Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Strukturelle Tendenzen in Pidginsprachen 3
3 Yokohama-Pidgin-Japanisch 5
3.1 Phonologie und Notation 5
3.2 Lexikon 5
3.3 Morphologie 6
3.4 Wortfolge 7
3.5 Das Verhältnis zum Japanischen 7
4 Eskimo-Pidgin in Westgrönland 7
4.1 Lautbestand im Vergleich zum Grönländischen 8
4.2 Lexikon 8
4.3 Morphologie 9
4.4 Syntax 10
4.5 Die Eskimo-Pidgin und Grönländisch 10
5 Russenorsk 11
5.1 Phoneminventar 11
5.2 Vokabular 11
5.3 Morphologie 12
5.4 Syntax 13
5.5 Der Einfluß von Russisch und Norwegisch 14
6 Schlußwort 14
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1 Einleitung
Diese Arbeit dient dazu, strukturelle Aufälligkeiten, wie sie in Pidginsprachen feststellbar sind, an einigen drei Beispielsprachen zu untersuchen. Dabei werde ich mein Augenmerk auf den Einfluß der Sprachen, die an dem Sprachkontakt beteiligt sind, richten. Im Abschnitt 2 gebe ich einen Überblick über Pidginsprachen allgemein und das Verhältnis zu den Sprachen in Kontakt nach Holm (2000). Dann gehe ich zu den Pidginsprachen über, die ich untersuchen möchte. Meine Wahl fällt zum ersten auf zwei Sprachen, bei denen sich Super- und Substratsprachen strukturell sehr stark unterscheiden: Einmal das auf dem Japanischen basierende Yokohama-Pidgin-Japanisch im Abschnitt 3 und danach im Abschnitt 4 eine in Grönland auf Grundlage des Westgrönländischen entstandene Eskimo-Pidgin. Als dritte Sprache wähle ich Russenorsk (Abschnitt 5), das aufgrund der sozialen Gleichheit der Menschen in Kontakt eine Sonderrolle einnimmt und dessen Verhältnis zu den beteiligten Sprachen einige Besonderheiten ausweist. Ich werde jede Sprache in bezug auf Phonologie, Lexikon, Morphologie und Syntax betrachten. Dann, im Abschnitt 6 fasse ich die Erkenntnisse aus den Pidginsprachen zusammen und setze sie in Beziehung zueinander.
2 Strukturelle Tendenzen in Pidginsprachen
Im Folgenden stelle ich kurz Pidginsprachen vor und gehe auf strukturelle Besonderheiten ein, die man in Pidginsprachen oft findet. Ich beziehe mich dabei in diesem Abschnitt, sofern nichts anderes angegeben, auf Holm (2000).
Pidginsprachen sind im allgemeinen Sprachen, die entstehen, wenn Menschen mit einander Kontakt haben und kommunizieren müssen, ohne eine gemeinsame Sprache zu besitzen oder die Sprachen der Kontaktpartner zu kennen (z. B. im Handel oder durch Sklaverei). Diese Sprachen sind von den Muttersprachen der Sprecher beeinflußt. Dieser Einfluß hängt vom sozialen Status des Sprechers gegenüber dem anderen ab. So spricht man bei der Sprache der Sprecher mit der höheren Macht von der Superstratsprache und bei der Sprache der Sprecher mit niedrigerem sozialen Status von der Substratsprache. Pidginsprachen werden oftmals als »reduziert« betrachtet, weil ihre Struktur im Vergleich mit den Super- und Substratsprachen vereinfacht wirkt. Pidginsprachen können sich zu sogenannten Kreolsprachen entwickeln. Kreolsprachen werden von einer ganzen Sprechergemeinschaft gesprochen und haben sich stabilisiert und neue Konstruktionen entwickelt. Im Grunde sind sie kaum bis gar nicht von »natürlichen« Sprachen zu unterscheiden. Der Begriff »Kreolsprache« bezieht sich also weniger die Struktur der Sprachen als vielmehr auf deren Entstehungsgeschichte.
Lexikon
Pidginsprachen besitzen oft nur ein eingeschränktes Vokabular, das auf den Anwendungsbereich der Sprache beschränkt ist. Die Quelle der Wörter ist in Pidginsprachen oft zum großen Teil die Superstratsprache, wobei aber die Substratsprache die genaue Bedeutung und die Verwendung beeinflußt. Um die Quantität der Wörter in Pidginsprachen auszugleichen, zeigen sie eine Tendenz zu vielen
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Polysemien und neigen dazu, Begriffe zu umschreiben. So bedeutet das Wort für »Leuchtturm« im Yokohama-Pidgin-Japanischen wörtlich übersetzt in etwa »Schiff-schaut-und-zerbricht-nicht-Kerze«:
(1) Yokohama-Pidgin-Japanisch (Inoue, 2006: 60):
ship ‘lighthouse’
Phonologie
Bei vielen Pidginsprachen ist es schwer, die Phonologie und den Einfluß der Muttersprachen auf sie zu beschreiben, weil es nur wenig Aufzeichnungen a) über die Pidginsprachen selbst und b) über die Phonologie der Super- und Substratsprachen in den betreffenden Regionen zur betreffenden Zeit gibt. Dennoch kann man Tendenzen feststellen, daß häufigere Phoneme wie /d/ oder /m/ eher in Pidginsprachen übernommen werden als seltenere wie /T/ oder /D/. Es scheint aber einen starken Einfluß von den Substratsprachen auszugehen. So wurden in atlantischen Kreolsprachen phonologische Merkmale afrikanischer Substratsprachen festgestellt (z. B. koartikulierte Plosive wie /kp/).
Morphologie
Grammatische Informationen werden in Pidginsprachen oft mehr mit freien als mit gebundenen Morphemen kodiert. Deswegen werden seltener morphologische Markierungen aus den beteiligten Sprachen entlehnt. Die Flexionsaffixe, die übernommen werden, werden oftmals derivierend verwendet und ihre Bedeutung uminterpretiert. Zum Teil entstehen in Pidginsprachen auch neue Markierungen. Zum Beispiel hat sich das englische Wort side im Chinesischen Pidgin-Englisch zu einer Art Lokativmarker herausgebildet:
(2) Chinesisches Pidgin-Englisch (Hall, 1944: 97):
a. ófis-sajd
office-LOC ‘At the office’ b.
j ´
u ¯
2 ‘At your house’ Syntax
Über die Wortfolge von Pidginsprachen im allgemeinen zu sprechen, gestaltet sich schwierig, weil in den meisten dokumentierten Fällen sowohl Super- als auch Substratsprachen vom Grundtyp »Subjekt (S) - Verb (V) - Objekt (O)« sind. 1 Darüber hinaus läßt sich der Einfluß von Substratsprachen auf die
1 In dieser Arbeit verwende ich das Wort Subjekt für den aktiven Teilnehmer einer Handlung und Objekt für den Undergoer. Da die Kasusalinierung nicht im Fokus dieser Arbeit steht, werde ich diese Terminologie zur besseren Vergleichbarkeit der Sprachen im Abschnitt 4 auch auf das Grönländische so anwenden, obwohl es eine Ergativ-Absolutiv-Alinierung aufweist.
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Syntax einer Pidginsprache schwer nachweisen, insbesondere wenn es Substratsprachensprecher mit sehr vielen verschiedenen Muttersprachen gibt. Deswegen kann man auch keine direkte Generalisierung über ihren Einfuß auf eine Pidginsprache treffen.
3 Yokohama-Pidgin-Japanisch
Das Yokohama-Pidgin-Japanische (YPJ) ist eine Pidginsprache, die von der Mitte bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts im Hafen von Yokohama gesprochen wurde. Westliche Händler (meistens Briten oder Amerikaner) trieben zu der Zeit Handel mit Japan. Da Japan sehr verschlossen im Umgang mit Ausländern war, durften die Händler nur in einer abgegrenzten Siedlung, der sogenannten Gaikokujin-Kyoryuuchi »Fremdländersiedlung«, leben und handeln (Inoue, 2006: 56). Durch diese Machtposition der Japanischsprecher gegenüber den Sprechern anderer Sprachen kann man das Japanische als Superstratsprache von Yokohama-Pidgin-Japanisch einordnen. Substratsprache war wegen des relativ hohen Anteils an Briten in der Gaikokujin-Kyoryuuchi in den meisten Fällen Englisch. Die Daten über die Sprache entstammen der Revised and Enlarged Edition of Exercises in the Yokohama Dialekt (Atkinson, 1879), einer Wortliste mit Beispielsätzen für Sprachenlerner. Es ist davon auszugehen, daß diese Daten das Yokohama-Pidgin-Japanische nicht erschöpfend wiedergeben und nur einen kleinen Einblick in die Sprache erlauben.
3.1 Phonologie und Notation
Die phonologische Struktur ist heutzutage schwer festzustellen, weil die Wörter in Form von englischen Wörtern oder Pseudowörtern geschrieben worden. 2 Wahrscheinlich wurden sie auch mit englischer Phonologie ausgesprochen. Jedoch weist Inoue auf eine phonologische Eigenheit von Yokohama-Pidgin-Japanisch hin: Dort, wo sich im Standard-Japanischen ein /h/ befindet, wird im Yokohama-Pidgin-Japanischen, wie auch im Tokio-Dialekt des Japanischen, oft ein /s/ gesprochen (2006: 58):
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3.2 Lexikon
Das Yokohama-Pidgin verfügt über ein stark reduziertes Vokabular. Das setzt sich zum größten Teil aus japanischen Wörtern zusammen. Es gibt aber auch Wörter aus anderen Sprachen, z. B. boto »Boot« vom Englischen boat oder chobber.chobber »Essen« aus einem von Chinesen gesprochenem Pidgin-Englisch (Inoue, 2006: 58f.). Die geringe Anzahl an Wörtern wird wie schon angedeutet durch Umschreibungen wie in (1) oder durch Polysemien ausgeglichen. Ein Beipiel für solch eine
2 Vereinzelt verbindet Atkinson (1879) zusammengehörige Wörter mit Bindestrichen. Inoue (2006) wendet diese Notation auf alle Beipiele an (z. B.: high kin→high-kin ‘look’). Da ich in Glossen Bindestriche bereits zur Markierung von Morphemgrenzen verwende, werde ich stattdessen auf Punkte zurückgreifen, um Ambiguitäten in den Glossen zu vermeiden, also: high.kin.
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Polysemie ist das yokohama-pidgin-japanische Wort aboorah. Es kommt vom japanischen Wort abura »Öl«, wird aber auch auf andere »ölartige« Substanzen angewandt: »Butter«, »Öl«, »Petroleum«, »Pomade« und »Fett« (Inoue, 2006: 59).
Das Yokohama-Pidgin-Japanische verfügt nur über drei Pronomen, die nicht für Numerus oder Genus spezifiziert sind (Atkinson, 1879: 15):
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Es gibt eine Kopula arimas, die einen sehr allgemeinen und sehr reichen Verwendungsbereich hat:
»This far reaching verb, “arimas,” translates all the idioms of, to have, esse, possess, habere, manere, sein, haben, avoir, etre, ser, estar haber, tener, and “have got.” Beyond this it has a general colloquialism, a close analogy to the “altro” of the Italians.« (Atkinson, 1879: 16)
Dabei ist aber anzumerken, daß in Atkinsons Übersetzungen offenbar oftmals sehr viel Kontext einfließt. So übersetzt er z. B. einmal arimasen ‘COP.NEG’ mit »Unfortunately they were purchased on Tuesday by a party of tourists from San Francisco« (1879: 22).
3.3 Morphologie
Das Yokohama-Pidgin-Japanische ist morphologisch recht arm. Es gibt vereinzelt reduplizierte Formen wie chobber.chobber »Essen« oder sick.sick »Krankheit«, allerdings sind das feststehende Begriffe. Reduplikation ist, anders als im Japanischen, kein produktives Mittel zur morphologischen Markierung. Ebenso verwendet das Yokohama-Pidgin-Japanische im Unteschied zum Japanischen keine Markierungen für Tempus, Aspekt, Modus oder grammatische Relationen (Inoue, 2006: 60f.):
(5) Jap.: Kuruma-ni abura-o ire-ro. car-DAT oil-ACC put-IMP ‘Put some oil into the car.’
car ‘Oil the carriage wheels.’
Tempus wird wie schon angedeutet nicht am Verb direkt markiert sondern über den Kontext oder mittels Temporaladverbien wie meonitchi »morgen« bzw. bynebai »später« (Inoue, 2006: 61f.). Verben können negiert werden, indem man ein nigh hinter dem Verb anfügt. 3 Atkinson führt an, daß man Verben auf -mas mit -en oder -ing negieren kann (1879: 18), nur findet man das laut Inoue nur auf zwei Wörter angewendet: walk.arimasen »nicht verstehen« und die negierte Kopula arimasen (2006: 62).
3 Ob es sich bei nigh um ein Affix oder ein eigenes Wort handelt, ist in meinen Augen aus den Daten nicht ersichtlich.
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3.4 Wortfolge
Die Wortfolge im Yokohama-Pidgin-Japanischen ist SOV wie im Japanischen (Inoue, 2006: 61), demnach richtet sie sich in diesem Fall nach der Superstratsprache:
horse-DAT S ‘Give the horse some feed.’
horse S
‘Give the horse some feed.’
Das Yokohama-Pidgin-Japanische drückt Possession durch Juxtaposition aus, wobei der Possessor dem Possessum vorausgeht (Atkinson, 1879: 15):
(7) Oh.my oh.char 2 tea ‘your tea’
Da die Daten in Atkinson (1879) nur einzelne Wörter, kurze Phrasen und einfache Sätze enthalten, kann man über andere syntaktische Phänomene wie z. B. Einbettung keine Aussagen treffen.
3.5 Das Verhältnis zum Japanischen
Das Yokohama-Pidgin-Japanische ist sehr stark durch die Superstratsprache beeinflußt. Das Vokabular wird zum großen Teil aus dem Japanischen bezogen und die Syntax folgt den Grundprinzipien der japanischen Grammatik. Die Phonologie ist stark vom Englischen geprägt - zumindest insoweit, wie sie aus Atkinson (1879) heraus feststellbar ist. Über den japanischen oder englischen Einfluß auf die Morphologie läßt sich nicht viel sagen, weil die Markierungen fast vollständig reduziert wurden.
4 Eskimo-Pidgin in Westgrönland
Während des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts trieben europäische Händler mit den Inuit 4 in Westgrönland Handel. Dabei konnten aber nur wenige Europäer die Sprache der Inuit - ebenso umgekehrt. (van der Voort, 1996: 161f.) Die Superstratsprache ist Westgrönländisch (im folgenden einfach Grönländisch) und die Substratsprachensprecher waren hauptsächlich Briten, Holländer und Dänen (van der Voort, 1995: 139f.).
4 Ich folge bei der Bezeichnung von Volk und Sprache van der Voort (1995, 1996). D. h. hier bezieht sich Inuit auf die Menschen, Eskimo auf ihre Sprache und Eskimo-Pidgin auf die durch Sprachkontakt enstandenen Varietäten des Eskimo (siehe van der Voort, 1995: 137).
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Van der Voort (1996) bezieht viele Daten aus Meyer (1767) 5 . Meyer war Schiffsarzt und reiste zwei mal auf Hamburger Walfangschiffen, die zum Walfang und zum Handel mit den Inuit in die Arktis fuhren. In seinem Reisebericht beschreibt er auch Kontaktsituationen mitsamt der Dialoge und liefert eine kleine Wortliste. Dieser Bericht ist in Auszügen in van der Voort (1996) abgedruckt.
4.1 Lautbestand im Vergleich zum Grönländischen
Das Grönländische kennt die Phoneme in (8). Hierbei ist anzumerken, daß die beiden Vokale /i/ und /u/ vor den uvularen Konsonanten /q/ und /ö/ als [e] und [o] realisiert werden. Sowohl Vokale als auch Konsonanten werden nach der Länge unterschieden. Dabei wird /l:/ stimmlos und frikativ als [ì:] ausgesprochen (van der Voort, 1995: 141).
/a, i, u/ (8) Vokale:
Konsonanten: /p, f, v, m, t, s, n, l, k, g, N, j, q, ö/
Über die Eskimo-Pidgin kann man nicht so viel sagen, weil die Orthographie der Quellen nicht sehr aussagekräftig ist. Was man sagen kann, ist, daß [q] systematisch als ‹k› oder ‹kr› geschrieben wird und der laterale Frikativ [ì:] oft mit ‹Sibilant+l› oder ‹Plosiv+l› ausgedrückt wird (van der Voort, 1995: 144f.):
(9) a. WG qajaq (»Kayak«) → EP kjak »Schiff«
b. WG alla-mik (»(an)other-INSTR«) → EP altlameck »etwas anderes«
4.2 Lexikon
Das Gros der Wörter der Eskimo-Pidgin enstammt direkt dem Grönländischen. Aber auch aus anderen Sprachen entlehnte Wörter sind überliefert. In (10) sind einige Beispiele aufgelistet (van der Voort, 1995: 143): 6
(10) a. bliktemik »Blechbüchse« (von nl. blik »Blechbüchse/Weißblech«) b. canu »Boot« (von ar. canoa »Kanu«) c. cuná »(Ehe)Frau« (von an. kona) d. hageltimek »Schrot« (von nl. oder dt. Hagel) e. promek »Brot« (von nl. brood oder dt. Brot) f. picaninnee »Kind« (von pg. pequeninho »Kindchen«)
5 Meyer, Johann Michael. 1767. J. M. Meyers eines deutschen Chirurgi Beschreibung seiner auf den Wallfischfang nach Spitzbergen gethanen Reise. Straßburg: Joh. Heinr. Heitz, Universitäts-Buchdr.
Da ich mich nicht direkt auf Meyer (1767) beziehe, sondern ihn hauptsächlich dazu verwende, bei einigen Beispielwörtern der Eskimo-Pidgin die originale deutsche Übersetzung nachzuschlagen, werde ich Meyer (1767) nicht in der Literaturliste aufführen.
6 Abkürzungen für die Herkunftssprachen: an=altnordisch/altisländisch, ar=Arawakan, dt=deutsch, nl=niederländisch, pg=portugiesisch
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4.3 Morphologie
Das Grönländische hat eine starke derivierende Morphologie. Man kann durch rekursive Derivation praktisch unendlich lange Wörter produzieren (so wie in (11)). Wenn Nomen oder Verben in die Eskimo-Pidgin entlehnt werden, tragen sie meistens noch die Affixe aus dem Grönländischen. Die Bedeutung der Affixe verschwindet aber häufig oder wandelt sich zu Kategorienmarkern.
(11) Westgrönländisch (van der Voort, 1995: 142):
be.inclined.to.drinking-try.not.to -one.who -become -should [Stamm -Derivation -Derivation-Derivation-Derivation-Flexion] ‘I should become a teetotaller.’
Nomen
Im Grönländischen gibt es acht Kasus. Sie werden nach dem Ergativ-Absolutiv-Muster kodiert. Der Ergativ wird auch dazu verwendet, den Possessor in Possessiv-Konstruktionen zu markeren:
(12) West-Grönländisch (van der Voort, 1995: 141):
man[ABS] ‘The man walked.
man-ERG ‘The man saw the woman.’
c. (anguti-p) illu-a man-ERG house-3SG.ABS ‘(the man’s) his house’
Dieses Kasussystem ist in der Eskimo-Pidgin nahezu vollständig verschwunden. Nomen sind nicht mehr für Kasus markiert. Der Instrumentalmarker -mik wurde zu einer Art Nominalmarkierer uminterpretiert und taucht bei vielen Nomen der Eskimo-Pidgin auf (z. B. in (13a)) (van der Voort, 1996: 174f.).
(13) a. aleksemik »Löffel« (von WG alersamik (INSTR)) b. kakamia »Fuchshaut« (von WG kaka-p ami-a »Fuchs-ERG Haut-3SG.ABS«)
Bei Nomen wie (13b), die aus Possessiv-Konstruktionen entstanden sind, zeigt sich oft das Affix -a als Relikt der Grönländischen Possessivflexion für die 3. Person (van der Voort, 1996: 175).
Verben
Verben kongruieren im Grönländischen mit dem Subjekt und dem Objekt. Das dazugehörigen Marker wurde in die Eskimo-Pidgin übernommen, scheinen aber mehr zum Verbstamm dazuzugehören, als ein Affix zu bilden (van der Voort 1996: 176):
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(14) WG:
Su-mi=mi
what-LOC=but ‘But where did I see you?’
EP: Symene ishigaget? where see ‘Where did you see me?’
4.4 Syntax
Die Grundwortstellung im Grönländischen ist relativ strikt SOV. Die Eskimo-Pidgin folgt aber eher dem Schema der germanischen Substratsprachen, also SVO (van der Voort, 1996: 172f.):
man-ERG S ‘The man saw the woman.’
girl V O ‘Girl(,) see the tent.’
Die Markierung von Possessivphrasen wich einer einfachen Juxtaposition. Die Affixe treten nur noch Lexikalisiert auf (van der Voort, 1995: 147):
(16) WG: nulia-ra
wife-1SG ‘my wife’
EP: uvanga nulia 1SG wife/3SG.wife ‘my wife’
Da die Daten wie auch im Yokohama-Pidgin-Japanischen nur Wörter und kurze Sätze enthalten kann man nichts über andere syntaktische Konstruktion sagen.
4.5 Die Eskimo-Pidgin und Grönländisch
Wie auch beim Yokohama-Pidgin-Japanischen ist die Superstratsprache der Hauptlieferant für das Lexikon. Auch morphologische Markierungen wurden mitentlehnt, aber als feste Bestandteile der Wortstämme und nicht als einzelne Morpheme. Die ergativische Kasusalinierung des Grönländischen ist in der Eskimo-Pidgin nicht mehr nachweisbar. Auffällig ist, daß die Syntax mehr den europäischen Substratsprachen folgt als dem Grönländischen. Über die Phonologie kann man wegen der mangelnden Aussagekräftigkeit der Daten nichts feststellen.
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5 Russenorsk
Russenorsk war eine Pidginsprache aus Norwegisch und Russisch. Sie wurde von norwegischen Fischern und russischen Händlern in den Regionen Finnmark und Troms (nördliches Norwegen) gesprochen. Russenorsk existierte insgesamt etwa 141 Jahre, ohne auszusterben oder zu einer Kreolsprache zu werden (Broch & Jahr, 1984: 21). Mit Beginn des ersten Weltkrieges jedoch wurden die Handelsbeziehungen zwischen Norwegen und Rußland eingestellt. Damit brach der Anlaß, Russenorsk zu sprechen, ab und die Sprache starb aus (Broch & Jahr, 1984: 28).
Bemerkenswert ist neben der langen Bestandszeit der Sprache auch, daß es relativ geringe soziale Unterschiede zwischen den Sprachgemeinschaften in Kontakt gab (Broch & Jahr, 1984: 21). Deswegen kann man bei Norwegisch und Russisch auch nicht im Sinne von Holm (2000) von Super- oder Substratsprachen sprechen.
5.1 Phoneminventar
Das Phoneminventar von Russenorsk ist an die Inventare beider Sprachen angepaßt. D. h. Phoneme und Konsonantencluster, die es in einer der beiden Sprachen nicht gibt, werden vermieden. So wird z. B. das russische Phonem /X/, das es im Norwegischen nicht gibt, im Russenorsk als /k/ realisiert, und andersrum das norwegische /h/ oftmals als /g/, wobei es von diesen Regeln auch Ausnahmen gibt (Broch & Jahr, 1984: 31):
(17) a. rus. chleb → rn. klæba »Brot«
b. norw. (Dialekt) halvanna → rn. galvanna »anderthalb« c. norw. har → rn. har »haben«
Vereinzelt werden auch phonologische Prozesse aus den Muttersprachen in Russenorsk angewandt. Ein Beispiel dafür ist die Auslautverhärtung des Russischen: Frikative und Plosive am Wortende werden von Russischsprechern immer stimmlos ausgesprochen (wie in (18ab) veranschaulicht). Diese Regel wenden sie auch auf das Russenorsk an. Viele Sprecher des Norwegischen passen sich an die russische Sprechweise an, jedoch nicht alle, wodurch viele Doppelformen wie (18c) entstehen (Broch & Jahr, 1984: 32):
(18) a. rus. odno slovo → [2d"nO "sëOv@] »ein Wort« b. rus. mnogo slov → ["mnOg@ sëOf] »viele Wörter« c. norw. hav → rn. gav oder gaf »Meer«
5.2 Vokabular
Von Russenorsk sind etwa 390 Wörter überliefert, von denen aber etwa die Hälfte nur einmal belegt ist, also bleibt ein Vokabular von ca. 150-200 Wörtern (Broch & Jahr, 1984: 30). Deswegen kennt Russenorsk ebenfalls die für Pidginsprachen typischen Umschreibungen, hier in (19) am Beispiel des Wortes »taufen« verdeutlicht.
(19) Russenorsk (Broch & Jahr, 1984: 47):
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Da sich Norweger und Russen wie bereits erwähnt auf Augenhöhe begegnet sind, ist die Herkunft der Wörter nicht so asymmetrisch verteilt wie bei den meisten Pidgins. Das Vokabular besteht zu etwa gleichen Teilen aus norwegischen und russischen Wörtern. Es passiert aber auch oft, daß für dieselbe Sache das Wort aus beiden Sprachen übernommen wird, wodurch viele Synonymien entstehen (Broch & Jahr, 1984: 47f.):
(20) russischer Herkunft
Russenorsk verfügt nur über wenige Präpositionen. Die gebräuchlichste Präposition ist på, die fast sämtliche grammatischen Abhängigkeitsverhältnisse abdeckt. 7 Nur vereinzelt treten auch die norwegischen Präpositionen for und hos und das russische na auf. Die Herkunft von på ist nicht festzustellen, weil es die Präposition sowohl im Norwegischen (på) als auch im Russischen (po) gibt (Broch & Jahr, 1984: 36f.). Auch das Inventar an Pronomen ist begrenzt. Es gibt nur zwei Personalpronomen: moja für die erste und tvoja für die zweite Person (Jahr, 1996: 110).
5.3 Morphologie
Auch Russenorsk verfügt über eine relativ einfache Morphologie. Nomen oder Adjektive flektieren nicht für Numerus oder Genus und Verben zeigen weder Kongruenz noch Tempus-Aspekt-Modus-Markierung. Dennoch gibt es Tendenzen zu morphologischen Markierungen:
Nomen und Adjektive
Nomen enden im Russenorsk oft auf -i oder -a, auch wenn das in der Ursprungssprache nicht oder nur unter bestimmten morphologischen Bedingungen der Fall war. Auch Adjektive zeigen eine Tendenz, mit -a markiert zu werden, wenn auch nicht so produktiv (Broch & Jahr, 1984: 33ff.):
(21) a. klæba »Brot« (von rus. chleb) b. svedski »Kerze« (von rus. sveˇ ca (pl.: sveˇ ci)) c. tsjorna »schwarz/dunkel« (von rus. ˇ cornyj (fem.: ˇ cornaja))
Verben
Viele Verben werden wie die in (22ab) als bestimmte morphologische Formen entlehnt (aber auch in allgemeineren Kontexten verwendet). Eine Reihe von Verben tragen den Verbalmarkierer -om, der
7 Wegen dieses weiten Einsatzbereiches der Präposition kann man für sie keine klare, konkrete Glosse angeben. Deswegen bezeichne ich sie in glossierten Beispielen mit PREP »preposition«.
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wahrscheinlich [um] ausgesprochen wurde. Die Herkunft dieses Suffixes ist unbekannt, aber aufällig ist, daß es fast nur bei norwegischen Wörtern vorkommt. Broch & Jahr nennen nur fünf Wörter russischen Ursprungs, die das Suffix tragen: kopom »kaufen«, robotom »arbeiten«, smotrom »sehen«, kralom »stehlen« und podjom »kommen« (1984, 2000: 35f.).
(22) a. pisat »schreiben« (von rus. pisat’ (Infinitiv)) b. bestil »tun« (von norw. bestill (Imperativ)) c. robotom »arbeiten« (von rus. rabotat’) d. lygom »lügen« (von norw. å lyge)
5.4 Syntax
Die grundlegende Wortfolge im Russenorsk ist SVO wie in (23a). Enthält ein Satz aber ein Adverbial, so wie das Beipiel (23b), ändert sich die Wortstellung zu SOV. Das ist von daher auffällig, daß diese Wortstellung im Russischen nur am Rande und im Norwegischen gar nicht vorkommt (Jahr, 1996: 115f.).
1 S O V
‘I shall throw you in the water.’
Ein weiteres Phänomen, das so weder im Russischen noch im Norwegischen zu finden ist, ist das, daß die Negation oftmals an zweiter Stelle im Satz steht, wie in (24) dargestellt (Jahr, 1996: 116):
PREP
‘On that day, Russians do not work.’
Obwohl Sätze im Russenorsk oftmals einfach aneinandergereiht werden, kennt es dennoch sowohl Ko- als auch Subordination in einfacher Form. Koordination geschieht entweder durch Juxtaposition oder durch die Konjunktion så »so/und/dann« (Broch & Jahr, 1984: 38):
1 etc.
‘I drank some wine on another ship, then I got a little drunk, then. . . etc.’
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Subordination wird im Russenorsk oft durch das dem russischen entstammende Wort kak »wie« als Subjunktion ausgedrückt. Es wird in dieser Funktion praktisch genauso vielfältig eingesetzt wie die Präposition på auf Phrasenebene (Broch & Jahr, 1984: 41).
‘I saw that (how) you were writing.’
SUBJ
‘If you drink wine, Christ will be very angry.’
5.5 Der Einfluß von Russisch und Norwegisch
Durch die Gleichstellung der beiden Sprachen in Kontakt verhält sich einiges anders, als Holm (2000) bei den meisten Pidginsprachen feststellt. Russisch und Norwegisch scheinen als zwei Superstratsprachen zu fungieren. Sie steuern zu gleichen Teilen zum Vokabular bei und das Lautinventar ist an die Sprecher beider Sprachen angepaßt. Es fällt auf, daß manche Dinge aus keiner der beiden Sprachen entlehnt zu sein scheinen. So ist die Herkunft des Verbalmarkierers -om unklar und die veränderte Wortstellung bei Sätzen mit Adverbialen ist nicht trivial über das Russische oder Norwegische zu erklären.
6 Schlußwort
Ich habe die Pidginsprachen Yokohama-Pidgin-Japanisch, Eskimo-Pidgin und Russenorsk in Beziehung zu Holms Beobachtungen (2000) über Pidginsprachen vorgestellt. Die Hauptquelle der Lexika ist sowohl im Yokohama-Pidgin-Japanischen als auch in der Eskimo-Pidgin die Superstratsprache. Im Russenorsk ist es beiden Partnersprachen zu etwa gleichen Teilen entlehnt. Die phonologischen Merkmale lassen sich aufgrund der Orthographie der Quellen nicht genau beschreiben. Im Russenorsk gibt es aber Anzeichen, daß der Lautbestand ein Kompromiß zwischen den beteiligten Sprachen ist. Alle drei Pidginsprachen sind morphologisch arm, wobei die Eskimo-Pidgin Affixe in lexikalierster Form aus der Superstratsprache übernommen hat und Russenorsk Reflexe von russischen oder norwegischen Flexionen zeigt. Syntaktisch zeigen die drei Pidginsprachen in unterschiedliche Richtungen: Die Syntax des Yokohama-Pidgin-Japanischen entspricht mehr der Superstratsprache, während die Eskimo-Pidgin tendenziell den Substratsprachen näher ist. Im Russenorsk zeigten sich sogar syntaktische Phänomene, die nicht den beteiligten Sprachen.
Holms Feststellungen (2000) bestätigen sich zum Teil. Die Aussagen über das Lexikon und die Morphologie treffen auf die beobachteten Pidgins im Allgemeinen zu, während der starke Einfluß der Substratsprachen auf die Phonologie nicht nachgewiesen werden kann. Auch zur Syntax können hier genauso wenig Aussagen getroffen werden wie in Holm (2000). Im Allgemeinen kann man sagen, daß die Arbeit mit Pidginsprachen durch die schlechte Datenlage sehr erschwert wird. Oftmals gibt es nur Wortlisten und grobe Beschreibungen, deren Autoren sich oft nicht einmal dessen bewußt
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waren, daß sie es nicht mit der Superstratsprache zu tun hatten, sondern mit einer Pidginsprache. Auch die verbreitete Mehrsprachigkeit unserer Zeit, die die Kommunikation zwischen den Menschen enorm erleichtert, hat den Nebeneffekt, die Entwicklung und das Bestehen von Pidginsprachen stark zu hemmen.
Abkürzungsverzeichnis
1 Erste Person INSTR Instrumental 2 Zweite Person jap. Japanisch 3 Dritte Person Lokativ LOC Absolutiv pl. Plural ABS Akkusativ Präposition ACC PREP CONJ Konjunktion Negation NEG Kopula norw. norwegisch COP Dativ rn. Russenorsk DAT EP Eskimo-Pidgin rus. russisch Ergativ Singular ERG SG fem. Feminin Subjunktion SUBJ Imperativ WG Westgrönländisch IMP
Literatur
Atkinson, Hoffman. 1879. Revised and Enlarged Edition of Exercises in the Yokohama Dialect. Yokohama.
Broch, Invild & Jahr, Ernst Håkon. 1984. »Russenorsk: a new look at the Russo-Norwegian Pidgin in Northern Norway.« P. Sture Ureland & Iain Clarkson (Hsrg.), Scandinavian Language Contacts. Cambridge: Cambridge University Press. 21-65.
Hall, Robert A. Jr. 1944. »Chinese Pidgin English Grammar and Texts.« Journal of the American Oriental Society 64(3). 95-114.
Holm, John A. 2000. Pidgins and Creoles. Cambridge: Cambridge University Press. Inoue, Aya. 2006. »Grammatical features of Yokohama Pidgin Japanese: Common characteristics of restricted pidgins.« Naomi McGloin & Junko Mori (Hsrg.), Japanese/Korean Linguistics. Stan-ford: CSLI Publications. 55-66.
Jahr, Ernst Håkon. 1996. »On the pidgin status of Russenorsk.« Invild Broch & Ernst Håkon Jahr (Hsrg.), Language Contact in the Arctic: northern pidgins and contact languages. Berlin: Mouton de Gruyter. 107-122. (Trends in Linguistics: Studies and Monographs, 88) van der Voort, Hein. 1995. »Eskimo Pidgin.« Jaques Arends, Pieter Muysken & Norval Smith (Hsrg.), Pidgins and creoles: An introduction. Amsterdam: Benjamins. 137-151. van der Voort, Hein. 1996. »Eskimo Pidgin in West Greenland.« Invild Broch & Ernst Håkon Jahr
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(Hsrg.), Language Contact in the Arctic: northern pidgins and contact languages. Berlin: Mouton
de Gruyter. 157-258. (Trends in Linguistics: Studies and Monographs, 88)
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Arbeit zitieren:
Johannes Englisch, 2010, Das Verhältnis von Pidginsprachen zu ihren Super- und Substratsprachen am Beispiel des Yokohama-Pidgin-Japanischen, der Eskimo-Pidgin und Russenorsk, München, GRIN Verlag GmbH
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