationen nach Aspekt
Wie in (4) dargestellt, gibt es bei den meisten Verben verschiedene Stämme für den perfektiven und den imperfektiven Aspekt. Eine Diskussion solcher Alternationen würde in dieser Arbeit zu weit führen, deswegen blende ich sie aus und analysiere das Paradigma an dem Wort kano »machen«, das diese Alternation nicht aufweist.
(4)
É-graps-a
EP-schreib.PRFV-1SG.PRÄT
Brief
»Ich schrieb einen Brief« (perfektiv) »Ich schrieb einen Brief« (imperfektiv)
Passiv und Deponenzien
Griechische Verben flektieren auch für den Genus Verbi. Jedoch werde ich hier nur das Aktivparadigma behandeln. Auch auf Deponenzien werde ich nicht weiter eingehen.
4
Andere Flexionsklassen
Das obige Paradigma gehört der Standardklasse an, der die meisten griechischen Verben angehören. Die anderen Klassen verhalten sich zum Teil etwas anders und werden hier von mir nicht weiter betrachtet.
3. Merkmalsdekomposition
Im Folgenden werde ich die durch die Formen im Paradigma ausgedrückten Kategorien in Merkmale dekomponieren. Meistens werde ich binäre Merkmale benutzen. Sie haben den Vorteil, daß man natürliche Klassen, in denen Synkretismen vorkommen, durch Unterspezifikation erfassen kann.
Ich teile das Verb in drei Merkmalsstrukturen auf: Stamm, Tempus und Kongruenz. Diese Merkmalsstrukturen werden durch Merkmale ausgewiesen. Der Stamm durch STEM, das Tempus durch TNS und die Kongruenz durch AGR. Diese Merkmale sind privativ, weil ich in dieser Analyse keine natürlichen Klassen solcher »ausweisenden Merkmale« feststellen kann.
Stamm
Diese Merkmalsstruktur enthält die semantischen Informationen des Verbs. Im folgenden werde ich diese Informationen in Form der deutschen Übersetzung zusammenfassen (wie kurz in (5) illustriert).
(5) Verb Stamm-Merkmalsstruktur
Tempus
Diese Merkmalsstruktur enthält die Tempusinformationen. Für das Tempus ist nur ein Merkmal nötig, wenn es binär ist. Hier wähle ich ein Merkmal ±pst, wobei −pst für das Präsens steht und +pst für das Präteritum.
Kongruenz
In dieser Merkmalsstruktur sind die Merkmale zu finden, die für die Kongruenz mit dem Subjekt nötig sind. Es findet Kongruenz mit der Person und dem Numerus des Subjekts statt. Manche Marker (z. B. -i oder -u) bilden Synkretismen in bezug auf die Person. Um die zu erfassen, nehme ich zwei binäre Merkmale an: ±1 und ±2. Die Verteilung der Merkmalswerte wird in (6) zusammengefaßt. So kann man die zweite und dritte Person
5
als −1 darstellen (und damit die Verteilung von -i) und die erste und dritte Person als −2 (nötig für den Marker -u). 2
Den Numerus kann man wieder wie das Tempus mit einem binären Merkmal erfassen: ±pl. Hier gilt wieder: −pl steht für den Singular und +pl für Plural.
Zusammenfassung
In (7) habe ich nochmal sämtliche Merkmale, die ich in meiner Analyse verwenden werde, zur Übersicht zusammengefaßt.
(7) Merkmalsstruktur Merkmale
4. Analyse
4.1. Über Distributed Optimality
Distributed Optimality (DO) ist eine Verbindung von Distributed Morphology mit der Optimalitätstheorie.
Distributed Morphology
In Distributed Morphology (DM) geht es darum, daß die Morphologie in die anderen Module der Sprache verteilt wird (Halle & Marantz, 1993:111f). Die Strukuren werden durch die Syntax bis auf die Morphemebene aufgebaut. Die Morphologie benutzt dann Regeln, um die Strukturen zu verändern und setzt dann die Vokabulareinträge (auch Vocabulary Item (VI)) in die Köpfe ein. Danach kümmert sich die Phonologie um die Aussprache dieser VIs.
Standard-DM erlaubt bei der Einsetzung nur, daß pro Kopf maximal ein VI eingesetzt werden darf und umgekehrt, daß ein VI in nicht mehr als einen Kopf eingesetzt wird (Harley & Noyer, 1999:4). Deswegen ist es nötig die Strukturen mit folgenden Regeln zu manipulieren:
1. Verarmungsregeln löschen Merkmale aus Köpfen, bevor VIs eingesetzt werden.
2. Spaltungsregeln spalten Köpfe vor der Einsetzung in mehrere.
3. Verschmelzungsregeln fassen mehrere Köpfe vor der Einsetzung in einem zusammen.
4. Readjustmentregeln manipulieren die phonologische Form von VIs nachdem sie eingesetzt wurden.
Optimalitätstheorie
Der andere Teil von DO ist die Optimalitätstheorie (OT) nach Kager (1999). Hier werden allgemein aus einem Input verschiedene Möglichkeiten eines Outputs abgewogen. Das passiert über Beschränkungen (sogenannte Constraints), die man gewichten (ran- ken) kann.Durch dieses Ranking entstehen Prioritäten. Das heißt, man darf ein Constraint verletzen, um die Verletzung eines höher gerankten Constraints zu vermeiden. Am Ende gewinnt der Output die Abwägung, bei dem die wenigsten hoch gerankten Constraints verletzt sind, der also optimaler ist.
OT wird durch Tableaus dargestellt. In den Spalten der Tableaus sind die Constraints nach Ranking geordnet (das höchste links). In den Zeilen findet man die Outputkandidaten. In den Zellen werden zu jedem Constraint mit Sternen * eingetragen, wie oft der Kandidat das Constraint verletzt. Ein Ausrufezeichen ! an einem Stern markiert, daß der entsprechende Kandidat ab diesem Stern nicht mehr optimal sein kann. Der Kandidat, der die Abwägung gewinnt, wird mit einer OT-Hand markiert und Zellen, die für den Ausscheid nicht mehr wichtig sind, grau unterlegt. Unter (8) sieht man ein allgemeines OT-Tableau zur Veranschaulichung. (8)
Distributed Optimality
Distributed Optimality (DO) (Trommer, 2001) verbindet beides miteinander. Wie in DM wird die Struktur von der Syntax aufgebaut und die Morphologie manipuliert und setzt phonologische Informationen ein. Was durch welche VIs ausgesprochen wird oder nicht ausgesprochen wird, wird nicht mehr über Regelsysteme sondern über das Ranking von Constraints bestimmt. Weitere Operationen sind in DO nicht nötig. Die Constraints, die ich benutzen werde, beziehe ich ausschließlich von Trommer (2001). 3 Es wird in meiner Analyse nicht nötig werden, die Auswahl zu erweitern.
Eine Merkmalsstruktur kann theoretisch durch beliebig viele VIs ausgesprochen werden - von null bis unendlich. Ebenso gibt es die Möglichkeit, daß ein VI mehrere Merkmalsstrukturen ausspricht, was heißt, daß Portmanteau-VIs erlaubt sind (Trommer, 2001:95).
Um zu veranschaulichen, welche VIs welche Merkmalsstrukturen aussprechen, werden in den OT-Tableaus beide mit Indizes versehen. Merkmalsstrukturen und die VIs, die sie aussprechen, werden koindiziert. 4
4.2. Vocabulary Items
VIs sind in DO nicht dafür spezifiziert, in welcher Reihenfolge sie stehen. Es gibt also keine VIs der Form /kan-/ oder /-o/ sondern nur /kan/ oder /o/. Daraus ergibt sich, daß z.B. /o/ sowohl ein Prä- als auch ein Suffix sein kann. /o-kan/ ist also genauso ein legitimer Outputkandidat wie /kan-o/.
In dieser Analyse werde ich die VIs so voll wie möglich spezifizieren. Der Hinter-grund ist, daß ich annehme, daß die VIs so viele Merkmale wie möglich aussprechen, um so viele Parse-Constraints (siehe Abschnitt 4.3) wie möglich zu erfüllen. Zu diesen Merkmalen gehören auch die ausweisenden Merkmale STEM, TNS und AGR. Jedes VI in dieser Analyse trägt auch immer die ausweisenden Merkmale der Merkmalsstrukturen, deren Merkmale sie tragen.
Der Stamm kan- DerStamm ist für die Stamm-Merkmalsstruktur spezifiziert, d. h. er trägt die semantischen Informationen des Verbs: (9) /kan/ : [STEM »machen«]
Die Kongruenzmarker -s, -me, -te und -n
Bei einem Blick in das Paradigma in (3) sieht man, daß diese VIs im Präsens und Präteritum gleich verteilt sind. Sie sind also nur für Person und Numerus spezifiziert. Die VIs sind für die Kongruenz-Merkmalsstruktur alle voll spezifiziert. -s kommt nur in der 2. Person Singular vor und -me, -te und -n nur jeweils in der 1., 2. und 3. Person Plural. Daraus ergeben sich die Vokabulareinträge in (10): (10) /s/ : [AGR −1 +2 −pl] /me/ : [AGR +1 −2 +pl] /te/ : [AGR −1 +2 +pl] /n/ : [AGR −1 −2 +pl]
Die Portmanteaus -o, -i und -u
Die Marker -o, -i und -u treten nur im Präsens auf, markieren aber gleichzeitig Person/Numerus. Deswegen nehme ich an, daß es sich dabei um Portmanteaus handelt. Sie sind alle für die Tempus- und die Kongruenz-Merkmalsstruktur spezifiziert.
Da sie alle im Präsens auftauchen, tragen sie alle das Merkmal −pst. /o/ wird voll für die 1. Person Singular spezifiziert, während bei /i/ und /u/ Unterspezifikation nötig ist, weil sie in mehreren Paradigmenzellen zu finden sind. /i/ steht in der 2. und 3. Person Singular, also ist es nicht für das Merkmal ±2 spezifiziert. /u/ kommt in der 1. und 3. Person Plural vor, deswegen trägt es nicht das Merkmal ±1. Die Vokabulareinträge sind unter (11) zusammengefaßt: (11) /o/ : [TNS −pst][AGR +1 −2 −pl] /i/ : [TNS −pst][AGR −1 −pl] /u/ : [TNS −pst][AGR −2 +pl]
Die Tempusmarker -e und -a
Die letzten zwei verblieben VIs sind -e und -a. Auffällig ist, daß /a/ nur im Präteritum auftaucht. Deswegen nehme ich an, daß es ein Tempusmarker ist, der für +pst spezifiziert ist. Dabei gibt es aber das Problem, daß in der 2. und 3. Person Singular (kan-e-s, kan-e) kein /a/ steht, sondern ein /e/. Das ließe eigentlich darauf schließen, daß /e/ spezifischer ist. /e/ tritt aber in allen Tempora und Numeri auf. Und auch in allen Personen außer der ersten. Das hieße, /e/ könnte nur für [AGR −1] stehen. Dann würde es aber keine Schnittmenge an Merkmalen zwischen den beiden VIs geben - d. h. sie könnten einander nicht blockieren.
Man kann aber eine Blockierung erklären, wenn man /e/ als einen Default-Marker für die Tempus-Merkmalsstruktur analysiert, also nur mit dem ausweisenden Merkmal TNS. Dann könnten /a/ und die Portmanteaus /o/, /i/ und /u/ dieses VI blockieren oder von ihm blockiert werden. Wer wen blockiert, ergibt sich dann aus dem Ranking der Constraints. Deswegen nehme ich die VIs unter (12) in dieser Analyse an. (12) /a/ : [TNS +pst] /e/ : [TNS]
4.3. Einsetzung und Spezifizität
Im Allgemeinen gilt, daß man eine Merkmalsstruktur nur mittels eines VI aussprechen kann, das eine Teilmenge der Merkmale der Merkmalsstruktur besitzt. Wenn in Standard-DM mehrere VIs eine Teilmenge derselben Merkmalsstruktur besitzen, wurde festgelegt, daß das VI mit den meisten Merkmalen gewinnt (Halle, 1997:128). In DO ist keine solche »externe« Festlegung nötig. Dafür gibt es bei Trommer sogenannte Parse-Constraints (2001:106):
PARSE [Merkmal]: »Zähle eine Verletzung für jede Merkmalsstruktur im Input, in der das angegebene Merkmal nicht durch ein VI im Output realisiert wird.«
9
Es gibt für jedes Merkmal ein entsprechendes Parse-Constraint. Dadurch ergibt sich, daß ein VI mit mehr Merkmalen weniger Parse-Constraints verletzt und damit optimaler ist. In (13) demonstriere ich das an dem Beispiel der 1. Person Singular Präteritum. Hier könnten für das Tempus /a/, /e/ oder gar nichts eingesetzt werden. Durch die Parse-Constraints gewinnt /a/, weil es die meisten Merkmale realisiert. Das Merkmal +1 kann hier nicht ausgesprochen werden - einfach, weil wir kein entsprechendes VI zur Verfügung haben. (13)
In dieser Analyse ist das Ranking der Parse-Constraints untereinander nicht von Bedeutung. Das verdeutliche ich mit gestrichelten Linien im OT-Tableau (z. B. auch in (13)).
4.4. Die Affixreihenfolge
Ein großer Schwachpunkt von Standard-DM war es, daß es keinerlei Möglichkeit gab, die Reihenfolge von Affixen festzulegen. In DO gibt es aber die Möglichkeit über Alignment-Constraints festzulegen, in welcher Reihenfolge die VIs relativ zum linken oder rechten Rand des Wortes auftreten (Trommer, 2001:114ff). Dazu verwende ich zwei Constraints: ALIGN-R [Merkmal]: »Zähle eine Verletzung für jedes VI, das zwischen einem VI, das das angegebene Merkmal hat, und dem rechten Wortrand steht.« ALIGN-L [Merkmal]: »Zähle eine Verletzung für jedes VI, das zwischen einem VI, das das angegebene Merkmal hat, und dem linken Wortrand steht.« Da in dieser Analyse jedes VI die ausweisenden Merkmale der entsprechenden Merkmalsstrukturen trägt, reicht es hier, die Alignment-Constraints auf diese ausweisenden Merkmale zu beziehen. Daraus folgt, daß ich auf drei Alignment-Constraints zurückgreife: ALIGN-R [STEM], ALIGN-R [TNS] und ALIGN-R [AGR]. Dabei beziehe ich diese Analyse auf den rechten Wortrand. 5 Es gibt natürlich auch Alignment-Constraints für die anderen Merkmale, die aber für die Analyse nicht nötig sind. Da Constraints in DO aber als universell gelten, sind sie immer noch da, werden aber nach unten gerankt, sodaß sie keine Wirkung haben.
Im Griechischen steht der Stamm links, dann folgt das Tempus bzw. die Portmanteaus und ganz rechts ist dann die Kongruenz. Demnach ist also ALIGN-R [AGR] am höchsten gerankt, gleich gefolgt von ALIGN-R [TNS]. Danach folgt dann ALIGN-R [STEM], sodaß wir das Ranking in (14) erhalten.
(14) ALIGN-R [AGR] ≻ ALIGN-R [TNS] ≻ ALIGN-R [STEM]
Wie schon oben angedeutet, sind die VIs nicht dafür spezifiziert, ob sie Prä- oder Suffixe sind. Das Tableau in (15) zeigt den Ausschnitt der Ableitung der 2. Person Plural Präteritum kan-e-te. Wie man sieht, ist eine Spezifikation nicht nötig: /e/ ist in Kandidat a ein Suffix und in Kandidat b und c ein Präfix. Was dann schlußendlich im Output steht, entscheiden die Constraints. (15)
Affixredundanz
Es ist in DO möglich, eine Merkmalsstruktur beliebig oft auszusprechen. Demnach sind auch Kandidaten wie kan-u-me-me möglich. Trommer weist darauf hin, daß Alignment-Constraints auch dazu verwendet werden können, solche überzähligen Affixe zu vermeiden (2001:132ff). Denn jedes VI, das man hinzufügt, vergrößert den Abstand der anderen VIs im Output zu einem Wortrand und resultiert damit in mehr ALIGN-Verletzungen. Und die Parse-Constraints, sofern höher gerankt, sorgen dafür, daß die Merkmalsstrukturen mindestens einmal ausgesprochen werden.
Es können immer noch Merkmalsstrukturen mehrfach ausgesprochen werden. Wenn man z. B. die 1. Person Plural Präsens kan-u-me in (16) betrachtet, fällt auf, daß die Merkmale AGR, −2 und +pl sowohl von dem Kongruenzmarker /me/ als auch von dem Portmanteau /u/ ausgesprochen werden. Das liegt daran, daß jedes der beiden VIs Merkmale besitzt, die das andere nicht hat, und die von Parse-Constraints gefordert werden. Jedes weitere /u/ oder /me/ würde aber das ALIGN-R-[AGR]-Constraint mehr verletzen und wird deswegen suboptimal. (16)
Das läßt auch weitere Rückschlüsse auf das Ranking zu. Die Parse-Constraints müssen höher gerankt sein als die Alignment-Constraints. Ansonsten würde es optimaler sein, ein
11
VI nicht auszusprechen: (17) PARSE . . . ≻ ALIGN-R . . .
4.5. Verarmung und Kontexte
Wie schon oben angedeutet, taucht in der 2. und 3. Person Singular ein /e/ im Präteritum auf, obwohl /a/ das spezifischere VI ist, das also weniger Parse-Constraints verletzt. Genauer gesagt verletzt /e/ das PARSE-[pst]-Constraint.
Standard-DM würde dieses Problem mit einer Verarmungsregel wie in (18) lösen. Diese Regel würde das Merkmal +pst im Kontext von [AGR −1 −pl] löschen, bevor eine Einsetzung geschieht. /a/ könnte also nicht mehr dort eingesetzt werden. (18) [+pst] → ∅ / _[AGR −1 −pl]
DO kennt auch Verarmung, aber anders als in Standard-DM bedeutet das keine Löschung von Merkmalen aus Merkmalsstrukturen. Vielmehr gibt es sog. Verarmungsconstraints, die einfach das Aussprechen von Merkmalen verbieten (Trommer, 2001:113f)also praktisch die umgekehrte Variante eines Parse-Constraints: IMP [Merkmal]: »Zähle eine Verletzung für jede Merkmalsstruktur im Input, in der das angegebene Merkmal durch ein VI im Output realisiert wird.« Jedoch reicht es nicht aus, einfach +pst mit einem Verarmungsconstraint IMP [pst] nicht mehr auszusprechen. Hier muß ich auf einen Kontext zurückgreifen. Kontexte schränken den Wirkungsbereich von VIs, Regeln oder Constraints ein. In den VIs, die ich hier annehme, waren keine Kontexte nötig. Bei der Verarmungsregel in (18) wird er benutzt, um die Merkmalslöschung auf die 2. und 3. Person Singular zu beschränken. Ansonsten würde im kompletten Präteritum /e/ statt /a/ stehen. Bei dem Verarmungsconstraint wird sich das ähnlich verhalten. Kontexte von Constraints funktionieren wie folgt: »Context specifications of constraints always refer to input [feature structure]s. Constraints with context specifications are interpreted the same way as those without, with the only difference being that they are only applied if every feature structure in a context specification subsumes at least one [feature structure] in the input.« (Trommer, 2001:124)
Wie man sieht, kann ich das Verarmungsconstraint mittels Kontext einschränken: IMP [pst] / [AGR −1 −pl]. Das reicht aber noch nicht aus. Dieses Constraint würde nämlich auch im Präsens ein Aussprechen von ±pst verhindern. Wir würden also in der 2. Person Singular Präsens z. B. *kan-e-s erhalten, statt kan-i-s. Das Verarmungsconstraint muß also noch restriktiver werden, um nur im Präteritum zu wirken: IMP [+pst] / [AGR −1 −pl].
Hier erkennt man den Nachteil von Kontexten: Sie sind nicht restriktiv genug. Trommer führt an, daß »perhaps the most interesting claim of OT is that all constraints are
12
universal. Languages differ from each other only in the relative ranking of constraints« (2001:88). Constraints mit Kontexten wie [AGR −1 −pl] sind aber zu spezifisch, um sprachübergreifend oder gar universell zu gelten. Aufgrund dessen erscheinen solche Constraints ebenso willkürlich wie die Verarmungsregeln aus Standard-DM (wie die in (18)). An diesem Punkt ist DO zu mächtig. Da ich aber hier keine Möglichkeit sehe, Kontexte zu begrenzen oder auf sie zu verzichten, werde ich das obige Constraint trotzdem verwenden.
Damit ein Verarmungsconstraint eine Wirkung erzielt, muß es über die Parse-Constraints gerankt werden: (19)
4.6. Gesamtranking
Nachdem jetzt alle für die Analyse relevanten Constraints zusammengetragen sind, müssen sie nun in ein Ranking gebracht werden, das das Paradigma in (3) ableiten kann. Fassen wir zusammen, was wir bereits über die Rankings wissen: 1. Das Ranking der Parse-Constraints untereinander ist hier nicht relevant.
2. Die Parse-Constraints sind höher gerankt als die Alignment-Constraints.
3. Die Alignment-Constraints untereinander sind gerankt, wie unter (14) angegeben.
4. Das Verarmungsconstraint ist höher gerankt als die Parse-Constraints. Daraus ergibt sich ein Gesamtranking für diese Analyse: (20) IMP [+pst] / [AGR −1 −pl] ≻ {PARSE [STEM], PARSE [TNS], PARSE [pst], PARSE [AGR], PARSE [1], PARSE [2], PARSE [pl]} ≻ ALIGN-R [AGR] ≻ ALIGN-R [TNS] ≻ ALIGN-R [STEM]
Alle weiteren Constraints, die ich hier nicht verwendet habe (z. B. weitere Verarmungs-oder Alignment-Constraints) sind alle unterhalb der Constraints in (20) gerankt und haben auf diese Analyse keinen Einfluß. Zur Veranschaulichung habe ich dieses Ranking im Anhang B auf die 2. Person Singular Präteritum kan-e-s angewandt.
5. Schlußwort
Ich habe das Verbparadigma des Griechischen auf der Grundlage der Distributed Optimality analysiert und dabei dargestellt, daß die Optimalitätstheorie die Prinzipien von Distributed Morphology (wie Spezifizität oder Affixredundanz) ableiten kann. Darüber hinaus
13
konnte Distributed Optimality auch Lösungswege auf Probleme liefern, die in Distributed Morphology unbeantwortet blieben - insbesondere auf das Problem der Reihenfolge der Affixe. Allerdings hat sich auch gezeigt, daß die Möglichkeiten von Distributed Optimality auf Kosten des sprachübergreifenden Charakters zu reichhaltig sind.
Literatur
Halle, Morris. 1997. »Distributed Morphology: Impoverishment and fission.« MITWPL
30. 425-449.
Halle, Morris & Marantz, Alec. 1993. »Distributed Morphology and the Pieces of In-
flection.« Kenneth Hale & Samuel J. Keyser (Hsrg.), The View from Building 20.
Cambridge: MIT Press. 111-176.
Harley, Heidi & Noyer, Rolf. 1999. »Distributed Morphology.« Glot International 4(4).
3-9.
Kager, René. 1999. Optimality Theory. Cambridge: Cambridge Universtity Press. Trommer, Jochen. 2001. Distributed Optimality. Dissertation, Universität Potsdam.
A. Abkürzungsverzeichnis
DM Distributed Morphology
DO Distributed Optimality
epenthetisch EP
IPRFV Imperfektiv
OT Optimalitätstheorie
Plural PL
Präsens PRÄS
Präteritum PRÄT
Perfektiv PRFV
Singular SG
VI Vocabulary Item
14
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Johannes Englisch, 2010, Griechische Verbalflexion in Distributed Optimality, München, GRIN Verlag GmbH
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