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1 THEMA UND ABGRENZUNG.......................................................... 3 2 KUNST UND GESELLSCHAFT ........................................................ 4 2.1 Eine historische Betrachtung ......................................................... 5 2.2 Eine soziologische Betrachtung ..................................................... 6 3 DER ERWEITERTE KUNSTBEGRIFF .............................................. 8 3.1 Der Beuyssche Kunstbegriff .......................................................... 9 3.1.1 Die Theorie ............................................................................. 9 3.1.2 Die Praxis ............................................................................. 11 3.2 Der soziale Organismus ............................................................... 12 3.2.1 Die Theorie ........................................................................... 12 3.2.2 Die Praxis ............................................................................. 14 4 SOZIOLOGISCHE ASPEKTE IM ERWEITERTEN KUNSTBEGRIFF
16 5 FAZIT ............................................................................................... 18 6 LITERATURVERZEICHNIS............................................................ 20
THEMA UND ABGRENZUNG
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Die Frage nach der Bedeutung der Kunst für eine Gesellschaft findet schon seit längerer Zeit nicht mehr nur in Künstlerkreisen, sondern auch in der So- ziologie und anderen Wissenschaften größere Beachtung. In diesem Kontext entstanden einige Theorien, die den Zusammenhang von Kunst und Gesell- schaft zu erfassen versuchen, bzw. widerlegen möchten.
Eine besonders interessante Theorie innerhalb dieses Themenkomplexes ist die des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys. Er betrachtet das Ver- hältnis zwischen Gesellschaft und Kunst aus anthropologischer Sicht, aus- gehend von der Annahme, daß der ganzheitliche Mensch in der Moderne verlorengegangen sei.
Gerade in unserer heutigen, von der Wissenschaft völlig vereinnahmten, technisierten Gesellschaft scheine die Bedeutung der Kunst, laut Beuys, nur noch auf einige periphere Lebensbereiche reduziert zu sein. Die so organi- sierte Welt jedoch weise gleichzeitig immer mehr unübersehbare Schwä- chen auf. Das Individuum trete immer häufiger zugunsten materieller u.ä.
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Interessen in den Hintergrund. Da nicht nur das gesellschaftliche Zusam- menleben unter diesem, durch wissenschaftlichen Fortschritt verursachten Zustand leide, sondern dieses System auch unter ökologischen Gesichts- punkten über kurz oder lang zum totalen Zusammenbruch führe, ist, laut Beuys, eine Besinnung auf die künstlerischen Wesenszüge des Menschen unerläßlich. Ein allein auf wissenschaftlichen Grundlagen basierendes Ge- sellschaftssystem reicht seiner Meinung nach nicht aus, um ein ideales Zu- sammenleben innerhalb einer Gesellschaft zu ermöglichen. Bei Joseph Beuys steht das gesellschaftspolitische Engagement in engem Zusammen- hang mit der Kunst, denn „die Kunst ist die einzige evolutionäre Kraft. Das heißt, nur aus der Kreativität des Menschen heraus können sich die Verhält- nisse ändern.“ 1
Diese Überlegungen Beuys näher auszuformulieren und in die komplexen Theorien dieses vielbeachteten und oft mißverstandenen Künstlers weiter einzudringen, soll ein Ziel der hier vorliegenden Arbeit sein. Dazu möchte ich zunächst auf einige allgemeine, soziologische und historische Ansätze zu dieser Thematik eingehen, damit der gedankliche Hintergrund ver- ständlicher wird. Nach eingehender Behandlung des Beuysschen Kunst- und Gesellschaftsbegriffs werde ich abschließend etwas näher auf die soziologi- schen Aspekte dieser Theorien eingehen.
Eine relative Vereinfachung dieses vielschichtigen und facettenreichen The- mas kann im Rahmen dieser Hausarbeit leider nicht vermieden werden. Aus diesem Grund sollen die wichtigsten Aspekte, die auch die Stützpfeiler des erweiterten Kunstbegriffs darstellen, hier besondere Beachtung finden.
KUNST UND GESELLSCHAFT
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Beuys betonte sowohl in seiner künstlerischen als auch in seiner gesell- schaftspolitischen Arbeit stets die historischen und soziologischen Zusam- menhänge, auf denen seine Theorien aufbauen. Eine knappe Zusammenfas-
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Beuys, Joseph zitiert in: Harlan / Rappmann / Schata: „Soziale Plastik. Materialien zu Joseph Beuys.“, S. 32. Künftig zitiert als „SP“.
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sung dieser Hintergründe ist für das allgemeine Verständnis der Beuysschen Gedankenkomplexe folglich unumgänglich.
Eine historische Betrachtung2
2.1
Der ursprüngliche Kunstbegriff basierte noch auf einem engen Zusammen- hang zwischen Kunst- und Gebrauchsfunktion. Kunst hatte im Rahmen kul- tischer Handlungen immer auch einen religiösen oder schmückenden As- pekt. Sie war in das Alltagsleben der Menschen integriert. Erst allmählich löste sich die Kunst von dieser Betrachtungsweise: Immanuel Kant z.B. ging bei der Kunstbetrachtung schon von einem „interesselosen Wohlgefal- len“ aus. Ende des 18. Jahrhunderts schließlich vollzog sich die Unterschei- dung von Kunst und Handwerk, bzw. Kunst und Wissenschaft. Mit diesen historischen und sozialen Voraussetzungen einhergehend, wandelte sich auch die Vorstellung davon, welche spezifischen Fähigkeiten des Menschen zur Kunstproduktion notwendig seien. Kant z.B. betrachtete ästhetisches Vermögen, also eine Verstandesleistung, als Voraussetzung für den Schöpf- ungsakt, während im 18. Jahrhundert ein auf Intuition basierender Genie- begriff vorherrschte, demzufolge sich dem Künstler die Form des zu Schaf- fenden in einem Moment göttlicher Inspiration offenbart (Sturm und Drang).
Nach Platon und Aristoteles galt Kunst lange Zeit als bloße Nachahmung der Natur (Mimesis), dem praktischen Handwerk untergeordnet. In der Renaissance hingegen wurde dem schöpferischen Akt – der Erfindung (inventio) – ein höherer Rang zugesprochen. Kunst bekam einen individuel- len Charakter und ihr wurde (im Zuge des Neuplatonismus) ein erheblicher Erkenntniswert zugesprochen.
Im 17. und 18. Jahrhundert hatte das Kunstwerk eher einen utopischen Cha- rakter. In ihm wurde das Ideal, von welchem die Natur nur als das schein- hafte Abbild galt, anschaulich. So geht z.B. auch Goethe von der Vorstel- lung aus, daß sich im Besonderen das Allgemeine preisgibt.
Schopenhauer verstand Kunst als „Quietiv“ (Beruhigungsmittel), Nietzsche hingegen als Stimulanz des Lebens. In der Moderne wird dann die Künst-
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Meine Ausführungen basieren hauptsächlich auf den Darstellungen von HAUSKELLER, Michael: „Was ist Kunst? Positionen der Ästhetik von Platon bis Dante“.
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lichkeit des Kunstwerks selbst zum Thema. Es entwickelt eine eigene, von der Realität autonome Wirklichkeit.
Traditionell setzt der Kunstbegriff also einen Erkenntnisprozeß, eine spezi- fische Fertigkeit des Schaffenden sowie die gesellschaftliche Akzeptanz sei- nes Produktes voraus. In der Moderne jedoch wurde diese Kunstauffassung immer wieder in Frage gestellt. Am radikalsten wohl durch Joseph Beuys, der jedermann zum Künstler erklärte. Die künstlerische Idee hat das hand- werkliche Können als Charakteristikum für die Kunst abgelöst.
Eine soziologische Betrachtung
2.2 Das Verhältnis von Gesellschaft und Kunst aus soziologischer Sicht zu beschreiben ist sicherlich eine sehr komplexe und den Rahmen dieser Hausarbeit sprengende Aufgabe. Daher möchte ich mich hier nur auf die wichtigsten und interessantesten Aspekte dieser Thematik beziehen, indem ich die wichtigsten kunstsoziologischen Ansätze kurz vorstelle. Eine Betrachtungsweise der Einbettung von Kunst in die Gesellschaft beruht auf einer makrostrukturellen Beschreibung der Zusammenhänge. In diesem Konzept wird von der Kunst „als einem ausdifferenzierten System der Gesellschaft“ 3 ausgegangen, dessen Rahmenbedingungen beschrieben wer- den.
Indem die Kunst als unabhängiges Teilsystem aus der Gesellschaft ausdif- ferenziert wird, bleiben „kunstferne Sinnrationalitäten“ 4 außen vor. Die Kunsthandlung bleibt somit autonom und kann sich an ihrem eigenen Sinn- zusammenhang orientieren. Der Soziologe Niklas Luhmann reduziert diesen Sinnzusammenhang auf die zwei wichtigsten Hauptkriterien: Der Prozeß der Kunstherstellung, d.h. das Auftragen von Farbe auf eine Leinwand oder das Schreiben eines künstlerischen Textes schafft eine „Differenz zwischen dem Kunstwerk und dem, was ausgeschlossen bleibt“ 5 . Das Kunstwerk bewirkt dadurch eine Spaltung der Realität mit seinen eigenen Mitteln. Es entsteht eine reale und eine fiktionale Realität. In der Differenz zwischen beiden be-
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Gerhards, Jürgen (Hrsg.): „Soziologie der Kunst. Produzenten, Vermittler und Rezipienten.“, S. 11. Künftig zitiert als „SdK“.
4 „SdK“, S. 11 5 „SdK“, S. 11
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gründet sich, sowohl für den Künstler, als auch für den Betrachter, die Kunst. Das weitere Kriterium für den Sinnzusammenhang der Kunst stellt das Gebot der Neuschöpfung dar. Die Schaffung neuer Realitäten ist ein konstitutives Gebot für die Kunst. Dadurch erhält sie sich ihre Dynamik und sichert ihren Fortbestand.
„Die Reproduktion von Situationen, in denen die Herstellung fiktionaler und zugleich neuer Realitäten ermöglicht wird, bildet [also] die Grundlage der Ausdifferenzierung eines eigenständigen Kunstsystems.“ 6 Innerhalb dieses gesellschaftlichen Teilsystems jedoch bilden sich wiederum Binnensysteme aus. Diese sind die Folge des Wechselspiels einer Interessensfiguration und den nicht intendierten Handlungen von Akteuren. Sie bilden eine Vielzahl heterogener Kunstwelten mit feindifferenzierten Stilrichtungen.
Folge dieser Ausdifferenzierung ist eine zunehmende Unübersichtlichkeit und die immer schwieriger werdende Dechiffrierung der Kunst. Diese be- zieht sich nämlich in zunehmendem Maße auf sich selbst, so daß die Dif- ferenz zwischen der fiktionalen und realen Dimension immer geringer wird. Da die Kunst ein autonomes, binnendifferenziertes System darstellt kann auch die Künstlerrolle keine wirkliche Standardisierung und Funktionalisie- rung erfahren. Als einzige wirkliche Gemeinsamkeit zwischen Künstlern verschiedenster Kategorien ist eine Art „innere Berufung“ zu nennen. Die Realisierung einer Idee steht im Mittelpunkt künstlerischen Wollens, muß sich aber gleichzeitig ständig mit äußeren Zwängen (wie dem Gelderwerb, der Vermarktung der eigenen Kunst etc.) auseinandersetzen. Dies führt zu einem weiteren kunstsoziologischen Ansatz: der Theorie des rationalen Handelns. Bezieht sich die Kunstproduktion zwar eigentlich auf höhere Werte als auf materialistische, ist sie dennoch auch „zu einem wichtigen Sektor der Volkswirtschaft geworden“ 7 . Dies führt innerhalb der Gesell- schaft zu einem hybriden Charakter der Künstlerrolle. Kunstproduktion und – vermittlung sind aufgrund ihrer Unkalkulierbarkeit Risikoproduktio- nen, die trotzdem in unserer eigentlich rationalen, erfolgsorientierten und auf materialistische Werte ausgerichteten Welt Bestand haben.
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Birgit Michels, 2001, Die soziale Plastik - Kunst und Gesellschaft bei Joseph Beuys, Munich, GRIN Publishing GmbH
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