Schäfers Interpretation bezüglich der „Natürlichen Erziehung“ dahingehend gegliedert. Dabei wird das Erziehungsmodell immer mit Hinblick auf die theoretischen Ansätze und das Menschenbild Rousseaus erläutert. Im folgenden Kapitel geht Schäfer zusätzlich noch auf dessen Position gegenüber der Frau in der Gesellschaft ein und betont, dass klar zwischen der Erziehung von Frau und Mann unterschieden werden muss. Abschließend verweist Schäfer auf die Wirkungsgeschichte Rousseaus und dessen Werke und zeigt einige Diskussionsansätze und Interpretationskonzepte anderer Autoren auf. Daran angefügt findet der Leser zusätzlich noch eine Zeittafel und eine Auswahlbibliographie.
In seinen Ausführungen zu Jean-Jacques Rousseau versucht Alfred Schäfer die teilweise sehr fremde und schwer nachvollziehbare Denkweise des Gelehrten vereinfacht und verständlich darzustellen. Dabei rafft er den umfangreichen Stoff Rousseaus geeignet zusammen und bringt dessen Positionen im pädagogischen Kontext auf den Punkt. Besonders seine passende Gliederung trägt dazu bei, seine Gedankengänge und somit Rousseaus pädagogisches Konzept besser nachvollziehen zu können. Indem der Autor in den ersten beiden Kapiteln zunächst die theoretischen Grundlagen des Gelehrten und die Rousseau‘schen Begriffe erklärt, wird das komplexe Erziehungsmodell im dritten Kapitel verständlicher. Auch die Platzierung der Bezugnahme auf andere Rousseau-Interpretationen und die Beurteilung seiner Konzepte im heutigen Kontext der Pädagogik am Ende des Werkes ist sehr gelungen. Zudem bemüht sich Schäfer um eine einfache Sprache und eine klare Ausdrucksweise, so weit das im wissenschaftlichen Kontext möglich ist. Das Einfügen vieler rhetorischer Fragen in den Kontext seiner Argumentation erscheint sehr sinnvoll, da durch diese besonders Kritikpunkte und Probleme des Rousseau’schen Konzepts verdeutlicht werden. Nachdem Alfred Schäfer in der Einleitung seines Werkes bereits das Ziel seiner Interpretation aufzeigt, nämlich zu erläutern, wie nach Rousseau eine geeignete Erziehung im Sinne einer Identität mit sich selbst trotz der gesellschaftlichen Anforderungen möglich ist, werde ich im Folgenden überprüfen, ob er dieses erreicht hat.
Indem er zunächst Rousseaus Entfremdungsbegriff definiert, liefert Schäfer bereits hier den entscheidenden Anhaltspunkt für die spätere Erläuterung des Erziehungsmodells des Gelehrten. Die ausführliche Erklärung der Rousseau’schen Entfremdung ist sehr
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gelungen und bildet die Grundlage für das Verstehen des pädagogischen Konzepts. In diesem Zusammenhang geht er außerdem auf die Bedeutung des Gelehrten als „aufklärerischen Kritiker der Aufklärung“ (S. 10) ein und bezieht sich somit auf einen der häufigsten Diskussionsansätze und die umstrittene Vermutung, Rousseau wolle „hinter die Aufklärung zurück“ (S. 14). Sehr passend ist dabei Schäfers Definition der Aufklärung, die dem Leser das Verstehen der Beziehung zwischen Jean-Jacque Rousseau und der Aufklärung erleichtert. Leider kommen jedoch seine Ausführungen zu Rousseaus Kritik an der Wissenschaft und Kunst zu kurz. Zwar wird erwähnt, dass diese den Entfremdungsprozess verstärken, warum und inwiefern dies jedoch geschieht, bleibt unbegründet. Schäfers kurze Bemerkung diesbezüglich erwirkt dadurch eher den Eindruck einer Deplatzierung und findet im folgenden Text keinen Bezug mehr. Sehr positiv zu bemerken ist jedoch, dass Schäfer das Ende eines jeden Kapitels gedanklich mit dem folgenden verknüpft. Zudem zeigt er stets Gründe für seine Gliederung auf und gibt auch immer einen Ausblick, inwiefern seine Ausführungen in Beziehung zum Erziehungsmodell Rousseaus stehen.
Im zweiten Kapitel veranschaulicht Schäfer die theoretischen Grundlagen Rousseaus und geht zu Beginn auf die „Formale Identität“ ein. Dabei setzt er diese sehr sinnvoll in Beziehung zu anderen Modellen wie dem „Kopie-Modell“ (S. 28) und zeigt anhand dessen die Merkmale des Konzepts Rousseaus auf. Indem so zunächst die Voraussetzungen einer Identität mich sich selbst erläutert werden, fällt es dem Leser leicht, die Gedankengänge und schließlich die Intention des Gelehrten zu verstehen. Die Erklärungen des anthropologischen Modells scheinen jedoch etwas losgelöst von Schäfers vorherigen und anschließenden Ausführungen zu den Themen „Formale Identität“ und „Natur“. Zwar verweist er auch hier wieder an verschiedenen Stellen auf das Erziehungskonzept im Roman „Emile“, jedoch erwecken die Erklärungen zu Rousseaus Menschenbild den Eindruck einer Auflistung. Die Definitionen von Mitleid, Rührung und Vernunft scheinen lediglich „aneinander geheftet“ zu sein und bilden ein anthropologisches Modell, das leider nicht hinreichend mit den übrigen Ausführungen zu Rousseaus „theoretischem Werkzeug“ verbunden ist. Sehr positiv hervorzuheben sind jedoch Schäfers Erklärungen von Rousseaus Definition der „Natur“. Er ist sichtlich bemüht diesen weiten Begriff zu dezimieren und setzt ihn sinnvoll in Bezug zur „Formalen Identität“.
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Arbeit zitieren:
Franziska Letzel, 2009, Rezension zu: Schäfer, Alfred: Jean Jacques Rousseau. Ein pädagogisches Portät, München, GRIN Verlag GmbH
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