Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Rationalisierung als historischer Pfad. 3
3. Die Genese des okzidentalen Rationalismus in Webers Protestantismusthese 4
3.1 Der Geist des Kapitalismus. 6
3.2 Die Paradoxie der kapitalistischen Rationalisierung 9
3.3 Außerokzidentales Rationalitätsverständnis am Beispiel der konfuzianischen Ethik 10
4. Max Webers Rationalisierungstheorie und Rational Choice 12
4.1 Max Webers paradigmatische Relevanz innerhalb der Rational Choice Theorie. 13
4.2 Rational Choice im Licht der Protestanstismusthese. 14
5. Die empirische Aktualität Webers am Beispiel der McDonaldisierung. 15
6. Fazit. 17
Literaturverzeichnis 18
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1. Einleitung
Der Begriff der Rationalität erscheint heute gleich einem Symbol der westlichen Kultur. Rational zu handeln wird im westlichen Kulturkreis im Allgemeinen als vernünftig zu handeln verstanden. Rational zu handeln muss dabei nicht unbedingt bedeuten wahr oder richtig zu handeln, doch kann es nie verkehrt sein, rational an die Dinge heran zu gehen, eben ein von der Vernunft bestimmter Mensch zu sein (ratio lat. Vernunft). In diesem Sinne wird Rationalität als eine dem modernen Leben innewohnende Selbstverständlichkeit betrachtet. Doch sobald man sich auf sozialwissenschaftlichem Terrain bewegt, kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass Rationalität nur schwer in einer eindeutigen Definition zu fassen ist. Innerhalb der Soziologie versucht man Rationalität im Sinne von Prozessen der Vereinfachung, Effektivierung, der klareren Strukturierung begreifbar zu machen (Fuchs-Heinritz et al. 1994: 324). In diesem Zusammenhang ist auch die Rede von einem wissenschaftlich orientierten Fortschritt der Technik, einer rationalen, erfolgsorientierten Wirtschaftsweise sowie einer rationalen Lebensführung (Hillmann 1994: 716). Doch wie ist dieses Verständnis des Rationalitätsbegriffes entstanden? Die Antwort findet sich im Werk Max Webers, das gekennzeichnet ist von einer Theorie der Rationalität, dessen Ursprünge zu ergründen und deutend zu verstehen sein Anliegen war. Wie kein Zweiter verstand es Weber den Rationalismus als Generalschlüssel anzunehmen, der den Zugang zu allen Sphären der okzidentalen Kultur öffnet. Gleichzeitig aber die Frage aufwirft, weshalb ausschließlich die okzidentale Welt es verstand sich in allen Lebensbereichen der wirtschaftlichen, staatlichen sowie künstlerischen Ebene zu rationalisieren. Es gilt also außerdem Differenzen zu ausserokzidentalen Kulturen offen zu legen. Diese Arbeit versucht ganz im Zeichen Max Webers Rationalität als Prozessor der westlichen Kulturentwicklung zu begreifen, wie ihn Weber für die Geschichte der okzidentalen Kultur positiv ausarbeitete, um letztlich Rationalität in seiner Gänze in einem einheitlichen Rahmen verstehen zu können.
Dementsprechend wird zunächst der Rationalismus als historischer Bogen der modernen okzidentalen Kultur begreifbar gemacht, der zeitlich von der Antike bis in die Gegenwart gespannt ist. Darauf aufbauend wird uns Webers Protestantismusthese die Genese der modernen Gesellschaft als rational-ökonomische handelnde erklären, wobei uns der Kapitalismus als bestimmende Kraft des modernen Lebens im Besonderen beschäftigen wird. Daran anschließend befasst sich die Arbeit mit theoretischen Paradoxien, die Weber im okzidentalen Rationalismus als westliches Weltbild sah, um hieran alternativ ein traditionales Rationalitätsverständnis in der asiatischen Kultur aufzuzeigen.
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Abschließend soll Webers Aktualität und Relevanz für den wissenschaftlichen Diskurs innerhalb des Rational-Choice Paradigmas und der McDonaldisierungsthese von Ritzer geklärt werden. Dabei wird der Begriff des Modernen aus seinem epochalen Zusammenhang gelöst, um Webers Rationalisierungstheorie in Wirkung und Entfaltung aus heutiger Sicht zu interpretieren.
2.Rationalisierung als historischer Pfad
Um Rationalität als Charakteristikum der Modernisierung des westlichen Lebens begreifen zu können muss zunächst in aller Kürze der Frage nachgegangen werden unter welchen historischen Umständen es möglich wurde, dass sich gerade im okzidentalen Kulturkreis eine rationale Lebenswelt entwickelte. Als Vertreter der jüngeren deutschen historischen Schule vertrat Weber vor allem Heinrich Rickerts Ansicht innerhalb der Methodendebatte, der die historische Wirklichkeit als historisches Individuum verstand (Jeng 2003: 199). So steht auch in Webers Kulturwissenschaft eine induktive Herangehensweise an die empirische Wirklichkeit im Mittelpunkt, die das Besondere über das Allgemeine stellt. Mit anderen Worten: Das Besondere ist nicht aus dem Allgemeinen ableitbar. Damit grenzt sich Weber von einer den Gesetzes- oder Naturwissenschaften nahestehenden nomothetischen Position ab, denn viel mehr zeichnet sich Webers Werk durch eine idiographische und holistische Betrachtung des Falls aus (Jeng 2003: 191). Dies sei aber nur am Rande kurz erläutert, um die folgende Argumentation in Webers methodologischen Kontext besser einordnen zu können. Max Weber erkennt Rationalität ausschließlich als ein Produkt des Okzidents an, erbaut auf dem wissenschaftlich rationalen Fundament des hellenistischen Geistes. Beobachtung und Wissen existierten natürlich beispielsweise auch im orientalisch-asiatischen Kulturkreis wie Indien oder Ägypten, doch fehlte es - und das ist entscheidend für unsere weiteren Überlegungen - der rationale Beweis, gewonnen durch das rationale Experiment und dessen mathematischer Fundamentierung, letzten Endes erst dem hellenistischen Geiste entsprungen. Mechanik und Physik, die rationale Chemie, aber auch das rationale Recht, das über ein kanonisches Rechtssystem hinausgeht kennt nur der Okzident. Nur hier gibt es Wissenschaft in dem Entwicklungsstadium, welches wir heute als gültig anerkennen, trotz aller Ansätze in Asien. Entscheidende Bedeutung attestiert Weber der Einführung eines rationalen und systematischen Wissenschaftsbetriebes mit seinen Universitäten und Akademien, die ein eingeschultes Fachmenschentum erschufen.
Überhaupt, den Staat im Sinn einer politischen Anstalt, mit rational gesetzter Verfassung, rational gesetztem Recht und einer an rationalen gesatzten Gesetzten orientierten Verwaltung
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durch Fachbeamte kennt nur der Okzident (Weber 1920/2002: 557f). Fast alle Lebensbereiche erfassten so Rationalisierungstendenzen. In der gesamten Kunst vollzog sich seit der Renaissance eine Art “klassischer” Rationalisierung. Beispielsweise kannte nur der Okzident eine architektonisch rationale Verwendung des gotischen Gewölbes, andernorts erfuhr der Spitzbogen lediglich dekorative Bedeutung (Weber 1920/2002: 559). Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass Weber ein Konzept zu erkennen glaubte, welches sich durch einen die ganze europäische Geschichte durchziehende Rationalisierungsprozesses auszeichnet (Tenbruck 1975: 670).
3. Die Genese des okzidentalen Rationalismus in Webers Protestantismusthese
Im Zentrum Webers Rationalisierungsthese steht die Protestantismusthese. Eine Theorie, die wohl in der Rezeption Webers am meisten Beachtung geschenkt wird, stellt sie doch den Versuch der theoretischen Ergründung eines Rationalisierungsprozesses dar, der die westlichen Gesellschaften noch heute zu bestimmen scheint. Weber beschrieb den modernen Kapitalismus als „die schicksalsvollste Macht des modernen Lebens” - mit seinem rationalen kapitalistischen Betrieb, der Rentabilität und dem Streben nach Gewinn, ebenfalls ausschließlich eine Errungenschaft des Okzidents (Weber 1920/2002: 560f). Nach Webers Definition ist kapitalistisches Handeln orientiert an Kapitalrechnung, also Kalkulation. Mit anderen Worten: die Kontrolle und Überprüfung von Zweckmäßigkeit mithilfe der Erstellung von Abschluss- und Gewinnbilanzen (Weber 1920/2002: 562). Eine Konsequenz aus der Entwicklung der rationalen Buchführung, die in dieser Hinsicht die Grundlage einer exakten Kalkulation und damit des Betriebskapitalismus darstellt. Insofern ist der moderne Kapitalismus eine rational kontrollierte Form wirtschaftlicher Tätigkeit, fernab von politisch determinierter, spekulativen, traditionellen „von der Hand in den Mund“-Form. (Münch 2002: 175). Ein Gegensatz zwischen Traditionalismus auf der einen und modernem Rationalismus auf der anderen Seite wird erkennbar, der uns in dieser Arbeit nochmals beschäftigen wird. Natürlich hat es kapitalistische Formen allerorts gegeben. Kapitalistische Unternehmungen sind universell verbreitet und uralt, doch nur im Okzident entwickelte sich eine Art von Kapitalismus: „die rational-kapitalistische Organisation von (formell) freier Arbeit“ (Weber 1920/2002: 563). Rationale Vorstufen in Form unfreier Arbeit existierten gewiss auch andernorts, doch die sich an den Chancen des Gütermarkts und nicht an irrationaler Spekulation und gewaltpolitisch orientierende, rationale Betriebsorganisation nur im Okzident (Weber 1920/2002: 564). Seine Besonderheiten hat der abendländische Kapitalismus letztlich erst durch den Zusammenhang mit der kapitalistischen Arbeitsorganisation erhalten. Auch die
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Kommerzialisierung, die Wertpapierentwicklung und die Rationalisierung der Spekulationdie Börse - stehen damit im Zusammenhang.
Weber knüpft also an seine Rationalisierungstheorie an, wenn er versucht zu erklären, warum sich gerade auf dem Boden des Okzidents der Kapitalismus entwickelte. Das Thema Kapitalismus wird so in das Thema Rationalismus überführt, um universelle Bedeutung und Gültigkeit im Sinne einer Analyse der Gesamtgestalt der modernen europäischen Kultur zu erlangen. So gesehen verkörpert Kapitalismus nicht nur Profitstreben; das sieht Weber in allen geschichtlichen Epochen. Für ihn ist herausragendes Merkmal des okzidentalen Kapitalismus neben der rational-kapitalistischen Organisation von (formell) freier Arbeit die „kapitalistischrationale Arbeitsorganisation“. Das Konstitutive Moment des Kapitalismus ist dabei der doppelt freie Lohnarbeiter - die Voraussetzung kapitalistischer Produktionsweise: frei von den feudalen Bindungen, aber auch „frei“ von Produktionsmitteln, denn er ist auf den Verkauf seiner Arbeitskraft angewiesen, um seine Existenz zu sichern (Schluchter 1998: 61ff). Auch Hobsbawm sieht die Arbeiterschaft der neuen Industrie in freier Lohnarbeit. Proletariertum, gekennzeichnet dadurch, dass neben dem Lohn keine nennenswerte Einnahmequelle vorhanden ist (Hobsbawm 1969: 85f).
Entscheidende Voraussetzung dafür war neben der Etablierung einer rationalen Buchführung die Trennung von Haushalt und Betrieb, die erst durch die innere Trennung von Betriebs- und Privatvermögen äußerlich umgesetzt wurde, auf der schließlich der moderne ökonomische Betriebs-Kapitalismus basiert (Schluchter 1998: 60). Doch unter welchen Umständen war es möglich, den entscheidenden Hebel zur Durchsetzung der kapitalismus-konformren Lebensführung - einer rational-methodischen Lebensführung umzulegen. Weber sieht hierbei in der protestantischen Ethik das Wesen des modernen Kapitalismus. Ein innerer Rationalisierungszwang, den Weber in der Eigenlogik religiöser Weltbilder findet (Tenbruck 1975: 670). Denn wie beispielsweise von rationalem Recht ist der ökonomische Rationalismus in seiner Entstehung auch von Disposition und Wesen der Menschen gegenüber praktisch-rationaler Lebensführung abhängig. Bis dato definierten religiöse Anschauungen und in diesen verankerte ethische Pflichtvorstellungen die wichtigsten formenden Elemente der Lebensführung. Rationalisierung soll aber nicht nur die rationale Durchdringung der empirischen Welt im objektiven Sinne sein, sondern ebenso die der scheinbar irrealen Ideen- und Normengebilde, die bis dato den okzidentalen Kulturkreis bestimmten. Überdies scheint für die Herausbildung eines modernen Rationalismus die Verkörperung des rationalen Gedankens in den umfassenden Komplexen des menschlichen Zusammenlebens wie Staat und Wirtschaft von ausschlaggebender Bedeutung (von Schelting 1934: 12).
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Arbeit zitieren:
Johannes Buhl, 2008, Modernisierung als Rationalisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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