Inhalt
0. EINLEITUNG 3
1. MORALISCHE NORMEN - EINE FRAGE DER GEWOHNHEIT? 4
1.1 MORALISCHES VERHALTEN 7
1.2 DAS SELBST ALS MAßSTAB - MORAL IN ZEITEN DER KRISE 9
2. POLITIK - DER MENSCH IM PLURAL 12
2.1 OHNMACHT - DIE FURCHT VOR DER FREIHEIT 14
3. URTEILSFÄHIGKEIT ALS POLITISCHES VERMÖGEN 16
3.1 EXKURS: VORURTEILE UND STEREOTYPE 18
3.2 DIE ROLLE DES ZUSCHAUERS ALS UNPARTEILICHER RICHTER 19
3.3 DER FAKTOR PUBLIZITÄT ALS GARANT FÜR MORALISCHES HANDELN 21
4. FAZIT 22
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS 23
LITERATURVERZEICHNIS 24
2
0. Einleitung
Zeit ihres Lebens hat sich Hannah Arendt (1906-1975) mehr als politische Theoretikerin denn als Philosophin verstanden. Die Tochter eines bürgerlichen jüdischen Ehepaares absolvierte ihr Philosophiestudium u.a. bei Heidegger, Husserl sowie Jaspers und engagierte sich bereits in den frühen 1930er Jahren im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Ihr Denken ist geprägt von den Erfahrungen der Verfolgung, des Holocausts und des Exils in Frankreich und den USA. Mit ihrer Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft im Jahre 1951 wurde New York zu ihrer Exil-Heimat, auch wenn sie Europa bereits im November 1949 wieder regelmäßig bereiste. Die Auseinandersetzung mit dem Schrecken des Naziregimes war bis zuletzt Antrieb ihres politischen Denkens.
Ausgehend von ihrer Vorlesung „Über das Böse“ 1 ist es Ziel dieser Hausarbeit, Arendts Bestimmung von Moral sowie die Voraussetzungen der Urteilsfähigkeit zu untersuchen. Der erste Teil behandelt das facettenreiche Thema Moral, der zweite Teil ist dem politischen Verständnis Hannah Arendts gewidmet. Proklamierte Arendt in der „Vita activa“ 2 das Handeln als politischste aller menschlichen Tätigkeiten, so wandte sie sich in ihrem späten Werk „Vom Leben des Geistes“ 3 der vita contemplativa zu, in welcher sie das Vermögen der Urteilskraft als das politischste der geistigen Vermögen des Menschen erkannte. Ihr plötzlicher Tod hinterließ vom letzten Band der Trilogie nur das Titelblatt „Über das Urteilen“ 4 , weshalb Arendts Vorlesungsmanuskripte „Über Kants politische Philosophie“ (1970) als wichtige Forschungsquellen zu diesem Thema gelten, da sie in ihnen bereits wesentliche Gedanken zur Urteilskraft formuliert. Neben den oben genannten Titeln liegen der Hausarbeit Werke aus dem Nachlass Arendts, die „Denktagebücher“ (2002) sowie „Was ist Politik?“ (2003) zu-grunde.
1 Hannah Arendt: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, München 2010. Fortan: ÜdB.
2 Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 9 2010. Fortan: VA
3 Die amerikanische Originalausgaben erschienen erstmals 1977 und 1978 unter den Titeln: „The Life of the
Mind. Thinking“ sowie „The Life of the Mind. Willing“.
4 Vgl. Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes, München 2008, S. 464, fortan: VLG.
3
1. Moralische Normen - Eine Frage der Gewohnheit?
Der theoretische Überbau aus Normen und Werten, der Individuen bzw. Gesellschaften im Umgang untereinander Orientierung bietet, wird als philosophische Disziplin von der Ethik [vom griechischen ēthos für „Gewohnheit“, „Herkunft“, „Sitte“] gebildet.
Unter Moral [vom lateinischen mos für „Sitte“, „Brauch“, „Gewohnheit“] versteht man ein verbindlich akzeptiertes Normensystem des Handelns innerhalb einer bestimmten Gesellschaft bzw. Gruppierungen einer Gesellschaft (Subsysteme, beispielsweise Familien, Schulklassen, Freundeskreis etc.).
Erfahrungsgemäß wandeln sich Bräuche und Konventionen mit der Zeit und ihren gesellschaftlichen Strukturen. Wie verhalten sich diese Definitionen von Ethik und Moral aber nun zu der Annahme, dass gewisse Werte universell und perpetuell seien?
Nach Hannah Arendt konstituieren sich Werte erst in gesellschaftlichen Bezügen und können dementsprechend überhaupt keinen Anspruch auf Unabhängigkeit und Universalität erheben. In ihren Denktagebüchern notiert sie, dass Werte die »bona«, Güter, als das, was unabhängig vom Gebrauch gut an sich sei, abgelöst hätten. Nur das sei »bonum«, gut, was einen gesellschaftlichen Wert hat, was in der Gesellschaft etwas gilt. 5 Auch die „Moral bezieht sich auf unser »behavior«, ist also von vornherein ein Gesellschafts-[…]begriff.“ 6
Wenn moralisches Verhalten nun aber so bedeutsam für das menschliche Zusammenleben ist, wie kommt es dann, dass die Moral nie eine Bezeichnung erhalten hat, die „ihrem hohen Anspruch Ausdruck verlieh“ 7 ? Arendt begründet die inadäquate Bezeichnung der Moralphilosophie damit, dass sie von den Philosophen im Gegensatz zur Logik, Ontologie etc. nie als eine eigenständige Abteilung der Philosophie verstanden worden ist, da die moralische Vorschrift ein Produkt der denkenden Tätigkeit selbst sei. Eher sei sie [die denkende Tätigkeit] „die prä-philosophische Bedingung der Philosophie selbst und deshalb eine Bedingung, die das philosophische Denken mit allen anderen nicht fachspezifischen Denkweisen gemein hat.“ 8
5 Vgl. Hannah Arendt: Denktagebuch. 1950-1973, hrsg. v. Ursula Ludz u. Ingeborg Nordmann. München, 2002.
S. 355-356 u. S. 424. Fortan: Dtb.
6 Dtb, S. 520.
7 ÜdB, S. 75.
8 ÜdB, S. 75.
4
Das heißt also, dass zwischen dem Denken und der Moral im philosophischen (weniger im soziologischen) Sinne ein enger Zusammenhang besteht. Auf ihn wird im Laufe der Arbeit noch näher eingegangen werden.
In ihrer Vorlesung »Über das Böse« untersucht Hannah Arendt die Moral vor dem Hinter-grund des Naziregimes. Der in den 1930er und 1940er Jahren geschehene „totale […] Zusammenbruch aller geltenden moralischen Normen im öffentlichen und privaten Leben“ 9 zeigt, dass es sich bei der Moral nicht um einen statischen Handlungsmaßstab handelt, der als „Teil eines göttlichen oder natürlichen Gesetzes“ 10 mit selbstverständlicher Gültigkeit vorauszusetzen wäre. Diese Aufwertung der ursprünglichen Bedeutung von Normen und Werten zu etwas Ewiggültigem konnte sich wohl so lange halten, weil sich die ewiggültigen Wertvorstellungen mit den jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen einigermaßen kongruent verhielten.
Die schockierende »Umwertung aller Werte« in totalitären Systemen wie dem Dritten Reich oder der Sowjetunion unter Stalin hatte Moral wieder auf ihre ursprüngliche etymologische Bedeutung herabgestuft. Arendt dazu: „Denn so wie Hitlers »Endlösung« in Wirklichkeit bedeutete, dass die Elite der Nazipartei auf das Gebot »Du sollst töten« verpflichtet wurde, so erklärte Stalins Verlautbarung das »Du sollst falsches Zeugnis reden« zur Verhaltensregel für alle Mitglieder der bolschewistischen Partei.“ 11 In ihrer Vorlesung macht Arendt deutlich, dass es dem Naziregime sehr rasch gelungen war, alle bisherigen Normen und Werte auszuschalten und sie darüber hinaus noch in ein entsprechendes Rechtssystem einzubetten. Sollte die Moral also wirklich lediglich ein austauschbares Modell von Sitten und Gebräuchen sein? Die Tatsache, dass Hitlers „verbrecherische Moral“ 12 sich ebenso schnell verabschiedet hatte, wie sie gekommen war, bekräftigt diese Befürchtung:
Wir müssen nämlich sagen, daß wir nicht einmal, sondern zweimal den totalen Zusammenbruch einer „mora-
lischen“ Ordnung erlebt haben, und diese plötzliche Rückkehr zur „Normalität“ kann, entgegen dem, was so
oft selbstgefällig angenommen wird, unsere Zweifel nur verstärken. 13 Nennenswert ist in diesem Zusammenhang das sogenannte „Stufenmodell der kognitiven Entwicklung“ des Psychologen Lawrence Kohlberg. Ausgehend von den Theorien seines Kol-
9 ÜdB,S. 14.
10 Ebd. S. 10.
11 The Origins of Totalitarianism New York 1951, dt. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt am
Main, München 10 2003, S. 645.
12 ÜdB, S. 17.
13 Ebd.
5
legen Jean Piaget, begründete er in den späten 1950er Jahren ein Modell zur Klassifikation der moralischen Urteile nach Entwicklungsebenen und -stufen. Dieses Modell ermöglicht es, den scheinbaren Widerspruch zwischen „flexibler Moral“ und „universellen, ewiggültigen Werten“ aufzuheben. Um den Rahmens dieser Hausarbeit nicht zu sprengen, soll eine knappe Darstellung des Kohlbergschen Modell genügen, um die reziproken Wirkungen psychologischer Komponenten in die Wahrnehmung von Moral darzustellen.
Die Basis des moralischen Urteils wird von Kohlberg in drei Ebenen (präkonventionelle, konventionelle und postkonventionelle Ebene) unterteilt, auf der sich jeweils zwei Entwicklungsstufen befinden. Der präkonventionellen Ebene werden die Stufen eins bis zwei zugeordnet; auf Stufe eins wird die moralische Bedeutung einer Handlung von ihren physischen Konsequenzen abhängig gemacht. Die zweite Stufe bezeichnet Kohlberg als „instrumentellrelativistische Orientierung“. […]„Grundzüge von Fairness [sowie] Sinn für gerechte Verteilung sind zwar vorhanden, werden aber stets physisch oder pragmatisch [nach dem Motto: »Eine Hand wäscht die andere«] interpretiert.“ 14 Interessanterweise entspricht diese Ebene nicht nur dem Niveau der meisten Kinder bis zum neunten Lebensjahr, sondern auch dem vieler Straftäter (sowohl jugendlicher, als auch erwachsener).
Einem Großteil der durchschnittlichen Jugendlichen und Erwachsenen wird die konventionelle Ebene zugeordnet. Hier beruht die moralische Wertung auf der Einhaltung der konventionellen Ordnung und der Erwartung anderer. Auf der dritten Stufe wird sich noch mehr an Personen orientiert, auf der vierten an Abstrakta wie Recht und Ordnung, wobei die gegebene soziale Ordnung um ihrer selbst willen respektiert wird. Überträgt man diese Ebene auf die moralische Ordnung im Dritten Reich, die ja zufolge hatte, dass aus „ganz normalen Menschen“ Mörder wurden, zeigt sich auch dort der hohe Stellenwert von Gruppenzugehörigkeit und Loyalität, was der Erfüllung der Erwartungen anderer entspricht. Laut dem Sozialpsychologe Harald Welzer 15 orientieren sich Menschen an einem „normativen Referenzrahmen“. Dass die meisten Täter des Dritten Reichs vor Gericht keine Reue zeigten, erklärt Welzer damit, dass dieser Rahmen von den Nationalsozialisten bereits vor dem Holocaust deutlich verschoben worden sei, so dass man hier beinahe wörtlich von einer Binnenmoral (innerhalb des Referenzrahmens) sprechen kann. Dass es Adolf Hitler gelungen war, die meisten Deutschen davon zu überzeugen, es gäbe ein „Judenproblem“, das gelöst werden müsse, erklärt selbstverständlich nicht das grausame Abschlachten, aber doch die beachtliche Senkung der Hemmschwelle aufgrund der steigenden Stigmatisierung und Ausgrenzung der Juden im Drit-
14 HorstHeidbrink: Einführung in die Moralpsychologie, Weinheim 2 1996, S. 63. Fortan: Heidbrink.
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Arbeit zitieren:
Kristin Freter, 2011, Über Moral und Urteilsfähigkeit in der politischen Theorie Hannah Arendts, München, GRIN Verlag GmbH
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