Inhalt
1. Zur Einführung: Im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie 3
2. Wachstumstheorie 4
2.1 Neoklassische Produktionsfunktion und ihre Grenzen 5
2.2 Grenzen der Geldschöpfung 6
2.3 Grenzen des Fortschritts 6
2.4 Lösungen ökologischer Marktwirtschaft 7
3. Soziale Grenzen des Wachstums 8
3.1 Konservative Wachstumskritik 8
3.2 Soziale Komponenten der Wachstumskritik 9
3.3 Relative Präferenzen individueller Wohlfahrt 10
3.4 Weil wir es wollen 10
3 Wachstumsethik 11
3.1 Wachstum und Verantwortung 11
3.2 Wachstum und Gerechtigkeit 12
3.3 Wachstum und Freiheit 12
3.4 Wachstumsbewusstsein 14
4. Zwischenfazit oder die Notwendigkeit alternativer Wachstumskonzepte 15
5. Qualitatives Wachstum 16
5.1 Konzept 16
5.2 Umsetzung 17
6. Nachhaltigkeit 18
6.1 Starke vs. schwache Nachhaltigkeit 18
6.2 Modifizierte starke Nachhaltigkeit 19
7. Alternative Wachstumsmessung 20
7.1 Bruttoinlandsprodukt 21
7.2 Umweltökonomische Gesamtrechnung 22
7.3 Genuine Progress Indicator, Human Development Index und Nationaler Wohlfahrtsindex 23
1
8. Für eine neue Lebenswelt 24
8.1 Corporate Social Responsibilty 25
8.2 Postmaterialismus 27
8.3 Suffizienz 28
9. Fazit und Ausblick 30
Bibliographie 32
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1. Zur Einführung:
Im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie
Lange konnte der Mensch als homo oeconimcus als Teil der Wirtschaft und als homo oecologicus als Teil der Natur behandelt werden ohne dass beide Betrachtungen großartig in Konflikt geraten wären. Dies war so lange möglich, wie die wirtschaftliche Tätigkeit nur am Rande in den Naturhaushalt eingriff. Heute ist die Trennung des Wirtschafts- vom Naturhaushalt nicht mehr möglich. Die wirtschaftliche Produktion belastet die Ökosphäre mehrfach: natürliche Ressourcen werden entnommen, Abfälle an sie abgeliefert und durch Ausbreitung der Wirtschaftssphäre verdrängt. Als die Reichtümer der Natur noch unendlich groß waren, hatten jene Belastungen keine Rolle gespielt, zumal der Grenznutzen des wirtschaftlichen Wachstums relativ hoch, der Grenznutzen der Umwelt gleichzeitig relativ gering war. Heute hat sich jenes Verhältnis umgekehrt. Der Grenznutzen der Umwelt nimmt in dem Ausmaße zu, wie die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen voranschreitet. Letztendlich ist es jene ökonomische Sichtweise, die die Ökologie wieder in das Bewusstsein der Menschen zurück holte (Meadows et al. 2009: 152, Binswanger 2010: 98ff). Bereits in den 50er Jahren wurden wachstumskritische Stimmen laut, die von einer „Gesellschaft im Überfluss“ (Galbraith 1958) sprachen, um nur wenige Jahre später eine „Rückkehr zum menschlichen Maß“ (Schumacher 1974) forderten. Der Club of Rome schaffte es dann endgültig mit seinen „Grenzen des Wachstums“ (Meadows et al. 1972) den Startschuss für einen wachstumskritischen Diskurs abzufeuern, der bis heute in Zeiten des Klimawandels, der Rohstoffverknappung und des Bevölkerungswachstums nicht verklungen ist. Vorläufigen Schlusspunkt setzte Nicholas Stern, der das Umweltdilemma als das „größte Marktversagen der Geschichte“ entlarvte (Stern 2007: 1). Die alles entscheidende Frage lautet seit nunmehr, wie ein marktorientiertes Wirtschaftssystem die ökologisches Wende schafft. Ziel der vorliegenden Arbeit soll es daher sein, ein ökologisch-integratives Denkangebot im ökonomischen Feld bereit zu stellen. Die Geistes- und Sozialwissenschaften bedienen sich dabei außeruniversitärer Kriterien um als Diskursfeld naturwissenschaftlicher Problemstellungen geeignete Lösungskonzepte zu finden (Stehr 2007: 133, Schröder 1992: 66, Diekmann 2001: 14). In diesem Sinne wird das urökonomische Prinzip des Wachstums aufgegriffen und mithilfe soziologischer, ökologischer wie ethischer Kriterien analysiert. Es stellt sich letztendlich die Frage, ob zwischen Ökologie und Ökonomie ein vereinbarendes Konzept zu denken ist, oder ob sich beide Paradigmen unweigerlich ausschließen. Denn die ökologische Ökonomie steckt in einem Dilemma. Zum einen ist aus wirtschaftsliberaler Sicht, Wirtschaftswachstum die Lösung sozialer wie ökologischer Probleme. Technischer Fortschritt
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und Effizienzsteigerungen wirtschaftlicher Prozesse würden demnach dazu führen, dass knappe Ressourcen vollständig substituierbar und negative Externalitäten der Produktion kompensierbar wären (Binder 1999: 9). Andererseits kann das Wirtschaftssystem als eben jene Ursache der ökologischen wie sozialen Krisen betrachtet werden. Kurzum: Produktion wird hier als Konsum erachtet - als nicht verantwortbarer Raubbau an der Natur (Gabriel 2007: 19). Neue Wohlstandsmodelle stellen dagegen grundsätzlich drei Wege dar, die einen Konsens statt jenem Dilemma zwischen Ökonomie und Ökologie betonen: Technische Effizienz oder das Besser, Konsistenz oder das Anders, Suffizienz oder das Weniger (von Winterfeld 2007: 47f). Hier wird die ökonomisch-soziologische zur sozialphilosophischen Frage. Führt der Kampf um eine lebenswerte Zukunft letztendlich in eine postmaterielle Epoche des Rückzugs? Bedarf es einer neuen Wirtschaftsethik, einer „Moralisierung der Märkte“ (Stehr 2007)? Wachstum steht im Verdacht nicht nur vor ökologischen, sondern auch vor sozialen Grenzen zu stehen. Mit anderen Worten: Zur natürlich begrenzten Sinnhaftigkeit des Wachstums gesellt sich die sozial begrenzte Sinnhaftigkeit.
Am Anfang steht daher eine Kritik der neoklassischen Wachstumstheorie, um anschließend soziale Grenzen des Wachstums aufzeigen zu können. Die natürlichen und sozialen Grenzen von Wachstum machen eine grundlegende, ethische Neuerörterung des
Wachstumsparadigmas nötig. Auf Grundlage dessen, werden alternative Wachstumskonzepte im Sinne einer ökosozialen Marktwirtschaft 1 vorgestellt. Wie kann es also gelingen, der Natur einen Wert in der Gesellschaft zuzuweisen, um eine Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlage zu verhindern? Welche Kriterien und Grundsätze sind notwendig zu implementieren, um ein neues Wachstumsparadigma zu schaffen - nicht nur für das ökonomische System, sondern für die ganze Gesellschaft?
2. Wachstumstheorie
Nur der erste Schöpfer schuf ex nihilo. Der zweite schafft ex aliquo: der Mensch ist nach Emil Egli der „Große Verwandler“ (Egli in Binswanger 2010: 98). Wir sind im Begriff, durch unsere wirtschaftliche Tätigkeit den Schöpfungsprozess, bei dem Energie in Substanz verwandelt wurde, rückgängig zu machen, indem Substanz wieder in Energie (Abwärme) aufgelöst wird. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Entwicklung schließlich auch den ökonomischen Kapitalisierungsprozess zu einem Ende bringen wird, indem die für diesen Prozess notwendigen Regenerationsmöglichkeiten erschöpft sein werden. Thermodynamische und entropische Naturgesetze machen ein unendliches (materielles!) Wachstum in einer endlichen
1 Eine ökosoziale Marktwirtschaft soll das Leitbild der sozialen Marktwirtschaft um die ökologische Komponente erweitern, die ihr bis dato fehlt (Jens 1998: 15, Radermacher 2004: 46).
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Welt unmöglich (Meadows et al. 2009: 45, Miegel 2010: 67). Wachstum verkommt zu einem „mathematischen Artefakt“ (Hinterberger et al. 2009: 35) der Ökonomie. Woher rührt aber nun jener Wachstumsglaube, der bis heute ungebrochen scheint? Dazu bedarf es der Erörterung historischer wie kultureller Grundlagen der ökonomischen Theorie. Die Neoklassik ist unbestreitbar die dominante Theorieströmung. Daneben stellt die Regulationstheorie eine willkommene theoretische Alternative, die ökonomische Prozesse in ihren sozialen und kulturellen Hintergrund einbettet, um Transformationen des Kapitalismus besser zu verstehen. Regulation bedient sich dabei nicht nur ökonomischer, sondern auch politischer, historischer und soziologischer Perspektiven. Während die Neoklassik ad hoc Analysen für makroökonomische Phänomene zu liefern versucht, blickt die Regulationstheorie auf die historische und kulturelle Entwicklung gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen und zeigt sich dabei erstaunlich konsistent in ihren Analysen (Boyer und Saillard 2002: 5f). Im Folgenden soll daher die klassische Ökonomie im Zeichen ihrer historisch-kulturellen Grundlagen erörtert werden.
2.1 Neoklassische Produktionsfunktion und ihre Grenzen
Die makroökonomische Produktionsfunktion sah ursprünglich nur zwei Produktionsfaktoren vor: Arbeit und Kapital. Da aber nun ertragsgesetzlich ein Wachstum nicht unendlich fortzuführen ist, wurde ein dritter Produktionsfaktor eingeführt, der ein unendlich exponentielles Wachstum sicherstellen konnte: das Wissen oder der technische Fortschritt. Je mehr man weiß, desto mehr wird man wissen. Für den Produktionsfaktor Wissen gilt anscheinend kein abnehmender Grenznutzen. Nur durch diesen Wachstumsoptimismus ist überhaupt an ein Wachstum ohne Grenzen zu denken (Schmidt 2005: 12). Mit der Einführung des Wissens bzw. des technischen Fortschritts wurde letztendlich der
wachstumsbeschränkende Faktor Boden aus der klassischen Produktionsfunktion der eliminiert 2 .
Im neoklassischen Wirtschaftsmodell ist der Input also gegeben und kein Faktor, von dem Produktion abhängig wäre. Infolge zunehmender Knappheit der Ressourcen wird es allerdings unumgänglich, aufzuzeigen, wie der Regenerationsprozess, d.h. die Wiederherstellung der ökologischen Inputs zu einer ökonomisch-ökologischen Gesamtbetrachtung ausgeweitet wird (Binswanger 2010: 74f).
2 Die klassische Ökonomie nach Ricardo (1772-1823), Malthus (1766-1834) aber auch Smith (1723-1790) degradierte das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag zum ertragsgesetzlichen Verlauf. Die Neoklassik subsumierte wiederum den abnehmenden Bodenertrag unter die Marginalbetrachtung und spricht nunmehr vom Grenznutzen des Kapitaleinsatzes (Heertje und Wenzel 2002: 50ff).
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2.2 Grenzen der Geldschöpfung
Boden und andere natürliche Ressourcen werden also in der neoklassischen Produktionstechnik unter Kapital subsumiert und somit nicht nur entnaturalisiert, sondern auch so behandelt, als könne der Mensch Ressourcen ebenso schöpfen wie Geld(kapital). Dies entspricht einer theoretischen Fehleinschätzung innerhalb der Wirtschaftswissenschaften, in dem der natürliche Reproduktionsprozess aus der ökonomischen Betrachtung ausgeklammert wird. Denn angenommen, natürliche Ressourcen sind als Inputfaktor der Produktion nicht unendlich schöpfbar, so ist Geld als monetärer Gegenwart ebenso endlich. Die Illusion der Geldschöpfung (Miegel 2010: 163ff) begründet somit den Glauben vom unendlichen Wachstum.
Adam Smith betrachtete Geldkapital ursprünglich als nicht ausgegebenes Erspartes. Heute startet ein Unternehmen aber in der Regel nicht nur mit Erspartem, sondern hauptsächlich mit Kapital über die Aufnahme von Krediten. Also nicht mit realen Produktionsgütern, die als Neuinvestition über erspartes Kapital aufgebracht werden. Weder das Geld noch die Produktionsmittel, noch die konsumierte Nahrung seiner Angestellten müssen von der Natur abgespart werden. Auf Konsum zu verzichten, um Neuinvestitionen zu tätigen, wie es Smith sah, ist daher nur sehr beschränkt nötig, um den Markt zu erweitern (Binswanger 2010: 92f).
2.3 Grenzen des Fortschritts
Neben dem Irrglauben der Geldschöpfung ist die Illusion vom heilenden Fortschritt zur Begründung unendlichen Wachstums zu nennen (Fromm 1976: 12). Weber erkannte bereits die Unvermeidlichkeit der Negativität im Verbesserungsstreben des modernen okzidentalen Weltbildes. Jener Widerspruch zwischen formaler und materialer Rationalität ist tief verwurzelt im westlichen Rationalitätsverständnis (Weber 2008: 48). Nichts anderes beschreibt Beck in seiner Risikogesellschaft. Risiken werden hier als latente Nebenfolgen beschrieben, die weder gewollt noch gesehen werden. Demnach werden Risiken in einer reflexiven Moderne in dubio pro Fortschritt legitimiert, sozusagen als zivilisatorisches Naturschicksal in Kauf genommen (Beck 1986: 44).
Eine Auflösung des Widerspruches beschreibt Weber in der weltimmanenten Thoedizee und außerweltlichen Askese des asiatischen Weltbildes. Hier wird menschliches Handeln als Teil eines Ganzen begriffen. Zeichnen sich Eingriffe des Menschen durch Zerstörung und Aufhebung eines weltimmanenten Gleichgewichts aus, so verlangt jenes holistische Rationalitätskonzept die Vermeidung von weltlichen Tätigkeiten, um das Gleichgewicht im Ganzen wieder herzustellen (Weber 2008: 424ff, Fromm 1976: 159). Wenn Wachstum also
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Arbeit zitieren:
Johannes Buhl, 2010, Wachstum ohne Ende?, München, GRIN Verlag GmbH
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