1. Einleitung
„Sie war berufstätig, geistig unabhängig, leger gekleidet mit Bubikopf, sexuell unverkrampft, sportlich, konsumorientiert und in ihrer Freizeit mit Vorliebe in Tanzpalästen und Kinosälen.“ 1 - So lautete das Idealbild der Frau zur Zeit der Weimarer Republik, doch wie der Begriff schon sagt, handelt es sich hierbei lediglich um eine zeitgenössische Idealvorstellung. Davon ausgehend soll nun untersucht werden, inwiefern die Frau von damals denn auch realiter diesem Wunschbild entsprach. Im Zuge dessen soll sowohl von sozial-, alltags-, kultur-, politik- sowie geschlechtergeschichtlicher Seite die Situation der Frauen beleuchtet werden, um unter anderem auch anhand zeitgenössischer Aussagen die Ausmaße und Formen des fortschrittlichen Frauseins, beispielsweise der „neuen Frau“, zu erörtern. Des Weiteren soll diskutiert werden, inwiefern die Zeit der Weimarer Republik tatsächlich als Wegbereiter der Emanzipation gelten könnte.
2. Frauen und Politik
Die Politik in Weimar verzeichnete viele Errungenschaften im Bezug auf die allmähliche Emanzipation der Frauen und erwies sich auch als ein Bereich, in dem hauptsächlich sehr viele positive Aspekte vorangetrieben und eine Vielzahl an überkommenen Traditionen beseitigt werden konnten. Welche nachhaltigen Veränderungen sich für die Frauen ergeben haben, aber auch welche teilweise rückschrittlichen Auffassungen im politischen Bereich sich halten konnten, soll nun aufgezeigt werden.
2.1 Allmähliche politische Gleichberechtigung der Frau
Die fortschrittlichste Neuerung für die Frauen manifestierte sich wohl eindeutig im Frauenwahlrecht, welches im Zuge der Novemberrevolution am 30.11.1918 eingeführt wurde und womit sich eine politische Hauptforderung der Frauenbewegung erfüllte. 2 Von vielen Zeitgenossen wurde diese Entwicklung positiv aufgenommen - so sprach zum Beispiel ein Arzt aus Thüringen:
„Wer objektiv denken kann, muß der Frau die volle Gleichberechtigung mit dem Manne zubilligen. Zweifellos haben die Frauen hinter den Kulissen in der Geschichte größeren Einfluss ausgeübt als man meist annimmt, kein
1 BÜTTNER, Ursula: Weimar. Die überforderte Republik 1918 - 1933, Stuttgart 2008, S. 256f.
2 vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/alltag/frau/
3
vernünftiger Mensch wird das bestreiten. Weshalb soll aber dann die Frau nicht offen ihren Einfluß ausüben? […]Es wäre ein unerträglicher kultureller Rückschritt, wenn die Frauen das Wahlrecht wieder entzogen würde.“ 3 Ebenso fanden Frauen auch Eingang in die Parteilisten, zwar nie als Spitzenkandidatinnen, aber dennoch konnte dies als ein Erfolg für die Frauen verbucht werden, da ihnen nun mehr politische Aktivität zugestanden wurde. 4
Eine zusätzliche Grundlage für die fortschreitende Emanzipation der Frau bot die Verankerung der geschlechtlichen Gleichberechtigung in der Verfassung:
„Die Verfassung sagte den Frauen darüber hinaus in den Artikeln 109, 119 und 128 die Gleichberechtigung in allen staatsbürgerlichen Angelegenheiten, im Beamtendienst und ausdrücklich auch in der Ehe zu.“ 5 Aus all dem lässt sich erkennen, dass also zunächst einmal auf politischer Ebene der Weg für das Erstarken des weiblichen Geschlechts geebnet werden konnte, von dessen Nachwirkungen Frauen bis heute noch profitieren: Ohne diese politische Basis wäre beispielsweise eine deutsche Bundeskanzlerin undenkbar gewesen.
2.2 Kritische Stimmen über die politischen Innovationen
Die bereits erwähnten Innovationen im Frauenrecht fanden allerdings nicht überall nur Zustimmung, sondern wurden oft für diverse Übel verantwortlich gemacht: Die aus den neuen Rechten resultierende selbständige Haltung der Frau wurde zum Beispiel für das Scheitern vieler Ehen 6 , das Frauenwahlrecht sogar für die „innenpolitischen Zermürbung des Vaterlandes“ verantwortlich gemacht. 7 Hieran wird besonders die überholte Denkweise vor allem männlicher Zeitgenossen deutlich, die oft die Entwicklungen zunächst skeptisch betrachteten. Frauen wurde häufig eine gewisse Unfähigkeit unterstellt, politische Entscheidungen und Urteile treffen zu können, mit der Begründung der fehlenden Weitsichtigkeit 8 sowie der zu ausgeprägten Emotionalität 9 .
Die angebliche politische Inkompetenz der Frau aber, wie hier beispielsweise ein Kommentar einer Frauenzeitung zeigt, wurde einem aufklärerischen Versäumnis der Männer angelastet: „Aber da liegt das Häschen im Gewürz! Man hat nämlich versaut die Frau zu belehren. Man müßte der Frau nämlich erst eine mehr oder weniger große Menge der elementarsten politischen Begriffe beibringen, ehe ein besseres Verständnis zu erwarten wäre, und davor haben sehr, sehr viele Männer eine besondere Scheu!“ 10
3 vgl. FLEMMING, Jens/ SAUL, Klaus/ WITT, Peter-Christian (Hrsg.): Familienleben im Schatten der Krise. Dokumente und Analysen zur Sozialgeschichte der Weimarer Republik , Düsseldorf 1988,S. 156
4 vgl. BÜTTNER (2008), S. 253
5 BÜTTNER (2008), S. 253
6 vgl. FLEMMING/SAUL/WITT (1988), S. 154
7 vgl. FLEMMING/SAUL/WITT (1988), S. 155
8 vgl. FLEMMING/SAUL/WITT (1988), S. 155
9 vgl. FLEMMING/SAUL/WITT (1988), S. 155
10 vgl. FLEMMING/SAUL/WITT (1988), S.154
4
Bemerkenswert ist zudem, dass sich teilweise sogar auch Frauen gegen die politische Mitsprache wandten 11 . Es lässt sich demzufolge eine Gespaltenheit der Reaktionen in der Frauenwelt erkennen. Anhand der verschiedenen Meinungen wird ersichtlich, dass zwischen den zahlreichen Neuerungen teilweise noch stark an überholten Vorstellungen festgehalten wurde.
3. Frauen innerhalb des Berufslebens
Zusätzlich zu politischen Progressionen zeichnete sich die Weimarer Republik aufgrund der Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit 12 , vor allem auch in der Oberschicht 13 , ebenfalls als eine Zeit des Wandels aus, was sich anschließend herausstellen wird. In diesem Bereich kristallisiert sich eine Ambivalenz des Frauenbildes wohl am signifikantesten heraus, denn die Frau aus der Weimarer Zeit befand sich auch hier im Zwiespalt zwischen alten Rollenbildern und neuen Herausforderungen
3.1 Berufstätigkeit als Abkehr vom Image des „Hausmütterchens“?
Zur Zeit der Weimarer Republik schien man sich zunehmend von der Vorstellung der Frau als reine Hausfrau durch die stetig ansteigende Zahl der weiblichen Berufstätigen, vor allem im tertiären Sektor, zu verabschieden. 14 Aufgrund der Tatsache, dass die Frauen nun ihr eigenes Geld verdienten, wurde es möglich, das Familienglück durch den Wegfall des wirtschaftlichen Zwangs in den Vordergrund zu stellen: Die Frau war nun aufgrund ihrer finanziellen Unabhängigkeit mehr in der Lage, sich nach einer gescheiterten Ehe auch von ihrem Ehemann zu trennen, um für sich und ihre Kinder eine neue Existenz aufzubauen. 15 Ferner gelang ein allmählicher Ausgleich zum Mann bezüglich der Stellung innerhalb der Familie. 16 Doch der größte Erfolg, der daraus resultierte, offenbarte sich im Charakter der Arbeiterinnen:
„Zu dem Umstand, daß die außerhalb des Hauses erwerbstätige Frau während ihrer Berufsarbeit oft andere Ansichten hört als die ihres Mannes, und dann ihm gegenüber kritischer wird, tritt die Tatsache, daß mit dem eigenen Einkommen meistens eine Steigerung des Selbstgefühls für die Frau verknüpft ist.“ 17
11 vgl. FLEMMING/SAUL/WITT (1988), S.156
12 vgl. BÜTTNER (2008), S. 254
13 vgl. WEHLER, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 4. Band, Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914 - 1949, München 2003, S. 238
14 vgl.WEHLER (2003) S. 237
15 vgl. FLEMMING/SAUL/WITT (1988), S.139
16 vgl. FLEMMING/SAUL/WITT (1988), S. 139
17 FLEMMING/SAUL/WITT (1988), S. 139
5
Arbeit zitieren:
Julia Hümmer, 2011, „Neue Frau“ und „Femme fatale“: Die Weimarer Republik als Wegbereiter der Emanzipation?, München, GRIN Verlag GmbH
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