Eva Hermans brisanter Wortschatz?
Analyse und Einordnung der J.B. Kerner-Sendung vom 7. September 2007
1 Einleitung
In der heutigen, immer größer und komplexer werdenden Gesellschaft wachsen die Bedeutung und Aufgaben der Medien. Sie dienen der Kontaktherstellung, dem Ausdruck, der Sozialisierung, der Selbstdarstellung, der Mitteilung, der Informationsübermittlung, dem Appell, dem persönlichem und gesellschaftlichen Austausch, der Verständigung, der Orientierung, der Erkenntnis und Weltdeutung, der Phantasiegestaltung und Zerstreuung. Der Einfluss und die Macht der Medien wächst und ist allgegenwärtig. Jede Mediendarstellung ist immer eine Konstruktion und enthält damit Deutung, Perspektive und mehr oder weniger deutlich wahrnehmbare Stellungnahme. Durch Massenmedien können Weltansichten, Lebensdeutungen und Sinngebungen selektiert, konstruiert, gebündelt oder verstärkt werden. Medienkompetenz und Bildung sind deswegen sehr wichtig. 1 Dieser Meinung ist auch der Journalist Ulrich Schmitz: Niemand beherrscht mediale Kommunikation vollkommen. Den jeweiligen Zwecken entsprechend kann man mehr oder weniger angemessen damit umgehen. Wer mehr Sprachgewalt hat, hat mehr sichtbare Macht; wer über mehr Medienkompetenz verfügt hat mehr unsichtbaren Einfluss. Bildung für und gegen Medien ist ein Mittel sie zu beherrschen und nicht von Ihnen beherrscht zu werden. 2
In der Gesprächsrunde vom 9.Oktober 2007 bei Johannes B. Kerner saßen fünf medienerprobte Personen: der Moderator Johannes B. Kerner selbst, die Schauspielerin Senta Berger, die derzeitige Moderatorin Margarethe Schreinemakers, der Komiker Mario Barth sowie die ehemalige Moderatorin und Buchautorin Eva Herman. Trotzdem schien jeder auf seine Art die (mediale) Kommunikation nicht zu beherrschen. Der ungewöhnliche Verlauf der Sendung sorgte für mediales Aufsehen: Nach einem konfliktgeladenen Gespräch wurde die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman frühzeitig aus dem Studio verabschiedet. Das Verhalten des Moderators wurde in den Medien kontrovers diskutiert. Kritisiert wurde dabei unter anderem, dass die Diskussion unter unfairen Bedingungen stattgefunden habe und zudem auf einer unsachlichen Ebene geführt worden sei.
Vgl. Schmitz, Ulrich: Sprache in modernen Medien. Einführung in Tatsachen und Theorien, Themen und Thesen. In: 1
Besch, Werner/ Steinecke, Hartmut (Hrsg.): Grundlagen der Germanistik, Band 41. Berlin: Erich Schmidt 2004. S. 14-22. Siehe ebd. S. 22. 2
1
Wie entwickelte sich also der verbale Konflikt? Wie verhielten sich die Gesprächsteilnehmer in der Diskussion? Welche sprachlichen Faktoren trugen zu einer Verschärfung des Konflikts bei? Der Verlauf der Sendung und die Organisationsform des Gesprächs sollen dafür erläutert werden. Es werden die Verstöße gegen die Konversationsmaxime, die Kohärenz und die Isotopieebenen untersucht. Die zentrale Isotopieebene dabei ist der Nationalsozialismus, der kontinuierlich in Verbindung mit Eva Herman gebracht wird. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Political Correctness in Deutschland eingegangen. Außerdem wird die Frage behandelt, welche Rolle die Medien und deren Berichterstattung für die Diskussion um Eva Herman spielten. Um die Sprachanalyse beziehungsweise die Gesprächs- und Themenentwicklung der Johannes-B.-Kerner-Sendung und die Reaktionen der Medien verstehen zu können, ist es zudem nötig die Äußerung Eva Hermans vom 7. September 2007 bei ihrer Buchvorstellung und die Medienreaktionen zu erläutern, denn sie bilden den Ausgangspunkt der konfliktreichen Unterhaltung vom 9. Oktober 2007.
2 Pressekonferenz vom 7. September 2007
Am 7. September 2007 stellte Eva Herman ihr Buch „Das Prinzip Arche Noah. Warum wir die Familie retten müssen“ im Rahmen einer Pressekonferenz vor. Dabei sagte sie Folgendes: Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ’ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das - alles, was wir an Werten hatten - …; es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle. Aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt - das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben… 3
2.1 Reaktionen der Zeitungen
In den Zeitungen wurde das obige Zitat von Eva Herman in einen neuen Zusammenhang gestellt und verkürzt. So veröffentlichte beispielsweise im Hamburger Abendblatt Barbara Möller am 7. September 2007 einen Artikel, in dem sie schrieb:
In diesem Zusammenhang machte die Autorin einen Schlenker zum Dritten Reich: da sei vieles sehr schlecht gewesen, z.B. Adolf Hitler, aber einiges auch sehr gut, z.B. Die Wertschätzung der Mutter. Die hätten die 68er abgeschafft und deshalb habe man nun den gesellschaftlichen Salat. 4
Die Bild am Sonntag titelte „Eva Herman lobt Hitlers Familienpolitik“ und zitierte sie wie
Siehe Audiomitschnitt der Rede vom 7. September 2007 unter http://www.duesseldorf-
3
blog.de/audio/Eva_Herman.mp3
Siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung: NDR entlässt Eva Herman: Vertreibung aus dem Paradies, o.O. 2007. In: 4
http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E55AF3AC91E2044E3A529303AE2F12 0F1~ATpl~Ecommon~Scontent.html
2
folgt:
Was ich zum Ausdruck bringen wollte, war, dass Werte, die ja auch vor dem Dritten Reich existiert haben, wie Familie, Kinder und das Mutterdasein, die auch im Dritten Reich gefördert wurden, anschließend durch die 68er abgeschafft wurden. 5
J.B. Kerner geht in seiner Sendung auf das Zitat aus dem Artikel im Hamburger Abendblatt ein. 6 Trotzdem wird im darauf folgenden Beitrag über Eva Herman eine verkürzte und damit sinnveränderte Abwandlung ihres Originalzitates verwendet. 7
2.2 Analyse des Gesagten vom 7. September 2007
Bei genauer Betrachtung des Originalzitats von Eva Herman wird deutlich, dass die Teilsätze Anakoluthe 8 sind. So etwas kann in der gesprochenen Rede passieren. Die zwei Worte „damals“ beziehen sich laut Eva Herman 9 auf die Zeit der 1968er Jahre. Das Adverb „damals“ beschreibt einen bestimmten früheren Zeitpunkt und ist damit ein Tempusgefüge. 10 Allerdings wird in Eva Hermans Aussage nicht eindeutig klar worauf sie sich bezieht. Bei dem Einschub "- es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle - " handelt es sich um eine Parenthese 11 Der Gesamtsatz wird durch den Einschub unterbrochen, seine syntaktische Struktur wird aber nicht verändert. Eva Herman meinte damit, dass diese Verurteilung richtig sei und dass in den 1968er Jahren auch Werte unabhängig vom Nationalsozialismus verloren gingen.
Durch die Verkürzung des Satzes durch die Medien, bei der der Satzanfang „Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das - alles, was wir an Werten hatten“ weggelassen wurde, wurde die Parenthese zum Hauptsatz, sodass sich „das was gut war“ und das Wort „damals“ auf die Zeit des Nationalsozialismus beziehen. Eva Herman hatte aber zuvor selbst gesagt, dass „das Bild der Mutter [...] leider ja mit dem Nationalsozialismus und den darauffolgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde“. 12
Siehe Bild am Sonntag: Eva Herman lobt Hitlers Familienpolitik, 9. September 2007. In: 5
http://www.bild.de/BTO/leute/2007/09/09/herman-eva/muetter-werte-skandal,geo=2460722.html (abgeschaltet) Vgl. Youtube: Eva Hermann bei Kerner 1/6, o.O. 2010, 03:40-04:10. In: http://www.youtube.com/watch? 6
v=KEyRL3HaIXI&feature=search Vgl. ebd. 01:28-02:19. 7
Vgl. Gansel, Christina/Jürgens, Frank: Textlinguistik und Textgrammatik. Eine Einführung, 2. überarbeitete und 8
ergänzte Auflge. Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht 2007, S. 202. Vgl. Eva Herman: Analyse der Fälschung, o.O. 2007. In: http://www.eva- 9
herman.de/mediendarstellung/medien_darstellung_3.html
Vgl. The free Idictoinary: damals. o.O. 2010. In: http://de.thefreedictionary.com/damals 10
Eine Parenthese ist ein grammatikalisch selbstständiger Einschub (sog. Schaltsatz) in einen Gesamtsatz. Vgl. 11
Gansel, Christina/Jürgens, Frank: Textlinguistik und Textgrammatik. Eine Einführung, 2. überarbeitete und ergänzte Auflge. Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht 2007, S. 201. Siehe Eva Herman 2007 12
3
Die Kohäsion 13 , also der strukturell-grammatische Zusammenhang sowie der inhaltlich-thematische Zusammenhang beziehungsweise die Kohärenz 14 des Originalzitats vom 7. September 2007 von Eva Herman wurden nicht beachtet. Der Originalsatz wurde also de- und rekontextualisiert. 15 So untersagte auch ein Gericht die Formulierungen und verurteilte den Verlag und die Autorin des Artikels zu insgesamt 10.000 Euro Schadensersatz. 16
3 J.B. Kerner-Sendung am 9.Oktober 2007
3.1 Thema
Als Thema des Abends stellt Kerner „im weitesten Sinne die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau“ vor. 17 Dabei solle über Familie, Emanzipation, politische Ansätze und auch über Äußerungen in der Öffentlichkeit gesprochen werden. 18
3.2 Gäste
Die Gesprächsrunde besteht aus Eva Herman, Senta Berger, Margarethe Schreinemakers und Mario Barth. Als Experte ist der Historiker Professor Wolfgang Wippermann eingeladen. Im Vordergrund einer Talkshow stehen die Einstellungen und Meinungen der Gäste 19 zu einem Thema aus ihrem Lebens-, Erfahrungs- oder Interessenbereich. 20 Dies ist der Fall bei allen geladenen Gästen, da jeder von ihnen einen individuellen Bezug zur Geschlechterfrage hat. Für eine ausgewogene Diskussion ist das Gleichgewicht der Meinungspole erforderlich. Dies ist bei der J.B.-Kerner-Sendung vom 9. Oktober 2007 nicht der Fall, denn Eva Herman ist die Einzige, die eine konservative Weltanschauung vertritt. Die ehemalige Tagesschausprecherin und Autorin setzt sich in ihren Büchern „Das Eva-Prinzip“ und „Das Prinzip Arche Noah“ für traditionelle Geschlechterrollen ein. Die damalige Moderatorin Margarethe Schreinemarkers 21 und die Schauspielerin Senta Berger
Vgl. Busch, Albert/Stenschke, Oliver: Germanistische Linguistik. Eine Einführung, 2. Auflage, Tübingen: Gunter 13 Narr 2008. S. 231. Vgl. ebd. S. 232. 14
Vgl. u.a. Mainberger, Sabine: Die Kunst des Aufzählens. Quellen und Forschungen zur Literatur- und 15
Kulturgeschichte, Band 22, Gruyter 2002 S. 18-19.
Vgl. Idea: Eva Herman gewinnt Prozesse gegen Springer-Verlag, o.O. 23. Januar 2009. In: 16
http://www.idea.de/index.php?id=355&tx_ttnews%5btt_news%5d=71947&tx_ttnews%5bbackPid %5d=18&cHash=9e108e8785
Siehe Youtube: Eva Hermann bei Kerner 1/6, 00:15-00:19. 17
Vgl. Youtube: Eva Hermann bei Kerner 1/6, 00:19-00:26. 18
Vgl. Burger, Harald: Mediensprache. Eine Einführung in Sprache und Kommunikationsformen der Massenmedien. 19
3. Völlig neu bearbeitete Auflage. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2005. S. 169 Vgl. Löffler, Heinrich: Entwicklung, Funktion, Präsentationsformen und Texttypen der Talkshows. In: Leonard, 20
Joachim Felix/ Ludwig, Hans-Werner/ Schwarze, Dietrich/ Straßner, Erich (Hrsg.): Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. 3. Teilband. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2002. S. 2325. Vgl. Hellmann, Diana Beate: Lebenslauf. o.O. 2007. In: http://www.schreinemakers.de/margarethe.html 21
4
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Hannah Späth, 2010, Eva Hermans brisanter Wortschatz?, München, GRIN Verlag GmbH
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