1 Einleitung
Veränderung ist Fortschritt. Eine der größten Veränderungen in der europäischen Geschichte erfolgte im 19. Jahrhundert und beeinflusste die Gesellschaft grundlegend. Viele Menschen versprachen sich durch die neu entstandenen Fabriken ein besseres Leben in der Stadt als auf dem Lande. Es fand ein Übergang von der Land- zur Stadtbevölkerung statt. Da dieser Übergang ein anderes Leben mit sich zog, mussten die Kinder ebenfalls anders auf dieses Leben vorbereitet werden. Es galt die Menschen zu praktischer Arbeit und selbstständigem Denken zu erziehen. Doch wie sollte man diese neue Form von Erziehung umsetzen? Diese Frage stellten sich viele Reformer die eine Umstrukturierung der Bildung Anfang des 20. Jahrhunderts anstrebten. Ellen Key, John Dewey, Adolphe Ferrière, Georg Michael Kerschensteiner und Célestin Freinet sind nur einige dieser zahlreichen Reformer. Viele zu dieser Zeit entstandenen Ideen endeten als Utopie, andere wiederum sind heute fest in unser Schulsystem eingebettet. Ein sehr erfolgreiches Konzept für eine moderne Schule entwickelte Célestin Freinet, welches in dieser Arbeit beschrieben und untersucht werden soll.
2 Der Einfluss des Lebens Célestin Freinets auf seine Pädagogik
Célestin Freinet wurde 1896 als das fünfte von sechs Kindern in Gars geboren. Die Eltern führten einen einfachen Krämerladen und gehörten zur unteren Schicht der französischen Gesellschaft. Als er 1900 in eine einklassige Dorfschule eingeschult wurde, kam er bereits mit vier Jahren erstmalig in Kontakt mit den schlechten schulischen Verhältnissen, die in weiten Teilen Europas vorherrschten. Célestin Freinet erreichte 1908 den Volkschul- und vier Jahre später den Sekundarschulabschluss (Schlemminger, 2002, S.9).
Vielleicht von den eigenen Erfahrungen beflügelt und ausreichend motiviert die schlechte Schulsituation zu verbessern, begann er 1913 das Seminar, welches ihn zum Lehrer ausbilden sollte. Freinet legte das Abitur ab und begann bereits ein Jahr später das schulpraktische Jahr, das Bestandteil der Lehrerausbildung war. Nachdem im gleichen Jahr der erste Weltkrieg ausbrach, wurde Célestin Freinet zum Militärdienst eingezogen. Durch diese unglücklichen Umstände musste er zunächst seine Ausbildung zum Lehrer abbrechen und diente drei Jahre lang der französischen
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Armee im Nordosten von Paris. Kurz vor Kriegsende 1918 wurde Freinet aufgrund eines Lungenschusses ausgemustert (Schlemminger, 2002, S.9). Die Erfahrungen des ersten Weltkrieges machten ihn nicht nur zum Pazifisten, sondern beeinflussten sein zukünftiges Leben maßgeblich. Im Jahr 1920 veröffentlicht Freinet sein erstes Buch mit dem Titel „Getroffen, Erinnerungen eines Kriegsversehrten“ indem er mit den schrecklichen Erinnerungen des ersten Weltkrieges abschloss (Schöningh, 1998, S.9). Er entschied trotz seines schlechten Gesundheitszustandes Lehrer zu werden und wurde zunächst als Aushilfslehrer eingestellt. Seine fortschrittlichen Ideen führten jedoch schnell zu einer Festanstellung im Lehrerberuf. Seine gesundheitlichen Defizite führten jedoch immer wieder zu Beurlaubungen aus dem Schuldienst. Die längste von ihnen erfolgte 1933 und dauerte 2 Jahre. Nachdem diese vom Gesetz vorgeschriebene Frist abgelaufen war, beantragten Célestin und seine Frau Élise Freinet 1935 die Frührente (Schlemminger, 2002, S.9).
Es war dem Paar nun möglich sich ihren zahlreichen Interessen zu widmen. Freinet, unter anderem Generalsekretär der Lehrergewerkschaft, trat im zweiten Weltkrieg der Widerstandsgruppe „Francs Tireurs et Partisans“ bei. Die Französische Widerstandorganisation stand unter kommunistischer Führung und versuchte sich mit Mitteln, wie zum Beispiel dem bewaffneten Widerstand und der Sabotage, gegen die deutsche Besatzung zu wehren.
Freinet gründete 1924 die „Cooperative de l´Enseignement Laic“ (C.E.L.), auf die im späteren Abschnitt noch genauer eingegangen werden soll. Nach dem 2. Weltkrieg gründete er die Pädagogik Kooperative ICEM 1 , welche für seine Pädagogik eintrat und sie der Öffentlichkeit präsentierte (Wichmann, 1999, S.210). Des Weiteren war er von 1926 bis 1946 Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs (P.C.F.), was sich maßgeblich auf seine Pädagogik auswirkte. Freinets gesellschaftliches Ideal war eine durch genossenschaftliche Organisation und Arbeitsweise bestimmte Gesellschaft in der Gestalt eines ländlichen Selbstverwaltungssozialismus 2 (Wichmann, 1999, S.211).
Diese Idee versuchte er nun auf den schulischen Bereich zu adaptieren. Die Schule sollte nach der Auffassung Freinets die Stätte des kindgemäßen und genossenschaftlichen Lernens, Arbeitens und Lebens sein (Wichmann, 1999, S.211).
1 ICEM ist die Abkürzung für Institut Coopératif de l´École Moderne und beschreibt die 1947 von Freinet
gegründete Pädagogik- Kooperative (Schlemminger, 2002, S.42).
2 Der Sozialismus ist eine im 19. Jahrhundert entstandene, von Arbeitern getragene Bewegung, die
eine auf Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit beruhende Gesellschaft verwirklichen will und dem
Kapitalismus kritisch gegenübersteht (Brockhaus, 1988, Bd 20, S. 535).
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Dieser Standpunkt bildete die Basis einer neuen Schule der „École Moderne Francaise“. Doch wie sah die Schule im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aus und war bereits „ein Spatenstich“ für den Aufbau einer neuen Schule gemacht worden? Diese Fragen sollen im nun folgenden Abschnitt beantwortet werden.
3 Die Kritik an der alten Schule und die Vorläufer der Freinet Pädagogik in Frankreich
Wie bereits beschrieben, waren die Verhältnisse im Schulwesen katastrophal. Die Folgen des ersten Weltkrieges und die Umstrukturierung der Gesellschaft von einer Land- zu einer Stadtbevölkerung gaben der Schule eine neue Charakteristik. Das französische Volksschulwesen war in den zwanziger Jahren in einem sehr schlechten Zustand. Wie bereits beschrieben hatte dies Freinet in seiner Jugend am eigenen Leib erfahren müssen. Die Klassen waren mit vierzig Schülern maßlos überfüllt und die Schule selbst befand sich in einem sehr schlechten baulichen und hygienischen Zustand. Ein weiterer Grund für die angespannte Lage war die zwischen Kirche und Staat gespaltene Gemeinde, welche für den Unterhalt und den Bau der Schule verantwortlich war. Da die Volksvertreter weitestgehend auf der kirchlichen Seite standen, wurden privat- katholische Schulen mehr unterstützt als staatliche (Schlemminger, 2002, S.9).
Der Unterricht war lebensfremd und lehrerzentriert. Der Lehrer unterrichtete die Schüler durch Frontalunterricht, welches die Passivität der Schüler mit sich zog. Der Schulstoff wurde den Schülern diktiert. Freinet beschrieb diese Form der Schule mit dem Begriff „Bastardschule“ (Wichmann, 1999, S.210).
Er war jedoch nicht der erste, der diese Defizite erkannte und beseitigen wollte, denn Freinet zählte zur jüngeren Generation der Reformpädagogen (Schlemminger, 2002, S.13). Er knüpfte lediglich an die Ideen der ausländischen Reformpädagogen Lietz, Kerchensteiner, Dewey und Ferrière an, die das Konzept der Arbeitsschule vertraten. Dieses beinhaltete die Förderung der Selbsttätigkeit des Kindes im Unterricht, den Übergang vom theoretischen Frontalunterricht zur praktischen Handarbeit und die engere Verbindung zwischen Schule und Leben (Scheibe, 1994, S. 201). Auch in Frankreich gab es wichtige Vorläufer der „Freinet- Pädagogik“. So erarbeitete Réne Daniel bereits 1921 mit seinen 92 Schülern freie Texte und kopierte diese mit
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Arbeit zitieren:
Tobias Knecht, 2008, Célestin Freinet - sein methodisches Vorgehen und seine pädagogischen Konzepte, München, GRIN Verlag GmbH
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