-2-einem Wendepunkt und der Erhärtung des Konflikts, da Iphigenie erfährt, dass Orest ihr Bruder ist. Um ihn zu schützen bleibt ihr nur die Wahl mit Pylades und Orest auf das Festland zu fliehen. Im Anschluss kommt der in dieser Arbeit analysierte Aufzug mit dem ersten Auftritt.
Im Anschluss an dieser Szene spielt Iphigenie die List von Pylades mit und verzögert die Opfergabe. Allerdings plagt sie danach ein schlechtes Gewissen, sodass sie im fünften Aufzug zu Thoas in den Palast geht und mit ihm streitet. In dieser Diskussion überzeugt sie den Herrscher und sorgt dank ihrer Glaubwürdigkeit dafür, dass Pylades, Orest und sie friedvoll die Insel verlassen dürfen und es kommt zu einem Happy-End.
Meine Interpretationshypothese für diesen Auftritt lautet, dass Iphigenie unentschlossen ist und nicht weiß, wofür sie sich entscheiden soll. Das merkt man unter anderem daran, dass Iphigenie zunächst für Pylades betet und seinen Tatendrang gut heißt, sich hinterher jeder darüber Gedanken macht, sich einer Lüge gegenüber Arkas beziehungsweise Thoas schuldig zu machen. Auch wegen der Dramaturgie des klassischen Dramas steckt Iphigenie in einem Zwiespalt und die Tatsache, dass sie als Frau weniger zu sagen hat als Männer, erschwert ihr zudem die Entscheidung in diesem Dilemma.
Zunächst belege ich die Interpretationshypothese mit der These, dass Iphigenie Angst hat, gegenüber Thoas zu lügen. Iphigenie ist auf Tauris eine angesehene Frau, die den Respekt, den das Volk ihr entgegengebracht hat, nicht missachten will. Zudem hat sie Angst vor Lügen.
„Ein losgedruckter Pfeil von einem Gotte Gewendet […] sich zurück Und trifft den Schützen“ (V. 1409 ff.).
Dieses Zitat zeigt, dass Iphigenie Angst vor dem Lügen hat, da sie bedenkt, sich sich die Unwahrheiten, die sie erzählt, irgendwann an ihr rächen. Zudem steckt in diesem Zitat eine Metapher. Jeder kennt die Geschichte des Bogenschützen, der sich mit seiner eigenen Waffe besiegt. Hiervor hat Iphigenie Angst, da ihr abgeschossener „Lügenpfeil“ sie selbst treffen könnte.
Zudem gibt es ein Wortfeld innerhalb des Auftrittes, das diese These belegt. „Die Brust; sie macht uns nicht getrost“ (V. 1407). „schwankt Mir durch die Brust“ (V. 1411 f.). „Es schlägt mein Herz“ (V. 1418). „es trübt sich meine Seele“ (V. 1418).
-3-Dieses Wortfeld lässt sich auch als Symbol betrachten. Wer Herz hat, der lügt nicht und ist ein guter Mensch. Selbiges trifft auf die Seele zu, denn wen man Schlechtes begeht, ist man zum Teil seelisch belastet. Die Brust hat etwas mit dem Wortfeld zu tun, da sich unter ihr das Herz befindet. Die häufiger Wiederholung dieser Wörter und die Verwendung der Symbole lassen darauf schließen, dass Iphigenie ein Problem mit dem Lügen hat.
Der Bezug des vorangegangenen Aspekts zur Interpretationshypothese wird deutlich, wenn ich jetzt die These unter die Lupe nehme, die besagt, dass Iphigenie sich auch bei Pylades' List beteiligen will beziehungsweise muss. So segnet die Priesterin Pylades. „O segnet, Götter, unseren Pylades“ (V. 1382).
Wenn Iphigenie wirklich gegen die List und Lügen wäre, so würde sie nicht die Götter darum bitten, Pylades zu segnen, da sie sonst seine Aktion verurteilen würde. Gleichzeitig muss man aber auch daran denken, dass Iphigenie Pylades und Orest nicht als Opfergabe sehen möchte, da die beiden Griechen sind und Orest zudem ihr Bruder ist. Somit ist dieses Zitat ein Beleg dafür, dass Iphigenie an Pylades' Plänen Anteil haben möchte.
Auch gibt es Metaphern, die diese These untermauern. „Des Greises leuchtend Aug in der Versammlung“ (V. 1385). Dieses Zitat zeigt, dass Iphigenie Wert auf Pylades legt, denn der Greis mit dem leuchtenden Auge steht für jemanden, der begeistert für etwas ist und immer einen guten Einfall hat, um missliche Situationen zum Positiven zu kehren. Diese Metapher auf Pylades angewandt ist ein Zeichen dafür, dass Iphigenie ihn als wichtig erachtet und daher nicht gehen lassen möchte.
Diese beiden Aspekte stehen in einem Gegensatz zueinander. Das bedeutet, dass sie zur Interpretationshypothese einen Bezug haben, da diese beiden den Zwiespalt der Iphigenie und somit ihre Unentschlossenheit zum Ausdruck bringen.
Als nächsten Aspekt behandelt diese Analyse die Rolle der Frau. Iphigenie ist erbost darüber, dass sie als Frau das ausführen soll, was Männer ihr sagen. Somit ist es möglich, dass dieser Fakt ihre Entscheidung beeinträchtigt. Einfach nur aus dem Grund, dass die den befehlenden Männern trotzen will. „Und haben kluges Wort mir in den Mund Gegeben“ (V. 1398 f.). Wieder einmal haben Männer, die zur Zeit der Handlung weit über den Frauen standen,
Arbeit zitieren:
Simon Winzer, 2011, Analyse des ersten Auftrittes des vierten Aktes bei "Iphigenie auf Tauris", München, GRIN Verlag GmbH
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